Kolumnen

Bob Dylan und das Nichts – Der Versuch einer Hommage

Bob Dylan,

Bob Dylan wurde vor kurzem mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Unser Kolumnist, Ulrich B Wagner, hat sich diesem Thema angenommen und eine Hommage an Bob Dylan in seinem heutigen Beitrag zu „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ geschrieben.

#Sein und Schein #Jugend und Protest #Zynismus

Willkommen in der Schönen Neuen Welt.

Manche Geschehnisse, die auf den ersten Blick surreal, ja fast grotesk wirken, sind bei genauerer Betrachtung dann, irgendwann später, am Abend danach,  doch nur schlichte Verortungen in Raum und Zeit. Widerspruchsreiche Ereignisse, die erst aus der veränderten Perspektive des Nachfolgenden zu echten Lebenserzählungen werden.

Wir sind angekommen.

Manche Dinge gehen in Echtzeit dann halt doch schneller und unmerklicher vonstatten, als man sie sich in seinen kühnsten Phantasien imaginieren kann.

Nur zur Erinnerung The Brave New World ist ein dystopischer Roman aus dem Jahre 1932 von Aldous Huxley,  der eine zukünftige Gesellschaft im Jahre 2054 n.Chr. beschreibt. Eine Gesellschaft in der mit Hilfe physischer Manipulationen von Föten und Embryonen sowie der anschließenden psychologischen Indoktrinierung der Kinder die in ihr lebenden Menschen im Sinne der jeweiligen gesellschaftlichen Kaste geprägt oder besser gesagt umgeformt werden, denen sie angehören sollen und die von Alpha-Plus (für Führungspositionen) bis zu Epsilon-Minus (für einfachste Tätigkeiten) reichen.

Gemeinsam ist allen Kasten aber die Konditionierung auf eine permanente Befriedigung durch Konsum, Sex und die Droge Soma, die den Gesellschaftsmitgliedern jedes Bedürfnis, aber auch jede Möglichkeit zum kritischen Denken und Hinterfragen des Systems raubt. Gesteuert und gelenkt wird diese Welt von Kontrolleuren, Alpha-Plus-Menschen, die von der Bevölkerung wie Idole verehrt werden. Ein großartiger Roman.

Den Nobelpreis hat Huxley aber nie bekommen, das war sein Halbbruder

Andrew Fielding Huxley, der 1963 gemeinsam mit John Carew Eccles und Alan Lloyd Hodgkin für die „Entdeckungen über den Ionen-Mechanismus, der sich bei der Erregung und Hemmung in den peripheren und zentralen Bereichen der Nervenzellenmembran abspielt“ mit dem Nobelpreis für Medizin für seine bahnbrechende Arbeiten ausgezeichnet wurde.

Willkommensgeschenke (?!)

Bob Dylan bekam letzte Woche den Nobelpreis für Literatur verliehen und zeigt dem Nobelpreis-Komitee (?), oder vielleicht doch auch uns Allen, nur die kalte Schulter.

Will er allen Ernstes sein Willkommensgeschenk nicht annehmen?

Wie kann er nur?

Einverstanden, Dylan ist nicht allein.

Nicht als Sänger, aber auch nicht als Ablehner des Nobelpreises.

Nehmen Sie nur Rabindranath Tagore der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt und damit der erste asiatische Nobelpreisträger war. Zwei seiner berühmtesten Lieder sind heute die Nationalhymnen von Indien und Bangladesch: Amar Shonar Bangla und Jana Gana Mana. Darüberhinaus erweiterte die bengalische Kunst mit einer Vielzahl von Gedichten, Kurzgeschichten, Briefen, Essays und Bildern. Er war aber auch ein engagierter Kultur- und Sozialreformer sowie Universalgelehrter. Die Kunst seiner Heimat modernisierte er, indem er ihre strikte Struktur und klassische Formensprache gezielt angriff.

So gesehen wäre Dylan mit der Annahme des Preises daher nicht nur in all bester Gesellschaft, sondern mit Gewissheit auch irgendwie unter Seinesgleichen.

Oder doch nicht? Sieht man sich die Ablehner des Preises an, so trifft man neben Jean Paul Sartre, auch auf Boris Pasternak, der aber 1958 auf Druck des Sowjetregimes musste oder aber auch auf den Iren George Bernard Shaw, der bereits 1926 die Huldigung aus Ikealand auch mit der Begründung ablehnte, dass der Preis einem Rettungsring gleiche, der dem Schwimmer erst ausgehändigt würde, wenn er das rettende Ufer bereits erlangt hätte. Er nahm ihn dann später jedoch juxlustig und sarkastisch wie er nun einmal war, dann doch mit der Begründung an, einen Fonds zur besseren geistigen Zusammenarbeit zwischen England und Schweden zu gründen, der sich insbesondere mit einer besseren englischen Übersetzung der Werke Strindbergs zu beschäftigen habe, jenes Autors der von seinem Landsmann Alfred Nobel so bis aufs Blut gehasst wurde (sic!).

