Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner

 

Heute: Die gute Wahl – über die Kunst sich richtig zu entscheiden

 

„Ich überlege. Mein Bauch entscheidet.“


Max Grundig (1908-89), dt. Industrieller

 

Fortwährend müssen wir in unserem Leben Entscheidungen treffen. Gerade in diesem Moment, in dem Sie begonnen haben diese Zeilen zu lesen, müssen Sie sich entscheiden, ob Sie die Kolumne weiterlesen oder nicht. Auch wenn wir uns vordergründig nicht zu entscheiden glauben, entscheiden wir uns doch: nämlich genau dazu, uns nicht zu entscheiden. Hinter jedem Tun und Lassen steht nun mal zwangsläufig eine Entscheidung. Entweder wir entscheiden selbst, oder andere entscheiden für uns. Konsequenter Weise müssen wir uns jedoch eingestehen, dass hinter dem über einen Entschiedenwerden doch auch wieder nur unsere „freie“ Wahl, unsere Entscheidung zu dieser Option verborgen liegt.

 

Wie entscheiden wir uns? Auf welcher Grundlage treffen wir unsere Entscheidungen? Mit dem Verstand oder der Intuition, mit dem Kopf oder dem Bauch? Was weiß beispielsweise der Bauch, vom dem der Kopf keine Ahnung hat?

 

Jahrhunderte lang, von Sokrates bis weit in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, beschränkte sich das Bild, das sich viele Philosophen, Psychologen und Neurologen von unserem Ich machten, ausschließlich auf unsere Ratio. Seneca beispielsweise, der von den Irrheiten seines Schülers, dem Psychopathen Nero, erschüttert war, ging sogar soweit, dass er die Rationalität im Menschen wie folgt beschwor: „Ein wirklich glücklicher Mensch ist der, dessen gesamter Lebensstil von der Vernunft bestimmt ist.“ Selbstverständlich gab es in der Folge auch andere Stimmen, von Goethe und Schiller, über die Romantik bis hin zu Schopenhauer, Nietzsche und Freud. Doch das Bild, das wir uns von den Prozessen der Entscheidungsfindung machten, war fast durchgängig durch die Vernunft geprägt.

 

Auf diesen Grundfesten der Rationalität wurde schließlich auch in den Wirtschaftswissenschaften der so genannte Homo oeconomicus geboren: ein Akteur, der eigeninteressiert und rational handelt, seinen eigenen Nutzen maximiert, auf veränderliche Restriktionen reagiert, feststehende Präferenzen hat und in der Regel auf der Grundlage vollständiger Information seine Entscheidungen trifft.

 

Erst Ende der 80er Jahre kam es schließlich zur großen emotionalen Wende. Mit Hilfe neuer Bild gebender Hirnscanner, wie der funktionellen Magnetresonanz-tomografie, gelang es, unserem Hirn bei der Arbeit zuzusehen. Mit großem Erstaunen stellten die Forscher fest, dass praktisch jeder Gedanke, jede Wahrnehmung, Erinnerung und Entscheidung in unserem Leben von Gefühlen begleitet ist. Es stellte sich schließlich heraus, dass unsere gesamte Kognition, also unser Denken, Wahrnehmen und Erinnern untrennbar mit Emotionen, d.h. unseren Gefühlen und unserem Fühlen verbunden ist. Quer durch alle Fachrichtungen beschäftigen sich Wissenschaftler in der Folge mit unserer irrationalen Seite.

 

Tversky und Kahneman revolutionierten beispielsweise mit ihrer prospect theory die Modelle der Entscheidungsfindung. Daniel Kahneman erhielt für seine Forschung 2002 den Nobelpreis für Wirtschaft, sein Forscherkollege Tversky war bereits 1996 verstorben. Ihr  Modell der Entscheidungsfindung entspricht eher dem Verhalten, das sich beim Menschen sozusagen in freier Wildbahn beobachten lässt. Ihre Arbeiten haben eine neue Generation von Forschern in der Volkswirtschaft und in der Finanzwissenschaft inspiriert, die die ökonomische Theorie mit Einsichten aus der kognitiven Psychologie um menschliche Motive und Gefühle bereichert haben.

