Kolumnen

Die nächste Revolution in Deutschland …

… muss eine Revolution des Lebensstils sein

 

Viele schauen in diesen Tagen fasziniert nach Stuttgart. Wer hätte gedacht, dass die Schwaben eine solche Energie, Ausdauer und Entschlossenheit zeigen würden? Die Gründe, warum so ein breites Spektrum der Bürgerschaft Montag für Montag und oft auch freitags oder samstags zu Zehntausenden auf die Straße geht, sind vielschichtig und wurden andernorts schon analysiert. Auch warum eine Anti-Atom-Bewegung wieder erstarkt, die jünger, teils bürgerlicher und in jedem Fall bunter und fröhlicher, aber nicht minder politischer ist, als die der 70er und 80er Jahre.    Von Heike Leitschuh*

 

Ich aber frage mich, wie es möglich ist, dass Menschen Hunderte von Kilometern durch de Republik fahren, dafür am Samstag verdammt früh aufstehen, um in Berlin bei der Umzingelung des Regierungsviertels dabei zu sein und gleichzeitig es nur ein Bruchteil von ihnen fertig bringt, ein simples Formular auszufüllen, mit dem man den Stromanbieter wechseln kann: Um ein für alle Mal sicherzustellen, dass kein Cent aus dem eigenen Portemonnaie mehr in die verhasste Atomenergie fließt. Die große Chance, die eigene Macht und den Einfluss als Kunde zu nutzen, den Energiekonzernen die rote Karte zu zeigen, wird bislang nur von einer Minderheit genutzt, die wesentlich kleiner ist, als die Zahl derjenigen, die Kernenergie ablehnen.

 

Kollektive Schizophrenie

 

Es herrscht eine seltsame Schizophrenie im Land. Was man als politisch denkender Mensch ablehnt, ist offenkundig dann doch akzeptabel, wenn man als Verbraucherin, als Verbraucher handelt. So gibt es die Gewerkschafter, die gegen schlechte Arbeitsbedingungen bei Discountern wettern, um kurz darauf die gute Qualität des ach so billigen Weins bei Aldi & Co. zu loben. Wir empören uns vor dem Fernseher über die skandalöse Kinderarbeit im Kakaoanbau und haben alles am Tag darauf wieder vergessen, wenn wir Schokolade kaufen. Über die Aktivisten gegen eine neue Flughafenlandebahn, die mal eben schnell – noch vor dem Ende der Nachtruhe, weil die Billigflieger darauf schon mal gar keine Rücksicht nehmen – zum Kurzurlaub gen Süden aufbrechen, will ich erst gar nicht reden.

 

Es gibt so viele Beispiele, ich weiß, es ist alles nicht wirklich neu. Doch noch immer stehen wir relativ hilflos vor diesem Phänomen der kollektiven Schizophrenie. Was den Ökostrom angeht, so haben zwei TAZ-Autoren dazu einen intelligenten Artikel geschrieben, und meinen neben Bequemlichkeit, Informationslücken, Scheu vor höherem Preis und Angst vor schlechterem Service sei manchen Leuten die Werbung der Alternativstromer einfach zu politisch. Politik und Vertrauen in Produktqualität scheinen sich für viele also nicht so recht zu vertragen.

 

Zentral scheint mir jedoch auch die Frage, wie es gelingen kann, die einsam getroffene Konsumentscheidung zu einem kollektiven Erlebnis der Vielen zu machen. Die Stuttgarterin, der Stuttgarter kommen ja deshalb jeden Montag in den Schlossgarten, weil er und sie  sich inzwischen fest darauf verlassen kann, dort das Erlebnis zu haben, Teil eines großen und deshalb einflussreichen Ganzen zu sein – ein Erlebnis das auch richtig gute Gefühle macht. Dieses Glückgefühl dürfte beim Kauf der Schokolade im Supermarkt oder eben dem Stromwechsel wohl kaum aufscheinen. Trotzdem gäbe es Möglichkeiten, sichtbar zu machen, dass unsere scheinbar unbedeutende Einzelaktion Wirkung in der Masse zeigt.

