Kolumnen

Der erfolgreichste Solarpolitiker der Welt ist tot

Hermann Scheer war der weltweit erfolgreichste Verfechter der Erneuerbaren Energien. „Solarpapst“ wurde er auf der ganzen Welt genannt – anerkennend von China bis Japan und von Afrika bis Lateinamerika. In den nächsten Wochen wollte Hermann Scheer sein neues Buch „Der energethische Imperativ – 100% jetzt – Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“ in fünf Städten vorstellen. Das Buch wurde sein Vermächtnis.

 

Am Donnerstag ist der Träger des Alternativen Nobelpreises und SPD-Bundestagsabgeordnete in Berlin gestorben. Kurz vor seinem Tod durfte ich – zusammen mit ihm – dieses Buch in seinem Wahlkreis bei Stuttgart vorstellen.

 

Scheer war der weltweit erfolgreichste Verfechter der Erneuerbaren Energien. „Solarpapst“ wurde er auf der ganzen Welt genannt – anerkennend von China bis Japan und von Afrika bis Lateinamerika. Tausende Vorträge hat er in den letzten 30 Jahren auf allen Kontinenten gehalten – bis 200 pro Jahr.

Seine zahlreichen, wegweisenden  Bücher wurden in 18 Sprachen übersetzt.

 

Dass 47 Länder das deutsche „Erneuerbare-Energien-Gesetz“ (EEG) übernommen haben, ist hauptsächlich sein Verdienst. Zusammen mit Michaele Hustedt und Hans-Josef Fell von den Grünen ist er der Vater des  EEG. Schon vor 18 Jahren hatte er in meiner „Zeitsprung“-Sendung in der ARD prognostiziert, dass bis 2030 der hundertprozentige Umstieg auf erneuerbare Energien in Deutschland möglich ist. In seinem letzten Buch zeigt er ganz konkret und praktisch Wege auf, dieses Ziel sogar weltweit zu erreichen.

 

Ein Visionär, Kämpfer und Vorkämpfer wie Hermann Scheer ist natürlich umstritten – in seiner eigenen Partei, beim politischen Gegner und am meisten bei den Vertretern der alten Energiewirtschaft. Er war Realist genug, dies immer zu wissen, aber sich nicht davor abschrecken zu lassen. Oft sagte er: „Ein Strukturwandel hat viele Gewinner und wenige Verlierer. Die vier großen Energiekonzerne werden durch die solare Energiewende verlieren. Die vielen Gewinner sind Millionen Hausbesitzer mit Solaranlagen auf dem Dach oder Pellet-Heizungen im Keller, hunderttausende Bauern, Handwerker und Mittelständler.“

 

2008 sollte er in Hessen Wirtschafts- und Umweltminister in einem Kabinett Ypsilanti werden. Dank Hermann Scheer und seiner Vision von einem erneuerbaren Hessen gewann die SPD 8 % Stimmen hinzu und die CDU unter Roland Koch verlor 12% . Die SPD hat anschließend ihren Sieg selbst vermasselt.

 

Hermann Scheer war der Kohlefraktion seiner eigenen Partei mindestens so suspekt wie der Atomfraktion der Konservativen. Sein Credo in seinen Büchern und in ganzseitigen Anzeigen vieler Tageszeitungen bis in diese Tage hieß: „Die Erneuerbaren Energien brauchen keine Brücke“ Die solare Energiewende werde durch längere Laufzeiten der Atomkraftwerke oder durch neue Kohlkraftwerke eher behindert als befördert.

 

Hermann Scheer war ein mitreißender Redner – vor 100 Zuhörern genauso wie vor 10.000 auf Kundgebungen. Bei einer Kundgebung gegen Stuttgart 21 hörten ihn zuletzt 50.000 Menschen. Er hat als erster SPD-Politiker eine Volksbefragung vorgeschlagen.

 

Er wollte keine Parteikarriere, wichtiger waren ihm stets seine inneren Anliegen. Deshalb engagierte er sich in den 80-igern in der Friedensbewegung und später in den Umweltbewegungen. Gerhard Schröder hat ihm einmal unter vier Augen gesagt: „Das Gefährliche an Dir ist, dass Du zu Deinen Überzeugungen stehst.“

 

Hermann Scheer war ein außergewöhnlicher Mensch und ein eigensinniger und begeisternder Politiker. Es kommt wohl selten vor, dass ein Journalist gesteht, von einem Politiker viel gelernt zu haben. Ich gestehe: Von niemand habe ich politisch so viel gelernt wie von Hermann Scheer.

 

2007 war ich mit ihm bei der Bundeskanzlerin. Zuvor hatte Hermann 20 Jahre lang für seine Idee einer Weltagentur für Erneuerbare Energien (IRENA) geworben. Er hat Angela Merkel  charmant klargemacht, dass die Erneuerbaren neben der Weltenergie-Agentur und neben der Internationalen Atomenergieagentur eine eigene Agentur auf Augenhöhe brauchen. Die Bundeskanzlerin wurde aktiv und zwei Jahre später haben über 100 Regierungen die IRENA gegründet. Hermann Scheer ist ihr Inspirator – wie so oft parteiübergreifend. Er glaubte an und arbeitete für eine bessere Welt.

 

Ciao, lieber Hermann und gute Reise, lieber Freund. Dein Vorbild ist uns Auftrag. Wir trauern um Hermann Scheer und denken an seine Familie!

 

Quelle: © Franz Alt 2010

 

 

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