Energie & Umwelt

Damit Waldprojekte dem Klima und dem Menschen dienen

Hunderte Millionen Menschen sind fast vollständig abhängig von intakten Wäldern. Ihr Schutz sowie die ökologisch ausgerichtete Aufforstung können damit einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten. Doch gerade die waldabhängigen Völker blicken mit Sorge auf den neuen Klimaschutz-Trend, Waldschutz und Aufforstung im Namen des Klimaschutzes umzusetzen. Sie fürchten Vertreibungen aus ihren Lebens- und Wirtschaftsräumen. Können Standards für Waldklimaprojekte negative Effekte für die Waldbewohner verhindern und eine Win-win-Situation für Investoren und Bewohner gleichermaßen schaffen? Ein Bericht von Anika Schroeder

 

Für rund 350 Millionen Indigene und Kleinbauern stellt der Wald die Grundlagen des Überlebens: Sie sammeln in den Wäldern Früchte, Pilze oder Medizinalpflanzen für Eigenbedarf und Verkauf, fangen Fische, Jagen oder beziehen ihr Bau- und Brennmaterial aus den Wäldern und legen ihre Felder an.

 

In den Entwicklungsländern machen diese ökosystemaren Dienstleistungen 47-89 Prozent des Einkommens der Armen aus. Entsprechend leidet vor allem die lokal ansässige Bevölkerung, wenn Wälder in Viehweiden oder Plantagen umgewandelt werden. Vielerorts kämpfen Kleinbauern, Fischer, Indigene und Kirchen daher Hand in Hand gegen die Zerstörung der Wälder.

 

Waldprojekte führen weltweit zu Konflikten

 

Erstaunlicherweise bezeichnen indigene Gruppen allerdings heute Naturschutzgebiete als die Bedrohung Nummer Eins ihrer Lebensräume.*

 

Denn: In fast allen tropischen Ländern weisen Regierungen Schutzgebiete aus und vertreiben die lokale Bevölkerung, selbst wenn sie bis dato (nahezu) in Einklang mit der Natur lebte. Häufig verkaufen und verpachten Regierungen angeblich degradiertes und unbewohntes Land an Forstbetriebe, Projektentwickler, aber auch Naturschutzorganisationen, welche Aufforstungen oder Schutzgebiete ausweisen wollen.

 

Betroffene Hirten, Kleinbauern und Waldbewohner werden über die Entwicklungspläne meist gar nicht informiert und sehen sich von heute auf morgen damit konfrontiert, ihre Wälder, Felder und Fischgründe sowie spirituellen Stätten nicht mehr nutzen zu dürfen. Dies beraubt Millionen ihrer Lebensgrundlagen und nicht selten auch ihrer kulturellen Identität. Die Vertreibungen aus dem Nationalpark Modhupur in Bangladesh oder die gewaltvollen Konflikte rund um Aufforstungsprojekte wie dem CDM Plantar Projekt in Brasilien oder am Mount Elgon im östlichen Uganda sind nur die Bekannteren der zahlreichen erschreckenden Menschenrechtsverletzungen im Namen des Klima- und Biodiversitätsschutzes.

 

Ohne Rechte kein nachhaltiger Projekterfolg

 

Die Deklaration für die Rechte der Indigenen Völker (UNDRIP) verankert umfassende Rechte für Indigene Völker, wie z.B. das Recht, angestammtes Land und dessen forstliche Ressourcen zu besitzen, zu nutzen und zu schützen. Von besonderer Bedeutung ist das Recht auf eine selbstbestimmte Entwicklung der Gemeinden, welche durch das "Free Prior Informed Consent" (FPIC) Verfahren zu gewährleisten ist und im Zuge der Konvention zum Schutz der Biologischen Vielfalt auf alle Betroffenen eines Projektes anzuwenden ist, also auch auf Nicht-Indigene.

