Einsichten & Ansichten

Einstürzende Neubauten … . Oder Rechts ist, wo der Daumen Links ist

Rote Karte vor braunem Hintergrund auf dem die Worte Rechts und Links stehen

Alt oder neu, rechts oder links oder das neue Rechts im alten Links … ? Was von dem, was damals galt, gilt heute noch? Oder ist es nicht viel mehr so, dass bereits damals nichts von Dauer war? Und wenn dem so ist beziehungsweise schon immer war, was bedeutet das für uns beziehungsweise unser Zusammenleben? Fragen, denen unser Kolumnist, Ulrich B Wagner, in seinem aktuellen Beitrag zu „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ näher auf den Grund geht.

„Erotik ist der Sieg des Augenblicks über die Zeit.“

Simone de Beauvoir

Deine Spuren im Sand …

Wissen Sie noch … ? Wahrlich, es gibt Dinge im Leben, an die möchte man im Grunde nicht erinnert werden. Dankt inständig dem Wind, der ihn gnädig samt aller Spuren mit sich genommen hat. Den Rest nennt man dann schlicht und einfach vergessen. Soweit die liebe Theorie.

Die andächtige Anbetung des glanzvollenen Verlorenen, die Wiederkehr des Helden-Epos, des ewig schon Gestrigen, ihre Verklärung, ihr Geschrei und das aufgescheuchte Hinterhergerenne der handfesten, der bisher ungehörten Eckenpisser des Sozialen und das stumme Nachgemurmel der bisher wohl verstandenen Bewohner der so im Realen bereits verlorengegangenen Hoffnungsscholle Mittelstand. Der dümmste Bauer hat immer die größten Kartoffeln gab meine Großmutter beim ersten leisen Geruch eines solchen immer zum Besten.

Nichts Neues unter der Sonne

Tja und irgendwie sind sie es ja auch heute noch. Die, die stolz erzählen, dass zu ihren Vaters Urzeiten, als die Familien noch die nachhaltige Bewirtschaftung der weitreichenden Ländereien in den ehemaligen Ostgebieten zum Wohl des Volkes betrieben, mit der Kreissäge die Kartoffeln klein schneiden mussten, damit sie durch die Kellerfenster gingen. Lassen wir es lieber, sonst wären wir schon wieder irgendwo in den nebulösen Feldern der Nicht-Unterscheidung und ihrer Verklärung des Gewöhnlichen. Nichts Neues unter der Sonne, keine solche Neuentdeckung, dass sie einem entschuldbaren längeren Verweilen vor der Tonne des guten alten Sonnenanbeters Diogenes Anrecht gebäre.

Ich glaube jedenfalls nicht. Oder?

Glauben ist nicht Wissen, höre ich es in meinen Ohren klingen.
Das Gekratze des blutroten Füllers in der Schwingung einer glatten Sechs durchbrach dann auch sogleich ein tieferes Abgleiten in die Windungen der so ganz eigenen Historie.

Alles fließt

Wissen Wagner! Wissen ist nicht Glauben!
Aber Wissen macht diese Sprache aus.
Setzen, Sechs! Ein kleines Danke und dann wohl bis zum nächsten Mal.

Damals halt. Humanismus, das humanistische Weltbild. Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie. Deutschland ein Wintermärchen. Dem Wahren, Schönen und Guten verpflichtet.

Mit jedem Abendzug. Von Generation zu Generation. Seit Hannibals Elefanten bis zum Anbeginn unserer Tage. So ähnlich oder so auf alle Fälle. Und jetzt das. Naja gut, dem alten Lateiner, Gott habe ihn selig, würde heutzutage wohl auch dann und wann sein Latein ausgehen.

Panta rhei! Panta rhei! Cuncta fluunt, alles fließt, würde er uns wohl in Abgrenzung zu seinem altsprachlichen Lehrerkollegen erwidern. Oder … :

„Wer in den selben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.
Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.
Man kann nicht zweimal in den selben Fluss steigen.“

Kranz, W. (Hrsg.): Die Fragmente der Vorsokratiker

Alt oder neu? Lebendig oder tot?

Die Zeit. Die Zeit, die liebe Zeit … . Chronos und Kairos: der Augenblick.

Was bleibt vom Wirklichen? Von der leibhaftigen Zeit? Der geistigen Realität im Inneren und einer (geteilten?), materiellen Realität im gemeinsamen Äußeren?

Nicht viel auf den ersten Blick, wenn man sich bloß die damit verbundenen differenten Medien der persönlichen und interpersonellen Wahrnehmung vornimmt. Setzt man jedoch die damit verbundenen Spiegelkabinette der sozialen Interaktion und der Bestätigung von Realitätswahrnehmungen noch hiermit in Bezug, entsteht ein leicht und wahrschlich schon allzu häufig bemühtes Bild: Die Hängenden Gärten des Semiramis, die mächtige Stadtmauer, Atlantis, das Durcheinander, der Turmbau, die Verwirrung. Neudeutsch communication disorder oder schlicht und einfach babylonisches Sprachgewirr.

Veränderung, Neugestaltung, Neuanfang ist sowieso nicht jederfraus(manns) Sache, doch die Nischen, die unberührten Flächen der Sozialität, des Zusammenlebens sind weg.

Alles RECHTS oder auch das ehemals alte Links, das sich nun im NEUEN RECHTS mit dem vermeintlich alten Rechts wieder(er)findet, ist nur dem verzweifelten Greifreflex des Däumlings geschuldet der sich und seine Identität zu (be)greifen versucht.

