Einsichten & Ansichten

Alles fließt … Ein Plädoyer für die Unordnung

Ordnung oder Unordnung, ein Kulturkampf um Leben und Tod

Zeige mir deinen Arbeitsplatz – und ich sage dir, wer du bist. Aber ist jemand, nur weil er penibel auf Ordnung achtet, automatisch besser als andere?

Im Gegenteil, so AGITANO-Kolumnist Ulrich B Wagner. Im heutigen Beitrag zu QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – DAS WORT ZUM FREITAG hält er ein leidenschaftliches Plädoyer für die Unordnung.

“It’s all about finding the calm in the chaos.“

Donna Karan

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.“

Friedrich Nietzsche

Ordnung oder Unordnung? Eine Frage um Leben und Tod

Unordnung und Ordnung, Kreativität und Stillstand
Menschen, die Unordnung halten, gehören zu den assoziativen, den kreativen, den lebenslustigen Typen. (Foto: „Atelier Francis Bacon“ / © Carlos Amares, 1988)

Die Welt ist voll von Menschen, die tagtäglich die Welt immer wieder aufs Neue in ein Chaos sondergleichen verwandeln und am Ende trotz alledem nicht in der Lage sind, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, ohne diesen vorher in ein aseptisches Nichts zu verwandeln, in dem die Stifte alle in die gleiche Richtung  zeigen und das kantengenaue Ausrichten der DIN A4 formatigen Ablageschriften zur Heilsidee erhoben werden.

Zeige mir deinen Arbeitsplatz – und ich sage dir, wer du bist. Die Arbeitsplatte spaltet die Menschheit in zwei Typen: den assoziativen, den kreativen, lebenslustigen, der das Chaos liebt und den rationellen, der sich dreifache Befriedigung und Sicherheit verschafft. Durch Stempeln, Lochen, Heften … . Neuerdings durch Scannen, Anlegen, Speichern (siehe auch DIE WELT: „Bitte nicht aufräumen!“).

Doch es ist mehr als ein Kulturkampf. Es geht im wahrsten Sinne, um Leben oder Tod, um Fortschritt, oder Stillstand, die Diktatur der Pedanterie, die in ihrem Versuch die vermeintliche Ordnung einzuzementieren nämlich das Leben an sich vernichtet.

Ein schier auswegloser Konflikt

Es ist ein Konflikt, der jedem Einzelnen von uns schon bereits vor dem ersten Willkommensschrei auf dieser Welt, von anderen in die Windel gelegt wurde, lange bereits bevor wir überhaupt willentlich darauf scheißen konnten.

Es ist ein Konflikt der in jedem Einzelnen auf die eine oder andere Weise ohne großes Zutun Andrer toben kann, der aber im Miteinander zu noch größeren Reibereien bis hin zu kriegerischen Aktionen führen kann. Der Kauf der ersten Waschmaschine beziehungsweise die Installation einer in der gemeinsamen Wohnung kann ja auch seit der treffenden Analyse von Paarbeziehungen sehr gut als Gradmesser respektive Seismograf des gemeinsamen Miteinanders herangezogen werden, wie es Jean Claude Kaufmann trefflich in seinem Buch „Schmutzige Wäsche“ gezeigt hat.

Das Spannungsverhältnis von Freiheit und Unfreiheit findet sich daher fast 1:1 spiegelbildlich in der Dualität von Ordnung und Unordnung wider. Sie sind nicht nur die zwei Seiten einer Medaillie, sondern sie bedingen sich geradezu, was Stefan Zweig auch meinte als er schrieb: „Freiheit ist nicht möglich ohne Autorität – sonst wird sie zum Chaos – und Autorität nicht ohne Freiheit – sonst wird sie zur Tyrannei.“

Übertrieben bestimmt, aber auch ungerecht?

Man mag es dem kleinen Wörtchen Ordnung auf den ersten Blick gar nicht erst ansehen, welche Unordnung es auf die Welt gebracht hat und für wieviel Gewalt, Chaos und Unterdrückung es verantwortlich zeichnet. 99 Prozent aller Unrechtssysteme, aller Tyranneien sind unter der Flagge einer neuen oder alten Ordnung aufgetreten und wenn man alle Vorbeter und Propheten der neuen Ordnung(en) in einen Sack werfen würde, vorausgesetzt es gäbe einen solch großen, man träfe beim Zutreten mit Gewissheit jedenfalls immer den richtigen Brandstifter.