 

Das Verfahren der freien, vorherigen und informierten Zustimmung der Gemeinde beschreibt, dass die Gemeindemitglieder vor Projektstart umfassend und angepasst informiert werden müssen, sie Zeit zur Meinungsbildung benötigen und sich ggf. auch gegen das Projekt aussprechen dürfen. All diese Rechte werden zwar von einem Großteil der waldreichen Länder anerkannt und sind in nationales Gesetz eingeflossen, werden aber kaum angewendet oder betrügerisch umgangen.

 

Nur zwei Standards sind empfehlenswert

 

Studien sowie die Erfahrung von Entwicklungsorganisationen wie MISEREOR zeigen, dass der Projekterfolg von Naturschutzprojekten mit zunehmender Klärung der Landrechte, Beteiligung und Teilhabe der Bevölkerung ansteigt und gerade die Bewirtschaftung durch die Gemeinden selbst den besten und langfristigsten Waldschutz garantieren kann. Demnach sind Waldklimaprojekte, welche die Lokalbevölkerung nicht in den Mittelpunkt stellen, ohnehin langfristig zum Scheitern verurteilt – spätestens dann, wenn sich die Projektentwickler zurückziehen.

 

Viele Standards wollen Käufern von Emissionsrechten die Gewissheit bieten, etwas Gutes für’s Klima und die Entwicklung getan zu haben.

 

Jedoch zeigt bereits eine grobe Analyse, dass die Standards dies bei Weitem nicht einmal garantieren wollen: Nur die Hälfte der elf bekannteren Standards in Deutschland fordern überhaupt Partizipation ein und meist dient dies als Feigenblatt: Nur drei der Standards fordern eine kulturell angepasste Informationsvermittlung. Wer kann partizipieren, wenn kein ausreichendes Wissen vorhanden ist?

 

Einige Standards werben damit, dass jeder im Internet Projekte kommentieren kann und diese Bedenken aufgegriffen werden. Doch wo Strom, Schulen und fließend Wasser fehlen, gibt es wohl auch keinen Internetzugang.

 

Auch die Klärung bestehender und vergangener Landrechtskonflikte wird so gut wie gar nicht vorausgesetzt. Der Community Climate Biodiversity Standard (CCBS) und Plan Vivo legen hingegen Standards für Waldklimaprojekte vor, die (sofern die Kriterien voll eingefordert werden) Menschenrechte und einen nachhaltigen Projekterfolg in sozialer und ökologischer Hinsicht garantieren können.

 

Einzig CCBS geht umfassend auf die Rechte der betroffenen Bevölkerung und ihr Recht auf "Free, Prior and Informed Consent" (FPIC) ein und gibt zudem umfangreiche Anweisungen, wie Gemeinschaften von Beginn an einzubeziehen sind. Plan Vivo benennt die Rechte der indigenen Völker und der lokalen Bevölkerung zwar nicht spezifisch. Denn Plan Vivo vergibt seinen Standard sowieso nur an Projekte, welche aus lokalen Initiativen entstanden sind.

 

Gute Projekte brauchen einen langen Atem

 

Entwickler von Waldklimaprojekten und Käufer der Emissionsrechte benötigen hohe kulturelle Sensibilität, Geduld und Hartnäckigkeit, um vor Ort und mit den Menschen Landrechtsfragen und Nutzungsrechte zu klären, sie ausreichend und angemessen über Chancen und Risiken des Projektes zu informieren und unter Einbeziehung der Bevölkerung die Projekte zu planen und umzusetzen.

 

Es mag schwer fallen, eine Ablehnung durch die Gemeinde zu akzeptieren, wenn bereits viel Zeit und Arbeit in Gutachten und Reisen investiert worden ist. Wer jedoch diese Geduld nicht mitbringen kann und Waldklimaprojekte als reine PR betreiben will, sollte keine Rechte aus Waldprojekten erwerben und den Rechten der lokalen Bevölkerung den Vorrang lassen.

 

* Dowie, Mark: Conservation Refugees. The Hundred-Year Conflict between Global Conservation and Native Peoples. The MIT Press. Cambridge, Massachusetts, London, England

 

Quelle: © Franz Alt 2011

Anika Schroeder 2011

ist Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei dem Hilfswerk MISEREOR.

forum – Nachhaltig Wirtschaften 2011

 

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