Energie & Umwelt

Atomenergie – Nachrichten aus der KW 11

Deutsche Überproduktion 15 GW, Verzicht auf 9 AKWS sofort möglich
Laut Angaben des Umweltbundesamtes kann Deutschland sofort problemlos auf neun Kernkraftwerke verzichten. Damit könnten die sieben ältesten und am wenigsten gegen äußere Einflüsse geschützten AKWs sofort vom Netz bleiben, auch der Problemmeiler Krümmel (steht nach Zwischenfällen seit Jahren still) kann vom Netz genommen werden. Der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth: „Dies ist ohne Einschränkungen der Versorgungssicherheit und ohne zusätzliche Stromimporte möglich.“ Deutschland verfüge derzeit über eine überschüssige Kapazität von 15 GW. Ein völliger Atom-Ausstieg sei sogar schon im Jahr 2017 möglich, wozu auch über die jetzt schon im Bau befindlichen Kraftwerke hinaus keine weiteren Kohlekraftwerke nötig seien. Voraussetzung sei hingegen ein weiterer Ausbau erneuerbarer Energien und der bereits geplante Ausbau von effizienten Blockheizkraftwerken und Gaskraftwerken. Diese Energiewende würde laut Flasbarth auch keine wesentlich höheren Energiekosten bedeuten. Einen positiven Kosteneffekt hatten kürzlich sogar zwei viel beachtete Studien errechnet: Kürzlich hatte das Bundesumweltministerium den Entwurf der Leitstudie 2010 „Langfristszenarien und Strategien für den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland bei Berücksichtigung der Entwicklung in Europa und Global“ veröffentlicht. Die Studie führt an, dass allein die deutsche Volkswirtschaft bis zur Jahrhundertmitte (2050) 670 Mrd. Euro gegenüber der Weiterführung einer fossilen Energieversorgung einspart. Laut der Studie „A New Growth Path for Europe“ ebenfalls im Auftrag des Bundesumweltministeriums erschienen, würde eine Erhöhung des europaweiten Emissionseinsparungsziels von 20 auf 30% innerhalb der nächsten zehn Jahren bis zu sechs Millionen Arbeitsplätze schaffen und einen durchschnittlichen jährlichen Wachstumsimpuls von 0,6% generieren kann. Dadurch würde das Bruttoinlandsprodukt in der EU innerhalb dieses Zeitraums bis 2020 um bis zu 620 Mrd. Euro ansteigen. An der Studie hat die Elite der Wissenschaft mitgewirkt und sie damit über die Zweifel der Lobbyisten erhoben: die Universität Oxford, die Sorbonne in Paris, die National Technical University of Athens, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und des European Climate Forum. Die deutschen Atomkonzerne haben hingegen in der Zwischenzeit bereits angekündigt, gegen die Abschaltung der ältesten Atomreaktoren in Deutschland rechtlich vorgehen zu wollen.

 

Türkische AKWs sollen Beben der Stärke 9,0 aushalten
Die Türkei plant mit russischer Unterstützung (Rosatom) den Bau seiner ersten vier Wasser-Wasser-Reaktoren mit einer Leistung von je 1,2 GW (Gesamtwert mindestens 20 Mrd. Dollar). Der Bau soll 2013 beginnen, der Netzanschluss ist ab 2018 vorgesehen. Vor den Eindrücken der japanischen Nuklearkatastrophe hat nun der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan versucht, alle Sicherheitsbedenken auszuräumen. Die neuen AKWs würden ein „Musterbeispiel für die ganze Welt“ werden. Die Türkei müsse wegen der seismischen Risiken die Baupläne nicht aufgeben. Es würden alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, damit die AKWs selbst Beben der Stärke bis neun aushalten würden. Im Nordanatolischen Graben hat sich allerdings eine gewaltige Spannung aufgebaut – es wird ein Superbeben um die Region Istanbul erwartet.

 

Weißrussland will mit russischer Hilfe AKW bis 2016 bauen
Bereits Anfang 2009 hatten Russland und Weißrussland die prinzipielle Vereinbarung über den Bau eines AKW beschlossen. Das entsprechende Abkommen wurde am Dienstag, den 15.03.2011 unterzeichnet. Die russische Rosatom-Tochter Atomstroiexport wird den ersten Reaktorblock für ein AKW des Typ AES-2006 nun schlüsselfertig bis zum Jahr 2016 errichten. Geplant sind zunächst zwei Reaktoren mit je 1.200 Megawatt Leistung, ein weiterer Ausbau auf vier Blöcke ist möglich. Die Baukosten in der Höhe von 6-9 Mrd. Dollar (für zwei Reaktoren) finanziert ein russischer Staatsfonds, die Details müssen noch in einem Sonderabkommen definiert werden. Als Standort ist die Stadt Ostrowez im Nordwesten Weißrusslands an der Grenze zu Polen und Litauen vorgesehen, rund 50 km von der litauischen Hauptstadt Vilnius entfernt. Litauen hat bereits Bedenken geäußert.

 

China setzt neue Atomprojekte vorübergehend aus
China hat am Mittwoch unter dem Eindruck der japanischen Atomkatastrophe einen Sicherheitscheck seiner 13 AKWs angeordnet, also die Sicherheit der bestehenden chinesischen Atomkraftwerke verstärkt zu kontrollieren. Für neue Bauprojekte wurde ein zeitweiliges Verbot erlassen: Neue AKWs werden so lange nicht genehmigt und nicht weiter gebaut, bis die neuen Sicherheitsstandards ausgearbeitet sind. Allerdings wurde gleichzeitig betont, dass China nicht auf die Entwicklung der Atomenergiewirtschaft verzichten werde. Man werde Lehren aus den japanischen Erfahrungen ziehen, aber die bestehenden Pläne nicht ändern.

 

Empfehlung: Japan-Dossier auf www.sonnenseite.com zur Atomkatastrophe in Japan.

Dr. Franz Alt hat politische Wissenschaften, Geschichte, Philosophie und Theologie studiert. Er war Leiter u. Moderator des politischen Magazins "Report", Leiter der Zukunftsredaktion "ZEITSPRUNG" im Südwestrundfunk und Leiter und Moderator des 3sat-Magazins „GRENZENLOS“. Seine Webseite www.sonnenseite.com beschäftigt sich mit den Bereichen Erneuerbaren Energien, Energiepolitik und Umwelt/Klima.
 

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