Kolumnen

Die Farbe Blau… Oder die Lüge als postmodernes Lebensprinzip

Blau ist viel mehr als eine Farbe. Wir leben auf dem blauen Planeten – der Erde, die, wie alle berichten, die sie bisher vom All aus betrachten durften, aus der Ferne so verletzlich wird. Wie lang wird das noch so bleiben? Wir müssen unsere Erde schützen, wenn wir wollen, dass sie weiterhin blau bleibt – und sich nicht rot verfärbt.

In seiner heutigen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ warnt Ulrich B Wagner vor dem Rückzug ins Private.

Das Luftblau entsteht durch die körperliche Dichtigkeit der Luft, die zwischen der oberen Finsternis und der Erde lagert. An und für sich hat die Luft keine Art von Geruch, Geschmack oder Farbe. Allein sie nimmt den Schein aller Dinge an, die sich hinter ihr verbergen. Sie wird von um so schönerer Bläue werden, je größer die Weltfinsternis hinter ihr ist.

Leonardo da Vinci

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren ? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche. Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus. »Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln. Man ist klug und weiß Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch; aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen. Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht, aber man ehrt die Gesundheit. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Friedrich Nietzsche

 

Blau, blau, blau…

Blau ist blau.
Blau ist beliebig.
Blau ist austauschbar.
Blau ist international.
Blau?!
Eine Farbe?
Oder doch nur…?
Ein Lebensgefühl…

Wir waren in den Retrospektiven von Yves Klein. Haben mit Derrida und Konsorten die Welt dekonstruiert, das Foucault’sche Pendel über unsere Köpfe kreiseln lassen, begrüßten die Variabilität und Vielfalt der Wahrheit und ersehnten das Aufgehen in einer kosmischen Unendlichkeit als Triumph über die göttliche Transzendenz.

Wir begannen mit Jan van Eyck, Piero dela Francesca und Leonardo da Vinci das Gold hinter uns zu lassen und tauchten schließlich unter in einem Meer aus Ultramarin.

Doch was uns jetzt bleibt, ist Yoga und ein veganer Ernährungsstil. Doch davon später gerne mehr.

Alles nur Illusion?

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Blau – eine magische Farbe. (Bild: © Ulrich B Wagner & Alistair Duncan / alistairduncan.de)

Wenn ich mich recht erinnere, war es einmal wieder der gute alte Friedrich Nietzsche, der lange vor den großen postmodernen Denkern davon sprach, dass es keine Tatsachen mehr gäbe, sondern nur Interpretationen. Und Blau scheint ihre Farbe zu sein.

Das Blau der Jungfrau Maria, das Blau ihres Mantels, das Blau des Himmels, der über sie wacht und dem sie doch entsprungen zu sein scheint. Hell und göttlich. Die blaue Blume. Die blaue Grotte. Das blau des Bembels, wie wir in Hessen das tönerne Aufbewahrungs- und Ausschankgefäß liebevoll nennen.

Blau. Dämonisch fast. Fast eine Verführung.

Der blaue Planet

1961, der erste Mensch im All spricht es erstmals aus, das, was uns, oder besser unseren Vorfahren, bisher auf jeden Fall nicht diesem Maße, auch wenn sie es vielleicht erahnten, bewusst war: wir leben auf einem blauen Planeten. Ist das wirklich so? Eine Täuschung vielleicht, eine Wirklichkeit unter vielen? Oder anders bzw. auch einfacher gefragt: Wie lange noch, bevor er sich in ein einziges rötliches Rauschen verwandeln wird und das, was wir als Blau bezeichneten, doch nur ein Schleier war?

Es war Leonardo da Vinci, der uns wie bereits am Rande erwähnt, vor mehr als fünfhundert Jahren die Helligkeit des blauen Taghimmels erklärte. Die Atmosphäre wirke dabei wie eine Art Filter und verschlucke das Licht in den feuchten Partikeln der Luft. Die historische Optik benutzte einstmals dafür den Begriff der Kondensation. Aristoteles, aber auch Alberti, sahen in dem Luftfilter eine Schwächung der Farben begründet, ein negativer Vorgang also. Nicht jedoch für Leonardo, der den Vorgang durchaus positiv sah, da er erst das Licht der Feuerregion sichtbar mache, erst sie gäbe der Atmosphäre die Helligkeit.

