Kolumnen

Fetisch Kommunikation – Über Sinn und Sinnlichkeit des Nichtverstehens

“Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus”… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner.

Heute: Fetisch Kommunikation – Über Sinn und Sinnlichkeit des Nichtverstehens

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Dürfte ich das Unwort des Zeitalters bestimmen, so käme nur eines in Frage: Kommunizieren….

Welch einen Reichtum an (noch lebendigen) inneren Bewegungen und entsprechenden Ausdrücken verschlingt ein solch brutales Müllschluckerwort!

Mann und Frau kommunizieren nicht miteinander. Die vielfältigen Rätsel, die sie einander aufgeben, fänden ihre schalste Lösung, sobald dieser nichtige Begriff zwischen sie tritt… All unsere glücklichen und vergeblichen Versuche, uns mit der Welt zu verständigen, uns zu berühren und zu beeinflussen, die ganze Artenvielfalt unserer Erregungen und Absichten fallen der Ödnis und der Monotonie eines soziotechnischen Kurzbegriffs zum Opfer. Damit leisten wir dem Nichtssagenden Vorschub, das unsere Sprache mit großem Appetit auffrisst.

(Botho Strauss, Der Untenstehende auf Zehenspitzen)

Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht.

(Platon, Phaidros)

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Wir leben im Kommunikations- und Informationszeitalter und stecken gleichzeitig darin fest. „Kommunikation ist alles und alles ist Kommunikation“ postulierte Paul Watzlawick in den 1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es war für ihn der Ausgangspunkt seiner weitreichenden und noch heute aktuellen Untersuchungen der Paradoxien und Störungen der menschlichen Kommunikation und doch hat auch er irgendwie, wenn auch mit Sicherheit ungewollt und indirekt, dafür gesorgt, dass dieser ehemals für Verständigung, des wechselseitigen sich Mitteilens stehender Begriff, zum „Müllschluckerwort“ mutierte.

In seinem beinahe grenzlosen Auslegungspotential ist dieses Wort universal und gleichzeitig inflationär geworden. Indem man sich dessen bedient, distanziert man sich bewusst oder unbewusst von einem differenzierten und tiefer reflektierten Zugang zu den Erscheinungen.

Anders ausgedrückt Kommunikation wird banal, schal, beliebig und austauschbar. Denn Verständigung und der Austausch von Informationen – also Kommunikation – sind, mag es für den einen oder anderen auch einfach als intellektuelle Haarspalterei erscheinen, nicht automatisch gleichbedeutend.

Verständigung ist asketisch und schamlos, Kommunikation dagegen pornographisch und prüde, um es in Abwandlung von Theodor W. Adornos Vergleich von Kunstwerken und Kunstindustrie auf den Punkt zu bringen.

Im oben zitierten sokratischen Dialog Phaidros zeigt sich das heutige Dilemma erstmals in dem für damalige Zeiten noch relativ jungen Medium Schrift. Die Schrift hat nicht nur keinen eindeutigen Adressaten, sondern Inhalte können problemlos veruntreut werden, da der Urheber im Moment der Niederschrift auch die Interpretationshoheit verliert. Sokrates bevorzugte Form der Verständigung galt dem Dialog, dem wechselseitigen Sprechen und Zuhören, im Gegensatz zur einseitig und damit auch schlecht wegkommenden Schrift. Die Rollen sind klar verteilt, der eine ist nun mal Sender und der andere Empfänger. Hier sind wir nunmehr auch wieder bei den neuen Medien: Mag ihnen theoretisch zwar irgendwie auch eine dialogische Möglichkeit innewohnen, verschwindet diese in der Regel im Alltag jedoch meist fast zwangsläufig und lässt sie so für die meisten am Ende des Tages doch zu einseitigen Kanälen verkümmern.

Adorno war kein Apokalyptiker trotz seiner Ablehnung der Massenmedien und der ewig sich reproduzierenden Kulturindustrie. Adornos Ablehnung der Massenmedien rührt aus der ihnen innewohnenden Verlogenheit, Demokratie und Teilnahme zu versprechen, die sie in Wahrheit nur an der Oberfläche schemenhaft abzubilden in Lage sind.

Was würde der Protagonist der Frankfurter Schule heute wohl zu Facebook, Twitter und Co. sagen? Sei’s drum.

In unserem sich selbst überholenden Kommunikationszeitalter der sozialen Netzwerke, der computergestützten Kommunikation, der ständigen Dauerreichbarkeit wird Kommunikation nämlich nicht nur zum Zwang und Fetisch, sondern führt sich damit zwangsläufig wie oben bereits ausgeführt als Verständigungsform ad absurdum.

Der amerikanische Professor John Durham Peters hat in seinem Buch „Speaking in the air“ eine Kommunikationsformel entwickelt, die zwar keinen Anspruch auf eine exakte wissenschaftliche Definition hat und auf ewigen Werten wie Liebe, Gerechtigkeit und Gnade fußt. Ihre Bedeutsamkeit und Stärke liegen aber gerade in diesem provokativen Charakter der vom Autor gegebenen Vision eines Kommunikationsideals.

Doch gerade diese Tugenden als auch Toleranz und Unvoreingenommenheit sind das, was unserer von den sozialen Medien geprägten, modernen Gesellschaft bei ihrem Umgang mit Kommunikation fehlt und diesen Begriff damit nicht nur für Botho Strauss zum Unwort mutieren lassen.

Blickt man der weltweiten Vereinsamung weiter Teile der Gesellschaft jedoch ungeschönt in die Augen, mögen meine Ausführungen zum Müllschluckerwort und seinen gefühlskalten Fetischen wie Facebook & Co. wohl das geringere Übel darstellen.

Wenn….. ja wenn nicht?

Doch machen Sie sich hierzu doch getrost selbst einmal ihre Gedanken.

PS: Selbst der Kolumnist fühlt sich hiervon nicht ausgeschlossen, liebt und hasst die vermaledeiten Reize der neuen Medien, setzt diesen jedoch eine Entfetischierungsformel entgegen, in dem er zwar mit den neuen Medien kommuniziert, aber sich mit seinen Freunden und Menschen im Umfeld dagegen am liebsten unterhält, fragt, zuschaut, abreibt, an- und aufregt und an ihnen eine poetische Rhetorik liebt, die dem häufig Nichtssagendem einfühlend entgegensteht und nicht kommuniziert.

Ihr Ulrich B Wagner   

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Über den Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare. Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

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