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Bürgerdividende beim Netzausbau beschlossen: Daten und Fakten zum Ausbau des deutschen Stromnetzes

Bürger sollen an dem Ausbau der Stromnetze mitverdienen – Bundeswirtschaftsministerium, Bundesumweltministerium und die vier Übertragungsnetzbetreiber haben sich auf Eckpunkte für eine Bürgerdividende bei einem beschleunigten Netzausbau verständigt.

Das gemeinsame Eckpunktepapier sieht eine finanzielle Beteiligung der vom Netzausbau betroffene Bürgerinnen und Bürger am Gewinn des Netzausbaus vor. Im Rahmen der vereinbarten „Bürgerdividende“ sollen sie für ihre Einlagen bis zu 5% Zinsen erhalten. Dies soll vor allem zu einer breiteren Akzeptanz des Stromnetzausbaus vor Ort führen. Die Agentur für Erneuerbare Energien rechnet mit einer Rendite beim Ausbau des Stromnetzes von insgesamt über 9%.

Die Bürgerbeteiligung soll bis zu 15% der Investitionssumme für den Leitungsausbau umfassen. Die Mindesteinlage wird bei etwa 1.000 Euro liegen. Anwohnerinnen und Anwohner in unmittelbarer Nähe neuer Leitungen, sollen bei der Zeichnung bevorzugt werden. Der Gesamtumfang der notwendigen Netzinvestitionen bis zum Jahr 2023 wird in dem Eckpunktepapier auf rund 20 Milliarden Euro geschätzt. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW werden in den kommenden Monaten entsprechende Beteiligungsmodelle und geeignete Ausbauprojekte vorstellen. Das gemeinsame Eckpunktepapier zur Bürgerdividende (PDF: 255 KB) ist kostenfrei abrufbar.

Daten und Fakten zum deutschen Stromnetz

Das deutsche Stromnetz ist rund 1,8 Millionen Kilometer lang, womit der Äquator insgesamt 45-mal umrundet werden könnte. Über 80% des Stromnetzes (1,44 Millionen Kilometer) entfallen dabei auf Erdverkabelung (im Jahr 2002: 70%). Die restlichen 350.000 Kilometer werden durch Freileitungen abgedeckt.

Das Stromnetz unterteilt sich in vier Spannungsebenen: Die Niederspannungsebene, die regionalen Verteilnetze der Mittelspannungsebene, die Hochspannungsebene und die überregionalen Höchstspannungsnetze.

  • Der größte Teil der Stromnetze entfällt mit 1,16 Millionen Kilometern auf die Niederspannungsebene (bis einschließlich ein Kilovolt) zur Versorgung der Haushalte, kleinerer Gewerbebetriebe und der Landwirtschaft.
  • In den regionalen Verteilnetzen kommt die Mittelspannungsebene (über 1 bis einschließlich 72,5 Kilovolt) auf eine Länge von 513.500 Kilometer.
  • Die Hochspannungsebene (über 72,5 bis einschließlich 125 Kilovolt), die v.a. von lokalen Stromversorgern, Industrie sowie größeren Gewerbebetrieben genutzt wird, kommt auf 79.900 Kilometer.
  • Die überregionalen Höchstspannungsnetze (über 125 Kilovolt) werden auch als „Stromautobahnen“ bezeichnet. Sie kommen auf eine Länge von 34.810 Kilometer. Neben der Verbindung der Regionen und mit dem Ausland sind die Kunden in diesem Großhandelsbereich regionale Stromversorger und sehr große Industriebetriebe.

Mögliche Kosten des Netzausbaus

Gegener der Energiewende, die „alte“, fossile und atomare Energiewirtschaft und die ihnen nahestehende Interessensverbände und Politiker, sowie die Befürworter der regenerativen Energieträger führen eine hitzige Debatte über die wahren Kosten der Energiewende und des damit zusammenhängenden Netzausbaus. Die dabei genannten Zahlen bewegen sich entlang eines großen Kontinuums, mal beschönigend mal abschreckend – je nach Intention der Auftraggeber. Aufgrund der Komplexität der Thematik und der Vielzahl an Lösungsmöglichkeiten und möglichen politischen Weichenstellungen, sind die genauen Zahlen nur schwer zu kalkulieren. Im Folgenden eine Übersicht über bedeutende Studien zum Ausbau des deutschen Stromnetzes.

– Die Deutsche Energieagentur (Dena) hat den Bedarf an neuen Hochspannungsleitungen zur Integration der dezentral erzeugten Erneuerbaren Energien Anfang 2011 mit 1.700 bis 3.600 km bis zum Jahr 2020 angegeben. Die entsprechenden Kosten für 380-Volt-Freileitungen würden demnach bei bis zu 9,7 Milliarden Euro liegen. Erdverlegte Gleichspannungskabel würden mit 22 bis 29 Milliarden Euro zu Buche schlagen, stören dafür aber weder die Gesundheit noch das Landschaftsbild. Ein Kompromiss wäre eine Teilverkabelung unter der Erde in der Nähe von Siedlungen (20-30% der Strecke), was die Kosten entsprechend rund halbieren würde.

