Kolumnen

In-between… Ein Plädoyer für die Zwischenzeit

Unsere Zeit ist schnell, ja hektisch. Für Muße oder Zwischenzeit bleibt da oft kein Platz mehr. Nicht zuletzt zeigt sich unser Zwang zur Effizienz ja auch in den Debatten um Social Freezing oder zur Sterbehilfe. Aber Effizienz ist nicht alles. Nur in der Zwischenzeit entstehen die neuen Ideen, die Visionen, nur in der Zwischenzeit erweitert sich der Horizont. Gerade, wenn alles um uns herum hektisch ist und schnell gehen muss, sollte man sich Ruhe gönnen und die Seele baumeln lassen, meint Ulrich B Wagner in seiner heutigen Kolumne “QUERGEDACHT UND QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag”.

Wir leben in einer Zwischenzeit, der Spanne zwischen zwei Zeitaltern … und wir sind weder in der einen, noch schon in der anderen.

John Naisbitt

Was wir Gegenwart nennen, ist bloß der Zusammenprall von Gewesenem und Bevorstehendem – ein winziges Teil Sein, das sofort in die Elemente Vergangenheit und Zukunft zerfällt.

Eugène Ionesco

 

Keine Zeit für Zwischenzeit?

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Ideen und Neues entstehen nur in der Zwischenzeit. (Bild: Katharina Wieland Müller / pixelio.de)

Wir leben im Zeitalter des Jetzt und Sofort. Alles muss schnell, umgehend und ohne Unterlass geschehen. Für Zwischenzeit scheint in diesen hektischen Zeiten und Lebensräumen kein Platz mehr zu sein.

Und dies scheint zu allem Erschrecken auch noch ein generationenübergreifendes Phänomen zu sein, wie es das eindrucksvolle Beispiel eines rüstigen 83-jährigen Rentners aus dem Badischen zeigt. Wie DIE WELT gestern berichtete, schlug er einem jungen Mann an der Wursttheke im Supermarkt mit seinem Krückstock „zünftig auf den Kopf“, nachdem er ihn im Vorfeld schon mit dem Einkaufswagen traktiert hatte, weil dieser trödelte und sich nicht entscheiden konnte.

Einverstanden: Vielleicht ist die Wursttheke wirklich nicht der passende Ort für Zwischenzeiten, für Räume der Unentschlossenheit, des Verweilens und Seele baumeln lassens. Nichsdestotrotz brauchen wir Gedankenoasen, nicht nur um kreativ zu sein, zur Ideenfindung, sondern ganz besonders auch für mutige Freifallübungen unserer Seelen, die uns ermutigen, das Neue zuzulassen und in einem unscheinbaren Moment des Glücks über uns hinauszuwachsen.

Ohne Muße keine Ideen

Gerade das Nicht-Erzwingen, die unbewusste Beschäftigung mit den Dingen des Lebens, lässt Neues entstehen, öffnet Grenzen, Blockaden und liefert Antworten auf quälende Fragen des Lebens.

Okay, das klingt einfacher als es ist. Manchmal werden wir nämlich fast in den Wahnsinn getrieben von diesen Teufelchen und Quälgeistern namens Ungeduld. Denn zu stark sind wir schon geprägt von diesem Jetzt und Sofort, das sich meiner Meinung nach mit dem Internet, soviel Freuden und Erleichterungen es uns auch verschafft, noch rapide verstärkt hat.

Zwischenzeit, Zwischenraum, die Transitstrecken des Lebens, verleihen nicht nur der Zeit eine komplett neue Qualität, ohne Anfang und Ende, sondern erschaffen in einem leisen Moment wie von Geisterhand eine Oase des Rückzugs des völlig anderen Erlebens in unserem von A bis Z durchstrukturierten Alltag.

Zwischenzeit schafft Raum für Visionen

Zwischenzeit schafft Raum für Visionen und zum Gedeihen aller Qualitäten, die in der strukturierten Zeit nicht möglich sind. Alles wird möglich, alles ist Idee, kein konkretes vorgefertigtes Ziel, keine voreiligen Erwartungen verstellen den Blick in den unendlichen Horizont. Oder, wie Goethe es einmal auf den Punkt brachte: In der Idee leben heißt, das Unmögliche behandeln als wenn es möglich wäre. Und die Zwischenzeit ist der Geburtshelfer dieser Idee.

Nur durch Zwischenzeiten entstehen Räume für neue Begegnungen, Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse. Denken Sie nur an die Anekdote von Newton, der müßiggängerisch unter einem Apfelbaum weilte, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel, und er von einem Augenblick auf den anderen die Gravitationsgesetze entdecke.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr Mut zur Zwischenzeit.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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