Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner

 

Heute: Empört Euch – oder der Wa(h)re Luxus!

 

„Neues schaffen heißt Widerstand leisten.

Widerstand leisten heißt Neues schaffen“

Stéphane Hessel

 

Ein schmales Büchlein, mit Anmerkungen und Nachwort gerade einmal 30 Seiten bewegt die Welt, Stéphane Hessels Streitschrift „Empört Euch“.

 

Mit deutlichen Worten ruft der ehemalige französische Diplomat zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft auf. Er beklagt, dass der Finanzkapitalismus die Werte der Zivilisation bedroht und den Lauf der Welt diktiert. Er kämpft mit seiner Schrift gegen die ökologische Verwüstung unsres Planeten, gegen die Unterdrückung von Minderheiten und soziale Ungerechtigkeit. Stéphane Hessel wurde 1917 als Sohn des Schriftstellers Franz Hessel in Berlin geboren. Bereits 1924 zog er mit seinen Eltern nach Paris und ist seit 1939 französischer Staatsbürger. Stéphane Hessel war Mitglied der Résistance, hat das KZ Buchenwald überlebt und ist einer der Mitautoren der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Mit eindringlichen Worten ruft der ehemalige französische Diplomat zum friedlichen Widerstand gegen die Unzulänglichkeiten unserer Gesellschaft auf. „Stéphane Hessel ist das Gewissen der westlichen Welt und Frankreichs Rebell der Stunde“ (FAZ).

 

Empört uns wirklich nichts? Musste uns erst ein fast 94jähriger alt gedienter Widerstandskämpfer aufrütteln, damit wir aus unserer Lethargie erwachen und uns erheben? Hier ruft kein „langhaariger Bombenleger“, sondern eine moralische Instanz, die in Ihrem Leben mehr als bewiesen hat, was Widerstand bedeutet, zum friedlichen Widerstand auf. Ich habe mich ein wenig geschämt nach der Lektüre dieser Streitschrift. Dafür, dass ich eher rede, nachdenke, wehklage, statt zu mutig zu handeln. Natürlich benötigt jeder von uns nur eine Zehntelsekunde, damit ihm ganze Flutwellen an Themen einfallen, die der Empörung wert sind. Sind wir wirklich mittels Resignation stillgelegt und mundtot gemacht worden? Jean Paul Sartre sagte einmal diesbezüglich den weisen Satz: "Die schlimmste Haltung ist die Gleichgültigkeit". Wo ist sie nur geblieben, unsere Zivilcourage, unsere Bürgerpflicht zu zivilem Ungehorsam? Dass es geht, haben wir mit „Stuttgart 21“, gesehen, oder mit dem leidigen Gerangel um die Zwangeinführung von E10 über den mündigen Verbraucher hinweg! Ich denke, dies ist keine politische Auseinandersetzung, sondern eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber, wie wir leben wollen, und ob wir uns als mündige Bürger verstehen, die nicht nur bei Einbürgerungstests auf die freiheitlich demokratische Grundordnung verweisen, sondern sie leben und sie ernst nehmen.

 

Lassen Sie uns aus gegebenen Anlass mit den Worten von Kant antworten: „Die Pflicht gegen sich selbst besteht darin, dass der Mensch die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person bewahre.
Was im Alltag nicht mehr und weniger bedeuten könnte, als die Menschenrechte und die Menschenwürde zu bewahren, und eine dem Menschen dienende Funktion der Wirtschaft einzuklagen.

