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HAUTNAH-Interview Nr. 45 mit Ulrich B. Wagner – Teil 1

Ulrich Wagner ist studierter Rechtswissenschaftler, Soziologe und Psychologe. Er ist einerseits geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm), sowie auch Dozent an der European School of Design in den Bereichen Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Der erste Teil des Interviews dreht sich eher theoriegetrieben um das Thema Kommunikation und Herrn Wagners Tätigkeit an der Hochschule. Der zweite Teil des Interviews geht dann stärker auf die Beratertätigkeit in der freien Wirtschaft ein. (Zum Audio-Podcast.)


Schönen guten Tag Herr Wagner. Sie haben Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften studiert. Derzeit sind Sie geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main. Parallel zu Ihrer Beratungs- und Coachingtätigkeit in der freien Wirtschaft lehren Sie auch als Dozent an der European School of Design in den Bereichen Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ist das soweit korrekt, oder möchten Sie an dieser Stelle etwas ergänzen?

Das stimmt soweit alles. Wir als Unternehmen und ich als Person unterstützen allerdings zudem auch ein paar soziale Netzwerke. Da möchte ich noch eines nennen, für das wir uns stark einsetzen: Das ist Rock Your Life – eine Ausgründung der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Studenten coachen dort Hauptschüler unter dem Motto „Wir bauen Brücken zwischen Schülern, Studierenden und Unternehmen“. Das heißt, die Studierenden beraten und unterstützen die Hauptschüler zwei- bis dreimal im Monat, damit diese später einen guten Ausbildungsplatz bekommen, sich entsprechend auf Bewerbungen oder auch unter Umständen für weiterführende Schulen vorbereiten können. Wir wiederum bieten den Studierenden in Wochenendseminaren eine Grundausbildung im Coaching an und supervisieren (begleiten) dann auch die entstehenden Coachingbeziehungen. Ich kann das auch nur Unternehmern anraten, sich da mit zu vernetzen – gerade auch vor dem Hintergrund des viel thematisierten Fachkräftemangels.

 

Sie meinen, sich die Fachkräfte selber großzuziehen?

Genau.

 

Bevor wir auf Ihre Tätigkeit als Trainer, Coach und Berater zu Sprechen kommen, möchte ich zunächst einmal bei der Hochschule bleiben: Sie haben jüngst mit Ihren Studenten im Rahmen der Konsumentenpsychologie ein Jahr lang die sozialen Medien analysiert. Was waren dabei die Schwerpunkte und was kam letzen Endes als Ergebnis dabei heraus?

In meiner Generation war ich persönlich noch nicht besonders Facebook-Affin. Facebook war eigentlich das Einstiegsthema: Welche Auswirkungen hat Facebook, wie wird Facebook genutzt und das dann gerade auch im Zusammenhang mit Unternehmen. Wir haben uns dann von Facebook zu allen anderen sozialen Netzwerken vorangearbeitet, zum Beispiel zu AGITANO, oder auch Xing etc. Für uns war es nun interessant, vor allem im Bereich des Marketings und der Unternehmensdarstellungen, wie gehen Unternehmen damit um? Nutzen sie Facebook? Das war mir bis dahin noch nicht so bewusst, das war in dieser Größenordnung an mir vorbeigegangen. Und ich habe wirklich mit Erstaunen festgestellt, wie stark Unternehmen teilweise schon Facebook nutzen. Das war das erste, was mich sehr verwundert hat. Und dann haben wir natürlich auch etwas mit den Vorurteilen aufgeräumt, die immer herumgeistern: Wozu Facebook alles verführt und was es alles so macht. Wir sind da wirklich zu einem ernüchternden Ergebnis gekommen. Wir gehen davon aus, dass die meisten Facebook-Nutzer doch sehr zivil mit diesem Medium umgehen. Natürlich gibt es immer wieder den einen oder anderen, der zu viel von seiner Privatsphäre preisgibt. Aber ich denke nicht, dass das eine Verleitung der sozialen Netzwerke ist, sondern diese Leute würden das auch mit anderen Medien tun – meiner Meinung nach ist das eher ein Persönlichkeitsmerkmal, als dass man dazu angestachelt wird.

 

Haben Sie die Untersuchung dafür zweigeteilt? Einerseits in Unternehmen, die die sozialen Medien als PR-und Marketingklaviatur benutzen und andererseits in die zivilen, normalen Nutzer?

