Interviews

Gender’s Dialog: Raus aus dem Opfersein rein ins Partnersein

Gender’s Dialog, das für Unternehmen gewinnbringende Miteinander zwischen Mann und Frau, ist in vielen Firmen nicht mehr als reiner Wunschtraum. Kaum jemand weiß das besser als Gabriele Schendl-Gallhofer. Mit 28 Jahren war sie eine der jüngsten Managerinnen in der Schweiz. 2011 begann sie sich aktiv für den Aufbau eines wertschätzenden Umgangs zwischen Mann und Frau zu engagieren. Nach dreijähriger Entwicklungsphase gründet Sie 2014 die Genders Dialog Society, deren Internetauftritt just heute das Licht der Internetwelt erblickte.

Mit uns sprach Frau Schendl-Gallhofer über ihre persönlichen Motive, den Mythen, Einstellungen und dem Unwissen mit welchen sie in puncto Gender’s Dialog konfontiert wird – sowie über ihr ambivalentes Verhältnis zum Thema Frauenförderung.

Motivierend, herausfordernd, kraftvoll. Ein AGITANO-Interview zum Thema Gender’s Dialog mit Gabriele Schendl-Gallhofer

Familienfreundlichkeit, Gender
Gender’s Dialogs: Man kann den Entwicklungsstand von Unternehmen nicht pauschalisieren. (Foto: © Gabriele Schendl-Gallhofer / gendersdialogsociety.com)

Frau Schendl-Gallhofer, Sie sind die Gründerin und Initiatorin der „Genders Dialog Society“. Was sind die Aufgabe und der Zweck dieses Projekts?

Die Aufgabe ist klar definiert: Sensibilisierung, Information und Unterstützung bei der Umsetzung betreffend eines sehr entscheidenden Bereichs der Unternehmenskultur: dem Gender’s Dialog. Unser Ziel ist es, dem Thema einen weiten kommunikativen Raum zu geben, bereits vorhandene Projekte zu präsentieren, zu vernetzen und die Bedeutung und Brisanz der Thematik sichtbar zu machen. Wir verleihen dem Thema dadurch noch mehr Gewichtung.

Wie kommt es, dass Sie sich für das Thema Gender‘s Dialog so aktiv einsetzen beziehungsweise was verstehen Sie genau unter Gender’s Dialog?

Für mich ist der Gender’s Dialog das Miteinander zwischen Mann und Frau. Sowohl in der Kommunikation, als auch im Verhalten. Es ist das gezielte Nutzen von Synergieressourcen und von Unterschieden. Ganz wichtig ist dabei die emotionale Qualität, die als Fundament dieses Miteinander begleitet: nämlich die Wertschätzung.

Das sind die Ziele, die ich verfolge, weil ich aus vielen Jahren Erfahrung als Führungskraft und als Coach heraus weiß, dass das aktuell noch immer nur Wunschgedanken sind. Als Coach habe ich mit Frauen und Männern gearbeitet und wurde dabei mit den Mythen, Einstellungen und dem Unwissen konfrontiert, welche die beiden Geschlechter verbinden und gleichzeitig trennen.

Das für mich Entscheidende für mein Engagement waren allerdings die Veränderungen, die sich ergeben haben, sobald ich Informationen und Wissen über das andere Geschlecht weitergegeben habe. Das weckte in mir die Idee, hier über den pädagogischen Ansatz hinaus aktiv zu werden. Entfacht wurde in mir die Leidenschaft für das Thema in den Momenten, in denen ich gesehen habe, welche Qualitätssprünge in der Zusammenarbeit, im Arbeitsklima, ja in allen Bereichen des Lebens möglich sind, wenn wir uns dem anderen Geschlecht öffnen und es als ebenbürtigen Partner/Partnerin anerkennen. Zusätzlich schätze ich selbst die Zusammenarbeit mit gemischten Gruppen sehr, weil diese motivierend, herausfordernd und kraftvoll ist.

Warum messen Sie diesem Thema und seiner weiteren Entwicklung so große Bedeutung bei?

Bereits 2013 gaben 55 Prozent der befragten Unternehmen in einer Infratest-Studie an, dass ein Mangel an Fachkräften und Sachbearbeitern besteht. Dieser wird sich in den nächsten Jahren noch bedeutsam ausweiten. Um die wenigen qualifizierten Arbeitnehmer wird ein harter Wettbewerb entbrennen.

