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Gesundheit im Büro: Arbeitgeber in der Pflicht – Interview mit Andrea Cantong

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Immer mehr Arbeitnehmer, die krank sind und vom Arzt höchst wahrscheinlich krank geschrieben würden, gehen zur Arbeit. Dieses Phänomen nennt sich Präsentismus und entwickelt sich zu einem wachsenden Problem in Deutschland. Das geht aus einer aktuellen europaweit durchgeführten Studie des globalen Büroartikel-Herstellers Fellowes hervor. Was die Arbeitsplatzgestaltung damit zu tun hat und welche konkreten Maßnahmen Arbeitgeber für gesünderes Arbeiten ergreifen können, erklärt Andrea Cantong, Marketing Manager DACH/BLX bei Fellowes, im AGITANO-Interview.

Warum die Gesundheit im Büro Chefsache ist – Andrea Cantong im Interview

Schönen guten Tag Frau Cantong, mehr als die Hälfte der deutschen Beschäftigten geht krank zu Arbeit. Wie macht die Büroumgebung Arbeitnehmer krank? Über welche Krankheitsbilder sprechen wir?

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Zu langes Sitzen ist einer der größten Risikofaktoren für die Gesundheit im Büro – Chefs sollten hier eingreifen. (© Martin Novak | shutterstock

Der menschliche Körper ist dazu geschaffen, sich zu bewegen. 60 Prozent der Mitarbeiter behaupten, dass sie täglich unter Beschwerden leiden, die durch das Sitzen am Computer verursacht werden. Unsere Untersuchungen zeigen: Beschäftigte in Deutschland leiden europaweit am häufigsten unter Rückenschmerzen (43 Prozent), Nackenschmerzen (38 Prozent) und Schulterverspannungen (34 Prozent). Zusätzlich treten bei nahezu jedem Vierten Augenreizungen und Kopfschmerzen (jeweils 23 Prozent) auf.

Welche Rolle nimmt der Arbeitgeber in diesem Zusammenhang ein?

Arbeitnehmer sind grundsätzlich für ihre eigene Gesundheit selbst verantwortlich, aber der Arbeitgeber kann dabei unterstützend wirken. Um sich diesem wachsenden Problem zu stellen, muss er einen langfristigen, vorbeugenden Ansatz bei der Durchsetzung einer gesunden Arbeitsweise verfolgen. Es besteht ein enormer Anreiz darin, die Ursachen der aktuellen arbeitsbedingten Gesundheitsprobleme zu bekämpfen und den Weg für eine glücklichere, engagiertere und letztendlich produktivere Belegschaft zu bahnen.

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Das Einrichten von Sitz-Steh-Arbeitsplätzen ist eine von zahlreichen Optionen, die die Gesundheit im Büro gezielt fördern. (Bild: Fellowes, Inc.)

Wie können Unternehmen für ein gesundes Arbeitsumfeld sorgen und Präsentismus vorbeugen?

Der Arbeitgeber muss eine lange und ununterbrochene sitzende Arbeitsweise infrage stellen um zu vermeiden, dass er die Konsequenzen und die damit verbundenen Kosten zu tragen hat. Die Einführung von ergonomischen Produkten wie beispielsweise Sitz-Steh-Arbeitsplätzen ist eine Möglichkeit, das Wohlbefinden Ihrer Mitarbeiter zu verbessern. Regen Sie sie auch an, sich mehr zu bewegen. Planen Sie Besprechungen in einem anderen Teil des Büros. Rufen Sie dazu auf, Kollegen am Arbeitsplatz zu besuchen statt sie nur per E-Mail oder Chat zu kontaktieren. Das sorgt für eine Bildschirmpause und fördert die Kommunikation und Zusammenarbeit. So wird ein Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen, was sich wiederum positiv auf die Produktivität auswirkt.

Inwiefern fungieren Führungskräfte bei der Umsetzung von neuen gesünderen Verhaltensweisen als Vorbild?

Bei Managern und HR-Teams besteht dringender Bedarf für eine proaktivere Haltung, wenn es darum geht, mehr Bewegung in den Arbeitsalltag einzubauen. Denn gerade sie haben die Möglichkeit, ihr Personal dazu anzuregen, beispielsweise alle 20 Minuten aufzustehen und sich zu bewegen oder sie daran zu erinnern, mindestens zwei Stunden Stehzeit am Tag zu erreichen. Zudem zeigen unsere Untersuchungen, dass 68 Prozent der Mitarbeiter den Arbeitsalltag aktiver gestalten möchten und sich einen Anstoß vom Arbeitgeber wünschen. Führungskräfte brauchen jedoch viel Geduld und Ausdauer um neue gesündere Arbeitsweisen zur Gewohnheit bei ihren Mitarbeitern zu machen. Im Durchschnitt dauert dieser Prozess 66 Tage. Wichtig ist dabei, dass Manager während des aktiven Arbeitsprogramms den Nutzen und die Fortschritte gegenüber allen Beteiligten transparent kommunizieren.

