Einsichten & Ansichten

Being John Malkovic, oder: wer bin ICH und all diese Anderen

Jörg Simon, Simon, wer bin ich, wer bin ich und all die anderen, Selbst, Linien, Wahrnehmung, Vernetzung, Summe

Wer bin ich, und wenn ja: Wie viele? Diese bekannte Frage, die vor zehn Jahren ein Sachbuch der Philosophie schmückte, hat unser Kolumnist Ulrich B Wagner diese Woche fortgeführt. Im heutigen Beitrag in „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET — Das Wort zum Freitag“ geht es darum, was uns als die Person prägt, die wir im Einzelnen sind – oder zu sein annehmen. Denn zu wissen, dass wir nicht(s) wissen, ist einer von vielen Schritten auf der Reise zur Erkenntnis, wer wir selbst und all die Anderen eigentlich sind.

Zur Frage, was uns prägt

Umberto Eco hat sich bereits vor Jahren in einer seiner grandiosen Kolumnen mit dem Titel „Dreizehn schlecht verbrachte Jahre“ der Frage gewidmet, was einen, jeden von uns Einzelnen, als Individuum, als Mensch ausmacht, ihn prägte, ihn zu dem oder jenem gemacht hat, schlicht und einfach aber auch ihn für sich (?) aber insbesondere greifbar – von begreifbar an dieser Stelle erst einmal gar nicht zu sprechen – macht oder ausmacht.

Umberto Eco ist bis heute einzigartig. Ich denke, da erübrigt sich das Ganze sowieso vielleicht. Vielleicht doch kein guter Start. Wer weiß? Die oben von mir angeführte Kolumne begann er damals mit einem Verweis auf einen Interviewer, der ihn zwei Tage vorher, wie so viele vor ihm und wahrscheinlich viele andere nach ihm, mit der Frage nervte, welches Buch ihn in seinem Leben am meisten prägte, die er auf seine schelmische Art so schlicht, aber auch treffend nicht nur beantwortete, sondern das Ganze auch so en passant auf ein höheres Level hob: Hätte mich in meinem ganzen Leben nur ein einziges Buch definitiv mehr als alle anderen beeinflusst, dann wäre ich ein Idiot – wie viele die auf diese Frage antworten. Es gibt Bücher, die für meine zwanziger Jahre entscheidend waren, andere die meine dreißiger Jahre prägten – und ich warte ungeduldig auf das Buch, das mich als Hundertjährigen aufwühlen wird (in Umberto Eco, Pape Satàn, Hanser, 2016).

Zwickmühlfrage des Bewerbungsgesprächs: Wer bin ich eigentlich?

Ähnlich geht es mir immer wieder mit der grandiosen Frage, die mir sehr häufig schon gestellt wurde: Wie würden Sie sich in einem Satz beschreiben? Wer bin ich?

Einverstanden, jeder Schulabgänger oder Jobsuchende wird sich spätestens, sollte er es wirklich allen Ernstes tun, der Frage stellen müssen, ob es nicht, im eigenen Interesse wohl auf jeden Fall, so manches nicht nur besser gestalte, wenn man nicht auf jeden Mist, der einem angeboten wird, vorschnell eine Antwort findet, sondern sie offenlässt. Bei dieser Frage denke ich persönlich auf alle Fälle mit Sicherheit.

Wer bin ICH?

Ein je nach Stimmungslage oder Eingebettetsein in das Leben Anderer, den Beruf, die Familie oder sonst wen, wohl bei näherem Hinsehen für jeden wohl auch anderes, sich ergänzendes oder wohl auch sich widersprechendes Bild.

Wer bin ICH?

Ein Sammelsurium grandioser Absurditäten, Fassaden und Oberflächen, aber auch Übergestülptheiten, wie sich heute mit dem Alter im Rückblick manchmal, zum eigenen Schrecken, nicht nur nicht verleugnen lässt, sondern dann in der Regel die viel schlimmere Frage in einem zum selbigen aufbrechen lässt: Warum hast Du diese Begrenzung deiner selbst nicht vorher schon zu deinem, aber mit Sicherheit auch zur Freude der Menschen, die einem wirklich nahestehen, nicht nur über Bord geworfen, sondern deren Überschreitung als viel weitergehende Befreiung der eigenen Persönlichkeit zu nutzen gewusst?

Wer bin ICH?

Auf diese Frage keine eineindeutige Antwort zu finden, bedeutet für mich daher auch nicht, dass die Person, die dies tut, wie ich gerade auch als Einzelner, als Individuum per se, nur für sich gesehen am Ende des Tages in Summe eine Nullnummer ist. Mit Gewissheit nicht, das lehrt uns wohl schon irgendwie das 1×1 der Mathematik.

