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Claudius Seidl, Vorstandsvorsitzender und Dir. der VR Bank Rottal-Inn

Claudius Seidl ist Vorstandsvorsitzender und Direktor der Volks- und Raiffeisenbank Rottal-Inn. Die VR Bank Rottal-Inn wurde von 2007 bis 2009 dreimal hintereinander von der DZ BANK Frankfurt mit dem Fördermittelpreis ausgezeichnet. Themen des Interviews sind Fördermittel und Förderdschungel, Mittelstandsfinanzierung, das dreigliedrige Bankensystem, Spekulationen und Griechenland, sowie Kreditmediatoren. (Zum Audio-Podcast.)

 

Guten Tag Herr Seidl. Sie sind Vorstandsvorsitzender und Direktor der Volks- und Raiffeisenbank Rottal-Inn. Ihr Institut ist über die bayerischen Landesgrenzen hinweg bekannt geworden, in dem Sie von 2007-2009 dreimal hintereinander von der DZ BANK Frankfurt mit dem Fördermittelpreis ausgezeichnet wurden. Wie haben Sie das erreicht? Was sind da genau Ihre Stärken?

 

Guten Tag Herr Brümmer. Das sind an für sich keine großen Geheimnisse. Die VR Bank Rottal-Inn ist eine Kreditgenossenschaft. Wir kommen von unseren Ursprüngen daher vom Fördergedanken des gewerblichen und landwirtschaftlichen Bereiches – dies ist unsere Kernkompetenz und unsere Domäne. Die VR Bank Rottal-Inn ist darüber hinaus traditionell sehr engagiert im Kreditgeschäft. Wir haben 67 Prozent der Bilanzsumme im Kreditgeschäft investiert – das ist viel mehr als beim Durchschnitt der Banken. Und Fördermittel setzen wir traditionell sehr intensiv ein, weil wir unseren Kunden den besten Finanzierungsmix bieten wollen. Das kommt auch aus der Erkenntnis heraus, geht es unseren Kunden gut, geht es der Bank gut. Und nachdem das Kreditgeschäft in den letzten Jahren sehr expansiv gelaufen ist, verwundert es auch nicht, dass bei der Philosophie die unser Haus vertritt auch das Fördermittelgeschäft entsprechend mit gelaufen ist.

 

Häufig spricht man ja in Bezug auf Fördermittel auch von dem „Förderdschungel“. Ist dem tatsächlich so? Und welche der Vielzahl an Unterstützungs- bzw. Förderungsmöglichkeiten haben sich nun aus Ihrer Sicht für den Mittelstand als die effektivsten herausgestellt?

 

Ein Dschungel ist ja zunächst einmal für uns als Laien eine Wildnis, in der wir uns nicht zurechtfinden. Aber auch da gibt es Experten, die sich auch in einem Dschungel zuhause fühlen. Insofern ist es immer eine Frage des Standpunktes. Und so ist es auch bei den Fördermitteln. Für denjenigen, der sich nicht von Berufswegen damit beschäftigt, sondern vielleicht nur einmal, weil er gerade eine größere Investition tätigen will, für den erscheint die Vielzahl an Fördermöglichkeiten als Dschungel. Das heißt, er muss sich an einen Experten wenden, der dies Tag täglich tut – und dann lichtet sich der Dschungel. Und einer der Experten sind die Banken, die sich mit diesen Dingen beschäftigen. Wir haben EDV-Systeme, in denen wir die Vorhaben eingeben können und die uns zunächst einmal den optimalen Finanzierungsmix aus deren Sicht darstellt. Dazu kommt dann die ganz persönliche Kundensicht – wir kennen ja unsere Kunden alle und deren Bedürfnisse, Mentalität und Vorlieben. Und aus diesem Mix muss man dann die beste Finanzkonfiguration heraussuchen.

 

Was ist für den Mittelständler nun die erste Anlaufstation, um den optimalen Fördermix zu bekommen? Sollte man sich vor dem Gang zur Bank noch wo anders informieren?

 

Also wenn das Verhältnis zur Hausbank in Ordnung ist, sollte die erste Anlaufstation immer die Hausbank sein. Man sollte sich dort erst einmal einen Vorschlag erarbeiten lassen und kann sich dann sicherlich noch über andere Medien, wie beispielsweise die Beratungstage der LfA und der Industrie- und Handelskammern, über weitere Möglichkeiten beraten lassen. Aber ich denke, wenn die Hausbank ihre Aufgabe richtig erledigt, ist sie der fast einzige und richtige Ansprechpartner.