– Laut einem internen Bahn-Papier von Ende 2010 würden sich die Kosten des Stromnetzausbaus von 40 Milliarden Euro auf 2-2,5 Milliarden Euro reduzieren lassen, wenn die bestehenden bahneigenen Stromtrassen entlang der Bahnstrecken ausgebaut und um 15 Meter aufgestockt werden würden. Beide Zahlen – sowohl die 40 Milliarden wie auch die 2-2,5 Milliarden Euro – sind deutlich niedriger als die von Bundesumweltminister Altmaier kürzlich veranschlagten 300 Milliarden Euro. Herr Altmaier gilt trotz seines Postens als Umweltminister allerdings bekanntlich nicht gerade als objektiver Vorkämpfer einer ausgeglichenen Lösung im Dienste der gesamten Gesellschaft sondern eher als „Parteisoldat“. (Siehe u.a. Studie korrigiert Altmaiers „Billionen“-Rechnung: Energiewende ist ein Gewinn)

– Zudem reduziert sich die Notwendigkeit des Ausbaus, wenn der Strom dezentral und nahe an den großen Verbrauchszentren produziert wird. Im Grunde geht es hier einzig und allein um die drei großen Industriezentren Ruhrgebiet, Stuttgart und München, die entweder mit langen Stromautobahnen von den großen Windparks versorgt werden müssen, oder ihre Energieversorgung verbrauchsnah auf eigene Beine stellen müssen. München geht hier mit gutem Beispiel voran: Die bayerische Landeshauptstadt will bis 2025 die weltweit erste Millionenstadt sein, die sich zu 100% mit erneuerbaren Energien versorgt. Die Frage ist nur, ob Offshorewindparks in der Nord- und Ostsee (mit entsprechenden Anschlussproblemen, höheren Investitionskosten und dem Bedarf an langen Nord-Süd-Stromautobahnen) die bessere Alternative zu energieautarken Unternehmen sowie Wind- und Solarparks und Biomasse- und Wasserkraftwerke im ländlichen Raum Bayerns sind, der zudem Investitionsspritzen und Einnahmemöglichkeiten zur Stabilisierung seiner Finanzen benötigt.

– BSW-Studie: Netzausbau für 55 GW Solarstrom kostet nur 1 Mrd. Euro bis 2020. Solarstrom wird überwiegend dezentral und verbrauchernah erzeugt. Daher fließen rund 80% der Solarstromleistung in die lokalen Niederspannungsnetze auf Gemeindeebene. Eine Studie im Auftrag des Bundesverbandes Solarwirtschaft e.V. (BSW-Solar) über den erforderlichen Ausbau der Niederspannungsnetze zur Integration des dezentral erzeugten Solarstroms kam zu dem Ergebnis, dass der Netzausbau zur Integration von 55 GW Solarenergie bis zum Jahr 2020 gerade einmal eine Milliarde Euro kosten würde. Dies entspricht ziemlich genau den jährlich anfallenden Erneuerungskosten für das Verteilnetz, zu dem das Niederspannungsnetz gehört. Ein starker Solarstromzubau sei somit technisch machbar und die Kosten wären überschaubar. BSW-Chef Jörg Mayer: „Wir stellen fest, dass die Ertüchtigung des Niederspannungsnetzes für die Aufnahme großer Mengen Solarstrom technisch ohne Probleme machbar ist, und zwar zu überschaubaren Kosten.“ (Das Gutachten sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier)

– Den Kosten für die Energiewende muss man aber natürlich für eine belastbare Rechnung nicht nur die volkswirtschaftlichen Beschäftigungseffekte und die damit zusammenhängenden Konjunktureffekte gegenüberstellen, auch die Einsparungen für Energieimporte (Öl, Gas, Uran und Kohle) müssen als Kostenblock, den es einzusparen gilt, in die Rechnung miteinfließen. Dieses Geld fließt bislang Jahr für Jahr an die Öl- und Gasexportierenden Länder (v.a. arabische Welt und Russland), anstatt hierzulande den Mittelstand und den ländlichen Raum zu unterstützen. Seit Anfang 2009 hat sich die Rohstoff-Importrechnung der EU nahezu verdoppelt. Die 27 EU-Staaten gaben zusammen zuletzt mehr als 400 Milliarden Euro für den Import nicht-nachwachsender Rohstoffe aus. Das Ausmaß der Energieabhängigkeit der EU von Importen (2011: 54%) und die Größenordnung des Geldablusses aus den einzelnen Mitgliedstaaten verdeutlicht eine Veröffentlichung des Statistischen Amtes der EU – Geld, das sinnvoll im Inland zirkulieren könnte, anstatt an die despotischen Machthaber der arabischen Staatenwelt oder an Russland abzufließen und helfen könnte, die Staatsschuldenkrise zu überwinden.

Tipp

Die Agentur für Erneuerbare Energien hat eine kostenfreie Zusammenfassung mit Hintergrundinformationen über Erneuerbare Energien und die regenerative Energiewende in Deutschland herausgegeben, um mit falschen Zahlen und Mythen aufzuräumen und Laien wie Profis für die täglichen Energie-Diskussionen zu rüsten. In der überarbeiteten und aktualisierten Broschüre „Der volle Durchblick in Sachen Erneuerbare Energien“ sind viele Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten zusammengetragen und in einer umfangreichen Quellensammlung aufgeführt, die klare Antworten auf die häufigsten Fragen geben. Den Link zum kostenfreien Download und zum Bestellen der Print-Ausgabe finden Sie hier.

(mb)

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Weiterführende Artikel:

BMU: Neue Verordnung zum Schutz vor elektromagnetischen Feldern
– Erneuerbare Energieautarkie: Wie Unternehmen und die Volkswirtschaft von der Energiewende gewinnen

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Marc Brümmer

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