 

Einige Neurologen, insbesondere Antonio Damasio, haben an Patienten mit schweren Hirnverletzungen eindrucksvoll nachweisen können, dass Menschen nicht mehr in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen, wenn deren Hirnzentren beschädigt wurden, die für die Steuerung unserer Gefühle zuständig sind. Antonio Damasios Patient, den er Elliot nannte, hatte beispielsweise keine Gedächtnisprobleme. Sein IQ lag im oberen Bereich. Und dennoch benahm er sich im Alltag wie ein Trottel.  Elliot litt, wie eingehende Tests ergaben, an kompletter Gefühlslosigkeit. Ginge es nach Seneca,  hätte Elliot, mit seinem hohen IQ und ohne verwirrende Emotionen, jenes gelingende Leben führen müssen, nach dem sich die Stoiker so sehr sehnten. Das komplette Gegenteil war jedoch der Fall: Elliots fehlende Emotionen verwandelten ihn nicht in einen weisen Menschen, sondern in einen Trottel. Viele von uns würden wohl davon ausgehen, dass ein Mensch ohne Gefühle immerhin in der Lage sein müsste, rationale Entscheidungen zu treffen. Mitnichten. Elliot konnte selbst über leichte Entscheidungen ohne Unterlass nachdenken und traf am Ende doch die falsche, da jede Entscheidung in ihm die gleichen Gefühle auslöste, nämlich gar keine.

 

Emotionen galten lange als Widerspruch zu guten Entscheidungen. Heute wissen wir, dass es gerade unsere Gefühle sind, die unseren Verstand steuern und unseren Entscheidungen die bedeutende Richtung geben.

 

Eingeschworene Forscher der Künstlichen Intelligenz, wie der am Massachusetts Institut of Technology (MIT) forschende und lehrende Marvin Minsky, kamen schließlich zu der Auffassung, dass die derzeitigen Computer deshalb nicht sonderlich kreativ denken können, weil sie keine Gefühle haben.

 

Je mehr Gefühle wir zu einer Sache zu Wort kommen lassen, umso zahlreicher sind die Augen, mit denen wir eine Sache betrachten. Indem wir die Gefühle aktivieren, wir in einen gewissen „Spielmodus“ unseres Gehirns verfallen, erscheint uns auch die Wirklichkeit in umso unterschiedlicheren Farbtönen. Gefühle sind der Motor unseres kreativen Denkens. Wie wir in der Kolumne der letzten Woche zum Thema Kreativität gesehen haben, kommt es insbesondere beim kreativen Denken darauf an, die Dinge und die mit ihnen verbundenen Probleme immer auch ein wenig anders zu betrachten. Wenn wir also von Kreativität sprechen, kommen wir um den Begriff der Intuition nicht herum.

 

Um dies zu verstehen, sollte man sich kurz mit der Funktionsweise unseres Oberstübchens auseinandersetzen. Das Intuitive ist Teil des Unbewussten, das im Vergleich zu unseren Bewusstsein nicht nur schneller unterwegs ist, sondern auch mehr Daten verarbeiten kann. Kann das Bewusstsein nur knappe 50 Bits pro Sekunde verarbeiten (1 Bit ist der Informationsgehalt, der in einer Auswahl aus zwei gleich wahrscheinlichen Möglichkeiten enthalten ist), saugt das Unbewusste Sekunde für Sekunde Millionen von Daten in sich auf. Hirnforscher gehen daher davon aus, dass uns nur 0,1 % dessen, was unser Gehirn leistet, auch bewusst ist. Es mag uns daher sehr erstaunen, wie fehlerfrei wir mit diesen 0,1 % durchs Leben navigieren. Wirklich überraschend ist es aber auch, wie viel besser schnelle, intuitive Entscheidungen ausfallen, im Gegensatz zu den sorgfältig abgewogenen, den vermeintlich „rationalen“. Hält man sich unseren kleinen bewussten Arbeitsspeicher vor Augen, muss man zu folgenden Schluss kommen: Aufgrund der geringen Datenmengen, mit denen unser Bewusstsein jedoch äußerst präzise umgehen kann, ist der Verstand bei Entscheidungen mit geringer Komplexität, sprich eher „einfachen“ Angelegenheiten, und/oder bei solchen, die eine hohe Präzision erfordern, unserer Intuition weit überlegen. Aber auch nur hier. Sobald etwas enorm komplex wird, tut man gut daran, das Bewusstsein herunterzufahren und der Intuition die Entscheidung überlassen.