 

Wie steht es denn allgemein gerade um die Mittelstandsfinanzierung? Viele Staaten müssen sich refinanzieren, viele Banken ihr Eigenkapital aufstocken – sind die Finanzierungsmöglichkeiten daher prinzipiell eher angespannt?

 

Ich denke, dass muss man unterscheiden. Wir haben ja gerade die Zeit hinter uns, in der aus diesen Ursachen heraus über eine Kreditklemme gesprochen wurde – die Eigenmittel haben ja eine geschäftsbegrenzende Funktion im Bankensektor. Aber hier muss man sehr zwischen den Großbanken und regionalen Banken wie Kreditgenossenschaften und auch Sparkassen unterscheiden. Bei uns ist das Eigenkapital kein Engpassfaktor. Es hat deshalb auch bei uns in den letzten Jahren keine Kreditklemme gegeben. Die VR Bank Rottal-Inn hat beispielsweise für 2010 ein Kreditwachstum von 12,1 Prozent – so hoch wie schon lange nicht mehr. Dies ist auch dem Umstand geschuldet, dass Niederbayern ein Photovoltaikland ist. Und die Branche hat ja im letzten Jahr absolut geboomt. Aber davon abgesehen, wir sind eigenkapitalstark und erfüllen heute schon die Voraussetzungen von Basel III. Wir benötigen also kein zusätzliches Eigenkapital. Aber natürlich wollen wir eines bilden, weil es für die Zukunft ja nicht ausreicht, gerade die Grenzen zu erreichen, sondern man muss ja einen entsprechenden Puffer zu den regulatorischen Grenzen haben, um vernünftig agieren zu können.

 

Sie hatten gerade die Banken in Privatbanken und Regionalbanken unterteilt. Das zielt ja auch auf das dreigliedrige Bankensystem in Deutschland ab, das in der Zeit vor der Finanzkrise massiv von Seiten der Privatbanken kritisiert wurde. Hat sich dies nun durch die Finanzkrise entscheidend verändert? Gibt es vielleicht sogar auch wieder eine verstärkte Besinnung auf nachhaltiges Wirtschaften im Finanzsektor?

 

Im Finanzsektor sicherlich nicht. Der Bürger denke ich schätzt dieses Thema wieder mehr – wenn er sich damit beschäftigt – dass wir ein dreigliedriges Bankensystem haben, in dem es neben den Kreditbanken auch die Kreditgenossenschaften und Sparkassen gibt. Der Bürger legt wieder mehr Wert auf Kundennähe, auf Nachhaltigkeit und auf regionale Verankerung. Im Finanzsektor verfolgen die Kreditbanken vom Grundsatz andere Ziele, als es regionale Institute wie wir tun. Für uns steht beispielsweise das Thema Eigenkapitalrendite nicht im Fokus, im Gegensatz zu einer Deutschen Bank. Wir definieren uns darüber, dass wir unsere Marktanteile nicht nur verwalten, sondern ausbauen, dass wir unsere Kunden unterstützen und dass die Substanz der VR Bank Rottal-Inn von Jahr zu Jahr gestärkt wird, um noch kräftiger und noch besser im Markt stehen zu können, so dass man auch solche unruhigen Zeiten wie die, die wir gerade hatten, in aller Ruhe und Gelassenheit überstehen kann. Wir hatten beispielsweise keinen Cent in Lehman(Zertifikate), wir haben keinen Cent in Griechenland, Portugal oder Italien. Wir sind in diesen Kapitalmarkttransaktionen extrem konservativ. Dafür investieren wir, ich hatte es gerade schon erwähnt, stark in das Kreditgeschäft vor Ort, in unsere Kunden auf der privaten und gewerblichen Seite. Das ist der Grund, warum es die Genossenschaft überhaupt gibt, dafür sind wir gegründet worden und dieser Aufgabe gehen wir auch nach mittlerweile 120 Jahren noch intensiv nach.

 

Sie hatten gerade mit Lehman Brothers und Griechenland einige riskante Geschäftsfelder genannt. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die ausufernden Spekulationsgeschäfte in den Finanzmärkten, insbesondere mit Rohstoffen, die derzeit wieder zunehmend die Medien beherrschen?

