Kolumnen

Der Schwarze Peter von Kopenhagen

Es war absehbar, dass der Klimagipfel in Kopenhagen scheitern muss. Aus Hopenhagen wurde Flopenhagen. Seit beinahe 20 Jahren verlaufen alle Klimakonferenzen der UNO immer so, dass der langsamste der 190 Mitgliedstaaten das Tempo bestimmt. Und solange Klimaschutz als Last und nicht als Chance für Innovation, Arbeitsplätze  und Modernisierung empfunden wird, fehlt der Impetus für eine Klimaschutzpolitik, die diesen Namen auch verdient.

 

Wirklicher Klimaschutz bietet die Chance, Kosten für Überschwemmungen und Wirbelstürme, Kriege, Flüchtlinge und Arbeitslose zu vermeiden. Eine Energiewende ist keine Last, sondern  die große zivilisatorische und kulturelle Selbstverständlichkeit des 21. Jahrhunderts. Klar ist: Klimaschutz kostet, aber kein Klimaschutz kostet die Zukunft.

 

Nach den großen Worten der Mächtigen ist das Ergebnis des Gipfels beschämend. Wieder einmal war das wichtigste Resultat eines Gipfels der Beschluss über den nächsten Gipfel. Und keiner will wahrhaben, dass es dem Klima von Gipfel zu Gipfel immer schlechter geht.

 

Nach dem Scheitern von Kopenhagen deuten die Industrieländer mit moralischem Zeigefinger auf China, China auf die USA und die Entwicklungsländer insgesamt auf die Industriestaaten. Es lebe der Schwarze Peter!

 

Das „Minimal-Konsens“ genannte Ergebnis von Kopenhagen wird in keiner Weise der Jahrhundertaufgabe Klimaschutz gerecht. Die Folgen könnten Millionen Tote, viele Millionen Flüchtlinge und tausende Milliarden Euro für Klimaschäden durch Stürme, Überschwemmungen und Dürren sein.

 

Um all dies zu vermeiden, sagen die Wissenschaftler, müssen bis 2050 die Treibhausgase – gemessen an 1990 – um mindestens 80% reduziert werden. Soll dieses Ziel tatsächlich erreicht werden, müssen auch die Schwellenländer und die Entwicklungsländer viel Geld investieren, das natürlich die Industriestaaten aufbringen müssen. Ein Afrikaner verbraucht zurzeit ein Vierzigstel der Energie eines Deutschen. Die Aussagen von Kopenhagen sind aber zielschwach, vage und unverbindlich. Das 2-Grad-Ziel sagt gar nichts, solange nicht klar ist, wer wie viel Treibhausgase bis zu welchem Zeitpunkt reduzieren muss. Völlig offen geblieben ist vor allem der Kontroll- und Vollzugsmechanismus der vagen Zielvorgaben.

 

Geradezu verheerend werden sich die moralische Inkompetenz und das ethische Versagen gegenüber künftigen Generationen und gegenüber den Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern auswirken. Die Ärmsten, die den Klimawandel nicht verursacht haben, müssen als erste dessen Folgen tragen. Sie werden zu Millionen in die reicheren Länder fliehen. Die UNO schätzt, dass bis 2050 200 Millionen Arme auf der Flucht in die Industriestaaten sein werden. Wohin sollen sie denn sonst?

 

Was lehrt uns Flopenhagen? Selbst Hoffnungsträger wie Barack Obama sind hilflos, wenn ihre Gesellschaft nicht mehrheitlich hinter ihnen steht. Und beim Thema Klimaschutz stellt sich die Mehrheit der US-Bürger noch immer taub, blind und resistent gegenüber den eindeutigen Erkenntnissen der Klimaforschung.

 

In den USA gilt beim Klimaschutz der Grundsatz: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Obama persönlich will Klimaschutz, das betont er immer wieder, aber er bekommt für seine Ziele in beiden Häusern keine Mehrheit. Er teilt das frühere Schicksal der Regierung Clinton/Al Gore. Obama kam mit gefesselten Händen nach Kopenhagen. Sein Auftritt war geradezu tragisch. Er redet auf der internationalen Bühne immer mehr über Dinge, für die er zu Hause keine Mehrheit findet.

 

Wirklicher Klimaschutz gelingt nur durch Neues Denken von unten. Dann erst wird Neues Handeln oben möglich. Anders können Demokratien nicht funktionieren. Neues Denken heißt aber zuallererst verstehen, dass Klimaschutz auch riesige ökonomische, ökologische und soziale Chancen bietet.

 

Neue Technologien für neue Energieträger bedeuten auch viele neue Arbeitsplätze. Klimaschutz ist kein Arbeitsplatzkiller, wie die meisten US-Bürger noch immer befürchten, sondern  der Arbeitsplatzknüller wie Deutschland seit Jahren beweist. 70% der hierzulande produzierten Windräder gingen 2009 ins Ausland. Die Branchen der Erneuerbaren Energien in Deutschland haben in den letzten Jahren 285.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Tendenz stark steigend.

 

Das Wichtigste an Kopenhagen waren vielleicht die 100.000 Demonstranten vor Ort und die 13 Millionen Weltbürger, die per Email an den Kongress Taten statt Worte forderten.

 

Kopenhagen hat gezeigt, dass die neue, weltweite Klimaschutzbewegung die wichtigste soziale Bewegung im 21. Jahrhundert werden könnte.

 

Klimaschutz, sagt die Bundeskanzlerin, ist die Überlebensfrage der Menschheit. Unsere Lage ist mit der Titanic vergleichbar: Wir tanzen den letzten Walzer und sehen den Eisberg. Noch können wir den Kurs ändern, doch die Zeit wird mit jeder Konferenz knapper.

 

Quelle: © Franz Alt 2009

 

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