Alles ist alles und doch auch wieder nichts.

Yves Klein: Blau par excellence

Im selben Jahr, in dem Gagarin unseren Planeten blau taufte, hatte ein Pariser Künstler vierhundert kleine Naturschwämme eigenhändig blau gefärbt. Zahlreiche Ausstellungsbesucher in der beschaulichen deutschen Stadt Krefeld konnten zum Preis von drei Mark die Stücke als Katalogbeigabe erwerben.

Der Katalog – Preis: sieben Mark – enthielt unter anderem einen blauen, einen rosa Pappdeckel und einen goldenen. Von diesem rieselte den scheu zugreifenden Kunstfreunden einiges Blattgold auf den Anzug.

Dem Katalogtext zufolge sollten die Besucher diesen Zerfall aber nicht etwa als Malheur, sondern vielmehr als „das Rauschen des Goldes an sich“ oder gar als ein Symbol für „den Alten Bund …, das Gesetz und Gottvater“ auffassen. Die derart kostbar garnierte Kunstschau hieß „Monochrome und Feuer“ und wurde im Museum „Haus Lange“ der Samt- und Seidenstadt Krefeld veranstaltet.

Der Schwamm- und Blattgold-Verarbeiter war ein 32jähriger Franzose aus Nizza namens Yves Klein, der sich bereits mehrfach geschickt als Schau-Künstler ausgewiesen hatte und in Folge seines exzessiven Blaumischens auch nur nur noch zwei läppische Jahre zu Leben hatte.

Es war ebenfalls Klein, der vor privilegiertem Publikum nackte Mädchen ihre mit blauer Farbe beschmierten Körper gegen Leinwände und Bahrtücher pressen ließ und den „Haus Lange“-Direktor Paul Wember im Katalog über diese damals eher noch ungewöhnliche Malmethode zu der folgenden Aussage verleitete: „Dahinter stecke ein tiefer theologischer Sinn über die Notwendigkeit der Fleischwerdung des Geistes.“

All das war einmal. Warum erzähle ich ihnen eigentlich davon. Von unserem Blaufink, von der Vielfalt der Wirklichkeiten, der Wahrheiten und all den anderen Versprechungen der Postmoderne?

Schöne neue Welt?

Es war Boris Schumatsky, der 2014 in DIE ZEIT an diese Utopie der Postmoderne erinnerte, an diese vermeintlich, neue, schöne Welt der Diversität und Differenz, losgelöst von bindenden Werten in Denken und Politik, emanzipiert vom Diktat universeller Menschenrechte.

Mit Recht verwies er darauf, dass wir Habermas damals nicht hören wollten, als er in der postmodernen Vernunftkritik eine neue Welle der Gegenaufklärung erkannte.

Doch es dauerte dann bekanntlich nicht lange, bis unsere befreiende Postmoderne ihr politisches Zerrbild im Medienpopulismus eines Berlusconi fand, wie es der Philosoph Maurizio Ferraris in seinem Manifest des neuen Realismus schreibt, und dann in Putins Propagandastaat. Denn Wladimir Putin ist ein noch besserer Postmodernist als sein italienischer Männerfreund je werden kann.

Es waren die medienwirksamsten Vorreiter dieser Machtpraktiken, die Damen und Herren im restlichen Europa, den USA, oder besser egal welche Machtmenschen dieser Welt, ob ISIS oder die angeblichen Retter Griechenlands und Hüter unseres Währungssystems lügen, weil sie es aufrichtig und redlich glauben, dass es sowieso keine Wahrheit gibt.

blau, parkplatz, schild
Oder doch nur eine ganz profane Illusion? (Bild: © Ulrich B Wagner & Alistair Duncan / alistairduncan.de)

Lügen – oder Illusionen?

Häufig beginnt das Lügen bei simplen Fakten oder, um unseren russischen Freund in Erinnerung zu bringen: Erst hieß es, es gäbe keine russischen Soldaten auf der Krim, dann gab es sie wohl. Erst gab es sie nicht in der Ostukraine, dann doch, aber sie hätten sich dorthin verlaufen, nein, sie machten dort bloß Urlaub, und sie wollen sowieso nur Frieden. Das klingt wirr, ist aber Strategie.