Doch die Geschichte des Nobelpreises durchzieht, von Zeit zu Zeit auf alle Fälle, aber auch etwas Groteskes.

Nehmen Sie beispielsweise die Verleihung des Friedensnobelpreises an Barak Obama, der am Donnerstag, den 8. Oktober 2009, nur 9 Monate nach seinem Amtsantritt für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen Völkern zu stärken, verliehen bekam.  Seine Diplomatie beruht auf dem Konzept, dass diejenigen, die die Welt führen, dies auf der Grundlage von Werten und Haltungen tun müssen, welche von der Mehrheit der Weltbevölkerung geteilt werden. Das Komitee verwies ausdrücklich darauf, dass Obamas Vision für eine Welt ohne Atomwaffen bei der Preisentscheidung eine besondere Rolle gespielt habe.

As time goes by.

Immerhin war ja auch Adolf Hitler schon 1939 von dem schwedischen Abgeordneten E.G.C. Brandt für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Ein Treppenwitz der Geschichte, der uns Allen zwar erspart blieb, die Opfer aber allein durch die Nominierung an sich der Lächerlichkeit preisgab und dem ekelhaften Nationalsozialismus noch das Sahnehäubchen aufgesetzt hätte.

Doch zurück zu Dylan.

Dylan hat Sartre gelesen und wahrscheinlich auch seine Begründung der Ablehnung, die er im Zuge eines Interviews der schwedischen Presse gab.

Die deutsche Übersetzung der Ablehnung war bereits am 30.Oktober 1964 in DIE ZEIT (http://www.zeit.de/1964/44/meine-gruende ) zu lesen und geht auf eine von Sartre durchgesehene französische Fassung zurück und ist heute noch mehr als aktuell.

Dylan kennt sich mit dem Existenzialismus aus, ob nun Nietzsche, Kierkegaard, Heideegger oder auch Camus und insbesondere mit Sartres berühmtesten Satz Die Existenz geht der Essenz (dem Wesen) voraus, der aus seinem 1946 erschienen Essay Der Existenzialismus ist ein Humanismus stammt.

Bei Sartre waren es persönliche und sachliche Gründe. Einer der persönlichsten dürfte gewesen sein, dass er Preise per se ablehnte: Diese Haltung beruht auf meiner Vorstellung von der Arbeit eines Schriftstellers. Ein Autor, der politisch, gesellschaftlich und literarisch Stellung bezieht, sollte nur mit seinen eigenen Mitteln handeln, das heißt mit dem geschriebenen Wort. Alle Ehrungen, die er annimmt, setzen seine Leser einem Druck aus, den ich nicht für wünschenswert halte. Es ist nicht das gleiche, ob ich mit „Jean-Paul Sarte“ unterschreibe oder mit „Jean-Paul Sartre, Nobelpreisträger“………… Der Schriftsteller sollte sich also weigern, sich in eine Institution verwandeln zu lassen, selbst wenn es – wie hier – unter den ehrenvollsten Bedingungen geschieht.

Sachlich gesehen war es insbesondere der Ost – West Konflikt und der mit ihm verbundene Kalte Krieg: Darum vermag ich keine Auszeichnung anzunehmen, die von den hohen kulturellen Instanzen vergeben wird, ob nun im Osten oder im Westen, auch wenn ich ihre Existenz sehr wohl verstehe. Obwohl alle meine Sympathien der sozialistischen Seite gehören, wäre ich ebenso außerstande, zum Beispiel den Leninpreis anzunehmen, wenn irgend jemand ihn mir geben wollte – was nicht der Fall ist.

Ich weiß sehr gut, dass der Nobelpreis als solcher kein literarischer Preis des Westblocks ist, doch er ist das, was man aus ihm macht, und es können Ereignisse eintreten, die sich der Entscheidung der schwedischen Akademie entziehen….

Ich will nicht sagen, dass der Nobelpreis ein bürgerlicher Preis ist, aber dies ist die bürgerliche Deutung, die bestimmte, mir wohlbekannte Kreise einer Annahme zuteil werden lassen würden.

Sartre wollte nicht vereinnahmt werden. Nicht hüben und nicht drüben.

Sartre wollte seine Freiheit. Eine Freiheit, die mit dem Nichts beginnt.

