Kolumnen

Ab in die Tonne! Endlich weg mit dem Zeug… Ein Plädoyer für das Vergessen und Nichtwissen

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus".


Heute: Ab in die Tonne!
            Endlich weg mit dem Zeug…

Ein Plädoyer für das Vergessen und Nichtwissen


Wir brauchen nicht zu lernen, wie wir Dinge loslassen können; wir müssen einfach nur lernen, es zu erkennen, wenn sie schon fort sind.

Suzuki Roshi

Vergessen ist eine der wichtigsten intellektuellen Leistungen. Ein Zuviel an Erinnern ist falsch, macht krank und unglücklich – und vor allem behindert es jede Form von Entwicklung.
Hans J. Markowitsch, dt. Psychologe

Wenn also die Erinnerung, statt die Menschen zu erlösen, sie nur vor sich hertreibt und zu Wiederholungstätern macht – wie wäre es dann, wenn wir es mit dem Gegenteil versuchen würden, mit dem Vergessen?
Henryk M. Broder
 

Bis heute gilt es nicht als sicher, ob das sich zum geflügelten Wort entwickelte Bonmot „Was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern“ wirklich aus dem Munde unseres Altbundeskanzler Konrad Adenauer stammt oder auch nicht. Sei’s drum.

Für mich ist dieser Ausspruch keine Aufforderung dazu, sich wie ein Fähnchen im Wind zu verhalten, sprich, seine Meinung beliebig zu ändern und dem jeweiligen Kontext anzupassen, sondern ein ehrliches, aber auch mutiges Eingeständnis, dass man in der Vergangenheit etwas Dummes bzw. vermeintlich Falsches zum Besten gab, da man es damals einfach nicht besser wusste oder wissen wollte.

Hierfür gilt es insbesondere auch, loslassen zu können. Das bedeutet, die vermaledeiten Scheuklappen erst einmal zu spüren und dann auch tunlichst abzulegen bzw. in die Tonne zu treten, um den Titel der Kolumne an dieser Stelle nochmals aufzunehmen.

In der Regel sind es sowieso nur noch virtuelle Gedächtnisspuren in unserem Gehirn, von uns konstruierte Lebenswirklichkeiten, die mit dem tatsächlichen Hier und Jetzt so wenig zu tun haben wie eine Wählscheibe auf einem Smartphone. Wir weigern uns jedoch mit aller Kraft dies anzuerkennen. Schlimmer noch, wir sammeln das Vergangene wie Devotionalien in uns und um uns herum, um sie schließlich auch noch als jedwede Zukunft zerstörende Monstranzen vor uns her zu tragen, einzig und allein aus der Angst getrieben, nicht zu wissen wie es ohne sie weitergeht. Wir fürchten uns vor dem Vergessen, aus der Angst heraus, unsere Identität, unser Ich und unsere Geschichte zu verlieren und damit in einem Meer des Nichtwissens unterzugehen und uns ganz und gar zu verlieren.

Es ist jedoch gerade das Vergessen können, aber auch das ehrliche Eingeständnis des momentanen Nichtwissens, das das Neue erst möglich macht, weil nur so wieder Platz und Freiraum entsteht für neue Gedanken, Ideen und Lösungsansätze, vom Gedächtnismüll befreite Kreativitäts- und Lebensoasen, die das Neue bejahen.

Oder um es mit den Worten des Psychiaters und Organisationsberaters Fritz B. Simon auszudrücken: "Wissen hat doch heute die Verfallszeit von Südfrüchten – Wissen ist ein anderes Wort für Lernbehinderung geworden (…) Solange ich glaube, dass ,ich weiß‘, muss ich ja nichts mehr lernen. Nur das ‚Ich weiß nicht‘ eröffnet die Chance zu neuen Erkenntnissen“ (brandeins, 11/2010).

Und hierzu gehört auch unverzichtbar das Vergessen, das Vergessen lernen und der Mut dazu, zu erkennen, wann es an der Zeit ist, das alte Zeug endlich in die große Tonne zu treten.

In diesem Sinne, wünsche ich uns Allen, wieder mehr Raum für unsere Träume, unsere Pläne und eine befreite Zukunft, jenseits allem vermaledeiten über die Jahre angesammelten psychischen Müll und unnötiger Gedächtnisfetzen.

Ihr Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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