Wirtschaft

Auf der Suche nach fair gehandelten Rohstoffen

Der Hunger nach Metallen nimmt weltweit zu. Gestillt wird er oft auf Kosten der Ärmsten, die kaum von den wertvollen Erzen in ihrer Heimat profitieren. Dieser Widerspruch wird in einer aktuellen Studie dokumentiert ("Vom Erz zum Auto: Abbaubedingungen und Lieferketten im Rohstoffsektor und die Verantwortung der deutschen Automobilindustrie").

Genießen mit gutem Gewissen – bei Kaffee oder Schokolade ist das vergleichsweise leicht möglich. Herkunft und Verarbeitung der benötigten Rohstoffe sind überschaubar. Fair gehandelte Arabica-Bohnen stammen zum Beispiel aus Äthiopien oder Brasilien, Kakao wächst vor allem in Ländern Westafrikas. Kunden, die auf solche Produkte Wert legen, können sie inzwischen sogar beim Discounter finden.

Wer aber als Autofahrer ein richtig gutes Gefühl haben will, müsste in letzter Konsequenz auf sein Transportmittel verzichten. Denn insbesondere die Lieferkette der beim Autobau verwendeten Teile ist dermaßen komplex, dass selbst die Hersteller keinen kompletten Überblick über Herkunft und Entstehungsgeschichte einzelner Produkte mehr haben.

Dieser Befund mag auf den ersten Blick erstaunen, überraschend ist er bei näherem Hinsehen allerdings nicht. Denn Autos bestehen wie Mobiltelefone, Computer oder auch Waschmaschinen aus einer mitunter selbst für Fachleute nur noch schwer zu überschauenden Menge unterschiedlichster Rohstoffe. Eisenerz, Kupfer und Bauxit können rund zwei Drittel eines Autos ausmachen. Wo diese Ressourcen herkommen, unter welchen Bedingungen sie abgebaut und verarbeitet werden, ist den Produzenten aber oft nicht bekannt. Dabei könnten, ja müssten sie es wissen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden – das jedenfalls meinen die kirchlichen Hilfswerke "Brot für die Welt" und "Misereor".

Mit Unterstützung der Nichtregierungsorganisation "Global Policy Forum" (GPF) haben sie die Abbaubedingungen und Lieferketten im Rohstoffsektor untersucht und dabei auch die Frage nach der Verantwortung der deutschen Automobilindustrie gestellt. Herausgekommen ist die Studie mit dem plakativen Titel "Vom Erz zum Auto". Das Ergebnis ist alarmierend: Die Rohstoffausbeutung habe in vielen Ländern "gravierende" Verletzungen der Menschenrechte und Umweltprobleme zur Folge, beklagt GPF-Geschäftsführer Jens Martens. In der Studie gibt es Fallbeispiele aus Indien, Peru, Sambia und anderen Schwellen- und Entwicklungsländern. Es handelt sich also offenkundig um ein globales Problem.

Umstrittener Kupferbergbau auf den Philippinen

Betroffen sind auch die Menschen in Tampakan auf den Philippinen. Sie leiden unter dem Kupferbergbau, den eine Tochtergesellschaft des schweizerisch-britischen "Xstrata"-Konzerns dort betreibt. Joy Pelino, Pfarrer und Sozialarbeiter in der Region, fällt ein vernichtendes Urteil: "Es gibt keinen Dialog mit der indigenen Bevölkerung, paramilitärische Sicherheitskräfte verwehren ihr den Zugang zum Wald", berichtete Pelino auf einer öffentlichen Veranstaltung der christlichen Hilfswerke Mitte September in Berlin.

David gegen Goliath: Joy Pelino wehrt sich gegen Konzerne

Durch den Kupferabbau sei die Wasserversorgung für den Reisanbau bedroht, klagte der Bürgerrechtler von den Philippinen. In seinem Engagement gegen den Kupferabbau wird er von der Regierung im Stich gelassen. Kein Wunder, denn die habe ja mit multinationalen Konzernen die Verträge zur Ausbeutung der wertvollen Bodenschätze geschlossen, die sich unter einer rund 10.000 Hektar großen Fläche verbergen. Verschärft wird die Situation noch dadurch, dass sich Pelinos Angaben zufolge die betroffene Bevölkerung teilweise uneinig ist.

Schenkt man den Worten des engagierten Pfarrers Glauben, so scheint es also auch Profiteure außerhalb des Konzerns zu geben, der das Kupfer aus der Erde holt. Dass bei einem solchen Projekt Korruption im Spiel sein kann, ist allgemein bekannt. Wie auch immer die Kupfer-Geschäfte auf den Philippinen laufen, dem "Xstrata"-Konzern muss es wirtschaftlich blendend gehen, sonst würde der in der Schweiz ansässige weltgrößte Rohstoffhändler "Glencore" nicht 36 Milliarden Dollar für die Übernahme bieten.

