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Dr. Know – nach Hause telefonieren!

… aus der wöchentlichen Kolumne „Ich bin total beliebt, es weiß nur keiner“ vom Speaker, Trainer, Impro-Comedian und Moderator Ralf Schmitt. Nachdem Sie in „Herr Macht – alles eine Frage des Status“ erfahren haben, wie Sie mit Kollegen fertig werden, für die sich alles nur um das Eine dreht – um sich – geht es heute um den allwissenden Dr. Know.

 

Liebe Leser, heute möchte ich gerne über einen Kollegen-Typus schreiben, bei dem sich hohe Intelligenz mit sozialem Analphabetismus paart. Dieser Kollege weiß alles, aber kennt keinen oder keiner möchte ihn kennen.

Das Kommunikationsverhalten eines Toten

Dr. Know, Labor, Chemikalien, Forschung
Dr. Know: Das Labor ist seine Welt. (Bild: Paul-Georg Meister / pixelio.de)

Er trägt zwar einen wohlklingenden Titel wie „Dr.“ oder „Dipl.-Ing.“ und ist mit einen IQ von 165 ausgestattet, aber kommunikativ bewegt er sich auf dem Stand eines Vierjährigen. Ähnlich wie ein Vierjähriger wirft er nämlich 400 Fragen pro Tag auf. In die Beantwortung seiner eigenen Fragen ist er dann so eingebunden, dass ihn Themen und Problematiken anderer gar nicht erst tangieren. Sprich, er beantwortet keine Anrufe, Mails, Faxe, SMS oder ähnliches. Sein Kommunikationsverhalten gleicht dem eines Toten. Dieser Kollege, den ich liebevoll Dr. Know getauft habe, ist, meiner Erfahrung nach, sehr häufig zum Beispiel in der Produktentwicklung oder auch in der IT anzutreffen.

Die Welt vor dem Plastik-Kollaps gerettet

Seit sage und schreibe vier Wochen und inzwischen gefühlten 100 Kontaktversuchen, habe ich mich gestern auf den Weg in die „Katakomben“ meines persönlichen Dr. Know gemacht, um Eckdaten über eine Produktneuheit zu erfahren, die ich in der nächsten Woche auf einer Messe präsentieren soll. In seinem Labor erwartet mich folgendes Bild: Dr. Know sitzt kichernd vor seinem Bildschirm, weil er gerade entdeckt hat, wie sich die Halbwertszeit einer Plastiktüte auf 380 Jahre verringern lässt. Somit hat er unseren Planeten vor dem endgültigen Plastik-Kollaps gerettet, eine zugegebenermaßen höchst wichtige Aufgabe. Wenn ich aber heute die nötigen Produkt-Informationen nicht bekomme, werde ich auf der Messe ausschließlich improvisieren müssen. Nicht, dass ich etwas gegen Improvisation hätte, aber ich wüsste schon gerne, was ich da eigentlich vorstelle. Sollte ich heute ohne Informationen diese Schaltzentrale verlassen, dann werde ich mir die halbzerfallene Plastiktüte über den Kopf ziehen beim Präsentieren.

Es muss ein Mensch sein

Sie denken jetzt, so schlimm kann es doch nun wirklich nicht sein. Ich schwöre Ihnen, es ist noch viel furchtbarer. Als ich ihn anspreche, dreht er den Kopf in meine Richtung und scheint zu denken: „Ah – 60 Prozent Wasser, 16 Prozent Proteine, 10 Prozent Lipide, 14 Prozent anderes … gekleidet in einem dunklem Anzug mit Krawatte: Es muss ein Mensch sein.“ Er begibt sich also in das, was er wahrscheinlich „Kommunikationsmodus“ nennen würde und sagt: „Was führt Sie in meine Gefilde“. Die Antwort interessiert ihn aber nicht. Er verschwindet noch im Sprechen bereits hinter einem Regal und fährt fort „gerade habe ich entdeckt …“. Er läuft weiter in Richtung Abstellraum. Ich folge ihm. Setze vorsichtig zu meiner Frage nach den Produktdetails an, als er schon anfängt über Kunststoffe zu philosophieren und was sie für unsere Branche bedeuten. Mein nächster Frageversuch wird von Geschirrklimpern aus der Kaffeeküche unterbrochen. Ich rufe: „Produktdetails, bitte!“ „Die Produktdetails, Herr Schmitt, warum sagen Sie das denn nicht gleich?“ Inzwischen hat er sich auf die Toilette zurückgezogen und spricht über die chemische Zusammensetzung des Kunststoffs, der in unserem neuen Produkt verwendet wird. Ich gebe auf. Noch durch die geschlossene Toilettentür verabschiede ich mich und entscheide, dass ich mir für die Präsentation eine gebrandete Plastiktüte für meinen Kopf besorge, damit wenigstens der Firmenname klar ist, wenn die Zuschauer schon nichts über unser neues Produkt erfahren.

Dr. Know – es gibt ein Leben außerhalb des Labors

Sollten Sie mit solchen Kollegen zu tun haben, steht Ihnen eine harte Lernphase bevor. Versuchen Sie zunächst ihn in die Realität zu holen. Wenn Sie dafür ein Raumschiff chartern müssen, dass ihn von seinem Planeten zurück zur Erde bringt, scheuen Sie keine Kosten und Mühen. Denn wenn Sie das nicht hinbekommen, müssen Sie die Sprache des „Freaks“ lernen. Er wird Ihre nie verstehen.
Sind Sie etwa ein Dr. Know? Dann erschaffen Sie ein Mantra für sich selbst, zum Beispiel „Es gibt ein Leben außerhalb meines Labors/ Büros/ Planeten“ und wiederholen Sie es so lange, bis Sie auf der Erde gelandet sind.

Ralf Schmitt, Kollegen
Experte für Spontaneität, Improvisation und Interaktivität. (Foto: © Ralf Schmitt)

Über Ralf Schmitt:

Ralf Schmitt arbeitet seit mehr als 15 Jahren erfolgreich als Speaker, Trainer, Impro-Comedian und Moderator. Er gilt als Experte für Spontaneität und Interaktivität, hat die Methode der Navituition® entwickelt und ist Mitglied der German Speakers Association. Schmitt ist branchenübergreifend tätig und kennt die deutsche Wirtschaftslandschaft aus dem Effeff. Seine inhaltliche Mitarbeit im Vorfeld und seine Auftritte bei unzähligen Tagungen und Kongressen geben ihm eine externe Sichtweise auf innerbetriebliches Geschehen und Veränderungsprozesse in Unternehmen verschiedener Größenordnungen. Darüber hinaus ist er Autor der Bücher „Ich bin total spontan, wenn man mir rechtzeitig Bescheid gibt“ und „Ich bin total beliebt, es weiß nur keiner“.

Mehr über Ralf Schmitt erfahren Sie auf seinem AGITANO-Expertenprofil.

Christoph Schroeder

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