Genau. Das haben wir sauber von einander getrennt. Das muss man auch. Denn wenn man sich das so anschaut, dann entsteht nämlich das Bild, dass es eigentlich zwei Facebooks gibt. Es gibt ein Facebook mit ganz bestimmten Kommunikationsverhalten und einem ganz spezifischen Auftreten im Netz und davon unterscheidet sich das Auftreten der Unternehmen sehr stark. Es ist ein sehr junges Medium und wie bei so vielen Dingen im Leben müssen die Menschen erst einmal lernen, damit umzugehen. Sie müssen erst einmal sauber adaptieren und durch try and error lernen, was kann ich damit machen, wie gehe ich damit um und wie kann ich es nutzen. Leider gibt es keinen Facebook-Kurs ähnlich wie eine Fahrschule – das würde ich mir manchmal wünschen. Manche Menschen gehen wirklich sehr naiv damit um und vergessen dann auch oftmals, dass auch Personalverantworliche und Unternehmen das googlen – und das kann dann sehr peinliche Auswirkungen haben.

 

Ein weiterer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist der „Kommunikations-Overload“, der sowohl die Unternehmen, die Mitarbeiter als auch den Alltagsmenschen betrifft. Um das in einen Zusammenhang zu bringen: Die beiden gerade angesprochenen Themen – die Kommunikationsrevolution und die Verbreitung der Social Media – die Entgrenzung des sozialen Raumes, sind ja auch die zentralen Wirkmechanismen in den so genannten „Facebookrevolutionen“ im Nahen Osten und im arabischen Nordafrika. Die Kommunikationsrevolution fegt jedoch nicht nur autoritäre Regierungen in der arabischen Welt hinfort, sondern verändert auch den sozialen Raum, die soziale Interaktion und die Gruppendynamik in den entwickelten Demokratien der Industriestaaten – wenn auch bei weitem nicht so dramatisch. Haben Sie das in Ihren Studien auch untersucht, wie sich die Entgrenzung des sozialen Raums, die Virtualisierung der Kommunikation, auf unsere westlichen Gesellschaften auswirken wird?

Auch da muss ich sagen, es ist alles immer wieder zweigeteilt. Auch hier gibt es zwei Seiten einer Medaille. Das positive ist natürlich, das haben Sie jetzt schon genannt, die Möglichkeit, sich jenseits von Zeit und Raum, also zu jeder Zeit, an jedem Ort, mit jedem Menschen zu vernetzen. Das bringt natürlich eine enorme Dynamik in den ganzen Prozess hinein. Man hat das beispielsweise in Tunesien und Ägypten gesehen. Nur dadurch war das in dieser Schnelligkeit, in dieser Heftigkeit und in dieser Durchschlagskraft so möglich. Das ist absolut klar. Das ist auch die positive Seite. Für die negative Seite beziehe ich mich gerne auf David Gelernter, den US-amerikanischen Informatikpapst und einen der Mitbegründer des Internets. Er hat gesagt, wir dürften eines nicht überschätzen: Wir tun immer so, als wäre die Cloud, die Wolke, also diese Vereinigung von vielen Menschen, immer auch gleich das richtige Wissen. Da müssen wir aufpassen, dass nicht einfach nur weil eine Masse von Menschen sagt, das ist richtig, das ist gut, dass dieses dann auch gleich richtig sein muss. Viele Veränderungen entstehen ja auch gerade dadurch, dass wenige erst einmal erkennen, so sollten wir das machen.

 

Geht das in die Richtung, dass dann die Masse auch leichter Agitatoren und Demagogen anheim fallen kann, Leuten die Stimmung machen und hetzen? Dass der Funken dann viel schneller auf eine Massenbewegung umschlagen kann?

