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Die Arbeitswelt von morgen – mobil und hypervernetzt

Fachinterview aus dem Live.TV-Studio auf der Communication World 2011 in München mit Willi Schroll, Senior Foresight Consultant, eng mit Z_punkt – The Foresight Company verbunden.

Willi Schroll berät als Trend- und Zukunftsforscher seit über 15 Jahren Unternehmen und Organisationen zu den Herausforderungen der Zukunft. Er beobachtet die Schlüsseltrends für Wirtschaft und Gesellschaft, erstellt Trendreports und Szenarien. Sein besonderer Fokus gilt dem rapiden Wandel der Kommunikationstechnologie und deren Wirkung auf Unternehmen und Konsumenten.

 

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Herzlich Willkommen zu einem weiteren Fachinterview von der Communication World 2011. Das Thema ist die Arbeitswelt von Morgen, mobil und hyper vernetzt. Mein Gast ist Willi Schroll. Senior Foresight Consultant, ein Zukunfts- und Trendforscher und seit über 15 Jahren in dem Business. Können Sie sich bitte kurz vorstellen und Ihren Arbeitsbereich etwas näher skizzieren?

Ein Zukunftsforscher berät Unternehmen bzw. Organisationen bei Zukunftsfragen. Mein Schwerpunkt ist dabei Emerging Technologies, das heißt Zukunftstechnologien, speziell IKT, also Informations- und Kommunikationstechnologien. Hier geht es immer wieder um dieselben Fragen. Was wird morgen und übermorgen passieren? Also in größeren Zeithorizonten, welche Trends lassen sich jetzt beobachten? Welche Projektionen lassen sich ableiten? Welche Handlungsempfehlungen gibt es dann?

Dies ist ein sehr breites Feld, wir möchten uns auf die Arbeitswelt von morgen konzentrieren. Was für Veränderungen werden auf uns zukommen? Was meinen Sie, sind hier die ganz großen Trends?

Die technologischen Trends der Arbeitswelt sind eigentlich sehr gut zusammengefasst indem, was wir heute schon vorscheinhaft erleben im Smartphone. Wenn man sich überlegt, was da drinnen ist – realisiert durch die Verbilligung von Speicherplatz, Bandbreite, aber auch durch andere Qualitäten. Das heißt, es kulminiert in diesem kleinen Gerät immer mehr Intelligenz, mehr verfügbare Information und auch echtzeitfähige Information, die mir über die Umgebung aber auch über völlig entfernte Gebiete und Sachgebiete jederzeit Informationen zur Verfügung stellen. Das hat dann sekundär weitere Trends zur Folge.

Wir erhalten momentan schon Informationen aus der Echtzeit in der Arbeitswelt. Wir werden mit Emails und allem möglichen bombardiert. Was ist genau der Unterschied oder was passiert in Echtzeit? Oder was kommt hinzu, was noch schneller wird?

Im Vorfeld habe ich auch überlegt, was bedeutet Echtzeit nun wirklich außer dass sehr viel davon geredet wird? Entscheidend ist die Umsetzung von Echtzeit-Information in Entscheidungen. Wir versinken auch in Informationen, die Schattenseite dieser Informationsflut ist, dass der Filtergebrauch immer wichtiger wird, oder umgekehrt aus der Schattenseite ergibt sich, dass der Filtergebrauch immer wichtiger wird. Wer die Kollektivierung nur steigert, aber sich nicht um die Tools für der Filterung und die Relevanzsteigerung bemüht, der wird keinen Spaß an Echtzeitinformation haben. Er wird zum Getriebenen und behält seine Souveränität im Entscheiden gerade nicht. Umgekehrt wird er durch immer mehr Informationen verwirrt. Das heißt, ausgeglichen zwischen Kollektivierung und Nachdenken über Filter und Kriterien zu agieren wird immer wichtiger.

Das ist ein ziemlicher Spagat, den man machen muss. Einerseits werden wir bombardiert mit zunehmender Information. Die Filter, die benötigt werden, die basieren darauf, dass ein Datenprofil von uns da ist. Sowohl von mir als Nutzer, aber auch von der Umgebung, so dass der Filter antizipieren kann. Was will ich und mir entsprechende Lösungsvorschläge schon anbietet. Das bedeutet, dass eigentlich die Datensicherheit mit dem Filter im Widerspruch steht. Kann man das so auffassen?