 

Am 3. April diesen Monats wurde der chinesische Künstler Ai Weiwei am Pekinger Flughafen verhaftet, nur knapp 24 Stunden nach der großen, medienwirksamen Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“, mit der sich Deutschland im neuen Chinesischen Nationalmuseum, nicht nur mit Kant’s Hausschuhen, kulturpolitisch präsentiert. Als im Zuge einer Diskussionsveranstaltung zur Aufklärungs-Ausstellung kritisch nachgefragt wurde, warum Tilman Spengler* die Einreise verweigert wurde, gab es, wie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichtet wurde, Buhrufe von deutschen Wirtschaftsführern gegen den kritischen Fragestellern. Reicht es demnach wirklich aus, dass China mit 13,6 Millionen Neuzulassungen pro Jahr, gerade zum wichtigsten Absatzmarkt der Welt geworden ist, um deutsche Vorstände der Automobilindustrie Menschenrechte und Menschenwürde über Bord werfen zu lassen und ihren pekunären Interessen unterzuordnen. Ich denke, allein dieses maßlos arrogante Verhalten ist Grund genug zur Empörung, und wie gerne würde man diesen Menschen ins Gesicht sagen: Schämt Euch! Es gibt sie glücklicherweise, die Empörung, wie der Aufruf zu einem Appell für die Freilassung Ai Weiwei’s, der, neben anderen, von dem ehemaligen BDI-Präsidenten Olaf Henkel initiiert wurde. Es war auch Olaf Henkel, der in der BILD am Sonntag eindeutig Stellung bezog, in dem er sagte, „Ich habe mich schwarz geärgert über die Reaktion von deutschen Kulturfunktionären und Wirtschaftsführern“. An anderer Stelle führt Henkel weiter aus: „Ich kann nicht erkennen, dass Leisetreterei je zu irgendeinem Vorteil für die Wirtschaft oder den Kunsthandel geführt hat. Meine Erfahrung ist ganz im Gegenteil die: Man wird nur ernst genommen, wenn man klar und deutlich Stellung bezieht. Die deutsche ’Business as usual’ Politik mit China ist ein Skandal. Und alle, die von leiser Diplomatie oder Wandel durch Annäherung sprechen, können Sie in der Pfeife rauchen“, so Olaf Henkel.

 

All dies ist nur ein Beispiel für eine Entfremdung vieler Topmanager der deutschen Wirtschaft vom Gemeinwohl, von freiheitlicher Gesinnung und einem auf Würde, Respekt und Anstand basierenden Umgangs miteinander. Warum empören wir uns nicht? Warum geht kein kollektiver Aufschrei durch unsere Reihen, wenn wir mit ansehen müssen, wie die Unternehmen in Deutschland, die die meisten Arbeitsplätze in Deutschland bereitstellen, nämlich der Mittelstand, als Zulieferer und häufig auch noch als Initiator von Verbesserungen und Innovationen, wie Zitronen von den von ihnen belieferten Großkonzernen ausgepresst werden, die auf der anderen Seite den Machthabern von Unrechtsstaaten in den Allerwertesten kriechen?

 

Oder nehmen wir Tschernobyl und dessen Katastrophe, die sich dieses Jahr zum 25ten mal jährt. Wie lang währte die Halbwertszeit unseres Erinnerns, unserer Empörung? Sehen wir vor unserem inneren Auge noch die vielen unschuldigen Kinderaugen oder die gespenstisch anmutende Geisterstadt Pripyat in der Ukraine, nur wenige Kilometer vom Reaktor entfernt? Brauchten wir erst Bilder von Fukushima, um erneut umzudenken? Wie weit geht die Arroganz von Politikern und Wirtschaftsführern, die uns für blöd verkaufen wollen, und sich gegenseitig unter vorgehaltener Hand versichern, nach den nächsten Wahlen geht alles so weiter wie bisher. Die öffentliche Erregung muss sich ja nur erst wieder legen. Warum empören wir uns nicht über die Unverschämtheit vieler Politiker und Wirtschaftsführer, die uns für (mittlerweile) ausreichend träge, gleichgültig und verblödet halten?

 

Jahrzehntelang glaubten wir an den Fortschritt. Wir optimierten unsere Prozesse und Abläufe, erfanden Maschinen, Computer und das Internet. Wir fahren immer schneller, essen immer mehr und gleichzeitig immer schlechtere Nahrungsmittel und schauen im Fernsehen Sendungen von Menschen über Menschen, die wir im wirklichen Leben nicht einmal mit unserer Kehrseite betrachten würden. Warum empören wir uns nicht? Mit fortlaufendem Fortschritt entfremdeten wir uns nicht nur von uns selbst, von unserer Arbeit, von unserem Gewinn und schließlich von den Folgen unseres Handelns, im Anschluss und in der Folge einer jeden Katastrophe haben wir uns gesagt: Jetzt werden wir anders! Wir werden uns nie wieder für dumm verkaufen lassen, oder uns selbst dumm und rücksichtslos verhalten. Bis zum nächsten Mal.

