Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus – Aufmerksamkeit

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner

Heute: Aufmerksamkeit – ein rares Gut in Zeiten des Kommunikationsoverloads

„Der Schlüssel zum Paradies der Leichtigkeit ist eine schwierige Frage: Was will ich wirklich?“ (Fundstück)

 

Wie behält man in Zeiten des Kommunikationsoverloads, des ewigen Erfolgsversprechens und einer Ich-muss-alles-können Gesellschaft das Wesentliche im Auge? Wie halte ich Haus mit meiner Konzentrationsfähigkeit? Wie kann ich mich willentlich noch entscheiden, wenn die Aufmerksamkeit an sich zu einer der knappsten Ressourcen der Gegenwart wird?

Entspanne Dich, übe Dich in Achtsamkeit, lass einfach mal los und besinne Dich auf das Wesentliche, lauten die Durchhalte- und Aufmunterungspauschalen der Ratgeberliteratur. Schön gesagt. Was aber, wenn der Sei-entspannt-Terror selbst zur Belastung wird? Gebetsmühlenartig beten wir die guten Vorsätze vor unserem inneren Auge herunter, führen Selbstgespräche und Selbstanklagen, die uns zu guter letzter nur noch den letzten Funken Ruhe und Contenance rauben. In der Regel überfallen uns nämlich all diese guten Ratschläge und Vorsätze in Zeiten, in denen wir sowieso schon unter massiven Druck stehen und die Kontrolle über unser Leben, unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden durch die Schleuderbewegung des Hamsterrads, in dem wir uns geflissentlich von Tag zu Tag vorwärts rotieren, herausgeschleudert wurde. Alles ist perfekt organisiert, getaktet und durchgestylt. Soweit die Theorie. Aber was dann? Es ist der Alltag, der kontinuierliche Wahnsinn, der Tsunami von inneren und äußeren Ansprüchen, Anforderungen und Informationen der uns fertigmacht. Wir hecheln durch unser Leben und werden, als wäre dies nicht genug, auch noch von dem schlechten Gewissen getrieben, dass es nicht reicht, dass wir nicht genug leisten. Keiner, auch wir selbst, sehen nicht, dass wir an der Grenze sind, diese, phasenweise sogar sehenden Auges, stellenweise bereits längst überschritten haben. Denn um das sich eingestehen zu können benötigten wir ein funktionierendes Selbstwertgefühl. Und dieses wiederum kann sich nur dann entwickeln, wenn wir uns selbst oder auch Anderen echte Aufmerksamkeit schenken. Wir drehen uns jedoch nur weiter im Kreis und beschleunigen so das Hamsterrad unseres Lebens immer weiter bis ins Unermessliche.

Gehetzt sein oder sich überfordert fühlen ist mittlerweile nicht mehr ausschließlich ein persönliches, sondern ein kollektives, gesamtgesellschaftliches Problem. Was die Sache an sich jedoch nur noch komplizierter macht. Wenn alle gehetzt sind und nicht aussteigen, warum dann ich? Weniger zu leisten, weniger zu kommunizieren, sich, wenn auch nur phasenweise, zurückzuziehen ist verpönt in einer Gesellschaft in der alles sofort, zu jeder Zeit, an jedem Ort möglich sein muss. Wir sind die Sklaven unserer Diener geworden. Genauso wie uns die Versprechen des papierlosen Büros in einer Flut von ausgedruckten E-Mails, Memos und anderen digitalen Junk versinken lassen. Jetzt müssen wir nicht mehr nur unsere reale, physikalische Welt versuchen in Ordnung zu halten, was schon genug Mühe kostet, sondern sind nunmehr auch ohne Unterlass damit beschäftigt, unsere digitale Welt und virtuellen Postfächer sauber zu halten. Es ist nicht zum Aushalten!

