Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner

 

Heute: Kreativitätsblind:

oder: die Welt braucht Ideen und wir eine neue Sicht auf die Kreativität

 

Alle Menschen haben die Anlage, schöpferisch tätig zu sein.

Nur merken es die meisten nie.

(Truman Capote, US-amerikanischer Schriftsteller, 1924 – 1984)

 

Kinder besitzen ein hohes Maß an Kreativität, Ihr Ideenreichtum, ihr Forscherdrang und ihre Neugierde erscheinen in gewissen Momenten unermesslich. Sie besitzen eine der wertvollsten Gaben, die es gibt: die Fähigkeit zu staunen und Andere zum Erstaunen zu bringen. Kinder sind somit von Natur aus kreativ, d.h. sie bringen das gesamte System, das Kreativität ermöglicht, von Geburt an mit. Warum sind wir dann nicht alle in gleichem Maße kreativ? Warum geben die meisten Menschen mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter Ihre Kreativität an der erst besten Garderobe zur Aufbewahrung ab?

 

Beschäftigt man sich eingehender mit der kreativen Persönlichkeit, so scheint es keine spezifischen Persönlichkeitsmerkmerkmale zu geben, die einen Menschen dazu befähigen etwas Neuartiges und Besonderes zu erschaffen. Wenn das so ist, warum um Alles in der Welt bin ich es dann nicht, mag sich der eine oder andere Leser jetzt fragen. Diese Frage ist leider nicht so einfach zu beantworten.

 

Mit Sicherheit gilt, dass kreative Menschen über die erstaunliche Fähigkeit verfügen, sich fast problemlos jeder Situation anzupassen und sich mit dem zu behelfen, was sie gerade vorfinden, um Lösungen auf ihre Probleme zu finden. Darüber hinaus bringen sie eine große Portion Neugierde, Staunen und Interesse für die Funktionsweisen der Dinge mit, die sie umgeben. Offenheit für neue Erfahrungen, Werturteilsfreiheit, ein Maß an unvoreingenommener Wahrnehmung sowie eine anpassungsfähige Verarbeitung von äußeren Eindrucken mögen weitere Eigenschaften sein, mit denen der kreative Mensch quasi von Hause aus reich gesegnet zu sein scheint.

 

Gibt es wirklich keine anderen Persönlichkeitszüge, durch die sich kreative Individuen von normalen Sterblichen unterscheiden? Mihaly Csikszentmihalyi fasst in seinem Standwerk Kreativität (1997) mit einem Wort zusammen, was die kreative Persönlichkeit von anderen unterscheidet: Komplexität!

 

Hiermit ist gemeint, dass kreative Menschen Denk- und Handlungstendenzen zeigen, die bei den meisten Menschen ab einem gewissen Entwicklungsprozess verloren gingen.

 

Kreative vereinen widersprüchliche Extreme in sich und bilden in diesem Sinne keine individuelle Einheit, sondern eine individuelle Vielfalt. Wie ein bunter Frühlingsstrauß neigen sie dazu, das gesamte Spektrum menschlicher Möglichkeiten in sich abzubilden und nutzbar zu machen. Von Hause aus sind alle diese Eigenschaften zwar in jedem von uns angelegt, in der Regel bilden wir jedoch nur einen der Pole des Widersprüchlichen in uns ab.

 

So lernt beispielsweise der eine in seinem Leben stärker seine introvertierte, der andere seine extrovertierte Seite unserer Natur zu fördern und auszuleben, und verachtet oder unterdrückt in der Folge die andere Seite. Bei kreativen Menschen ist es jedoch wahrscheinlicher, dass sie sowohl introvertiert als auch extrovertiert sind, entweder wechselseitig oder, je nach Situation, auch gleichzeitig.

 

Komplexe Persönlichkeiten können somit die gesamte Klaviatur von Eigenschaften zum Ausdruck bringen, die als Möglichkeiten im menschlichen Fundus angelegt sind, die aber in der Regel verdörren und verkümmern, weil wir den einen oder anderen Pol für „gut“ oder für „schlecht“ befinden.

 

Im Rahmen seiner Untersuchung von kreativen Persönlichkeiten konnte Mihaly Csikszentmihalyi insgesamt zehn Dimensionen herausarbeiten, die bei allen Untersuchten in gleichem Maße auf die eine oder andere Weise zum Vorschein traten. Ich möchte Ihnen diese Dimensionen im Rahmen dieser Kolumne kurz vorstellen, da sie vielfältige Implikationen in sich bergen, die uns helfen können, unsere Kreativität zu fördern oder wiederzufinden. (Den hieraus abgeleiteten Möglichkeiten zur Förderung der persönlichen Kreativität wenden wir uns dann in der kommenden Woche zu.)