Viele Lösungsschritte für die Bewältigung dieser aktuellen Herausforderungen haben die Wurzeln in der Synergie des Männlichen und des Weiblichen. Wir können uns, auch in Hinsicht der demografischen Entwicklung, gar nicht mehr erlauben, Ressourcen, die aus der erfolgreichen Zusammenarbeit von Mann und Frau entstehen, zu verschleudern.

Die Förderung beider Geschlechter ist zum Beispielgerad dann unerlässlich, wenn wir „Familie sein“ wieder attraktiv machen wollen. Denn nur, wenn die Unternehmen das neue Rollenbild der Frau und das neue Rollenbild des Mannes ernst nehmen, können Lösungen kreiert werden, die junge Leute wieder über Familiengründung nachdenken lassen.

Wie stehen Sie zur Frauenförderung?

Für mich ist ganz klar, dass Frauenförderung nötig war. Und ich bin auch dankbar dafür. Ich finde nur den Ansatz von damals etwas unglücklich, weil wir nicht das Weibliche auf die Augenhöhe des Männlichen bringen wollten, sondern zeigen wollten, dass wir Frauen auch unseren Mann stehen können.

Im Moment gefällt mir nicht, dass Förderung immer mehr auf Kosten des anderen Geschlechtes funktionieren soll. Die Entzweiung der Geschlechter ist unübersehbar und treibt skurrile Blüten. Wir sollten ganz klar die Zusammenführung der Geschlechter im Auge haben und nicht die Konkurrenz. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, in der Frauenförderung den nächsten Schritt zu tun: die Förderung beider Geschlechter und damit auch die der Familien.

Ich gebe auch zu bedenken, dass meiner Meinung nach, Kommunikation auf Augenhöhe nur passieren kann, wenn auch wir Frauen selbst unsere weiblichen Fähigkeiten, denen der männlichen gleichsetzen. Raus aus dem Opfersein rein ins Partnersein. Ich sehe es aber auch als wichtigen Teil der Frauenförderung, dass die Männer bereit sind, anzuerkennen, dass Frauen keine Männer ohne bestimmtes Körperteil sind. Gleichzeitig ist es genauso bedeutsam, das sich Frauen mit den „neuen“ Männern auseinandersetzen. Dieses ganze Paket ist dann die Förderung des Menschen und hier sehe ich den wichtigen Ansatz.

In welchen Bereichen können Unternehmen von einem wertschätzenden Gender’s Dialog profitieren?

Wir alle wissen, dass die größte Herausforderung für die Unternehmen in der nächsten Zukunft der Fachkräftemangel sein wird. Für die Unternehmen ist es also ganz wichtig, sich die Frage zu beantworten: Wann bin ich für Fachkräfte attraktiv?
Hier gilt es, sich zweier Dinge bewusst zu werden. Die neuen Generationen der Fachkräfte sind einerseits mit noch mehr Frauen besetzt, andererseits setzt die aktuelle Generation neue Ansprüche und Maßstäbe an die Attraktivität eines Arbeitsplatzes.
Aus diesen beiden Gründen wird der Qualität der Unternehmenskultur in Zukunft viel höhere Bedeutung zukommen als bisher. Einen hohen und bedeutsamem Anteil hat dabei natürlich der Umgang der Geschlechter untereinander. Unternehmen, die das erkennen, können so schon jetzt die Zukunft nutzen und sichern sich einen Wettbewerbsvorteil.

Wie groß ist aus Ihrer Sicht momentan die Akzeptanz dieses Themas in den Unternehmen?

In Einzelgesprächen mit Unternehmerinnen/Unternehmern und Führungskräften ist bei vielen Gesprächspartnern dieses Thema durchaus präsent. Ich kann allgemein so eine Sehnsucht nach, ich nenne es einmal „Geschlechterfrieden und Zusammenarbeit“, feststellen. Vertreter von mittelständischen Unternehmen erklären häufig, dass es für den Mittelstand eine große Chance wäre, durch den Aufbau eines wertschätzenden Gender’s Dialog das Unternehmensklima relativ kurzfristig so zu ändern, dass es einen Wettbewerbsvorteil sowohl im Erhalt der Fachkräfte als auch in der Anwerbung ergeben könnte.

