Kolumnen

Energiezukunft: Teurer als teuer?

Am Rande der gigantischen internationalen Leistungsschau der weltweiten Photovoltaik-Industrie Anfang Juni dieses Jahres in München, der Intersolar 2010, war schon durchgesickert, dass im Herbst eine große gesteuerte Welle gegen die Erneuerbaren im Allgemeinen und die Photovoltaik im Speziellen anrollen wird. Im Schatten der schwarz-gelben Koalition sehe man eine Art von letzter Chance, die drohende „Energiewende“, die die fossil-nukleare Stromerzeugung ablösen werde, doch noch zu stoppen, zumindest vorübergehend. Kommentar von Hans Kronberger.

 

Auf dem Parkett der großen Politik stehen die Chancen der Gestrigen zwar gar nicht gut – von Obama bis Merkel, oder wer immer sich einen Platz in der Weltgeschichte sichern will, ist zumindest verbal dabei, das Zeitalter der Erneuerbaren einzuläuten – der kleinen Runde in der VIP-Lounge der Münchner Messe war aber klar, dass die verbliebene Gegnerschaft im Herbst noch einmal die Preiskarte zieht. Noch einmal soll versucht werden, der Welt vorzuführen, wie teuer saubere Stromproduktion sei und wie unerträglich sie die Budgets der kleinen Privathaushalte belaste und weiter belasten werde.

 

Nun ist seit der Erfindung des Schießpulvers bekannt, dass Kanonenschüsse gelegentlich im Rohr krepieren oder sogar nach hinten losgehen können, dies war jedoch noch nie ein Grund, solche nicht abzufeuern. Um es kurz zu machen: Aus dem Versuch,  die erneuerbaren Energieträger mit der Preiskeule zu erschlagen, entstand einen neue Fragestellung, die da lautet: „Wie teuer wird es die Gesellschaft und die Volkswirtschaften kommen, wenn der rechtzeitige Ausstieg aus dem fossil-nuklearen Energiesystem nicht gelingt?“

 

Zwar erschienen im Herbst pünktlich wie die ersten Frühnebel Horrorzahlen über die Kosten sauberer Stromversorgung (Der Spiegel), aber rund lief die Sache beileibe nicht.

 

Bereits im folgenden Sommer konnte die deutsche Fachzeitschrift „Photon“ nachweisen, dass der durchschnittliche Marktpreis für Strom an der Leipziger Börse gesunken ist, weil ihm dank des hohen Anteils an Wind- und Sonnenstrom die Höchstpreisspitzen von über einem Euro pro Kilowattstunde genommen wurden.

 

Photovoltaik und Windstrom als Preisdrücker waren schon unangenehm genug. Das nächste Ungemach folgte auf dem Fuß: In England enthüllte der „Guardian“, die Regierung habe versucht, unangenehme Wahrheiten über die knappen Weltölreserven zu vertuschen.

 

In Deutschland kam es noch schlimmer. Die unzensurierte Fassung einer Studie, die das Fördermaximum für Öl mit dem Jahr 2010 annahm, verirrte sich ins Internet. Das Eintreffen des Fördermaximums bereits im laufenden Jahr und die daraus resultierenden Folgen von brutalen Verteilungskämpfen bis hin zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft samt  planwirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen sollten unter Verschluss bleiben, aber das Internet ist gnadenlos (unter anderem Spiegel online). Die Studie ist insofern bemerkenswert, als sie nicht von den üblichen verdächtigen Schwarzmalern kommt, sondern aus der Denkwerkstatt der Deutschen Bundeswehr.

 

Mit der Verlängerung der Laufzeit der deutschen Atommeiler konnte die E-Wirtschaft nach einem Erpressungsschlag gegen die Deutsche Regierung („Wir schalten die Reaktoren sofort ab und schaffen damit einen Stromengpass!“) zwar einen halbherzigen Sieg landen, so richtig glücklich kann sie aber nicht sein.

 

Einerseits muckt die Antiatombewegung neu auf, anderseits wurde die Frage nach den tatsächlichen Kosten von Atomstrom aktualisiert. Greenpeace wollte es genau wissen und beauftragte das Forum Ökologisch-Soziale Steuerreform, die direkten und indirekten Subventionen zu errechnen.

 

Das Ergebnis: Ohne massive staatlicher Hilfe wäre die Atomkraft in Deutschland nie eingeführt worden.

156 Milliarden Euro mussten die Bundesbürger seit 1950 für Atomstrom zuschießen, weitere 92 Milliarden werden folgen.

 

Der Versuch, sauberen Strom aus Wind und Sonne mit Horrorzahlen für das Ansteigen der Verbraucherpreise verantwortlich zu machen, ging ebenfalls voll in die Hose. Das ARD-Magazin „Monitor“ titelte Ende Oktober: „Die Lüge vom teuren Ökostrom“.

 

Die Horrorzahlen bezogen die deutschen Stromkonzerne vom Rheinisch-Westfällischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Das RWI konstruierte, dass die Stromkunden bereits 64 Milliarden Euro für Solarstrom ausgeben müssten.

 

Erstens mussten die Konzerne sich vorhalten lassen, dass sie im letzten halben Jahr Milliardengewinne eingefahren hätten und die Kosten für sauberen Ökostrom keineswegs auf den Endkunden umlegen müssten.

 

Zweitens korrigierte Claudia Kämpfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung die Zahlen, in denen die kostensenkenden Faktoren von Ökostrom, die bereits 2006 zwischen drei und fünf Milliarden Euro ausmachten, nicht berücksichtigt waren.

 

Ihr Gesamteindruck wörtlich: „Man will ein bisschen Angst machen, dass man aufzeigt, welche Kosten auf die Bürger zukommen, ohne dass man seriös aufzeigt, dass es einerseits senkende Faktoren gibt und andererseits auch Nutzen gibt, die für die Volkswirtschaft gut sind“.

 

Noch schlimmer war der dritte Punkt: Nachdem der verantwortliche Studienautor Manuel Frondel zuerst bestritten hatte, dass es für die Horrorzahlen zahlende Auftraggeber gab, musste er auf Vorhalt der Monitor-Redakteure kleinlaut eingestehen, dass hinter der Studie sehr wohl ein Finanzier stand, nämlich das Washingtoner Institut IER.

 

Das IER ist eine sattsam bekannte Lobbyorganisation, finanziert von Öl- und Kohlekonzernen. Es führt einen Feldzug in Medien, Kongress und Senat gegen alle Pläne der Regierung von Präsident Obama, Solar- und Windenergie zu fördern. Kein Wunder, dass man es sich etwas kosten lässt, das deutsche erneuerbare Energiemodell gleich mit zu desavouieren. Es ist natürlich auch nicht undenkbar, dass die Finanzen vorher von Deutschland nach Washington geflossen sind.

 

Als Fazit bleibt: Die Zukunftsfrage der Energieversorgung ist nicht der aktuelle Preis der erneuerbaren Energiebereitstellung, sondern die Kosten, die den Volkswirtschaften entstehen, wenn man den Umstieg auf sie nicht rechtzeitig schafft.

 

Quelle: © Franz Alt 2010

 

 

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