Gedanken und Philosophien, die sehr früh in seinem Romanwerk Der Ekel zum Ausdruck kommen und dann in seinem philosophischen Hauptwerk Das Sein und der Schein in voller Gänze ausgearbeitet wurden. Simon de Beauvoir brachte seine Haltung in ihren Memoiren mal wie folgt auf den Punkt: Er hatte nicht vor, ein zurückgezogenes Leben zu führen. Er hasste die Routine, die Hierarchien, die Karrieren, die Gesetze und die Pflichten, alles Seriöse am Leben.

Dylan sagt NICHTS und das ist vielleicht der Platz, den es auch braucht, um seine Ablehnung (?) zu verstehen.  Auch dieses Achselzucken besitzt etwas Groteskes, das sich sehr gut in die Historie des Nobelpreises einordnen lässt, denn die Gestaltung des Grotesken ist, wie Kayser es insbesondere hervorhob, der Versuch das Dämonische in der Welt zu bannen und zu beschwören. Für ihn sind das Unbeschreibliche und das Böse zentrale Aspekte seiner Definition des Grotesken.

Es ist demnach eine Reaktion der Ratlosigkeit, ein Empfinden der Abgründigkeit angesichts einer absurd gewordenen, phantastisch entfremdeten Welt.

Das durch das Groteske hervorgerufene Lachen, hat zwar etwas befreiendes, erhellendes, aber auch etwas (positiv) Zerstörerisches, eine destruktive Fröhlichkeit, durch die das Alte (hoffentlich) hinter sich gelassen werden kann.

Der Mensch kann sich also demnach vor der Bedrohung durch jene unheimlichen Mächte befreien, indem er sie im Künstlerischen zu gestalten versucht.

Dylan tat es und tut es noch heute.

Es ist jedoch ratsam das Eine von dem Anderen zu unterscheiden. Mit Sicherheit leben wir heute noch mehr als in der 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einer Welt, in der sich die Verlässlichkeit als Schein entpuppt und die Kategorien der Weltorientierung obsolet geworden sind. Man sollte sich jedoch davor hüten das Groteske in der jeweiligen Kunstform nicht bloß auf einen abstrakten Grad zu betonieren und danach nur die künstliche Verfremdung selbst und nicht mehr das eigentliche Verfremdete ins Zentrum der Auseinandersetzung zu stellen.

Wo ist der Zusammenhang zwischen verfremdeter und tatsächlich entfremdeter Lebenswelt?

Soll die Entscheidung für den Literaturnobelpreis gar diesen herstellen?

Das Groteske ist kein isoliertes Phänomen außerhalb konkreter gesellschaftlicher Konflikte, Veränderungen und zwischenmenschlicher Belange.

Dylan hat sich wie sein Biograf Robert Stelton in seiner Biografie Bob Dylan – No Direction Home nicht nur ausführlich mit dem Grotesken beschäftigt, sondern erfand künstlerische Strukturen, die das absurde Chaos, das er sah, integrieren konnten, errang Dylan die Kontrolle über seine Welt, seine Welt, sein Material, und gelangte zu einer Form der Befreiung. Dylan steht daher auch für einen Straßen-Existenzialismus, der einen Bruch mit der Spruchtafel-Philosophie darstellt, also weniger dem nackten, gegliedertem Denken, denn gefühlsbetonter Reaktion zu entspringen scheint, was in seinem Video aus dem Jahr 1965 sehr gut zum Ausdruck kommt.

Bob Dylan hat mit seinen Texten, seinen Liedern Protest und Widerstand auf eine der schönsten Art und Weisen zum Ausdruck und zum Leben verholfen, doch angekommen in der Neuen Welt der Neuen Bürgerlichkeit und der New Economy ist er glücklicherweise nicht und in ihrer Mitte schon einmal rein gar nicht, auch wenn seine ehemaligen Fans mittlerweile an den Schalthebeln der Macht, hüben wie drüben, sitzen und ihrem aufgeklärten falschen Bewusstsein frönen.

Dylan muss den Nobelpreis als Ausdruck des vorherrschenden Zynismus in unserer Lebenswelt ignorieren, sonst würde er sein Werk selbst ad absurdum führen und er braucht ihn auch nicht oder wie Leonard Cohen es auf den Punkt brachte, als er davon auffuhr:

Für mich ist das in etwa so, als würde man ein Schild vor dem Mount Everest errichten, auf dem ‘höchster Berg der Welt’ steht.

Ich gratuliere Ihnen für Ihr Achselzucken Mister Dylan.

Sie sind ein Vorbild nicht nur für mich, doch das wissen sie ja bereits.

Machen Sie das Beste daraus.

Ihr Ulrich B Wagner

Oliver Foitzik

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