Einverstanden, es wäre etwas vermessen und doch sehr ungerecht,  wenn ich mein wohl mit Recht erworbenes Misstrauen gegen jedwede Form der Ordnungslehre auch unhinterfragt auf alle Menschen mit Ordnungssinn übertragen würde.

Ordnung oder Unordnung, Tyrann oder Menschenfreund?
Ein Mensch, der zu viel isst, trinkt, raucht und liebt, kann kein Tyrann sein! (Foto: „Zuhause“ / © Jörg Simon, 2015)

Übertrieben bestimmt, aber auch ungerecht? Es lohnt sich jedoch gerade auch in den heutigen, angeblich so chaotischen Zeiten einmal in Ruhe darüber nachzudenken und sei es auch nur dafür gut, mir selbst und all den anderen Hütern der Unordnung ein wenig zur Ehrenrettung beiseite zu stehen. Wobei mir jedoch ehrlich gesagt, die selbst ernannten Ordnungshüter am Ende des Tages, doch sehr auf den Weihnachtskeks gehen und in meiner leeren Hosentasche, unweigerlich das nicht vorhandene Klappmesser aufspringen lassen. Denn der klassische, idealtypische Ordnungshüter per se ist in der Regel nicht nur nervig, sondern als der kleine Bruder und Steigbügelhalter des Tyrannen, auch noch sehr gefährlich, der, schauen sie sich nur die Biografien des Bösen mal genauer an, auch meist in seinen privaten Lebensgewohnheiten der Ordnung bis zur Pedanterie ergeben ist. Robbespierre war ein solchiger. Er ertrug zwar Blutflecken auf dem Weltbild, abgehackte Köpfe im öffentlichen Raum, aber keinen einzigen Krümel auf seinen Aktendeckeln, die jedem Stasioffizier leuchtende Augen beschert hätte.

Sein Widerpart Danton dagegen liebte das Durcheinander, hatte ständig die Weste verkehrt geknüpft, war mit Tabak bestreut, suchte ständig Papiere, aber auch sich selbst, sich selbst in einer Welt der Unfreiheit als freies Individuum wiederzufinden. Nicht nur mit Blick auf meine Freundinnen und Freunde, sondern mit Gewissheit auch auf die eigene Person stärkt seine Erscheinung in mir die Ahnung, dass ein Mensch, der zu viel isst, trinkt, raucht und liebt, niemals ein waschechter Tyrann werden kann.

Wieviel Ordnung brauchen wir wirklich?

Wobei wir nunmehr auch bei der Liebe wären. Allein sie ist es wert, der Unordnung zu huldigen: Denn es sind die vermeintlichen Ordnungsfanatiker, deren Lieblosikeit nicht nur immer wieder aufs Neue eine zwischenmenschliche Eiszeit heraufbeschwören, sondern in dem sie das Leben nicht lieben, ihm zwangsläufig eine pedantische Zwangsjacke überstülpen müssen.

Ich weiß, wir brauchen Ordnung, doch wieviel davon? Aber auch wo und an welchem Platz, zu welcher Zeit? Ich weiß auch, dass Menschen wie ich, die wir die mathematische Kälte der despotischen Welt- und Wertvorstellungen der Ordnungsfanatiker stören, in solchen Diskussionen an das Chaos und die Unordnung wie an ein verlorenes Paradies glauben.

Es ist ein unendliches Spannungsverhätnis zwischen Ordnung und Unordnung, Freiheit und Unfreiheit, den Ansprüchen des Individuuum und den Forderungen der Gesellschaft. Es wird nie aufhören. Es kann gar nicht aufhören, da es zur Freiheit, zur Demokratien, zur Liebe, ja zum gesamten Leben dazugehört wie die Luft zum Atmen.

Ordnung muss sein. Das sagt sich gerade in der heutigen Zeit sehr leicht. Doch gerade jetzt müssen wir aufpassen, denn auf beiden Seiten der Extreme lauert das Ungemach: Anarchie oder Tyrannei. Wir haben es in der Hand, alles im Fluss zu halten, denn das Leben an sich mäandriert wie ein Fluss in freier Wildbahn. Und ich denke wir wissen mittlerweile alle ganz genau was passiert, wenn man Flussläufe künstlich begradigt … . Von der Kunst, der Kreativität und ihrer Liebe zur Unordnung ganz zu Schweigen.

In diesem Sinne wünsche ich uns Allen mehr Mut zur Unordnung, zur Freiheit, aber auch zum richtigem Augenmaß, damit wir nicht zum Spielball der Extreme verkommen.

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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