Kolumnen

Gier und Ziellosigkeit

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus".

      Heute:    Gier und Ziellosigkeit…
                     oder: Fördert Reichtum wirklich die Unmoral?
                     Ein Plädoyer für mehr Veränderung.

 

Wenn die Ökonomie ihr Ziel verliert, bleibt uns nur noch eins: Wachstum – ein Wachstum, das nichts kennt als sich selbst, da es kein Ziel als Maßstab hat. So ein Wachstum ist durch ein Gefühl der Ziellosigkeit mit Sinnlosigkeit und Heimatlosigkeit verbunden. Auf ein Ziel zulaufen ist etwas anderes, als um des Laufens willen zu laufen. Wenn wir um des Laufens selbst willen laufen (joggen), laufen wir im Kreis, und dagegen ist nichts einzuwenden; wir dürfen    uns dann allerdings nicht wundern, dass wir „nirgendwo hingelaufen“ sind. 
                   (Thomás Sedlácek, Die Ökonomie von Gut und Böse, S. 301, Hanser Verlag, 2012)

 

Vergangene Woche stellte ich die Frage, ob sich Durchhalten um jeden Preis wirklich lohnt. Viele Leser der Kolumne haben mir geantwortet und waren dankbar dafür, dass hier auch einmal jemand eine Lanze für das Aufgeben zu brechen wagte. Wie bereits gesagt, bedeutet dieses Aufgeben, wie ich es meine, ja kein Aufhören an sich, sondern ein Anfangen an anderer Stelle und unter anderen Vorzeichen.

Ich möchte heute diese Gedanken im Kontext der fortwährenden Schulden- und der scheinbaren Wirtschaftskrise fortführen und ein wenig um die mit Recht von Thomás Sedlácek in seinem herausragenden Buch Die Ökonomie von Gut und Böse gestellte Frage erweitern: Brauchen wir wirklich Wachstum um jeden Preis?

Brauchen wir wirklich das 79te Herren-Deodorant im Drogeriemarktregal? Macht uns Reichtum glücklich? Oder andersherum gefragt: Steigt mit dem Wirtschaftswachstum einer Nation automatisch auch das Wohlbefinden seiner Bürger? Sind wir wirklich alle glücklicher als noch Generationen von Menschen, die in größerer Armut lebten, aus weniger Konsumartikeln ihre Einkaufswahl treffen mussten und in Zeiten geringen, keinem oder sogar negativen Wirtschaftswachstums ihr Dasein ‚fristeten‘? Seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts toben regelrechte intellektuelle Schlachten zwischen Ökonomen, Psychologen und Soziologen darüber, ob Wohlstand überhaupt auf signifikante Weise zu unserem Glücksempfinden beiträgt. Der amerikanische Soziologe Ronald Inglehart, der sich über Jahre mit dem Phänomen Glück in zahlreichen Ländern beschäftigte, kam zu dem Schluss, dass das Wohlbefinden zwar mit zunehmenden Wohlstand steigt, der tatsächliche Zuwachs von Wohlbefinden aber eher konkav verläuft. Laut Inglehart ist die Korrelation zwischen Einkommen und Glück in reichen Ländern überraschend schwach, sogar praktisch zu vernachlässigen. (vgl. Inglehart, World Values Survey, Inglehart, Culture Shift und Thomás Sedlácek, Die Ökonomie von Gut und Böse, S.297 ff)          

Das oben beschriebene Phänomen wird auch gerne als Easterlin Paradox bezeichnet. Es wurde 1974 durch den Ökonom Richard Easterlin 1974 in einem Aufsatz mit dem Titel Does Economic Growth Improve the Human Lot? veröffentlicht.

Eine häufige Interpretation dieser Ergebnisse lautet: Wenn grundlegende Bedürfnisse gestillt sind, führt mehr Reichtum nicht zu mehr Glück (Carol Graham: Happiness and Health: Lessons — And Questions — For Public Policy. In: Health Affairs. Vol. 27, No. 1, Januar/Februar 2008, S. 72–87)

Soweit so gut. In Doris Dörries vergangener Woche angelaufenem neuen Kinofilm Glück sagt der Erzähler der Geschichte Noah Leyden (gespielt von Matthias Brandt), seines Zeichens Strafverteidiger und selbst ernannter Spezialist für die Suche nach Glück und dem Moment, in dem das Glück uns verlässt (Dieser Moment, der unser Leben für immer verändert) den bezeichnenden Satz: Wir wollen im Grunde genommen immer nur zwei Dinge: Schmerzen vermeiden und glücklich sein.

Immer mehr und noch mehr Wachstum kann, wie oben beschrieben, demnach wohl nicht der Grund oder gar die Ursache unseres Glücks sein. Oder, wie Tyler Durden, die Hauptfigur in dem Roman Fight Club, es ausdrückte: Ganze Generationen haben bis heute in Jobs gearbeitet, die sie hassen, nur damit sie kaufen können, was sie gar nicht wirklich brauchen. Welche Macht hat denn nun der vermaledeite Glaube an das angeblich Heil bringende Wachstum über uns? 

