Einsichten & Ansichten

Banänsche, Banänsche … Über Kapitalismus und Freiheit – oder sag zum Abschied still Adieu

Bananen, Bananen

Eins galten sie als Symbol für den Siegeszug des Kapitalismus und der Freiheit. Die Rede ist von Bananen. Ist das heute immer noch so oder symbolisieren sie heutzutage vielmehr Habgier und Ungerechtigkeit? AGITANO-Kolumnist Ulrich B Wagner findet: Wir stellen die falschen Fragen! In seinem heutigen Beitrag von QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag warnt er davor, das Todeslied auf Kapitalismus & Freiheit allzu früh anzustimmen.

Ballade über die Frage „ Wovon lebt der Mensch?“

Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben,
Und Sünd und Missetat vermeiden kann,
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben,
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an.

Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt,
Das eine wisset ein für allemal,
Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt,
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Erst muss es möglich sein auch armen Leuten,
Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

Die Figur des Macheath in Berthold Brechts, Dreigroschenoper

„Hähä, vielleicht solle mer dem mal e Banan‘ runnerschmeiße?“

Badesalz, Anthony Sabini. Oder siehe auch: Essen gegen Rechts

Bananen über Bananen

Bananen, Bananen
Aufgrund aktueller Ereignisse sieht AGITANO- Kolumnist Ulrich B Wagner überall nur noch Bananen über Bananen beziehungsweise stellt sich Fragen über Fragen. (Foto: „Banänsche, Banänsche“ / © Jörg Simon)

Seit Tagen leuchten auf meinem Lebensweg Bananen. Große Bananen, kleine Bananen und die der Mittelschicht natürlich wie immer mittendrin. Bananan über Bananen, soweit das Auge reicht. Still und leise rieseln sie vom Himmel, grüßen aus vorbeifahrenden PKWs, leuchten von riesigen Reklametafeln und sitzen bereits am Abendtisch bevor der Hahn zum Morgen ruft. Und dann von Zeit zu Zeit verirrt sich eins der kleinen Scheißerchen auch unter meine Füße …. Ach, sieh da …

War die Wiedervereinigung ein Fehler?, fragte Jan Fleischauer diese Woche in seiner Kolumne auf Spiegel Online. Der Osten weist den Vorwurf stets von sich, fremdenfeindlich zu sein. So wie der Islam stets abstreitet, mit Terror etwas zu tun zu haben. Warum aber votiert jenseits der Elbe jeder Dritte für Parteien, die ein Problem mit der Andersartigkeit haben?

Fragen über Fragen und keine Antworten? Oder um es in Abwandlung mit einem Refrain von Nicole, ein bisschen Liebe, ein bisschen Freiheit, zu sagen: Es sind so viele Fragen (Lieder) in mir, doch sind es auch die richtigen?

Bei mir ist wahrscheinlich sowieso Hopfen und Malz verloren, denn in meinem Kopf sind eh nur noch Bananen, Bananen und wiederum Bananen. Von Fragen, vor lauter Ratlosigkeit, schon lange  keine Spur mehr.

Die Welt ist voller Artefakte, Bilder und Ideen. Unser Leben, unser Streben, Kapitalismus und Freiheit? Ein einziger Artefakt.

Alles eine Frage des Werts?

Wer sich für Kunst interessiert und insbesondere dann, wenn es sich dabei um Konzeptkunst handelt, kann ein Lied singen von der Haltbarkeit, der oft, mit nicht endenwollender Euphorie, gefeierten Artefakte. Man denke nur an Raum 3 der Staatlichen Kunstakademie, der Beuys als Atelier und Alma mater seiner Freien Internationalen Universität überlassen worden war, und in der der Künstler im April 1982 eine Skulptur aus fünf Kilogramm deutscher Markenbutter angebracht (die sogenannte Fettecke), die schließlich nach der getanen Pflicht einer ordentlichen Putzfrau im Mülleimer (der Geschichte?) landete.