Welche Auswirkungen hat ein gesünderes Arbeitsumfeld auf Arbeitnehmer und welchen Nutzen haben Unternehmen?

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Andrea Cantong warnt nicht nur vor Präsentismus, sondern gibt auch Arbeitgebern konkrete Tipps für eine verbesserte Gesundheit im Büro. (Bild: © Fellowes, Inc.)

Ein Teil der Lösung liegt darin, die Mitarbeiter zu ermutigen, ihren Arbeitsalltag mit Bewegung zu füllen. Dadurch werden Mitarbeiter wesentlich produktiver, gesünder und zufriedener. Die Vorteile sind quantifizierbar: Neben reduzierten Fehlzeiten gehören dazu auch eine gesteigerte Produktivität, eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit, eine dynamische Arbeitskultur und eine hohe Arbeitsqualität. Außerdem lassen sich Talente leichter halten.

Vielen Dank, Frau Cantong, für die aufschlussreichen Ausführungen zum brandaktuellen Thema Präsentismus und zur Frage, wie Führungskräfte für ein gesünderes Arbeitsumfeld sorgen können! Ihre konkreten Vorschläge, wie es besser geht, helfen sicherlich vielen Verantwortlichen bei der Aufgabe weiter, ihre Mitarbeiter zu motivieren und langfristig zu binden.

Das Interview mit Andrea Cantong führte Oliver Foitzik, Herausgeber AGITANO und Geschäftsführer der FOMACO GmbH.

Über Andrea Cantong

Andrea Cantong arbeitet seit 2005 für die Fellowes GmbH und ist seit 2012 Marketing Managerin DACH/ BLX. Zuvor war sie als Marketing & Sales Coordinator für Rosenthal USA Ltd. tätig. Andrea Cantong ist Dipl.-Betriebswirtin (FH) mit Spezialisierung auf Marketing und Strategisches Management und hat zudem einen Master in International Marketing der Technischen Hochschule Mittelhessen.

Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich mehr über das Thema informieren möchten, finden Sie hier einen ausführlichen Leitfaden für Betriebliches Gesundheitsmanagement und Betriebliche Gesundheitsförderung. Auch Amazon bietet eine ansehnliche Menge an Informationen und Tipps zu BGM und BGF.

Oliver Foitzik

Ein Kommentar zu “Gesundheit im Büro: Arbeitgeber in der Pflicht – Interview mit Andrea Cantong

  1. Das ist wirklich ein wichtiges Thema und sehr wahr! Ohne dass der Chef mitzieht und gegebenenfalls auch als Vorbild voran geht, passiert nichts. Schlimm wird es, wenn der Chef nicht nur nicht mitspielt, sondern sich sogar noch dagegen stellt, den Mitarbeitern beispielweise ergonomisches Sitzen zu ermöglichen. Ich beispielsweise bin etwas kleiner, und müsste meinen Tisch ein ganzes Stück herunterstellen, um wirklich richtig zu sitzen. Mein Chef sträubt sich aber dagegen, den Tisch verstellen zu lassen, weil das würde ja im Großraumbüro komisch aussehen, wenn da ein Tisch aus der Reihe tanzt. Dass ich aber ständig wegen Mirgräne fehle, ist egal. Wir überlegen jetzt schon, einen Betriebsrat zu gründen, der sich extra für solche Belange unternehmensweit einsetzt und uns unterstützt. Solche Dinge zählen nämlich unter anderem zu den Aufgaben des Betriebsrats (meint zumindest –
    brwhal.de: https://www.brwahl.de/de/betriebsrat-was-ist-das/aufgaben-rechte-pflichten-betriebsrat) und bringt eventuell mehr Gewicht rüber als eine einzelne Mitarbeiterstimme. Wissen Sie denn, ob ich anderweitig auch zu meinem (vermutlichen) Recht komme? Hilft es denn, es verschreiben zu lassen oder ähnliches? Ich bin mittlerweile schon soweit, dass ich überlege, zu kündigen, nur weil mir nicht ermöglicht wird, einen ergonomischen Arbeitsplatz zu gestalten.

    Vielen Dank und Lg
    Anne

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