Das bisher vermeintlich Neue stürzt, taumelt. Alt oder neu? Lebendig oder tot? Die Gewissheit ist fort. Sie wird auch nicht wiederkommen. Denn das Hier und Jetzt, das Gegenwärtige hat etwas vom Berg und dem Propheten. In Zeiten der sozialen Medien und des World Wide Webs jedoch mit aller Wucht.

Das Neue? Das Bessere?

Ihre Spuren im Sand hat der Wind wohl oder übel mitgenommen. Alles andere bleibt doch nur bloßes Plagiat, schlichte Nachformung, Staumauer auf neuen Grund. Rechts, links, oben, unten, Rand oder Mitte. Alles fließt.

Rauscht es bloß, ist es doch nur ein Aufbäumen der Naturgewalten betrachtet aus der vermeintlich sicheren First Class Kabine? Ein Sturm des Gewöhnlichen in der Außergewöhnlichkeit der Zeit? Eine Frage des Standpunkts, der Perspektive und Offenheit für das Leben. Manche Veränderungen gleichen (erfordern) manchmal dann doch mehr ein Wellenreiten, sie fordern ein mit und für alle Sinne, eine bewussten Auseinandersetzung mit dem Neuen, dem Neuen im Alten, dem Alten im Neuen, dem Hier und Jetzt. Alles fließt.

Und dass das Zentrum unseres Ichs unseres Bewusstseins, zu großen Teilen eher einem Vergangenheits- anstatt einem Zukunftsorgan geschuldet ist, ist mittlerweile wohl hinreichend bekannt. Und Ihre Folgen für die menschliche Konstruktion der Wirklichkeit hoffentlich auch. Heraklits Fließen gleicht nämlich eher einer Ejakulation. Denn die Zeit fließt in unserer Wahrnehmung nicht kontinuierlich, sondern sie stößt sich in 30 Millisekunden voran. Es war der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel, der als einer der ersten darauf verwies, dass unser Gehirn, unser Bewusstsein, die Gegenwart in Drei-Sekunden-Einheiten unterteilt: Ein Händedruck, eine Liedstrophe, ein Popup, ein Blick zurück, die Zeile eines Gedichts, ein Schluck Kaffee, der erste Geruch der Madelaine all das dauert ungefähr drei Sekunden, und das sei auch kein Zufall.

Denn das Gehirn frage sich nur ungefähr alle drei Sekunden: Was gibt es Neues in der Welt?

Die Zeit, der Raum und ihre Formen der Anschauung

Neuere Modelle für Verarbeitungsprozesse im Gehirn wie beispielsweise das liquid computing model, gehen jedoch von einer noch höheren Selektivität der Wahrnehmung aus und damit auch davon, dass das Gehirn nicht jede Information für sich in einem festen Zeittakt bearbeitet, sondern in kleinen packages von Eindrücken, die sich in Sammelboxen aus ineinanderfließenden und sich auch überlagernden Informationen aus verschiedenen Zeitabschnitten bilden. Nach eingehenden Untersuchungen hielten die Nervenreaktionen schon in der ersten Verarbeitungsstufe im Gehirn mehrere 100 Millisekunden an. Für die menschliche Informationsverarbeitung in dieser frühen Phase eine schon ausgesprochen lange Zeit. Vermutet wird dahinter, dass neuronale Reaktionen auf Reize auch Informationen beinhalten dürften, die von einem vorhergehenden Reiz stammen, also schon auf eine Art von Erinnerung zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Informationsverarbeitung zurückgreifen.

Ja, ja … , die Zeit und der Raum und ihre Formen der Anschauung. Was bleibt ist das Problem der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Hierauf sollten wir eine Sprache finden, eine gemeinsame Sprache, die ein gemeinsames Empfinden des Lebens, des Miteinanderlebens. Trotz oder vielleicht auch gerade im Interesse wegen des Ungleichzeitigen erst ermöglicht.

Irgendwo las ich in den weiten digitalen Universen unter den Trümmern der einstürzenden Neubauten, dass sogar Kafka am Ende seiner berühmtesten Erzählung, das Urteil, an einen Orgasmus gedacht haben soll. Oder exakter formuliert: an eine starke Ejakulation, wie Kafkas Vertrauter Max Brod zitiert wird.

„In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“

(Kafka, F.: Das Urteil, S. Fischer Verlag)

Es ist genau der Moment, in dem der Erzähler sich über eine Brücke in einen Fluss stürzt, um darin zu ertrinken. Abtauchen in die Suizidalität wäre fatal. Selbstmordattentäter töten Selbstmordattentäter. Gleichheit, gleiches Recht für alle im Untergang? Mit mir nicht!

Vielleicht bringt es ja schon etwas, dass Leben weniger neurotisch und im Sinne von Simone de Beauvoir mehr erotisch zu betrachten Mehr Neugier, weniger Konsum, mehr Respekt vor den Formungen und Ausformungen der Vielfalt. Ein gemeinsames Tun statt des Einforderns. Ein aktiver Austausch und Abgleich, anstatt des immobilen bloßen passiven Forderns und Einforderns von Realitäten, die selbst im Geiste des Fordernden nur noch musealen Charakter besitzen. Und damit:

Ein mehr des MIT als des AUF den vermeintlich Anderen LEBEN.

Ihr Ulrich B Wagner

 

Ulrich B Wagner

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