Nicht selten ist ja der Verfall einer Arbeit Teil des artistischen Konzepts. Doch nicht immer ist das gewollt, wie im Fall des Butterflecks oder des berühmten Tigerhais aus dem Studio des britischen Kunststars Damien Hirst. Sei’s drum. Mir geht es auch nicht um Haie, sondern um Bananen.

Deutschland, West-Deutschland, die alte BRD … ? Es ist nicht lange her, da gab es ein Land, in dem exotische Fußballer mit einem schimpansenartigen „Uhhh, Uhhh“ von den Fans begrüßt, mit rassistischen Verbalinjurien („Schlagt die Neger tot!“) belegt oder mit Bananen beworfen wurden und, um die Überschrift des dazugehörigen SPIEGEL Artikels zu nutzen, Wie in Onkel Toms Hütte lebten und  von ihren Managern wie Sklaven gehalten wurden. Anthony Yeboah, gefeierter Ex-Eintacht Frankfurt-Spieler und ghanaischer Nationalspieler war einer davon.

Der verheißungsvolle Kapitalismus, eine Banane?

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Der verheißungsvolle Kapitalismus, eine Banane? (Coverbild der Titanic-Ausgabe von 1989 / Scan by Ulrich B Wagner)

Vor meinem inneren Auge im Rückblick mit Sicherheit! Oder denken Sie an den historischen 9. November 1989, den berühmten Mauerfall, an dem es zur Begrüßung auch die eine oder andere Banane gab. Zum 25. Jahrestag titelte sogar  die Hessisch Niedrsächsische Allgemeine (HNA): Erinnerung an den Mauerfall im November 1989: Bananen als Symbol der Freiheit. Oder wie wäre es mit Zonen-Gaby im Glück, vielleicht erinnern sie sich ja noch?

Bananen über Bananen …

Unser Denken ist von Bildern und Artefakten dominiert. Sie sind Übersetzungen, Abkürzungen und in Symbolen kondensierte, teilweise hochkomplexe, multidimensionale Konstruktionen. Kapitalismus und Freiheit gehören auf alle Fälle auch dazu. Worthülsen, die eines Tages randvoll mit Bedeutungen und Offenbarungen gefüllt wurden, mit denen sich jedoch kein Mensch mehr wirklich auseinandersetzt, vergleichbar mit der Bibel über die ein weiser Mann* einmal schrieb: „Die Bibel vermittelt keine Botschaft, sie selbst ist die Botschaft. Ihre Bedeutung wird auf ein selbstevidentes, sich selbst erklärendes Bildnis kultureller Überlegenheit, moralischer Gerechtigkeit und persönlicher Erlösung reduziert.“ Eine Botschaft erschließt sich nur, wenn man auch aktiv mit ihr Kontakt tritt und auch dann wirken je nach Betrachter andere Bilder und Vorannahmen. Das Ergebnis und das Verständnis aus der Begegnung sind damit auf alle Fälle ungewiss.

Die Kanzlerin, eigentlich noch eine der Besonnenen unter ihnen, wirbt mit einem Verweis auf das Evangelium für ihren politischen Kurs, und einige wundern sich dann, warum ihr nicht nur Unverständnis, sondern auch blanke Wut, wie im sächsischen Scheuditz entgegenspringt.

Erst das Fressen, dann die Moral und dann der Rest

Über welche Bananen reden wir eigentlich? Über die, in welcher der Kapitalismus sich verbirgt oder doch die, für welche die Freiheit steht? Und was sind eigentlich der Kapitalismus und die Freiheit? Fragen über Fragen?

Was kommt zuerst, das Ei oder oder das Huhn? Wovon reden wir eigentlich und welches Konstrukt, welches Artefakt bedingt am Ende des Tages das andere? Bedingt die Freiheit den Kapitalismus, oder vice versa? Oder bedingt gar das Andere gar nicht das Andere, sondern sie sind als Artefakt schon fast untrennbar, multidimensional miteinander verbunden?