 

– Kreative besitzen ein hohes Maß an physischer Energie. Dies bedeutet nicht, dass kreative Menschen hyperaktiv sind und fortwährend auf Hochtouren eine Idee nach der anderen hervorbringen oder gar eine bessere physische Konstitution als normal Sterbliche besitzen. Der fundamentale Unterschied besteht darin, dass die Energie in der Regel ihrer eigenen Kontrolle unterliegt und nicht von äußeren Umständen, sprich nicht vom Kalender, der Uhrzeit oder dem aufgezwungenen Terminplan determiniert ist. Sie sind Jünger des Kairos, des wahren Augenblicks und der rechten Zeit. Wenn es notwendig ist, sind sie in der Lage, ihre Energie wie einen Laserstrahl zu bündeln. Wenn es dagegen nicht notwendig ist, beginnen sie umgehend damit, ihre Akkus wieder aufzuladen. Sie beherrschen das Wechselspiel zwischen Konzentration, Anspannung, Aktivität und Ruhe und Entspannung. Auch dies ist kein von Geburt an vorhandenes Gnadengeschenk, sondern eine im Verlauf des Lebens durch Ausprobieren und Selbsterkenntnis gewonnene Erfolgsstrategie.

 

– Kreative sind weltklug und naiv zu gleich. Ein weiterer Ausdruck dieser Gegensätzlichkeit ist das Gegensatzpaar von Weisheit und Kindlichkeit. Wie Howard Gardner in seiner Untersuchung der bedeutendsten kreativen Genies herausfand, kann eine gewisse Unreife, sowohl in emotionaler als auch in mentaler Hinsicht, mit tiefsten Einsichten und kreativen Höchstleistungen Hand in Hand gehen. Mozart, Steve Jobs u.v.m. können hier gerne als Beispiel herangezogen werden. Unser Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe erklärte dahingehend auch die Naivität als eine der wichtigsten Eigenschaften eines Genies.

 

– Kreative werden im Volksmund immer auch mit Chaoten gleichgesetzt, denen Disziplin und Ordnung von Hause aus abgehen. Kreative nutzen dagegen beide Pole. Sie wechseln fast mühelos zwischen Spielerischem und Disziplin, zwischen Verantwortungsgefühl und Ungebundenheit.

 

– Im selben Maße muss man Kreative in der Mischung aus traditionell/konservativ und rebellisch/bilderstürmerisch verstehen lernen. Man kann nämlich nur kreativ sein, wenn man am Anfang eine kulturelle Domäne (Kunst, Musik, Wissenschaft) verinnerlicht und ihre Regeln verstanden hat. Es ist nämlich nur schwer vorstellbar wie ein Mensch, der keinen Gedanken an das Alte verschwendet, anerkannte Verbesserungen und Fortentwicklungen als kreative Ideen hervorbringen sollte. Wer dagegen nur die Tradition im Auge behält, kann niemals etwas Neuartiges erschaffen. Es gehört somit auch Mut dazu, die Bereitschaft Risiken in Kauf zu nehmen, um mit der Sicherheit von Traditionen zu brechen.

 

– Kreative sind, entgegen aller Vermutungen, auch nicht gänzlich im Wolkenkuckucksheim verortet, sondern besitzen eine gesunde Mischung aus Imagination und Phantasie und einem bodenständigen Realitätssinn. Was eine neue Idee nämlich erst kreativ und damit gut macht, ist nämlich der Tatsache verschuldet, dass sie zwar im ersten Momenten zwar ungewohnt, aber wahr ist, was wir dann früher oder auch erst später erkennen. Oder wie Mark Twain einmal schrieb: Menschen mit einer neuen Idee gelten solange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat.

 

– Kreative und hochbegabte Menschen gelten gemeinhin als Eigenbrötler und als introvertiert. Das Klischee vom einsamen Genie ist dahingehend auch fester Bestandteil unseres Denkens. Kreative können jedoch, im Gegensatz zur Lehrmeinung der modernen psychologischen Forschung, die Extraversion und Introversion als die stabilsten, unterscheidbaren Persönlichkeitsmerkmale bezeichnet, beide Eigenschaften gleichzeitig zum Ausdruck bringen. Selbstverständlich muss man, wenn man erfolgreich schreiben, malen, komponieren oder im Labor experimentieren will, in der Regel alleine sein und dieses Alleinsein auch aushalten können. Dennoch weisen Kreative immer wieder darauf hin, wie wichtig es für sie ist, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, sich mit ihnen auszutauschen, abweichende Meinungen zu hören, Ideen auszutauschen und die Arbeit und das Denken anderer Kreativer kennenzulernen. Oder wie der Physiker John Wheeler es ausgedrückt hat: Wenn Du nicht mit anderen diskutierst, bist Du erledigt. Ich sage immer: Wer zu niemanden Kontakt hat, kann nie jemand werden.

