Einsichten & Ansichten

Das Private ist das Politische. Gedanken aus der ZwischenZeit

Graffiti mit der Aufschrift can't live in the Living Room auf einer Wand, Symbol für den Umstand, dass das Private zunehmend politisch wird

Das Private ist politisch und das Politische ist privat. Vielleicht war dem schon immer so, aber noch nie war diese Tatsache derart gefährlich für uns, warnt Ulrich B Wagner. In seinem aktuellen Beitrag von  „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Wort zum Freitag“ zeigt er auf, was uns trägt und schützen kann, um die über Jahrhunderte hart erkämpften Werte und Normen unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates aufrechtzuerhalten.

Can’t live in Living Room

Adornos Gedankenentwicklung, sein Fortschreiten vom „Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben“, über einen kurzen Zwischenstopp des „Es gibt kein Leben im Privaten“, zum alles überragenden Monument des „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

Worte, #oszilliert, komprimiert, #gescribbelt, in der nackten Schönheit zoologischer Punkveranstaltungen (s. u. Video), als stiller nachträglicher Beweis der Frankfurter Schule aus den Bodensätze der schäumenden Moderne, „bloßes“ Graffiti nur in Frankfurts Seitenstraßen.

Video: Red Zebra ~ I Can’t Live in a Living Room

(Quelle: AnaStasia Andreadous YouTube-Channel / YouTube)

Es war einmal das Private

Selbstverständlich fast, ganz unbewusst, ganz unberührt. Wirklichkeit? Wirklichkeiten! Divergierende Konstruktionen der Wirklichkeit, die ans Tageslicht drängen, da alle aus Furcht vor dem Kommenden gen Keller stürzen und reflexartig die alten Heiligenbilder aus längst vergangenen Zeiten über ihre Häupter heben.

Wankende Welten wohin man blickt. Wankende Welten ganzheitlich, durch alle soziale Schichten, Milieus an jedem Platz auf unserem so schönen Erdenrund.

Aufgewacht in einer neuen Welt, die wie die alte scheint und doch nicht ist, vernetzt und eingeschnürt, abhängig und frei, offen und geschlossen, aber auch und vor allem global in ihrer ganzen Pracht und/ aber auch in ihrer ganzem Schrecken, ob auf den Yachten vor St. Tropez oder den Bierdosen am Offenbacher Mainufer.

Im Drinnen, ein Rumoren, schon lange vor den Menschen, die auf ihrem Sinnen nach lebensgerechten Welten nunmehr zum Sündenbock, zum Prellbock verfehlter Modernisierung, Demokratisierung und mangelnder sozialer Gerechtigkeit gemacht werden. Private und öffentliche Lebenswelten, die sich im Zuge der Internettechnologie, des Zusammenwachsens, der Globalisierung im Großen und Ganzen, der Freisetzung der Individuen und der Auflösung bestehender Gemeinschaftsstrukturen, vom Großen bis ins Kleinste, von Staaten bis hin zur Ehe oder der sozialen Einheit der Familie, auflösen.

Alles verschiebt sich

Bereits 2012 schrieb Norbert Blüm in DIE ZEIT: „Es könnte sein, dass mit der Familie auch freiheitliche Traditionen zugrunde gerichtet werden. Mit der Verteidigung der Familie wird Privatheit verteidigt. Denn die private Sphäre ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Emanzipation von der Allzuständigkeit der Macht. Die Partnerschaft zwischen zwei Menschen ist die eigentliche Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Das Private musste Wirtschaft, Gesellschaft und Staat abgerungen werden. Soll das jetzt hergegeben werden? Soll die Ehe zur Dependance der Wirtschaft und die Kindheit zum staatlichen Fürsorgeobjekt werden?“

Alles verschiebt sich, öffnet sich wie von Zauberhand, prahlt mit Möglichkeitsräumen, virtuellen Welten, wächst zusammen, prallt aufeinander und stößt sich gleichzeitig in einem fort ab. Vieles passt nicht, scheint aus der Zeit gefallen, beschreibt nicht mehr das, was es einst auszudrücken versuchte, wird neu und bleibt doch dabei irgendwie gleich. Allem scheint zwar der selbe Impuls, der selbe Drang, das selbe Verlangen zugrunde zu liegen, doch die Formen und Farben zeichnen ein anderes Bild, ein Bild, das erst im Entstehen ist, eine Skizze nur, zu großen Teilen bloß nebenbei über das alte gelegt.

Aber insbesondere auch im Außen, dem ehemaligen fernen Außen, das sich einmal vor langer, langer Zeit in fernen, mystischen, wohlriechenden Welten aus 1001 Nacht, weit draußen vor der Tür befand. Doch aus diesen ehemals fernen Schwingungen werden nunmehr als Wanken ins Nahe wirken und das nicht nur bei Menschen auf der Flucht vor sinnlosem Gemetzel, den Spielbällen im Ränkespiel der Mächte: den Flüchtlingen, für die sich eine Heimat nur im Imaginären zu öffnen scheint.

Das Private ist politisch und das Politische ist privat

Ihnen allen, uns allen ist gemein, dass das Gesellschaftliche, die Öffentlichkeit per se, aber auch die Publizität, das Mediale, das Ökonomische, das Berufliche mit immenser Kraft ins Private drängen, dass das öffentliche Leben das Individuelle, das Persönliche, das einstmals Private nach Kräften verformt und umgestaltet.

