Wirtschaft

Freunde werden zur „Wahlfamilie“. Einstellungswandel in Deutschland

Der demographische Wandel in Deutschland hat einen grundlegenden Einstellungswandel zur Folge. Immer mehr Menschen leben und wohnen im Alter allein. Und weil sie kinder- und enkellos bleiben, sind sie zunehmend auf fremde Hilfe sowie persönliche Beziehungen und Kontakte angewiesen, wenn sie nicht allein sein wollen. In dieser Situation werden Freunde immer wichtiger im Leben (2002: 83% – 2010: 92%), während gleichzeitig die Berufs- und Arbeitsbeziehung (2002: 74% – 2010: 72%) sowie Religions- und Kirchenzugehörigkeit (2002: 31% – 2010: 24%) einen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen. Dies geht aus Repräsentativuntersuchungen im Zeitvergleich der Jahre 2002 und 2010 hervor, in denen die BAT Stiftung für Zukunftsfragen bundesweit 2.000 Personen ab 14 Jahren nach ihren Lebenseinstellungen befragt hat.

 

„Die persönliche Zukunftsvorsorge wird in einer Gesellschaft des langen Lebens zu einer Generationenaufgabe ersten Ranges“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Wissenschaftliche Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen. „Neben die Sorge um die eigene Gesundheit und das Wohlergehen der Familie rückt die systematische Pflege der Freundschaftskontakte in das Zentrum des Lebens.“ In dieser Beziehung sind sich alle einig – quer durch die Berufs-, Sozial- und Altersgruppen.


„Soziale Konvois“: Die neuen Wegbegleiter des Lebens

 

Vor dem Hintergrund einer ständig steigenden Lebenserwartung kann es für die Bundesbürger nicht mehr nur um die Erhaltung des materiellen Wohlstands gehen. Genauso wichtig wird die Sicherstellung des sozialen Wohlergehens bis ins hohe Alter. Professor Opaschowski: „Die bloße Lebensstandardsteigerung hört auf, das erstrebenswerteste Ziel im Leben zu sein. Lebensqualität wird zum Garanten für ein gutes Leben zwischen Glück und Geborgenheit.“ Für 92 Prozent der Bevölkerung und für 95 Prozent der Singles gehören Freunde zur unverzichtbaren persönlichen Lebensqualität mit der Begründung: „Freunde sind für mich wichtig, damit ich glücklich und zufrieden bin.“ Für sie gilt: Wer Freude haben will, muss Freunde haben.

 

Was sich in den achtziger Jahren als Tendenz andeutete, wird zunehmend Wirklichkeit: Für drei Viertel der Bevölkerung (74% – Singles: 80% – junge Erwachsene 90%) sind Freunde „eine Art zweite Familie“ – für Familien eine lebensbereichernde Ergänzung, für Alleinlebende aber ein gleichwertiger Familienersatz.

 

Opaschowski: „Auch wenn man im Internet durch einen bloßen Klick zum ‚Freund‘ werden kann: Virtuelle Beziehungen können echte Freundschaften nicht ersetzen. Freunde sind wie soziale Konvois, hilfreiche Wegbegleiter des Lebens – vor allem dann, wenn sie generationenübergreifend angelegt sind.“ Die Begründung dafür lautet: „Ich pflege ganz bewusst auch generationenübergreifende Kontakte und habe nicht nur gleichaltrige Freunde.“ Die Freundschaft zwischen den Generationen wird zu einer neuen Beziehungsqualität, auch über größere räumliche Entfernungen hinweg.

 

„Wahlverwandtschaften“ und „Wahlfamilien“ erfahren eine Renaissance. Der demographische Wandel zwingt zum Umdenken. Weil viele Menschen im Alter ohne Kinder und Enkel sind, „sollten sie sich frühzeitig“ – so die konkrete Empfehlung von 55 Prozent der Bevölkerung in Deutschland – „um nichtverwandte Wahlfamilien kümmern.“ Professor Opaschowski: „Dieses erweiterte Familienverständnis gleicht einer Art Adoption: Enkel-, Kinder- und Familienlose werden wie durch Adoption in Wahlfamilien aufgenommen.“ Das können Haus- oder Baugemeinschaften sein. Eine neue Ära von Generationenhäusern beginnt. Sie wird den Städte- und Wohnungsbau der Zukunft grundlegend verändern: „Alle unter einem Dach – aber Jede(r) für sich.“ Auf Freunde kann man bauen!

 

 

 

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