Es gibt in neuerer Zeit dazu auch das Schlagwort von der Filterblase, dass diese Mediatisierung eine immer größere Rolle für unsere gesamte Wirklichkeitswahrnehmung spielt. Wir befinden uns in einer ständigen Blase, ohne es zu merken, die unsere Erfahrungswirklichkeit vorfiltert. Es ist völlig richtig, das können wir natürlich durch kritische Reflexion wieder unterlaufen. Das heißt, indem ich mir dessen bewusst werde, was in diesem Fall gerade passiert, kann ich natürlich auch gegensteuern. Ich kann mich entscheiden, aus dieser Filterblase heraus zu treten, mich für Neues interessieren, ganz bewusst explorativ werden. Das wird in der Wissensgesellschaft sowieso zur zentralen Tugend: Neugier, Exploration, Phantasie, von Routinen abweichend und „out of the box“ zu denken.

 

Sind das die zentralen Dinge in der Entscheidungsfindung, die sich dann ändern werden? Wie muss man sich das vorstellen? Wie wird sich die Arbeitswelt nun konkret aus der Sicht des Arbeitnehmers ändern, denjenigen, der mit dem mobilen End-Devices unterwegs ist?

Sehr konkret kann man das branchenübergreifend, also für Generalisierungen, nicht sagen. Das ist für einzelne Branchen, für einzelne Positionen und Rollen im Unternehmen völlig verschieden. Nehmen wir das Paradebeispiel den Knowledge Worker, der viel unterwegs ist, der auch völlig damit zufrieden ist, dass sein Arbeitsplatz nur noch aus einem Notebook und z.B. zwei Tablets und einem kleinen Smartphone besteht. Es sind vier Geräte, die ein Büro komplett abbilden. Er ist redundant abgesichert in der Wolke, und jederzeit umgebungsintelligent in dem Sinne, dass Knowledge Worker Tools benutzen, die ihm erklären, wer gerade von seinen Bekannten in der Nähe ist, um die neuesten businessrelevanten Ideen oder Fakten auszutauschen, so dass hier die Kontextintelligenz und die veränderten Arbeitskulturen zusammenlaufen – auch in einem ganz neuen Hardwaregefüge.

Der hypermobile Knowledge Worker ist zu jeder Zeit an jedem Ort erreichbar. Das überstrapaziert aber die menschliche Psyche. Über 10% der Krankmeldungen in Deutschland sind mittlerweile auf Burnout-Syndrom zurückzuführen. Größenordnung 30 Milliarden Euro, hinzu kommen noch die Verluste bei den Unternehmen durch Ausfall etc., das summiert sich auch nochmal auf 30 Milliarden Euro. Und das wird noch mehr und mehr zunehmen. Wie kann sich der hypermobile Mitarbeiter dagegen wehren? Wie muss er damit umgehen? Muss er einen Schlussstrich ziehen? Kann er im Unternehmen sagen, ich bin jetzt nicht erreichbar, obwohl er die komplette Hardware zur Verfügung hat?

Die Psychologie oder Soziologie würde von Erwartungserwartung sprechen. Das heißt, die Erwartungen, die ich bei anderen auslöse, was die dann von mir erwarten, die kann ich ein bisschen steuern. Wenn ich mich sehr inkonsistent verhalte, d.h. einmal bin ich total angebunden und immer erreichbar, das nächste mal bin ich total ärgerlich, dann fragt man sich, was hier meine Kommunikationspolitik oder meine Präsenzpolitik ist. Um die muss man sich heute kümmern. Meine Empfehlung wäre schlicht, Souveränität zurück zu gewinnen und sich sehr bewusst Regeln zu setzen – und diese auch durchzuhalten, so dass man seine Umgebung auch mit erzieht. So dass sie weiß, der ist nicht gerne nach 20 Uhr Abends noch bereit, Gespräche zu führen. Das macht gar nichts, denn ich weiß genau, morgen früh um 9 Uhr kann ich das machen. Dann wird das auch erledigt, dann wird das funktionieren. Schlecht ist nur, wenn ich nicht mehr weiß, was die Zeitfenster bei einem Mitarbeiter ausmacht.

Innerhalb dieses Zeitfensters, indem er zur Verfügung steht, ist er produktiver. Es wird Leerlauf herausgenommen. Es macht nichts aus, wenn man sagt, man ist nur zehn Stunden erreichbar, denn in den zehn Stunden arbeitet man mehr, als man vor 10 bzw. 15 Jahren hätte schaffen können. Durch die gesamte Weiterentwicklung der Technologie.