Denn als Instrument der Politik ist die Lüge besonders effektiv, wenn sie nicht mit einer Selbsttäuschung einhergeht. Um Lügen durchzusetzen bedarf es jedoch Macht. Eine Lüge, von Schlägern erzählt, so nannte Ernest Hemingway noch den Faschismus: „Fascism is a lie told by bullies“.

In unsren Tagen ist es das Geld. Das Geld der Finanzmärkte, dass die Lüge zum Lebensprinzip erhoben hat.

Als Kinder der Postmoderne glauben wir nämlich weder an Gott noch an Boden und Blut, sondern nur noch an die Macht des Geldes und die mit ihr verbundenen zwei Buchstaben: PR, Public Relations. Dieser Glaube besagt, dass alle Menschen käuflich sind, von Journalisten bis Politiker, von Russen bis Amerikaner. Niemand sagt die Wahrheit, und es zählt nur das, was als englischer Lehnbegriff zum Inbegriff von Wahrheit, Charakter, Gut und Schlecht, Oben und Unten, zur einzigen Wahrheit wurde.

Es ist die wahre Wahrheit unsrer Zeit, und diese Wahrheit ist die Lüge.

Sie alle lügen uns das Blaue vom Himmel herunter, bis es schließlich blutrot durch unser aller Leben fließt.

Der blaue Planet – klein und verletzlich

Seit Gagarin sind es weit mehr als fünfhundert Menschen, die den Anblick auf unseren blauen Planeten genießen durften – und alle sind sich in ihrer Bewunderung einig. Und alle berichten von Beobachtungen, die schon Gagarin schilderte: Das Blau des Himmels und der Meere, wie verletzlich die dünne Atmosphäre aus der Höhe wirkt, wie kostbar doch unser Planet und das Leben darauf sind.

Ich glaube nicht, dass es ausreichen wird, wenn wir uns in unseren Yoga-Welten zu beruhigen und zu entspannen lernen, genauso wenig wie eine vegane Ernährung die Antwort auf Lebensmittelskandale, Massentierhaltung und Junk Food darstellt.

Vielleicht wird es einfach auch wieder Zeit sich dem „wahren“ Projekt Postmoderne zu widmen und dafür zu kämpfen. Ein Rückzug ins Private könnte fatal enden. Auch die Flüchtlinge sind nur Vorboten, Vorboten für das, was uns allen passieren wird, wenn wir uns und unseren blauen Planeten aus den Augen verlieren.

Lassen Sie uns die Welt wieder blau erscheinen. Blau in all seinen Nuancen, und Farbtönungen. Erst dann können wir wirklich einmal wieder anständig blau machen. Streichen wir sie doch blau, schreiben mit blauer Farbe unseren Protest an ihre Häuser, färben sie ein, all die Gazetten und Lügenverbreiter.

Die Anleitung zum Mischen des Blaus in guter Yves Klein Manier finden Sie unten.

Ihr

Ulrich B Wagner

I.K.B. / Das Yves Klein BLAU
Für seine Farbmischung „International Klein Blau“ wurde Yves Klein am 19. Mai 1960 das Patent Nr. 63471 ausgestellt. Der Text des Patentantrags lautete:
„Internationales Klein Blau wurde von Yves Klein le monochrome in den Jahren 1954-55- 56-57-58 entwickelt. Die genaue chemische Formel lautet:
FIXATIV von I.K.B. 1,2 Kilo
Rhodopas (zähflüssiges Produkt)
M A (Rhône Poulenc) (Vinylchlorid)
2,2 Kilo Äthylalkohol 95 Prozent industriell, denaturiert
0,6 Kilo Athylazetat
Eine Gesamtmenge von 4 Kilo.
Kalt mischen durch kräftiges Schütteln und niemals unbedeckt erhitzen! Dann das reine Ultramarinblau (…) in Puderform mit dem Bindemittel im Verhältnis zu 50 Prozent mischen – wenn man 1/10 der Gesamtmenge mit reinem Azeton vermischt – und 40 Prozent – wenn man reinen Alkohol hinzufügt, mischen. Mit einer Rolle, einem Pinsel oder einer Spritzpistole auf einen Trägergrund aus Holz (…) oder Hartfaserplatte auf der Rückseite mit Streifen verstärkt, auftragen. Mit Zellophan abdecken.“

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner, irrsinn, das positive denken
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen
und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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