Bildung

Flüssige Liebschaften: Über das Intensive als Bindekraft

Flüssige Liebschaften, Intensität, Sehnsucht, Erziehung, Fernsehen, Bildschirm, Kuss, körperlichkeit, begierde

Was ist im Mahlstrom, der alles mitreißt, nicht flüchtig? Alles wird mitgerissen, nichts scheint auf lange Sicht besonders, sondern vielmehr gewöhnlich. Oder? Unser Kolumnist Ulrich B Wagner hat diese Gedanken fortgeführt: Der heutige Beitrag von „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET“ rückt unterschätzte Zusammenhänge in das Zentrum der Aufmerksamkeit, die im reißenden Strom der Zeit untergehen. Dazu gehört auch unsere Sehnsucht, geliebt zu werden – und was bisweilen gerade die schulische Erziehung letzten Endes mit unserer Sehnsucht macht.

Nichts bleibt, alles ist im Fluss.

Auch die Liebe nicht.

Gegen Regelwerke, die schon in der Antike veraltet waren

Heraklit von Ephesos, in den Philosophie- und Geschichtsbüchern gerne auch der Dunkle genannt, würde sich wahrscheinlich maßlos freuen. Denn mit dem Internet, so scheint es, wurde das technische Medium für jeden Einzelnen von uns bereitgestellt um das Korsett der starren Festlegungen, das bisher alles menschliche und zwischenmenschliche Verhalten nicht nur regelte, sondern auch begrenzte, zu sprengen, damit es vom Einzelnen, gewollt oder (auch) nicht gewollt, mit der jahrtausendealten Urerfahrung des Panta rhei („Alles fließt“) in Einklang kommt.

Hat sich somit der ehemals in kulturelle Normierungen gehaltene – oder je nach Sichtweise auch gezwängte – Einzelne, aller einengenden Bindungen und Vorentschiedenheiten nicht bloß leidig, sondern theoretisch auch ledig, sich dadurch jedoch auch wirklich ohne inneres Zutun wie durch Zauberhand zu einem flexiblen Menschen in der zukünftig alle Lebensbereiche durchdringenden Digitalmoderne gemausert?

Bietet diese Öffnung des Raums über bestehende analoge Grenzen hinaus wirklich eine Freisetzung, eine Befreiung – oder nicht doch auch im Umkehrschluss eine fatale Begrenzung des Einzelnen auf sich selbst?

Leben und auserwählt (sein)

Werden wir also gesehen vielleicht doch nicht, wie alle erhofften, zu Wesen freischwebender Intelligenz und Liebeserfahrungen, sondern doch nur zu noch schutzloseren Jetztzeitwesen, deren Leben und Überleben nicht mehr allein durch Tradition und Erfahrung bestimmt und so aber auch bei eigener Passivität einigermaßen geschützt ist. Stattdessen vermögen wir uns selbst nur noch durch eigene Aktivität, Anstrengung und Kraft, aber maßgeblich durch die eigene Beweglichkeit zu schützen.

Denn alles, wirklich alles löst sich auf, verflüssigt sich und wird flüchtig, selbst das Auserwähltsein.

Auserwählt zu sein ist ursprünglich ein theologischer Begriff, der im Laufe der Zeit im Zuge der Verallgemeinerung des einstmals Außeralltäglichen nicht nur über Jahrhunderte Einzug in das tägliche Leben fand. Vielmehr riss er im Zuge der oben beschriebenen Entwicklungen in rasanter Geschwindigkeit nicht nur das dahinterliegende Ur-Vertrauen mit sich in den Orkus, sondern büßte auch, was viel fataler ist, seine soziale, aber auch liebestechnisch relevante Bindekraft ein.

Auserwähltsein besagt nämlich auch: ohne einen Verdienst, ohne großes Zutun, durch einen übernatürlichen Urteilsspruch, den freien Willen mal weggelassen, zu etwas Außerordentlichem und Außergewöhnlichen bestimmt zu sein.

Alle Heiligen, egal welcher Religion oder mystischen Kultes dieses Erdenrunds, bezogen und beziehen bis heute aus dieser Überzeugung nicht nur die Kraft, selbst die fürchterlichsten Qualen zu ertragen, sondern sie auch Anderen zuzufügen, ob nun der IS oder die mittelalterlichen Kreuzzüge zur Befreiung Jerusalems.

Der klägliche Versuch, der Gewöhnlichkeit zu entkommen

Verallgemeinert, überführt in das tägliche, häufig so banale Leben unseresgleichen, verwandelt sie sich jedoch durch die vermeintliche Trivialität unseres Lebens zur Parodie des einst göttlichen Auserwähltseins. Jeder von uns erkennt dieses Leiden an der Erbärmlichkeit, an der im Zuge der Vergleichbarkeit und angeblicher Unmöglichkeit des Unmöglichen im digitalen Zeitalter noch ins Unermessliche potenzierten angeblichen Gewöhnlichkeit des eigenen Lebens. Und im Anschluss versucht jeder mit aller Macht und Intensitätssteigerungen dieser Gewöhnlichkeit zu entrinnen und sich zu entheben.