Geschäftsgeheimnisse sind wichtiger

Ob das unter fragwürdigen Bedingungen abgebaute Kupfer aus der Tampakan-Region in deutschen Autos verbaut wird, ist schwer einzuschätzen. Denn die Autoren der Studie "Vom Erz zum Auto" räumen offen ein, bei ihrer Untersuchung über ökologische, soziale und menschenrechtliche Folgen der Fahrzeugproduktion "an ihre Grenzen" gestoßen zu sein. Grund dafür sei die Informationspolitik der Unternehmen. Ob BMW, Daimler oder VW – im Zweifelsfall blieben Fragen nach der Herkunft von Metallen unter Hinweis auf die "Wahrung von Geschäftsgeheimnissen" unbeantwortet, heißt es in der Studie.

Von einem offenen Umgang mit ihren Kritikern sind die Autobauer anscheinend noch weit entfernt. Bei der öffentlichen Anhörung in Berlin war kein offizieller Vertreter der drei großen deutschen Autobauer dabei. Man habe sich vergeblich darum bemüht, bedauerten die Veranstalter. Immerhin stellte sich ein freiberuflicher Berater der Automobil- und Zuliefererindustrie den kritischen Fragen. Klaus Badenhausen, der viele Jahre Leitungsfunktionen im Daimler-Konzern wahrgenommen hat, sieht die Branche trotz aller Vorwürfe auf einem guten Weg.

"Verfügbarkeitsrisiken" und "Menschenrechtsrisiken"

Als Beleg dafür dienen dem promovierten Ingenieur unter anderem die von den Unternehmen verabschiedeten Richtlinien zu Sozialstandards und Nachhaltigkeit, die von den Zulieferfirmen erfüllt werden sollen. "Vielleicht kann da noch etwas mehr getan werden", räumte Badenhausen mit Blick auf die Einkaufsabteilungen der Autohersteller ein. Damit bestätigte er letztlich auf zurückhaltende Art das, was Jens Martens vom "Global Policy Forum" den Unternehmen in aller Deutlichkeit vorwirft: die Einhaltung der Standards nicht zu überprüfen. Er habe das Gefühl, die Richtlinien seien eine "Pflichtübung, um Forderungen aus der Gesellschaft nachzukommen".

Mehr Verantwortung verlangt Martens auch von der Politik. Die könne und müsse mehr Einfluss auf die Einhaltung von Menschenrechten nehmen. Doch im Zentrum sowohl der Rohstoffstrategie der Bundesregierung als auch der Rohstoffallianz der deutschen Wirtschaft steht die ausreichende Versorgung der Industrie mit wichtigen Metallen. Es werde mehr auf "Verfügbarkeitsrisiken" geachtet als auf "Menschenrechtsrisiken", meint Martens. "Wettbewerbsvorteile dürfen aber nicht um den Preis von Menschenrechtsverletzungen erkauft werden", mahnt der Experte.

Fragwürdige Geschäftspartner

Ein Blick auf die Liste deutscher Partnerländer lässt Martens‘ Skepsis plausibel erscheinen. Denn darunter sind vereinzelt auch Länder, die erhebliche demokratische Defizite oder eine rücksichtslose Wirtschaftsordnung haben. Im vergangenen und in diesem Jahr wurden bilaterale Abkommen mit der Mongolei und Kasachstan abgeschlossen. Derzeit werden Gespräche unter anderem mit Chile, Namibia, Sambia und Südafrika geführt.

Dass sich die deutsche Politik mit ihrer Rohstoffstrategie in einem schwierigen Spannungsfeld bewegt, ist ihr bewusst. Es gehe darum, "vernünftige Kompromisse" zu finden, sagte Thomas Gäckle aus dem Berliner Bundeswirtschaftsministerium. Dort leitet er seit März 2011 die Unterabteilung Rohstoffpolitik. Die deutsche Regierung sei "guten Willens", ihrer Verantwortung gerecht zu werden, sagte Gäckle. So sei man dabei, zertifizierte Handelssysteme mit der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda einzurichten. Dadurch soll die Herkunft der begehrten Metalle lückenlos zurückverfolgt werden können. Verstöße gegen internationale Vereinbarungen zum Schutz etwa vor Lohndumping, Kinderarbeit oder Umweltzerstörungen könnten so vermieden oder sanktioniert werden.

Transparenz ‚ja, aber…‘

Das klingt theoretisch gut, praktisch aber sieht die Arbeitswelt in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern mit reichhaltigen Rohstoffvorkommen anders aus. Der Fachmann aus dem deutschen Wirtschaftsministerium argumentiert ganz pragmatisch: gesetzlich verankerte Transparenz ja, aber bitte so, dass sie praktikabel ist. Was Gäckle im Namen der deutschen Regierung damit meint, ist klar: Die Wettbewerbssituation mit Unternehmen etwa aus Ostasien dürfe nicht "entscheidend verändert, behindert oder geschwächt" werden.

(Quelle: Marcel Fürstenau, Kay-Alexander Scholz / Deutsche Welle)

 

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