Das Private ist politisch und das Politische ist privat, schallt es aus dem ersten großen gesellschaftlichen Umbruch, der ersten großen Zeitenwende der noch jungen Bundesrepublik. „1968 kam es im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), der als Vertreter der Studentenbewegung den Abbau aller autoritären Strukturen, vor allem aber eine liberale Einstellung zur Sexualität und antiautoritäre Erziehung forderte, zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern, die zu Austritten von Studentinnen und zu feministischen Neuorientierungen zum Beispiel im »Aktionsrat zur Befreiung der Frau« führte“, wie Giesela Riescher 2003 in ihrem Aufsatz für die Freiburger Frauenstudien ausführte.

In der Folge legten die  SDS-lerinnen eine Resolution vor, in der sie ihren Kommilitonen bourgeoises, an Ausbeutung grenzendes Führerverhalten vorwarfen und sie forderten für sich – und alle Frauen – auch die Unterdrückung im Privatleben nicht ausschließlich als Privatsache zu begreifen, sondern als durch politisch-ökonomische Strukturen bedingt. Es gelte, die bürgerliche Trennung von Privatleben und gesellschaftlichem Leben aufzuheben, das Privatleben qualitativ zu verändern und die Veränderung als politische Aktion, als kulturrevolutionären Akt, und als Teil des Klassenkampfes zu verstehen.

As time goes by

Die Zeiten ändern sich.
Die Welt verändert sich.
Die Worte bleiben die Selben.
Sagen doch nicht das Gleiche
Erscheinen fast neu
Beginnen in Zeitgenossenschaft zu funkeln
und verweisen doch nur auf uns.
Der Andere sind wir.
Das Private ist das Politische.

Was hat sich nicht alles verändert

So vieles was vormals so unberührbar erschien, geht einher mit einer Verschiebung des Privaten und des Öffentlichen, der Aufhebung ehemals geschützter Räume, dem Verlust von Intimität, dem Versagen des Rechts des Geheimnisses, der Gemeinschaft wie sie vormals noch so selbstverständlich schien.

Was bedeutet uns 2016 das Wörtchen Datenschutz, das Recht auf Privatsphäre? Gibt es sie überhaupt noch. Welches Spiel, welches Stück wird für wen, für was auf welcher Bühne, der Vorder- und Hinterbühne unserer Sozialität gespielt?

Wo sind wir zu Hause?
Wo ist sie, die Heimat?
Wo ist unsere?
Wo die der anderen?
Unsere gemeinsame vielleicht?

Doch im Moment das große Nichts, die Furcht vor dem Verschwinden, das Klammern am Vertrauten, die Sehnsucht zurück in bessere Welten. Es ist die Zeit der Populisten hüben wie drüben, hier wie dort:

Trump, Hofer, Le Pen, Brexit, AFD, Erdogan, Putin & Co.

Sie nutzen die Gunst der Stunde und schüren die Glut. Vormodernes, neonationales, xenophobes, autoritäres, diktatorisches, ideologisches, diskriminierendes, freiheitsfeindliches Tun und Lassen. Die Menschen haben Angst und diese Angst, diese alles durchdringende Existenz- und Sinnkrise lässt Muslime und Nicht-Muslime, Deutsche, Türken – und sonst wen auf dieser Welt – sich reflexartig auf die alte Heimat konzentrieren: auf eine Heimat allerdings, die es so gar nicht mehr gibt, eine Heimat der großen Gefühle, aber keine Heimat von dieser Welt.

Politisch konkrete Projekte oder Ideen, die auch umsetzbar und mit den Grundwerten eines  freiheitlich-demokratischen Rechtstaats vereinbar sind, kann man dahinter jedoch nicht erkennen.

Vieles haben wir leider privatisiert, was vielleicht doch besser unter öffentlicher Kontrolle stehen würde. Vieles haben wir in die öffentliche Hand und unter gesellschaftliche Kontrolle gestellt, was besser im Privaten geblieben wäre.

Vielleicht wird die alles entscheidende Schlacht dieser Zeitenwende auch an der Grenzlinie, an der Demarkationslinie zwischen Privatem und Öffentlichen geschlagen.

Es geht um viel

Es geht um Freiheit, Gleichheit, die Würde des Menschen.
Es geht um uns und unsere Privatsphäre im Großen wie im Kleinen.
Es geht um Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel.
Es geht um Wirtschafts- oder Wertegemeinschaft.

Und es geht auch darum, dass wir uns daran erinnern, wie in den 30er Jahren des letzten Jahrhundert die großen Diktatoren nicht durch falsche Wahlen an die Macht kamen, sondern durch Gier, Arroganz und Skrupellosigkeit: Dr. Oetker & Co. sei Dank. Wir brauchen eine freie Marktwirtschaft mit Sicherheit, doch was uns trägt und schützen kann sind unsere Werte, eine Freiheit, die auch hält was sie verspricht.

Wir stoßen nicht an die Grenzen des Wachstums, sondern an die derzeitigen Grenzen in unserer Kreativität und Innovation im Miteinander.

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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