 

– Eine weitere und für unsere öffentliche Diskussion weitreichende Einsicht ist, dass kreative Menschen der rigiden Rollverteilung der Gesellschaft entfliehen. „Tests über die Maskulinität/Feminität bei Jugendlichen ergeben immer wieder, dass kreative und hochbegabte Mädchen dominierender und durchsetzungsfähiger sind als andere Mädchen und dass kreative Jungen sensibler und weniger aggressiv sind als ihre männlichen Altersgenossen“ (zitiert nach Mihaly Csikzentmihalyi, 1997).

 

– Kreative besitzen eine scheinbar widersprüchliche Mischung aus Demut und Stolz. Trifft man sehr kreative Menschen so findet man in der Regel nicht die erwartete Arroganz und den vermeintlichen Hochmut, sondern eine gewisse Scheu und Bescheidenheit. Hierfür sind drei Gründe verantwortlich. Erstens wissen sie, um es mit den Worten von Newton zu sprechen, dass sie auf den Schultern von Giganten stehen. Sie sind sich  im klaren darüber,  wie relativ ihrer Beitrag im Hinblick auf ihre Vorgänger und die Nachkommenden ist. Zweitens wissen sie auch, in welch großem Ausmaß das Glück eine Rolle zu ihrem Erfolg gespielt hat. Ihre Ausrichtung auf neue Projekte und zukünftige Herausforderungen sorgt drittens dafür, dass ihre bisherigen Erfolge belanglos erscheinen (Betrachten Sie in diesem Zusammenhang einmal Modeschöpfer wie Yves Saint Laurent oder Marc Jacobs).

 

– Kreative sind fortwährend gezwungen zwischen Nähe und Distanz zu dem Erschaffenen hin und her zu wechseln. Hieraus erwächst eine schöpferische Energie, die aus dem fortwährenden Konflikt zwischen Nähe und Distanz, Leidenschaft und Objektivität erwächst.

 

– Last but not least müssen kreative Menschen in der Lage sein das Wechsel-bad der Gefühle auszuhalten, das mit der Kreativität an sich verbunden ist. Ohne Unterlass geben sich Gefühle intensiver Freude, Enttäuschung und Leid die Klinke in die Hand und stellen das Selbstbewusstsein, die Durchhaltekraft und den Willen des Kreativen, bei gleichzeitiger Sensibilität und Verletzungsoffenheit, auf eine kontinuierliche Bewährung.

 

Betrachtet man Kreativität von dieser Seite, als einen ständigen Akt sich und sein Denken fortwährend anzupassen, zu erweitern, sich in Frage zu stellen, staunend, offen und selbst kontrollierend aktiv bzw. entspannt zu sein, so erblicken wir aller Wahrscheinlichkeit einige der Haupthindernisse, warum viele von uns nicht zu kreativen Höchstleistungen aufzulaufen bereit sind. Hier ist insbesondere unsere Ablenkbarkeit zu nennen, die es oft nur mit größten Anstrengungen erlaubt, unsere Energie zu bündeln, aber auch die Trägheit, der Mangel an Disziplin sowie der mangelnde Durchhaltewille, der uns bei der ersten Niederlage von unserem Weg abhält. Vielleicht ist es aber auch nur die Blindheit und die Unkenntnis dessen, was in uns steckt, und was wir mit dieser Energie alles erreichen könnten.

 

Kreativität fällt nicht vom Himmel, sondern ist mit Disziplin, Können, Arbeit und viel Wollen verbunden. Auch wenn wir es nicht hören wollen, es liegt an uns, ob wir unsere kreativen Energien aktivieren oder nicht. Wir haben es in der Hand.

 

Freuen Sie sich daher mit mir auf die kommende Woche, in der ich Ihnen einige Tipps und Tricks vorstellen möchte Ihre Kreativität zu fördern bzw. auszubauen.

 

Bis dahin eine erfolgreiche Zeit.

 

Ihr

Ulrich B Wagner

 

 

——————————————————————

 

Profil des Autors:

 

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

 

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.