Die Verlässlichkeit wiegt den Rückgang an sogenannter Flexibilität voll auf, weil die Arbeitsabläufe, die davon abhängen, sich wiederum darauf einstellen können. Natürlich haben heute wenige den Mut, relativ strickte Zeitschranken zu setzen. Unternehmenskulturell wird sich das ziemlich sicher wieder dahin entwickeln. Einfach weil, wie Sie sagen, die Zahlen bei Burnout-Syndrom und anderen Stresssymptomen zu sehr zunehmen und der Gesamtschaden auch zu groß ist.

 

Sie haben gerade skizziert, wie sich die Arbeitswelt für den Arbeitnehmer ändert. Entgrenzung, aber auch die Verpflichtung, selbst Grenzen zu setzen. Aber wie ändert sich nun die Arbeitswelt aus Sicht des Unternehmens? Wie geht man mit dieser mobilen Revolution um? Was für Trends bzw. Auswirkungen wird das haben?

Das ist ein ganz weites Feld. Hier stehen die Regale voll mit Literatur, was sich alles verändert oder noch verändern wird. Hier muss man sehr kritisch in den Einzelfall schauen, die einzelne Branche, was hier überhaupt machbar ist. Auch hier gilt die Ermutigung, mehr Vertrauen in die Selbststeuerung zu haben. Wenn ich ihnen gewisses Vertrauen und Freiheiten entgegenbringe, werden sie auch tatsächlich verantwortungsvoll damit umgehen. Während sie durch Kontrolle eher unter dem Druck stehen, sich ihren Freiraum auf andere Weise wieder herauszuholen. Das zeigen auch Untersuchungen. Allerdings gibt es hier kein Patentrezept.

Stichwort Leistungsmotivation und Arbeitsmotivation – dass man das nicht abwürgt, indem man zu sehr kontrolliert, sondern Freiraum lässt, der gleichzeitig auch Verantwortung schafft. Kann man das so sagen?

Genau, das darf kein Lippenbekenntnis bleiben. Das kann sehr konkret so aussehen – Stichworte für uns Trend- und Zukunftsforscher sind da seit Jahren „open innovation“ und „Co-creation“. D.h. dass wir gemeinsam mit dem Kunden oder mit dem ganzen Ökosystem ein bisschen in die Wettbewerber hineinfühlen. Vor allem mit den Kunden und Endkunden Dinge weiterentwickeln, verbessern, zuhören und dann natürlich auch bei den Mitarbeitern entsprechend die Ohren aufsperren. Was kann hier noch an einer gewissen Arbeitszufriedenheit gesteigert werden, ohne dass der Betrieb darunter leidet… Es sind oft einfache Dinge, Themen die lange Jahre besprochen werden, wie Flexibilisierung, freie Arbeitszeitwahl, die Vereinbarung von Zielen. Wenn man gemeinsam die Ziele reflektiert, dann gibt es genug Beispiele, in denen das auch zum unternehmerischen Erfolg führt.

Noch kurz ein letzter Satz: Sind diese Entwicklungen aus Ihrer Sicht Fluch oder Segen … im Hinblick auf die Arbeitswelt, auf die Entgrenzung, auf die Mobilität?

Die Öffnung und die Entgrenzung sind zwei Seiten einer Medaille. Durch die Freiheit, die wir haben, das mitzugestalten, können wir das auf jeden Fall zum Segen machen. Denn wenn die ganze Welt konnektiert wird, über die technologische Konnektivitätssteigerung, kann auch eine soziale Vernetzung und damit auch eine empathische Vernetzung erfolgen – also dass die Menschen sich zusammengehörig fühlen, dass sie gemeinsame Ziele verfolgen können – dann bekommt das nochmal eine andere Qualität. Die Schattenseite wird immer zu beobachten sein und darf auch nicht vernachlässigt werden, also welche negativen Effekte es geben kann. Aber letztlich, wie wir auch in der gegenwärtigen Sicht auf die Welt sehen können, beispielsweise beim arabischen Frühling, emergieren durch die soziale Vernetzung Prozesse, die letztlich die Gesamtvernunft steigern können.

Mehr Informationen bedeutet dann auch intelligenteres Verhalten?

Das ist eine uralte Hoffnung. Ich werde sie beibehalten.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Ich danke Ihnen.

 

Das Gespräch führte Marc Brümmer, Redaktionsleitung AGITANO.

 

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