Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner

 

Heute: Kairos und Chronos auf der Suche nach der verlorenen Zeit

 

Nur dem Anschein nach ist die Zeit ein Fluss.

Sie ist eher eine grenzenlose Landschaft, und was sich bewegt, ist das Auge des Betrachters.

Thornton Wilder

 

Was ist uns die Zeit? Eine dumme Frage zu einer der selbstverständlichsten Sachen der Welt, mögen Sie anmerken. Zeit hat man eben, oder nicht. Punkt! Auf diesen kommunikativen Totschläger lässt sich eigentlich nichts mehr entgegnen. Oder vielleicht doch?

 

Folgen Sie mir hierfür, wenn Sie möchten, ein wenig in vergangene (und wärmere) Gefilde.

 

Denn was wir in der deutschen Sprache einfach nur Zeit nennen, wird im Griechischen durch zwei unterschiedliche Wörter gekennzeichnet, Kairos auf der einen und Chronos auf der anderen Seite, hinter deren Wortfassade sich, nicht nur philosophisch, zwei gegensätzliche Zeitwelten eröffnen.

 

In unserer entzauberten Lebenswelt mag uns das Wort Chronos in der Folge einer Reihe von Lehens- und Kunstwörtern wie Chronograph, Chronometer und Chronologie geläufiger vorkommen. Dies ist kein Zufall, sondern verweist auf ein elementares Empfinden der Wirklichkeit. Chronos meint den Lauf der Zeit, die Zeitenfolge, die Zeit gesehen als eine Gerade, auf der wir die Vergangenheit, die Zukunft und die Gegenwart abtragen. Dies entspricht unserem modernen, vernunftzentrierten und mechanisierten Weltbild. Man betrachtet die Zeit als einen kontinuierlichen Ablauf, als ein Kontinuum, wenigstens solange ein starres Bezugssystem herangezogen wird, wie es in der nichtrelativistischen Physik der Fall ist. Zeit wird als ein leerer Raum betrachtet, vergleichbar mit einem leeren Filofax. So wie der Filofax mit den Projekten seines Besitzers, wird der vor uns liegende Zeitraum gefüllt mit Vorhaben und Projekten, eben mit den Dingen, mit denen wir unsere Zeit auszufüllen gedenken. Die Zeit erscheint als etwas Verfügbares. Der Chronos läuft sprichwörtlich ab. Er verrinnt.

 

Er glückt nicht.

 

Ein kurzer Ausflug in die griechische Mythologie vermag diesen Gedanken im Weiteren ein wenig auf die Spur verhelfen. Chronos wird gemeinhin als Gott der Zeit bezeichnet, dessen Person sowohl das Verrinnen der Zeit, als auch den Ablauf der Lebenszeit versinnbildlicht. Einen eigentlichen Chronos Kult im Gegensatz zum Kairos Kult gab es im antiken Griechenland jedoch nicht. Auf den ersten Eindruck befremdlicher erscheint es, dass einige antike Quellen Chronos mit Kronos – dem Vater des Zeus – gleichsetzen. Dabei handelt es sich jedoch mit Sicherheit um eine Volksetymologie, da die beiden Götter ursprünglich rein gar nichts miteinander zu tun hatten.

 

Ich persönlich finde diese alten mythischen Erzählungen für unser heutiges Zeitverständnis sehr erhellend, und möchte Sie ihnen daher an dieser Stelle kurz nacherzählen.

 

Beginnen wir mit Kronos, dem jüngsten Spross des Uranos und der Gaia, einem der so genannten Titanen. Seine Mutter Gaia stachelte den jungen Kronos an, seinen Vater zu entmachten, als Rache für die Verbannung der ungeliebten und schrecklichen Kinder, der Schwester und Brüder des Kronos, in die Tiefen der Erde. Das erledigte dieser auch in einer sehr drastischen und symbolhaften Weise, indem er seinen Vater mit einer Sichel kastrierte. Das abgeschnittene Glied wurde postwendend ins Meer geworfen, und aus der aufsteigenden Gicht entstand Aphrodite. Aufgrund der erfolgreichen Entmannung des Vaters erlangte Kronos schließlich die Weltherrschaft. Aber wie das Rad des Schicksals sich nun mal von Zeit zu Zeit drehen mag, verkündete ihm seine Mutter nach vollbrachter Tat, dass einer seiner Söhne ihn ebenfalls eines Tages gewaltsam entmachten werde. Um diesem Schicksal zu entgehen, verschlang Kronos in der Folge all seine Kinder direkt nach der Geburt: Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon. Nur Zeus nicht, den verbarg Rheia (Kronos Frau) auf Kreta und reichte dem Vater zum herunterschlingen einen in eine Windel gewickelten Stein. Den weiteren Lauf der Geschichte kennen Sie wahrscheinlich. Nachdem Zeus groß und stark geworden war, bezwang er, der Prophezeiung folgend, seinen Vater, der jedoch zuerst noch brav auf Geheiß der Mutter, die bereits erfolgreich verschlungenen Kinder wieder freizugeben hatte.

 

Wie oben bereits hervorgehoben, führten philosophische Spekulationen in der Spätantike jedoch dazu, dass Chronos, die Personifikation der alles verzehrenden Zeit, und Kronos, der Kinderfresser, zu einer Erscheinung verschmolzen. Die Zeit frisst ihre Kinder…Oder? Wir sollten daher an dieser Stelle eigentlich schon gewarnt sein. Oder nicht?

 

Doch nun zu unserem zweiten griechischen Zeitwandler: dem Kairos.