 

Änderungen im eigenen Verhalten herbeizuführen, ist eine der schwersten Übungen überhaupt. Es ist dies jedoch nicht nur ein Thema für die Psychologen und Soziologen. Offenkundig ist auch die politische Einsicht noch nicht gereift, dass der eigene Lebensstil, die tagtäglichen vielen kleinen und großen Entscheidungen, was wir tun und lassen, was wir kaufen oder nicht, gravierende Auswirkungen auf die Lebens-, Produktionsbedingungen, ja auf das ganze Wirtschaftssystem dieses Landes und in der Welt hat. Die Debatte über die Energiepolitik zum Beispiel ist derzeit ganz und gar technikzentriert. Doch auch 100 Prozent Erneuerbare werden uns nicht retten, möglicherweise sogar neue Probleme einbringen (Stichwort Landschaftsverbrauch), wenn nicht parallel zum Technologiewechsel auch der Konsumwechsel stattfindet.

 

Das oberste Gebot heißt noch immer: viel weniger und effizienter verbrauchen. Wir wissen im Grunde alle, dass wir schon recht bald ganz viel ganz anders machen müssen. Jeder einzelne von uns. Doch so lange es geht, zögern wir es hinaus. Und wundern uns, dass es die Konzerne nicht anders machen. Bis zum letzten Tropfen Öl …  Wir sind damit Teil des Problems, Teil eines Systems, das überwunden werden muss.

 

Opfer sind auch Täter

 

1880 hatte Paul Lafargue in seiner Schrift „Recht auf Faulheit“ den Arbeitern eine Mitschuld an ihrem Elend und ihrer Unterdrückung im Kapitalismus gegeben, weil sie die Arbeit als Mittel zum Konsum uneingeschränkt ins Zentrum ihres Lebens stellen. Noch heute ist es nicht opportun, Kritik an einer Lebensweise zu üben, die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen zumindest mit befördert. Wir sehen uns gerne als Opfer einer falschen Politik und übermächtiger Konzerne. Wir sind jedoch mit verantwortlich. Verantwortlich, weil wir falsche Politik zulassen und Konzerne nicht in ihre Schranken verweisen – nicht zuletzt weil wir den immer neuen Verlockungen des Konsums erliegen. Wir sind auch Täter!

 

Die Stuttgarter kämpfen gegen einen Tiefbahnhof, der die Fahrtzeit um wenige Minuten verkürzen soll.

Hoffentlich sind die Bahnkunden unter ihnen bereit, auch andernorts längere Fahrtzeiten in Kauf zu nehmen, denn die Politik der Bahn, die Schnelligkeit auf den Fernstrecken über Pünktlichkeit, Service und Verbesserung des Regionalverkehrs stellt, ist auch marktgetrieben. Vergessen wir bitte nicht, dass unser Mobilitätsverhalten ein durch und durch ungeduldiges geworden ist.

 

Es wird Zeit zu begreifen, wie politisch der Konsum ist, wie stark wir alle mit diesem Wirtschaftssystem, das noch so wenig nachhaltig ist, weil es dem irrationalen Wachstumsglauben folgt, ganz persönlich, ganz privat verbandelt sind. Und wie groß unsere Möglichkeiten sind, das System zu ändern: Mit einer Revolution des Lebensstils.

 

Mut zu Utopien

 

Wahrscheinlich fehlt uns noch die Phantasie, wie das neue Leben aussehen könnte. Utopien haben in diesen Zeiten, da alle nur noch nach dem nächstliegenden schielen, keine Konjunktur. Es gibt sie aber, die Blicke in eine mögliche, attraktive Zukunft, in der wir als vorrangig soziale statt konsumierende Wesen „gut leben statt viel haben“. Es gibt die vielen spannenden Ansätze im Buch „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ von Brot für die Welt, BUND und Evangelischem Entwicklungsdienst. Die Zeit scheint noch nicht reif zu sein, dass diese Denkanstöße breiter zur Kenntnis genommen werden. Die Zeit wird aber kommen (müssen).

 

„Nichts ist unveränderbar. Engagement lohnt sich, Geschichte ist kein Schicksal. Geschichte wird gemacht. Ihr könnt sie verändern", sagte Bundesratspräsident Jens Böhrnsen zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Verändern wir also auch uns, damit sich Politik und Wirtschaft ändern.

Grundlegend!

 

 

* Die Autorin ist Journalistin, Moderatorin und Beraterin für Nachhaltigkeit und lebt in Frankfurt

 

 

Quelle: © Franz Alt 2010
 

 

 

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