Das eigentliche nicht(s) wissen

Nur was machen wir aus dieser Erkenntnis? Den einen oder anderen netten frühabendlichen Philosophieausflug oder selbst dies wahrscheinlich nicht einmal am Ende des Tages, freiwillig auf Fälle meines Erachtens, anfänglich wohl keineswegs, auch wenn auch diese Frage nicht schon von viel Weiseren schon vor langer Zeit mit einem Handstrich von der Bildfläche gewischt worden wäre; oder auch nicht, denn wie so häufig in der Kommunikation zwischen Menschen liegt auch hier dem Ganzen ein Übersetzungsfehler vor, denn wörtlich übersetzt heißt es in der Apologie des Sokrates nicht: Ich weiß, dass ich nichts weiß, sondern Ich weiß als Nicht-Wissender, oder anders ausgedrückt, Ich weiß, dass ich nicht weiß.  Das „s“, wer auch immer es als Erster dahin gezaubert hat, hat uns, aber auch dem guten alten Plato, damit keine große Freude bereitet. Denn das, was er uns sagen wollte, war mit Sicherheit nicht als Feststellung per se, sondern als aktive Aufforderung zur Hinterfragung dessen gemeint, was wir jeden Tag (bewusst oder unbewusst) so als Gewissheiten, ob nun über uns, die Welt oder Andere, von uns geben.

Es geht ihm als um das, was uns, egal wohin wir den Blick in diesen Zeiten auch wenden mögen, mit aller Wucht um die Ohren fliegt: dieses vermeintliche Wissen, das sich bei näherem Hinsehen dann doch nur wie so vieles andere auch als ein beweisloses Für-selbstverständlich-Halten, also als Scheinwissen, entpuppt.

Verlorenheit in der Veränderlichkeit des Lebens

Alles verändert sich, die Welt, die Art, wie wir zusammenleben, zu denken, zu sprechen, sich mit sich, mit Anderen, mit der Welt auseinanderzusetzen haben. Und das ist wohl für die meisten von uns wohl das Schlimmste: es auch müssen werden, freiwillig, aus uns heraus, mit uns und der Welt, die uns nun einmal umgibt, aber auch uns ausmacht und bestimmt, evolutionär sozusagen oder revolutionär, ohne uns – und damit auch immer ein wenig unfreiwillig – mit dem, was wir im Großen derzeitig sehen, ob nun in den USA, in Russland oder Türkei, wobei das, was es mit uns macht, schon ausreicht: dem angstvollen Verlorensein in der angeblich von Allen so en passant selbstverständlichen Freiheit gehaltenen Freiheit, der Offenheit und der Veränderlichkeit des Lebens an sich. Aber was meines Erachtens wohl noch schwerer wirkt, ist, dass Alles, was wir sind, zu sein glauben, nur deshalb sind, weil wir es mit anderen teilen.

In der Vernetzung ergibt sich die Summe

Es zu wissen zu glauben, was wir mit Gewissheit alle irgendwo und irgendwie tuen, wird jedoch nicht reichen. Zygmunt Baumanns Verflüssigung des Seins, das wir gerade oder bei näherer Betrachtung bereits seit über 1o Jahren aus dem Wissenschaftsbetrieb und den damit einhergehenden Ergebnissen auch mehr oder weniger unfreiwillig erleben – lebbar, von lösbar gar nicht zu sprechen – wird es nur in der Vernetzung, in der Anerkennung des Vielen, des Differenten, des teilweise sich auf den ersten Teil vielleicht sogar Widersprechenden sein. Denn auch auf die Gefahr hin den nächsten so selbstverständlichen Gassenhauer der menschlichen Erkenntnis und Selbsterkenntnis zum Besten zu geben: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Das WIR mit den Anderen

Ob nun im Kleinen, bei jedem Einzelnen von uns bei der Betrachtung der Frage Wer bin ich, aber auch im Großen, in der Art wie wir arbeiten, lernen, diskutieren und Antworten suchen: das Wörtchen Finden erst einmal zur Seite geschoben, denn es erübrigt sich wohl von selbst, anerkennen lernen müssen, dass es nur das WIR sein wird, die Akzeptanz dieses WIR, des Vielen – in uns als Person, aber auch als Gemeinschaft und Gesellschaft – was uns Wege öffnet. Nicht nur zu einem Besseren Verständnis unserer Selbst, aber auch zu einem entspannteren WIR mit den Anderen um uns herum; der Welt ganz zu Schweigen.

Ein positives Verständnis von Konkurrenz, Differenz und Vielfalt. Sich der Möglichkeit bewusst zu werden, dass dieses sich so bedrohlich darstellende, aus traditioneller Sicht auf alle Fälle, als Verlieren der Einzigartigkeit, der Geschlossenheit und Form an sich, sich auch in der Anerkenntnis des Unwissens und/oder aller Fehler darstellt.

Aber auch, dass dieses explosionsartige Neuverständnis des Zusammenlebens, Arbeitens und Wissenserwerbs in einem Netzwerk, im Miteinander und nicht im Gegeneinander, der unterschiedlichen, sich auf den ersten Blick so gar widersprechenden Einsichten und Ansichten, nicht nur im Außen, im WorldWideWeb, sondern in uns selbst für Möglichkeiten und grenzenlose Chancen bietet.

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.