Einsichten & Ansichten

Glaube, Liebe, Hoffnung … . Oder die Freiheit, die ich meine

Freiheit, Unfreiheit, Ulrich B Wagner, quergedacht, quergewortet

Freiheit wird oft als etwas Selbstverständliches hingenommen. Darin wohnt, so Kolumnist Ulrich B Wagner eine Gefahr. Im heutigen Beitrag von „QUERGEDACHT & QUEGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ zeigt er auf, warum ist es so wichtig ist, unsere Bequemlichkeit und Trägheit über Bord zu werfen, damit das, was unser Leben so lebenswert macht, nicht eines Tages plötzlich verschwindet.

Autark sein, autonom sein, souverän sein

Die Ereignisse überschlagen sich. Die Welt scheint außer Rand und Band und ohne dass wir uns versehen, ohne bewusstes Tun oder Lassen, wird es fort sein, das Wesentliche, auf das wir uns dann, später, viel später, vielleicht zu konzentrieren versuchen.

Abgeräumt, niedergestochen, erschossen, erschlagen und ausgehöhlt, wird es uns entgegenschauen, ein fahles Spiegelbild unser Selbst. Selbstaussetzung folgt dann nahtlos auf das hehre Credo der von vielen so vermaledeiten Selbstsetzung des Einzelnen.

Im Hype der Beschleunigung der Teilprozesse, der Medien und Datenflat mag sich zwar Komplexität und Kontingenz ins Unermessliche steigern, doch das damit einhergehende Gefühl des Kontrollverlusts, sollte dann doch bei ruhigerer Betrachtung auch im Zuge der letzten Ereignisse in Orlando, doch eher als eine notwendige, wenn auch erzwungene Einsicht in die notwendige und Zukunft erst ermöglichende Aufgabe von Kontrollillusionen begrüßt werden.

Autark sein, autonom sein, um schließlich auch souverän genug sein zu können, Freiheit nicht nur zu „wählen“, sondern auch leben zu können, stellt in der heutigen Zeit nicht nur den Einzelnen, sondern Organisationen, Gemeinschaften und Staaten vor grenzenlose Abgründe, deren Ausmaße nur deshalb noch nicht in Gänze gefühlt werden, weil die Dynamik der Märkte „noch“ ein Rauschen über die Oberfläche des Wesentlichen und somit aber auch ein Vermeiden eines körperlichen Einbrechens und Eintauchens in Selbige sicherstellt.

Freiheit. Ein Begriff, den man ins Zynische verkehrt

Freiheit, Unfreiheit, Ulrich B Wagner, quergedacht, quergewortet
Freiheit, oft genannt, selten verstanden. (Bild: © Jörg Simon / 2016)

Freiheit, so die klassische Auffassung, wird nur dort eingeschränkt, wo jemand in einer Handlung eingeschränkt wird, die er auch auszuführen in der Lage wäre. Andere unterlassen demnach einen Eingriff in das Handeln des Anderen. Womit auch der ökonomischen Freiheit des liberalen Denkens schon mehr als genüge geleistet wäre.

Positive Freiheit ist jedoch mehr, eindeutig mehr. Sie ist ein Versprechen eines Möglichkeitsraumes, in dem der Einzelne nicht nur frei von etwas, sondern frei zu etwas, sich selbst, seiner Natur, seines Willens, seines Glaubens, seiner Träume und Wünsche unter Berücksichtigung und Achtung der Freiheit des Anderen nicht nur handeln, sondern sich Selbst ins Leben setzen kann, was gerne auch als Selbstwerdung bezeichnet werden mag. Denn nur diese Selbstsetzung, dieses sich im Einklang mit sich und seinem Wesen befindliche bezeichnet Souveränität und damit auch den Verlust von Unfreiheit und Abhängigkeit.

Die beiden großen Weltreligionen, Christentum und Islam, lehnen jedoch den Gedanken der Selbstwerdung ab und definieren die Freiheit als Hinwendung zu Gott.

Sei’s drum. Denn alle Begriffe, die wir verwenden, sind nicht nur kontaminiert, sondern vielerorts bereits bis ins Zynische verkehrt: Von Demokratie bis Krieg gegen den Terror, der Begriff der Freiheit, mit Gewissheit, darin eingeschlossen.

Hegel schrieb in seiner Philosophie des Rechts: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

Wir erkennen die Gegenwart, oder das was wir an ihr hatten erst, wenn sie vorbei ist, oder Einige wenige bereits, wenn es wie oben gesehen, langsam anfängt zu dämmern. Ein menschliches, allzu menschliches Phänomen, das sich nicht erst heute in Zeiten des Dauerrauschens der Medien als fundamentales Problem einer hundertprozentigen Zukunftsplanung entgegenstellt.

Doch damit nicht genug. Wir haben nicht einmal mehr Wörter, um unsere Lage zu beschreiben, geschweige denn über sie hinauszuweisen. Uns fehlen Eindeutigkeit und Unverwechselbarkeit des Anderen, des Neuen, das sich am Horizont des Kommenden mit unserem Tun oder Lassen zeigen soll.

Wir kennen die Zukunft nicht. Wir können sie nicht kennen. Das heißt jedoch nicht, wie Slavoj Zizek betont, dass wir keine strategischen Überlegungen anstellen sollen. Doch wir müssen uns auch, und darin besteht meines Erachtens die Malaise, klar darüber sein, dass der Zufall größer ist als alle sozialen Gesetze, die wir glauben erkannt zu haben. Sie können sich verlieben und die ganze Welt dreht sich plötzlich um diese eine Frau. Hegels offene Verrücktheit könnte somit viel besser geeignet die Welt zu verstehen als die strenge Gesetzmäßigkeit der ewigen Wahrheiten jedweder Couleur, ob wissenschaftlicher und/oder religiöser Präferenz.

Es dämmert nicht nur. Die Welt mit ihren klaren Sicherheiten, ihrem klaren Wissen um Richtig und Falsch, Gut und Schlecht ist für alle Zeiten verschwunden. Geblieben ist ein unendlicher Raum, eine endlose Reflexivität, in der alles in Frage gestellt und wieder in Frage gestellt werden kann und nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gemeinschaften, die Staaten dazu verdammt, immer wieder aufs Neue das Handeln und die damit verbundenen Werte, wenn nicht in Frage zu stellen, jedoch neu zu bewerten.

Wir mögen zwar selbstfahrende Autos bekommen. Doch das Leben, sollten wir es wirklich in Freiheit leben und erleben wollen, wird es nur jenseits des Modus Autopilot geben. Dies ist mit Ungewissheit, Aufwand und Konflikt verbunden und mag anfänglich zu Überforderung und Identitätsverlust führen, wodurch bei Einzelnen, ob nun Terrorist oder Hooligan, aber auch an leicht zu erkennenden Stellen in der Gesellschaft der Wunsch nach einer brutalen, gewalttätigen Durchsetzung einer Identität aufkommt, die auf jede Vermittlung verzichtet.

Es wird Zeit sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Freiheit.

Und sie auch über alle Götter und Religionen zu stellen, denn ohne sie, werden auch sie eines Tages verschwinden oder zu etwas pervertiert, das mit ihrem Geist rein gar nichts mehr zu tun hat.

Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Angst. Doch wie Marc Twain einmal treffend formulierte: „Mut ist Widerstand gegen die Angst, Beherrschung der Angst – nicht die Abwesenheit von Angst.“ Würden wir dann noch unsere Bequemlichkeit und Trägheit endlich über Bord werfen, würden wir mit Gewissheit einen großen Schritt zu mehrt Freiheit und Frieden unternehmen.

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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