 

Thomás Sedlácek zitiert in seinem Buch Vaclav Havel, der im Zuge der Wirtschaftskrise in einem Interview am 25. November 2008 nach der Bedeutung des Wachstums fragte: Weshalb muss ständig alles wachsen? Weshalb müssen die Industrie, die Herstellung und die Produktion wachsen? Weshalb müssen die Städte ohne Konzept in alle Richtungen wachsen, bis nicht das kleinste Restchen Landschaft, nicht einmal ein bisschen Gras, übrig bleibt?     

Seit dieser Frage sind über drei Jahre vergangen und nichtsdestotrotz versuchen wir immer noch, mit dem Drehen an den gleichen Stellrädern der Krise zu trotzen und bringen damit immer noch mehr statt weniger Schmerzen unter die Menschen.

Liegt es vielleicht auch doch daran, dass Reichtum die Unmoral fördert, wie DER SPIEGEL diese Woche titelte? Macht Reichtum also nicht einfach ‚nur‘ nicht glücklich, sondern verdirbt zu allem Überfluss auch den Menschen und macht ihn zum sozialen Unhold?

Reiche lügen und betrügen häufiger als Menschen mit niedrigerem sozialem Rang. Außerdem nehmen sie anderen im Straßenverkehr öfter die Vorfahrt – das ist das Ergebnis von sieben Experimenten, die US-amerikanische Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences vorstellen. Wahrscheinlich verhielten sich Angehörige höherer sozialer Schichten deshalb unmoralischer, weil Gier in diesem Teil der Gesellschaft in einem positiveren Licht gesehen werde, spekulieren die Psychologen (SPIEGEL ONLINE, 28.02.2012).

Reichtum per se ist es also am Ende doch wieder nicht wie auch schon beim Thema Glück gesehen, sondern eher die damit verbundene Gier. Dem Spiegel sei verziehen, wer liest schon gerne einen Artikel mit dem Titel Gier fördert die Unmoral?

Interessant sind jedoch die Schlussfolgerungen der Studie: Auf den ersten Blick möge das verwundern, schreiben die Forscher, da untere Schichten es eigentlich nötiger hätten, zu schummeln und sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber nicht der höhere soziale Rang per se sei verantwortlich für das weniger moralische Verhalten, sondern die Einstellung der Probanden zur Gier: Angehörige höherer Schichten sahen diese Charaktereigenschaft als weniger negativ an. "Wirtschaftliche Ausbildung mit seinem Fokus auf die Maximierung von Selbstinteressen mag Menschen dazu bringen, Gier als positiv und förderlich zu sehen", spekulieren die Wissenschaftler (SPIEGEL ONLINE, 28.02.2012).

Unmoralisches Verhalten und soziale Klasse bzw. Reichtum sind nicht per se miteinander verbunden, sondern bedürfen der Variable „positive Einstellung zur Gier“. Oder, wie es in der Untersuchung heißt, dass Individuen höherer und niedrigerer Schichten sich nicht unbedingt in ihrer Fähigkeit unterscheiden, sich unethisch zu benehmen, sondern vielmehr in ihrer Tendenz, dies auch zu tun.

Betrachten wir unser derzeitiges Dilemma in diesem Sinne einmal von anderer Warte, so erkennen wir vielleicht, dass zwei, vielleicht sogar grundlegende Säulen unserer Misere dem vermaledeiten Glauben an die Heilskraft des Wachstums und der Gier geschuldet sind. Es ist daher mehr als an der Zeit, der traditionellen, klassischen Ökonomie Adieu zu sagen. Die Zeit ist reif für eine Ökonomie 2.0 (siehe auch das Buch der beiden langjährigen Handelsblatt-Redakteure Häring und Storbeck: Ökonomie 2.0: 99 überraschende Erkenntnisse), für ein Umdenken, für neue Perspektiven und Ziele, für interdisziplinäre Zusammenarbeit und einen weiten Blick über unseren Tellerrand hinaus.

Es ist mehr als an der Zeit! Denn, wie ein weiser Mann einmal sagte: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Oder, um mein Thema Durchhalten um jeden Preis von letzter Woche nochmals mit den Worten von Thomás Sedlácek aufzugreifen: Wir sind uns nicht ganz sicher, wohin wir gehen, aber wir kompensieren das, indem wir immer schneller laufen. Das ist falsch. Wenn man seinen Weg verloren hat, dann sollte man stoppen und nicht noch schneller fahren.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Mut, einen möglicherweise verlorenen und damit ziellosen Weg zu stoppen, um uns damit die Möglichkeit zu geben, uns neu auszurichten und gegebenenfalls auf ein neues Ziel hinzusteuern.

Ihr Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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