 

Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir ab sofort alle Entscheidungen mir nichts dir nichts aus dem Bauch heraus fällen sollten. Denn das Unbewusste kann selbst keine Entscheidungen fällen, wenn es vorher nicht mit relevanten Informationen gefüttert wurde. Der Verstand hilft dabei, sich in einem Thema zum „Experten“ zu machen, die relevanten Daten zu sammeln, sich zu informieren und das Problem zu strukturieren. Ohne umfangreiches Wissen über eine Sache stellt sich auch kein Bauchgefühl ein. Auf jeden Fall kein brauchbares. Hat man sich jedoch eine Zeitlang mit Informationen gefüttert, tut man gut daran, bei komplexen Entscheidungen nicht weiter bewusst über die Sache nachzudenken, sondern stattdessen auf Autopilot zu stellen. Denn unser Unbewusstes schläft nicht, sondern arbeitet unbemerkt von uns weiter an der Lösung unseres Problems und bereitet die Entscheidung im Verborgenen vor. Der Spruch „mit einer Entscheidung schwanger gehen“, drückt dies in gewissem Maße aus. Wir tun gut daran, unserem Unbewussten ein wenig Zeit zu lassen, es gären zu lassen, insbesondere vor schwierigen Entscheidungen.

 

Für was also brauchen wir dann noch unseren Verstand? Unser Verstand sammelt, strukturiert, seziert und portioniert wie ein Beraterstab unsere Probleme. Ohne dieses analytische Denken gebe es heute wahrscheinlich überhaupt keine Menschen auf der Erde. Ganz nebenbei hat das bewusste Nachdenken auch noch einen positiven psychologischen Nebeneffekt: Wir fühlen uns nachher besser und sicherer. Denn das Sammeln, Abwägen und Strukturieren von Argumenten liefert uns ein Gefühl der Sicherheit, selbst wenn die harten Fakten unsere Entscheidung gar nicht verbessern.

 

Nur gemeinsam sind sie stark: Bauch und Gehirn.

 

Zusammenfassend daher nochmals der Ratschlag zu Entscheidungsfindung aus dem Mund des Amsterdamer Psychologen Ap Djiksterhuis, der sich seit Jahren mit dieser Thematik auseinandersetzt: „Sammeln Sie soviel Informationen wie möglich, und dann vergessen Sie die Sache eine Weile. Machen Sie etwas anderes, überlassen Sie Ihrem Unbewussten das Denken – auf diese Weise treffen Sie nachweisbar die beste Entscheidung.“

 

Ein weiterer Weg zu guten Wahl besteht in dem, was der Psychologe Dietrich Dörner als „operative Intelligenz“ bezeichnet. Das Wissen, in welcher Situation welche Entscheidungsfindung die beste und effektivste ist: „Wann kann ich blind meinem Unbewussten vertrauen? In welchen Fällen sollte ich hingegen einen Entschluss sorgfältig abwägen? Und wie lange? In dieser operativen Intelligenz verbirgt sich letztendlich die Kunst guter Entscheidungen“, meint Dietrich Dörner.

 

Dörner vermutet, dass diese pragmatische Urteilskompetenz teilweise auch angeboren sein könnte, und zwar „in Form einer Gelassenheit, die Manager beispielsweise entspannt zum richtigen Entscheidungsmuster greifen lässt. Eben diese Fähigkeit prädestiniert sie ja zum Managerjob.“ Der größte Teil der „operativen Intelligenz“ ist jedoch erlernbar. Einfach dadurch, dass man immer wieder Entscheidungen und Entschlüsse trifft, Fehler macht, lernt, und zu neuen, besseren Urteilen gelangt.

 

Wer sich also für die Entscheidungsfreude entscheidet, trifft langfristig auf jeden Fall die bessere Wahl.

 

In diesem Sinne, lassen Sie uns ab heute entscheidungsfreudig unserem Alltag stellen und in gewissen Situationen mutig unserem Bauchgefühl vertrauen.

 

Ihr

Ulrich B Wagner

 

 

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Profil des Autors:

 

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

 

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

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