In diesen Zeiten der Verzweiflung erinnere ich mich immer gerne an meinen Professor im Fach Sozialpsychologie Enno Schwanenberg. Hochintelligent, kauzig, verschroben und doch voller Humor und Lebensfreude. Ich selbst und meine ganze Generation war bzw. ist eine Transitgeneration. Hineingeschleudert in die Welt der Personalcomputer und später in die Freuden und das Leid der digitalen Welt. Wir hatten Freunde, Bekanntschaften, Verabredungen und, man glaubt es kaum, wirklich schöne Feiern und Ereignisse, trotz rein analoger Telefone (von Mobiltelefonen gar nicht erst gesprochen). Okay, wir hatten keine Events, aber wer braucht schon Events, wenn er echte Er(äug)gnisse hat. Denn das wahre Leben ist für das sehende und teilhabende Leben gemacht. Wir haben uns verabredet, getroffen, uns ausgetauscht, auch ohne den heutigen Dauerstress und das obwohl wir nicht immer und überall erreichbar waren. Spricht hier vielleicht ein Kolumnist, der mitten in oder bereits jenseits der Midlifecrisis ist? Nein. Auch ich möchte Google, E-Mails, mein Smartphone und all diese nützlichen Apps nicht missen. Ich will nur endlich lernen, das Nützliche vom Unnützen, und das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden. Aber wie, wenn ich erst jede Mail öffnen muss, um dies zu entscheiden. Doch zurück zu Enno Schwanenberg. Mein Professor der Sozialpsychologie, ist einer der radikalsten Ausblender von Information, den ich bisher kennenlernen durfte, wobei ihm das Wesentliche doch nie zu entgehen schien. Er besaß keinen PC, keinen Fernseher, kein Fax, kein Telefon und doch er war da. Einmal darauf angesprochen, sagte er: „Wissen Sie Wagner, man wird zugeschüttet von Informationen, kommunikativen Abfall, voreiligen Fragen und Statements. Es ist lebensbedrohlich und zerstört die Kreativität und das Neue. Wenn irgendjemand etwas von mir möchte, muss er mir einen Brief oder immerhin eine Postkarte schreiben und dies wird er sich dreimal überlegen. Denn hierzu muss er sich Zeit nehmen, wirklich schreiben und dieses „Werk“ schließlich auch noch frankieren, also eine Briefmarke erwerben, aufkleben und alles zusammen zu einem der gelben Kästen tragen. Vielleicht, und glauben Sie mir, das ist die Mehrzahl der Personen, haben diese Menschen in der Zwischenzeit selbst die Antwort auf ihre Fragen gefunden, weil sie sich konzentriert haben und durch das Abwägen des Aufwands ihre verlorene Aufmerksamkeit im Vorübergehen wiedergefunden haben.“

Jeder Brief wurde beantwortet, und sollte die Sache als dringlich befunden worden sein, hat Enno Schwanenberg sich auf den Weg gemacht zu einem der gelben Häuschen, in denen man für kleines Geld telefonieren konnte. Und zwar so lange, bis er einen erreicht hatte. Dies war wundervoll, denn dann wusste man, dass dieser Mensch einem echte Aufmerksamkeit geschenkt hat. Und wirklich nichts auf dieser Welt gibt unseren Leben mehr Bedeutung als die Aufmerksamkeit eines signifikanten Anderen. Denn im Spiegel des Interesses unserer Mitmenschen erkennen wir nicht nur unseren Wert, sondern bekommen ein Gefühl von Bedeutsamkeit, das unserem Selbstwertgefühl schmeichelt.

In diesem Sinne, lassen Sie uns auf den Weg machen und das Unmögliche wagen. Wir können es, wenn wir uns alle endlich wieder eingestehen, dass nicht alles sofort, zu jeder Zeit und an jedem Ort gleichzeitig abgehandelt werden muss. Wenn wir endlich wieder verstehen, dass gewisse Dinge Zeit brauchen, ihre eigene Zeitlichkeit besitzen und gerade auch dadurch erst bedeutsam werden. Glauben Sie mir: Analoge Auszeiten werden uns nicht zu Außenseitern machen, sondern im Gegenteil zu aufrichtig teilnehmenden Mitmenschen, Kollegen und Mitarbeitern, weil wir dann das wiederfinden, was uns erfolgreich und kompetent macht: Aufmerksamkeit.

 

Beste Grüße

Ihr

Ulrich B Wagner 

 

——————————————————————

Profil des Autors:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.