 

Dem griechischen Dichter Ion von Cios zufolge, gilt Kairos als der jüngste Sohn des Göttervaters Zeus und wird in der griechischen Mythologie als der Gott der günstigen Gelegenheit und des rechten Augenblicks bezeichnet. Eine Bronzestatue des griechischen Bildhauers Lypsio aus dem 4. Jahrhundert zeigte den Gott als jungen Mann mit Flügelschuhen, Stirnlocke und kahlem Hinterkopf: Die Gelegenheit beim Schopfe packen, besagt ein altes deutsches Sprichwort.. In den biblischen Texten findet man den Kairos deshalb auch als Bezeichnung für die besondere Gelegenheit, den von Gott geschenkten einzigartigen Zeitpunkt, das mit persönlichen Chancen versehene Gnadengeschenk. Wer nicht aufmerksam genug ist, bekommt nichts mehr davon zu fassen. Häufig wird in unserer Alltagswelt das Wort aufmerksam mit schnell vertauscht. Was ich persönlich jedoch für einen fatalen Irrtum halte.

 

Aber machen Sie sich hierzu doch auch einmal selbst Ihre Gedanken, zu welchem Ergebnis Sie bei Ihren Überlegungen zu unserem jungen griechischen Gott kommen, je nach Verwendung des einen oder anderen Wortes…

 

Sie  können gerne auch in der Folge noch das Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe „An Schwager Kronos“ lesen und sich daraufhin die Frage stellen: Ob uns der gute, alte Chronos tatsächlich so ein guter Taktgeber für ein glückliches und erfolgreiches Leben sein kann?

 

Die alten Griechen hatten hierzu auf jeden Fall immerhin eine eindeutige Meinung, was sie durch ihren Verzicht auf einen Chronos-Kult auch unmissverständlich zum Ausdruck brachten?

 

Wer hat Wen, möchte ich Sie an dieser Stelle gerne fragen? Hat Sie die chronische Zeit schon längst im Würgegriff, und treibt Sie wie ein unlenkbares Segelschiff durch die Gezeiten, oder haben Sie sich noch ein wenig Gefühl für die „wahre Zeit“ in ihren Alltag hinüberretten können?

 

Wie empfinden Sie die Zeit?

 

Gelingt es Ihnen noch, sich Ihre Zeit als grenzenlose Landschaft vorzustellen, als Raum voller Möglichkeiten, die sich Ihnen bieten, also als offener Möglichkeitsraum?

 

Oder erscheint Ihnen Ihre Zeit doch eher zerstückelt, fragmentarisch und künstlich, zu einer geleeartigen Masse zusammengepresst, die sich unerbärmlich Ihrer Person bemächtigt?

 

Versuchen Sie, es sich zu beschreiben. Wählen Sie hierzu andere Symbole als bisher. Vermeiden Sie durch den Verstand geführte Beschreibungen, sondern versuchen Sie, Ihr Gefühl in Farben, Geräuschen oder auch in einer Bildsprache auszudrücken.

 

Welche Farbe hat Ihr Zeitempfinden gerade in diesem Moment, und wie fühlt es sich an? Positiv oder negativ? Versuchen Sie, sobald Sie einen passenden Ausdruck ihrer Empfindung gefunden haben, den jeweiligen Komplementär hierzu zu finden.

 

Denken Sie jedoch bitte jederzeit bei ihrem Gang durch den Tag daran:

 

Die Zeit ist kein qualitätsloser, leerer Raum, sondern ein ZEITRAUM, der seine eigene Qualität und seine eigenen Möglichkeiten besitzt.

 

Auch wenn die tickenden Chronometer und chronisch überfüllten Terminkalender die Illusion beflügeln, die Zeit wäre ein leerer (bzw. überfüllter) Raum, der nach eigenen Gutdünken mit menschlichen Projekten gefüllt werden kann.

 

Natürlich mag dies zu einem gewissen Grade lebens- und arbeitsspezifisch sein.

 

Doch bedenken Sie auch einmal, dass diese chronologische Projektarbeit auch die Sensibilität für jene Zeiten schmälert, die ihre eigene Fülle haben.

 

Kann man gleichzeitig (respektvoll, aufmerksam und achtsam) mit einer geliebten Person frühstücken, Zeitung lesen und fernsehen? Bestimmt. Genauso gut, wie man bei der Bewältigung einer aufmerksamkeitsintensiven Tätigkeit zugleich E-Mails und Telefonate verstehen und richtig (?) beantworten kann…

 

Gewiss kann man auch auf Trauerfeiern tanzen und auf Geburtstagen fasten und traurig sein. Aber wer so unzeitgemäß lebt, lebt sozusagen neben dem Leben, und verliert jede Empfindung für die wahre Zeit. Genauso wenig können gute Ideen erzwungen werden. Sie können nicht chronologisch geplant werden. Sie finden sich!

 

Im Angesicht der chronischen Zeit, der hektischen Zeit lautet die Frage immerfort:

 

Womit fülle ich sie aus? Was sind meine Aufgaben?

 

Angesichts der wahren Zeit, des entscheidenden Augenblicks bietet sich dagegen folgende, andere Fragen an:

 

Was ist jetzt an der Zeit?

Wofür nimmt mich der Augenblick in Anspruch?

 

Und denken Sie bitte darüber hinaus immer daran:

 

Die wahre Zeit ist ein Ereignis und kein Event

 

Die Herkunft des Wortes Ereignis, aus dem Mittelhochdeutschen ERÄUGNIS, zeigt es uns nämlich, dass Kairos nicht für die blinde Aktion, sondern für das sehende Auge gemacht ist.

 

Vielleicht könnte uns ja dieses Zeitempfinden auch den Umgang miteinander wieder erträglicher, effektiver und effizienter gestalten.

 

Probieren Sie es einfach mal aus. Schaden kann es auf jeden Fall nicht.

 

 

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Profil des Autors:

 

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

 

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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