 

Die internationale Spekulation ist ein sehr schwieriges Thema. Weil alle Dinge, die man dagegen unternimmt, vom Grundsatz her nur eine Wirkung entfalten, wenn sie weltweit eingesetzt werden. Wenn jetzt beispielsweise die Euro-Region Mechanismen einführt, die geeignet sein könnten, gegen diese Spekulation zu wirken, dann gehen diese Geschäfte einfach wo anders hin. Wir haben das 1985 in Schweden gesehen, als Schweden eine Börsenumsatzsteuer eingeführt hat – und die Geschäfte sind dann in erster Linie nach Großbritannien gegangen. Die Schweden haben dann fast kein Geld aus dieser Steuer eingenommen. Andererseits muss man natürlich sagen, dass wenn man mit irgendwelchen Schritten immer wartet, bis jeder Nachbar mit dabei ist, dann werden wir erleben, dass wir nie weiterkommen. Durch die Globalisierung und die immer stärkere Vernetzung der Kommunikation werden die Märkte sogar noch volatiler werden, weil jede Nachricht innerhalb von Sekunden um die Welt geht. Früher war das noch nicht so. Früher hat eine Nachricht eine gewisse Zeit gebraucht, um sich zu entfalten – und dann gab es vielleicht sogar bereits wieder gegenteilige und dämpfende Stimmen. Heute geht das in sekundenschnelle und überall liegen EDV-Systeme dahinter. Und alle EDV-Systeme reagieren vom Grundsatz her gleich. Wir sind also schon so etwas wie der Zug der Lemminge, die alle in eine Richtung laufen. Sicherlich wäre es richtig, etwas gegen die Spekulation zu unternehmen, aber genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, ist es auch, dass die Staaten ihre Finanzen in Ordnung bringen. Denn Griechenland – um auf diesen Punkt schnell zu kommen – wird nie in der Lage sein, seine Schulden selbst zurückzuzahlen. Da wird es einen Haircut geben – allerdings erst, wenn die Banken und die Versicherer stark genug sind, den auch auszuhalten.

 

Wann denken Sie, ist dieser Zeitpunkt erreicht?

 

Griechenland wird sich erst stabilisieren, wenn es einen Teilschuldenerlass gibt. Ich gehe davon aus, dass das in drei bis fünf Jahren der Fall sein wird.

 

Um noch einmal kurz auf die Mittelstandsfinanzierung zurückzukommen. Es wurden ja vor kurzem sogenannte Kreditmediatoren eingerichtet, die Mittelständlern bei der Finanzierung helfen sollen. Haben Sie persönlich schon Erfahrungen mit diesem Instrument gemacht?

 

Nein, wir haben persönlich damit überhaupt keine Erfahrungen gemacht. Wir brauchen keine Mediatoren. Wir nehmen das Thema sehr, sehr ernst und wir kennen unsere Kunden auch. Sehen Sie, das ist ein weiterer Vorteil der Regionalbanken und Kreditgenossenschaften sowie der Sparkassen: Die Entscheidungen fallen vor Ort und von Entscheidungsträgern, die ihre Kunden kennen und auch regelmäßig bei ihren Kunden sind. Wir brauchen keine Mediatoren. Wenn wir Mediatoren bräuchten, dann wäre das ein Armutszeugnis. Solche Dinge schlagen im Regelfall in größeren Banken auf, wo die Entscheidungen sehr weit vom Kunden entfernt fallen, wo die örtlichen Verhältnisse unbekannt sind und wo man den Kunden nur vom Papier her kennt. In solchen Fällen mag es Sinn machen, aber das ist schon eine ganz schlechte Basis, wenn man grundsätzlich einen Mediator für das Geschäft benötigt.

 

Abschließende Frage: Mal angenommen, Sie wären Berater des Bundeswirtschaftsministers – was würden Sie sich für den Standort Deutschland von ihm wünschen?

 

Ich würde mir vor allem wünschen, aber das geht nicht nur an den Wirtschaftsminister, dass Deutschland mal die Dinge, die es macht, auch so belässt und wir nicht immer von einer Regulierungswut in die andere fallen. Man kann alles besser machen, aber jede Medaille hat zwei Seiten und wo die Sonne scheint, da gibt es auch Schatten. Mein Standpunkt ist der, wenn man beispielsweise ein Auto erfinden möchte, dann muss man es nicht bis zum Rennwagen durchtunen, dann wird man nie fertig damit, sondern man muss auch mal fahren. Und wichtig für die Wirtschaft wäre mal eine Kontinuität der Rahmenbedingungen. Verlässliche Rahmenbedingen. Und wenn dann noch hinzukäme, dass wir wirklich vielleicht ein bisschen Bürokratie – und ich sage bewusst nur ein bisschen Bürokratie, denn Wünsche sollen ja keine Träume sein – wenn wir ein bisschen Bürokratie abbauen könnten, dann wäre das ja schon wie Weihnachten.

 

Der Wunsch wird häufig genannt, dass viel Zeit nur für bürokratische Dinge quasi vertan wird…

 

Ganz genau.

 

Herr Seidl, vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

Nichts zu Danken, Herr Brümmer.

 

(Das Interview führte Marc Brümmer von der AGITANO-Redaktion.)

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