Wirtschaft

Chemiegigant Bayer will für seinen Strom nicht mehr bezahlen

In der Pharma- und Chemiebranche stecken große Gewinne. Bayer hat 2010 bei einem Umsatz von 35,1 Milliarden Euro ein operatives Ergebnis von 2,7 Milliarden Euro eingefahren. Nach Steuern blieben 1,3 Milliarden Euro. Nun keilt das Unternehmen wegen seiner energieintensiven Chemiesparte gegen die Energiewende und steigende Strompreise. Man werde die 36.000 Stellen große Belegschaft in Deutschland um 1.700 Stellen kürzen und dafür mehr als 2.500 Stellen in den Schwellenländern (BRIC-Staaten) aufbauen. Konzernchef Marijn Dekkers begründet: „Deutschland wird als Produktionsstandort für die energieintensive Chemieindustrie unattraktiver.“

Damit wird allerdings auch das Unternehmen Bayer in der Kundengunst unattraktiver. Welche Rechnung aufgeht, wird nicht zuletzt das Verbrauchervotum entscheiden: Deutschland und seine kaufkräftigen Verbraucher und Konsumenten bilden den größten Markt in Europa.

Die hohen Strompreise sind zudem auf einen nicht funktionierenden Markt zurückzuführen. Deutschland besitzt zwar derzeit mit die höchsten Stromkosten in Europa. Genau wie in Österreich sinken aber auch in Deutschland seit Jahren die Großhandelspreise für Strom, aber die Konsumenten werden dennoch mit höheren Preisen konfrontiert. In Österreich sind seit Juli 2008 die Großhandelspreise um 17,5% gesunken, allerdings nicht für die Kunden. Arbeitskammer-Präsident Herbert Tumpel: „Die Anbieter haben Senkungen der Großhandelspreise der letzten drei Jahre nicht fair an die Konsumenten weitergegeben.“ Und was Österreich kann, kann Deutschland schon lange: Am 16. Juli 2011 brach an der Strombörse EEX der Strompreis am Nachmittag auf das Preisniveau von Nachtstrom ein. Nur 2,5 Cent kostete die Kilowattstunde wo eigentlich Preise üblich sind, die ungefähr doppelt so hoch sind. Während der Grund für billigen Nachtstrom eine niedrige Nachfrage zu dieser Zeit ist, wurde der jüngste Preiseinbruch am Nachmittag von der Photovoltaik verursacht. Gemeinsam mit Grundlastkraftwerken konnten mithilfe von 12 Gigawatt Solarstrom und sechs Gigawatt Windenergie der Strombedarf gedeckt werden. Die Grundlastkraftwerke besitzen laufende Kosten von 2-3 Cent, Erneuerbare Energien keine. Der Strompreis orientiert sich an dem höchsten Angebot eines Anbieters. Wenn die Spitzenlastkraftwerke nicht laufen müssen, weil billige erneuerbare Energien den Strombedarf abdecken, wird der billige Ökostrom nicht durch teurere Formen der Stromerzeugung in die Höhe getrieben. So konnten die großen Stromanbieter EnBW, Eon, RWE und Vattenfall lange hohe Gewinne an der Strombörse erziehlen. Sie waren in der Lage den hohen Strompreis zu nutzen, um billigen Grundlaststrom teuer zu verkaufen. Jetzt hat die Energiewende jedoch die Strombörse erreicht. „Der hohe Photovoltaikzubau wird dazu führen, dass künftig zur Mittagszeit an den meisten Wochentagen von April bis September an der Börse keine übermäßigen Gewinne zu Lasten der Verbraucher mehr erzielt werden können“, prognostiziert Philippe Weber, Herausgeber des Solarstrom-Magazins PHOTON. Jedoch wird es einige Zeit dauern, bis der günstige Strompreis die Verbraucher erreicht. Weil die Stadtwerke üblicherweise jedes Quartal nur ein Zwölftel des zukünftigen Strombedarfs einkaufen ist es möglich, dass wir von einem angepassten Strompreis erst in bis zu drei Jahren profitieren können. Interessant wird es, wenn Stromversorger einen Niedrigtariv nicht nur in der Nacht, sondern auch am Mittag anbieten können. Ein Hochtarif würde dann nur noch am Morgen oder am Abend eingesetzt werden. Die Industrie kann jetzt schon von den billigen Strompreis profitieren, da sie ihren Strom direkt oder über Händler an der Strombörse einkauft. Der fortlaufende offensive Ausbau von erneuerbaren Energien in Deutschland geht weiter voran und wird den Strompreis wohl weiter niedrig halten.

Die Ankündigung, respektive Drohung seitens Bayer, wegen der Stromkosten Tausende Stellen in Deutschland zu streichen, deutet somit also eher auf einen sich abzeichnenden Imageschaden hin, als eine letztlich in der Realität begründete Schlussfolgerung zu sein. (mb)
 

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