Viele große Unternehmen sehen zwar die Notwendigkeit der Familienförderung als Mittel Fachkräfte zu rekrutieren, doch die Bedeutung des Gender’s Dialog ist noch nicht so ganz erfasst. Wir leisten bezüglich aktiver Umsetzung hier auf jeden Fall Pionierarbeit.

Wo sehen Sie Ihren Ansatzschwerpunkt mit der Genders Dialog Society?

Zurzeit ganz klar in der generellen Sensibilisierung für das Thema und die Information rund um den Gender’s Dialog im Arbeitsumfeld. Zum einen, weil die Menschen ein Drittel des Tages mit ihrer Unzulänglichkeit in diesem Bereich konfrontiert sind und dadurch eine Notwendigkeit zur Veränderung entsteht. Zum anderen, weil hier auch am schnellsten erste Erfolge erzielt werden können, die zu weiteren Umsetzungen motivieren.

Diesem Schwerpunkt der Sensibilisierung tragen wir auch mit unserem zentralen Angebot Rechnung: unserer Online-Fachzeitschrift.

Wie wollen Sie diese Veränderung in der Unternehmenskultur konkret unterstützen?

Ich komme aus dem pädagogischen Bereich und weiß deshalb, wie wichtig es ist, am richtigen Ort anzusetzen, soll eine Veränderung positiv aufgenommen und mit Nachhaltigkeit umgesetzt werden. Wie in allen Bereichen kann man auch im Aufbau eines wertschätzenden Gender’s Dialogs nie den Entwicklungsstand von Unternehmen für alle pauschalisieren.

Wir sind so aufgestellt, dass wir mit unseren Angeboten die Unternehmen dort abholen, wo sie aktuell und individuell gerade stehen. Wir bieten von Werkzeugen für die Sensibilisierung für den Gender’s Dialog und seine Vorteile, bis hin zu professionell entwickelten Beratungskonzepten zur Implementierung alles an, was momentan für ein Unternehmen im Moment als Unterstützung wichtig sein kann oder ist. Wir wissen, dass die Unternehmen aktuell knappe Budgets für den Bildungsbereich geplant haben, deshalb ist der Zugriff auf unsere Online-Fachzeitschrift kostenlos, damit diese Hürde wegfällt.

Was wünschen Sie sich für die Arbeitswelt der Zukunft?

Das ist ganz einfach: die unbewusste Kompetenz der Geschlechter im wertschätzenden Umgang miteinander. Das bedeutet, die Kommunikation auf Augenhöhe erfolgt automatisch. Daraus entstehen Synergien, die Resultate ermöglichen, welche die Welt auch für die nachfolgenden Genrationen lebenswert erhalten.

Frau Schendl-Gallhofer, herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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Familienfreundlichkeit, Gender
(Foto: © Gabriele Schendl-Gallhofer / gendersdialogsociety.com)

Über Gabriele Schendl-Gallhofer:

Gabriele Schendl-Gallhofer ist in Graz (Österreich) geboren und aufgewachsen. Die Pädagogin ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Mit 28 Jahren war sie eine der jüngsten Managerinnen in der Schweiz. Dann kam es zu einer Zensur in ihrem Leben: Ein angeborener körperlicher Defekt wurde akut: Einer ihrer Arme war gelähmt, sie blickte in die Invalidität, aber gab nicht auf. Eine Operation führte zur physischen Gesundung und intensives Coaching zur mentalen und psychischen Heilung. Danach war Gabriele Schendl-Gallhofer über 14 Jahre Coach von Männern und Frauen – im Business wie im privaten Bereich. 2011 begann sie sich aktiv für den Aufbau eines wertschätzenden Umgangs zwischen Mann und Frau zu engagieren. Nach dreijähriger Entwicklungsphase gründet Sie 2014 die Genders Dialog Society, die sich auf internationaler Ebene für den Aufbau eines wertschätzenden Gender’s Dialog in den Unternehmen einsetzt.

Mehr über Gabriele Schendl-Gallhofer im Internet auf www.gendersdialogsociety.com.

Christoph Schroeder

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