Oder anders herum gefragt: Sind Kapitalismus & Freiheit wirklich am Ende oder doch nur die Artefakte, die Konstrukte, die wir uns von Ihnen in den Kopf gesetzt haben?

Für mich gilt auf alle Fälle immer noch: Erst kommt das Fressen, dann die Moral und mit ihr auch der ganze Rest.

Es sind die falschen Fragen

Wir sollten daher auch endlich aufhören über Grundeinkommen zu reden, sondern über das, was es ist, das Fundament, dass Demokratie und Freiheit erst ermöglicht. Ungleichheit gab es zu allen Zeiten. Der Mensch hat sie alle in den letzten 5.000 Jahren überlebt, Demokratie und Freiheit nur bis zu einem gewissen Grad.

Es geht auch nicht um Homogenität, Konformität und Gleichheit per se. Nein, auf keinen Fall, denn auch das wäre der Tod der Freiheit. Es geht um Chancengleichheit, es geht um gleiche Bildungschancen, es geht um Möglichkeiten. Amerika ist schon lange nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, darum geht es nicht. Es geht um echte und insbesondere gegenwärtige Möglichkeitsräume. Möglichkeitkeitsräume, die Chancengleichheit auch erst möglich machen.

Und es ist mit Sicherheit auch nicht der Osten oder der Islam. Es sind unsere Bilder, die wir in unsren Köpfen von diesen haben.

Es sind aber auch unsere Fragen, die diese Bilder am Leben halten. Wir sollten daher auch aufhören zu fragen, warum der Osten so fremdenfeindlich ist oder der Islam so voll von Terror und Gewalt? Es sind die falschen Fragen. Es sind die Fragen, die es unlösbar und schlimmer machen. Warum sitzen so viele Enttäuschte und Radikale im Osten? Warum werden aus so vielen, auch deutschen Muslimen, Terroristen?

Kann es sein, dass sie das was sich hinter den Bananen, den Hirst’schen diamantbesetzten Totenköpfen, den Tellerwäschermärchen in der Realität verbirgt schlicht und einfach als das empfinden was es auch ist: Eine riesige Verarsche, auf Kosten der Ausgegrenzten und Zürückgebliebenen, nämlich denen, die wir fälschlicherweise als den Osten und den Islam bezeichnen.

Nein, Freiheit und Kapitalismus sind nicht am Ende!

Nur zwischen ihren Buchdeckeln steht einfach leider nichts mehr, was nicht nur geglaubt, sondern auch gelebt wird und vor allem auch das, für das es sich auch für alle zu leben lohnt – und nicht nur für ein Prozent der Menschheit.

Wir sollten daher schleunigst neue Fragen entwickeln. Fragen die hinter die bisherigen Fragen gehen, über das bisher Selbstverständliche hinweg. Dann können wir uns die Bananen auch gerne dahin stecken, wo sie hingehören … .

Es gibt sie, die frohe Botschaft, nicht in den Büchern, in die wir sie stecken, sondern im wahren Leben. Jeder Einzelne kann sie sein. Dann können wir auch für Alle ein Fest der Liebe feiern, jenseits aller noch bestehenden Grenzen. Es geht. Ich glaube auf alle Fälle daran.

In diesem Sinne alles Liebe und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.

Bis bald.

Ihr Ulrich B Wagner

P. S.: In Frankfurt hat man sich bei Anthony Yeboah auf ganz besondere Art und Weise entschuldigt. Großartig :-).  Sehen Sie selbst, zum Beispiel auf YouTube oder Facebook.

* Aichele, G.: Kanon als Untertext: Einschränkung und Befreiung. In: Alkier, S./ Hays, R. B. (Hrsg.): Die Bibel im Dialog der Schriften. Konzepte intertextueller Bibellektüre, Tübingen 2005, S. 159 – 178

Ulrich B Wagner

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