 

Der wa(h)re Luxus, oder warum konservativ denken heutzutage modern und fortschrittlich sein kann. Es geht meiner Meinung nach nicht darum, all die technischen Errungenschaften in Frage zu stellen, oder die große Revolution auszurufen. Ich denke, eine echte Empörung reicht aus, zusammen mit der Einsicht,  sich auf bewährte Traditionen und Tugenden zu besinnen, die einmal das Fundament eines deutschen Wirtschaftswunders waren: Fleiß, Tugend, eine echte Kaufmannsehre, ein langfristiges Denken, dass nicht bloß die Quartalszahlen im Blick hat, und sich gleichzeitig unter dem Deckmäntelchen des Unwortes Nachhaltigkeit versteckt. Warum empören wir uns nicht endlich gegen die Scharlatane, die uns weiß machen wollen, dass Geiz geil ist, und wir alle paar Monate ein neues Mobiltelefon oder sonstigen Schnickschnack brauchen? Über Firmen, die aus unseren Abfällen Kleidung produzieren in Ländern, die die Menschenrechte und Menschenwürde mit Füßen treten. Warum empören wir uns nicht darüber, dass aus alten PET-Flaschen in China Pullover produziert werden, die uns in teuren Werbekampagnen von hübschen Fotomodells (die man glücklicherweise nicht riechen kann) angepriesen werden, damit wir nach nur zwei stündigem tragen dieser Plastikbomber stinken wie eben diese Fotomodells?

 

Warum müssen wir immer billigere Lebensmittel produzieren, obwohl unsere Kinder verfetten, die Zeitschriften voll sind von Diätvorschlägen und uns damit immer mehr die Achtung vor Nahrungsmitteln genommen wird. Ja, es ist ein Luxus gesund zu leben, sich gesund zu ernähren. Wann verstehen wir endlich wieder, dass weniger mehr sein kann, dass wir Dinge achten und pflegen können? Dass das nicht nur den Dingen zugute kommt, sondern auch uns selbst, da wir hiermit endlich wieder ein bisschen mehr Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zurückgewinnen, oder wie die Oma von Hape Kerkeling zu sagen pflegte: Was nichts kostet, taugt nichts!

 

Ich danke Stéphane Hessel für seine Streitschrift, für sein Aufrütteln. Empörung tut gut. Sie reinigt. Sie weckt auf. Und vor allem: Sie richtet einen wieder auf (empor). Natürlich ist es mit Empörung allein nicht getan. Aber sie kann der Anfang sein eines Umdenkens und eines Handelns. Fangen wir im kleinen an. In unserem Umfeld. Auf der Arbeit und im Freundeskreis, oder auch beim Einkauf von Lebensmitteln.

 

Kaufen Sie sich dieses kleine Büchlein, falls Sie es noch nicht getan haben. Vielleicht berichten Sie mir ja einmal, was es in Ihnen ausgelöst hat.

 

Herzlichst, Ihr empörter Kolumnist.

 

 

* Tilman Spengler, geb. 1947, deutscher Schriftsteller, Journalist und Sinologe, durfte Bundesaußenminister Guido Westerwelle nicht nach China begleiten, obwohl beide die Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ besuchen sollten. Offenbar weil er den dortigen Machthabern zu kritisch ist. Spengler hatte vor einiger Zeit eine Laudatio auf den Bürgerrechtler und späteren Friedensnobelpreisträger Liu Xiabo gehalten. Die Begründung der chinesischen Machthaber: „Herr Spengler ist kein Freund des chinesischen Volkes“.

 

 

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Profil des Autors:

 

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

 

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

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