Einsichten & Ansichten

Und täglich grüßt das Murmeltier … oder der verzweifelte Versuch über die Wiederholung

… aus der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET  – Das Wort zum Freitag“ von Ulrich B Wagner. Nach „Who is afraid of Virginia Woolf … über Paradoxien, Rituale und den ganz normalen Wahnsinn zwischenmenschlicher Kommunikation“ folgt heute: „Und täglich grüßt das Murmeltier … oder der verzweifelte Versuch über die Wiederholung“.

Meine Angst: die Wiederholung – ! …

Wiederholung! Dabei weiß ich: alles hängt davon ab, ob es gelingt, sein Leben nicht außerhalb der Wiederholung zu erwarten, sondern die Wiederholung, die ausweglose, aus freiem Willen (trotz Zwang) zu seinem Leben zu machen, indem man anerkennt: das bin Ich! … Doch immer wieder  (auch darin die Wiederholung) genügt ein Wort, eine Miene, die mich erschreckt, eine Landschaft, die mich erinnert, und alles in mir ist Flucht, Flucht ohne Hoffnung, irgendwohin zu kommen, lediglich aus Angst vor Wiederholung – … “

Max Frisch, Stiller

Ich war mal auf den Jungferninseln, da habe ich ein Mädchen kennengelernt. Wir haben Hummer gegessen und Pina Colada getrunken. Und bei Sonnenuntergang haben wir uns geliebt wie die See-Otter. Das war gar kein schlechter Tag. Warum erlebe ich nicht den Tag wieder und wieder und wieder?“

Phil, alias Bill Murray in Und täglich grüßt das Murmeltier …

Jeder von uns hat seinen ganz persönlichen Murmeltiertag

Erinnern Sie sich auch noch, mit vor Lachen tränengefüllten Augen, aber auch einem flauen Gefühl im Bauch, an die Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus dem Jahr 1993? In diesem spielt Bill Murray den zynischen, arroganten und egozentrischen TV-Wettervorhersager Phil, für den es ein ewig wiederkehrendes Grauen darstellt, von dem alljährlich stattfindenden Murmeltiertag in der kleinen amerikanischen Provinzstadt Punxsutawney zu berichten. Phil sitzt schließlich in einer Zeitschleife fest. Wieder und wieder er- und durchlebt (oder besser gesagt erleidet) er den 2. Februar: den Murmeltiertag. Dieser beginnt um 06.00 Uhr in der Frühe mit dem Anspringen des Radioweckers. Soweit in kürze nochmals die Handlung dieses genialen Fimklassikers.

Ich denke jeder von uns hat auf die eine oder andere Art seinen ganz persönlichen Murmeltiertag oder kennt in irgendeiner Form das unangenehme Gefühl des vermaledeiten Hamsterrads, diesen stehenden Sturmlauf der ewigen Wiederkehr.

Nur das Neue verspricht Heilung

Murmeltier, Wiederholung
Jeder von uns hat so seinen ganz persönlichen Murmeltiertag bzw. hat dieses unangenehme Gefühl angesichts der Wiederholung. (Bild: Joujou / pixelio.de)

Als mittlerweile ewig Pubertierende suchen wir unermüdlich und ohne Unterlass, getrieben ohne Möglichkeit des Entrinnens, wie unser Urahn Sysiphos, ohne jeden Funken Angst vor Verlusten, Kränkungen und Niederlagen, das Neue. Denn nur das Neue verspricht Heilung, Trost und Originalität in einer Zeit der Gleichmacherei, dem Verlust von Identität und Persönlichkeit.

Den Bilderstürmern nacheifernd versuchen wir, vor Wut schäumend, mit irrem Blick und vom Wahn aufgerissenen Mündern, das Alte zu zertrümmern, zumindest jedoch ein für all alle mal hinter uns zu lassen, um so das Neue zu erzwingen. So suchen oder besser ausgedrückt irrbildern wir händeringend  das noch nie Dagewesene, die blaue Blume der Romantik, die Heilung verspricht angesichts der alltäglichen, ermüdenden Wiederkehr und angeblichen
Reproduktion der Lebenswirklichkeit.

Wiederholung ist an die Stelle des Neuen getreten

Ist das so? Oder sind wir am Ende des Tages doch nur, ewiger Pubertät geschuldet, verblendete Romantiker einer Moderne, die das Neue zum Ideal, zum Stein der Weisen auserkoren hatte und damit kläglich scheiterte. Was wir zwar im Zuge der großen postmodernen Philosophen wie Deleuze, Lacan oder Freud, die auf den frühen Überlegungen eines Soren Kierkegaard zur Wiederholung oder Nietzsches ewiger Wiederkehr aufbauten und die Bedeutung der Wiederholung für das andere in ihren Arbeiten betonten, wissen sollten. Aber anscheinend nicht anerkennen wollen.

Oder wie es die Bildende Künstlerin und Professorin an der Zürcher Hochschule für Künste, Marion Strunk, in ihrem Aufsatz über die Wiederholung auf den Punkt brachte: „Die postmoderne Philosophie priviligiert Heterogenität, Differenz und Pluralismus: Wiederholung und Differenz sind an die Stelle des Neuen und der Identität getreten. Alle Identitäten (Einheitsvorstellungen) gelten als simuliert und wie ein optischer Effekt durch das Spiel von Wiederholung und Differenz erzeugt. Die postmoderne Kritik an der Moderne versteht die Wiederholung, der Konkurrenz zum Neuen enthoben, nicht mehr negativ, sondern setzt sie als positive Möglichkeit von Handlung: Die Wiederholung als eine Tat der Differenz. Das Wiederholen will ein Noch-einmal, doch dieses Wieder findet nie zur selben Zeit statt, die Zeit selbst setzt einen Unterschied, und die Wiederkehr wird Vergegenwärtigung, Vergangenes wird abwesend anwesend.“

Macht die Wiederholung das Neue überhaupt erst möglich?

Ist unsere vermaledeite Verzweiflung und unser klägliches Jammern angesichts der Wiederholung am Ende des Tages doch nur hausgemacht und unserem zynischen Wetteifern mit Phil dem Wetterfrosch geschuldet. Unserem Zynismus, den Peter Sloterdijk einmal als aufgeklärtes, unaufgeklärtes Bewusstsein definierte?

Würde es daher uns und unserem seelischen Wohlbefinden nicht gar gut zu Gesichte stehen, wenn wir endlich die Chancen und Möglichkeiten der Wiederholung bewusst erkennnen würden? Denn das, was uns die Wiederholung ermöglicht ist keine Kopie wie bei der Reproduktion, sondern Ausdruck einer Interaktion mit der Lebenswirklichkeit, die (wenn man kopf- und gefühlsmäßig dazu in der Lage ist) die Differenz betont und so das Verschiedene, das Neue im Alten zum Vorschein bringt.

Wir brauchen nämlich das Alte nicht nur als Herkunftsbindung, sondern die Wiederholung auch als Tastatur der Originalität, als Möglichkeitsraum, der in der Differenz erst das Neue ermöglicht.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr Wiederholung im Neuen und einen offeneren Blick für die Differenz.

Ihr Ulrich B Wagner

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Christoph Schroeder

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