Ich denke jeder von uns kennt aber auch das Gefühl der Sinnlosigkeit und Zwecklosigkeit aller weiteren Versuche der Intensitätssteigerung.

Ist die Intensivierung der Bemühungen daher nicht nur obsolet, sondern der Begriff der Intensität per se?

Mitgerissen in dem, was sich verflüssigt

Was bleibt also in einer zum (be)greifen nicht nur intensiven, aber für viele von uns doch eher Angst auslösenden, unfreiwilligen MitGerissenheit in einer bisherigen theoretischen, wenn auch nicht immer bloßen wissenschaftlichen, dann doch für die Meisten von uns lebensfremden, nun zur Strudelhaftigkeit angeschwollenen Verflüssigung des Seins?

Was bleibt in einer Verflüssigung der bis dato in vielen Bereichen des persönlichen Lebens selbstverständlichen, kaum anders wenn auch nicht unbedingt nicht vorstellbaren Lebenswelt? Einer Lebenswelt, die einst noch klare Grundrisse, ja eine (1) Form nicht nur kannte, sondern auch anerkannte?

Was bleibt von einer Lebenswelt, deren Korsetthaftigkeit nicht nur Halt und Schutz versprach, sondern zu allen Zeiten doch immer auch Stein des Anstoßes, Aufforderung zur Durchbrechung, zur Befreiung und Freisetzung war, und damit nicht nur bloße Triebkraft der Veränderung war, sondern das Leben per se erst leb- und erlebbar erscheinen ließ?

Ein Oszillieren Schutz und dem Freiheitsdrang

Was bietet Schutz? Was Halt?

Und was hat das Ganze auch noch mit der vermeintlichen Überalterung des Begriffs der Intensität zu tun?

Was bedeutet denn Intensität, Intensitätssteigerung oder Intensivierung der Bemühungen?

Ist es der Kick? Der Kick, der in seiner Perpetuierung dann doch nur, nicht nur das Mehr, sondern das Meer des eigenen AufgelöstSeins, im alles beherrschenden Flüssigen nur noch mehr spürbar macht?

Kraft?

Macht?

Ermächtigung?

Nur wessen mächtig werden in dieser ufer- und horizontlosen Verflüssigung des Statischen, des ehemals für alle Ewigkeiten von Gottes Hand erschaffene?

Zurück zur Theorie

In der Physik beschreibt Intensität oder Strahlungsintensität die Flächenleistungsdichte beim Transport von Energie. Die Bezeichnung umfasst grob zusammengefasst alle Arten von Energietransport. Für eine gegebene Fläche im Raum berechnet sie sich als Quotient aus der durch die Fläche übertragenen Leistung und der Größe der Fläche, oder als Produkt aus der Energiedichte der Geschwindigkeit des Energietransports.*

Was hat das Ganze aber nun mit uns, mit der Liebe, unserer Hilflosigkeit in der verflüssigten Welt zu tun?

Kommen wir, gemeinsam mit Milan Kundera, zur Liebe und zum Auserwähltsein zurück, wie er sie grandios auch in seinem Die Langsamkeit beschrieb, denn das Auserwähltsein ist in der modernen Welt in jeder romantischen Liebesbeziehung grundsätzlich. Denn per definitionem ist sie, wie bereits betont, erst einmal ein unverdientes Geschenk, geliebt zu werden: Ganz ohne Verdienst ist sogar der Beweis wahrer Liebe. Ein Gefühl, das wir vielleicht als Säugling nicht nur mit auf den Weg bekommen, sondern als unstillbare Sehnsucht auch weiter mit uns und durch unser Leben und unsere Partnerschaften tragen.

Wenn Sehnsucht auf Erziehung trifft

Die darauffolgende Erziehung in der Schule zielte daher genau darauf ab, uns von diesen Illusionen und Sehnsüchten zu befreien und uns und unser Leben durch den simplen wie banalen Kernsatz: Dass man im Leben für alles bezahlen muss, zu echten Marktteilnehmern zu degradieren.

Vielleicht besteht ja der große Schritt, der vor uns liegt, ja auch gerade darin, unsere, aber auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interpretationen von Intensität und Intensitätssteigerung, neu zu definieren. Und zwar so, dass sie mit der Öffnung der Räume, der Erweiterung und Beschleunigung der Oberflächen uns in Form der Verflüssigung der bisherigen Strukturen um die Ohren fliegt.

Vielleicht muss Intensitätssteigerung im Miteinander, im Großen wie im Kleinen, in der Liebe genauso wie im wirtschaftlichen Miteinander, daher als eine Vertiefung der Expertise nicht bloß des eigenen, persönlichen Raums, sondern auch in und mit ihm neu definiert und auch im täglichen Miteinander verstanden werden. Auf diese Weise wird dann in der Vernetzung mit Anderen, ihren Vertiefungen und in ihren Räumen, eine jenseits der vermeintlichen schnelllebigen und strukturlosen verflüssigten Oberfläche eine Oberfläche höherer Ordnung zu erschaffen, die durch die Offenheit und das Vertrauen in die Kompetenz des Anderen, neue Sicherheit und neue Konstanten in Zeiten des stetigen Wandels abgibt.

Ihr Ulrich B Wagner

* Siehe Intensität.

Ulrich B Wagner

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