Ja, ich denke es ist auch einfacher in dem Sinn, dass man sich auch dahinter verstecken kann. Das geht ja hin bis zu Denunziantentum und Diffamierung usw. Das ist die negative, ich sage einmal die „Schwarze Seite“ der sozialen Netzwerke. Ich muss mich nicht persönlich mit meinem Namen und mit meiner Person stellen, sondern ich diffamiere einfach einmal jemanden in der virtuellen Welt und dadurch kann man auch ganze Biographien zerstören. Und wenn das erst einmal irgendwo gepostet ist, ist es ja ziemlich schwer, das auch wieder aus dem Netz herauszubekommen. Also ich denke, wir müssen lernen – und das ist auch ein Bildungsauftrag für Schulen, dass dort demnächst gelehrt wird – wie gehe ich mit solchen Medien um. Das ist immer so: Ich kann etwas Hilfreiches für die Menschen machen, aber ich kann auch eine Waffe daraus machen – ich kann daraus etwas erzeugen, was etwas anderes zerstört. Das ist jetzt nicht, dass ich das ablehne, ich bin ein Befürworter der sozialen Medien, aber ich möchte auch immer darauf hinweisen und darauf drängen, dass man behutsam damit umgehen und auch auf negative Folgen hinweisen muss. Wir dürfen da jetzt nicht so blauäugig sein, dass das jetzt das Allheilmittel der Welt und all unserer Probleme ist.

 

Sie hatten im Vorfeld in Bezug auf die neuen Kommunikationsformen im Zuge der Neuen Medien auch vone einem „Kommunikations-Overload“ gesprochen. Wie äußert sich dieser nun genau und wie kann der Alltagsmensch am Besten damit umgehen, sich also dagegen wappnen?

Zunächst einmal kurz, was ich persönlich unter dem Begriff Kommunikations-Overload verstehe: Der Kommunikations-Overload ist für mich mit dem Verlust der Zeitlichkeit verbunden. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, dann war auch die Berufswelt so geprägt, dass es klare Tagesabläufe gab. Es gab einen Morgen, einen Mittag und einen Abend. Die Geschäfte hatten um 09:00 Uhr aufgemacht, von 13-15 Uhr Mittagspause und dann um 18.30 Uhr zugemacht. Und samstags war um 13:00 Uhr, platt formuliert, Schicht im Schacht. Dadurch gab es klare Trennungen innerhalb des Tages. Und die haben wir verloren. Wir leben jetzt in einer Welt, in der 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche alles möglich ist. Sie können also rund um die Uhr ständig in Betrieb sein. Das ist die erste Gefahr, die ich sehe. Die Menschen verlieren ihre Ruhepausen, ihre Inseln, in denen sie einfach mal abschalten können. Das wird durch die neuen Kommunikationsmittel extrem verschärft. Wir sind mit unseren Handys fast rund um die Uhr und an jedem Ort erreichbar – und viele weigern sich auch, es einfach mal wegzulegen. Ich kenne Unternehmer und Privatpersonen, die gehen sogar nach jedem Saunagang an den Spinnt und überprüfen, ob sie einen Anruf bekommen haben. Da brauche ich gar nicht erst in die Sauna gehen, denn die Entspannung ist dann dahin. Das ist die größte Gefahr, die ich sehe, dass sich die Leute überfordern. Sich mit Kommunikation überfordern. Dazu kommt noch die ständige Erreichbarkeit mit Emails, SMS und all diesen Dingen – wir hängen auf Verteilern mit drauf, werden CC gesetzt und so weiter. Und wenn alle fünf Minuten ein entsprechender Eingang aufpoppt, dann finden wir einfach die Ruhe nicht mehr. Dazu gibt es auch sehr interessante Untersuchungen: In dem Moment, wo bei Ihnen das Fenster aufpoppt „Sie haben Post“, werden wir zum Jäger und Sammler und der Neandertaler kommt in uns durch, dass könnte ja ein Mammut sein, das ich jagen muss und ich schaue rein. In dem Moment, wo ich hineinsehe, werde ich aber aus meiner anderen Arbeit herausgerissen und brauche danach erst einmal wieder 5-7 Minuten, um mich wieder hineinzuarbeiten. Wenn man das am Tag addiert, kommt man leicht auf eineinhalb Stunden, die Ihnen an bewusster und kreativer Arbeit verloren geht. Wir müssen auch da lernen, unseren Tag wieder zu unterteilen. Früher war es so, dass die Gesellschaft den Rhythmus des Tages vorgegeben hat, jetzt müssen wir als Individuum unseren Tag so gestalten und einteilen, dass wir uns nicht überfordern. Wenn ich zum Beispiel meine wöchentliche Kolumne für AGITANO schreibe, dann schließe ich vorher mein Outlook, mache das Handy aus und schalte mein Telefon ab. Und erst dann kann ich ungestört schreiben.

 

ENDE TEIL 1

 

(Das Interview führte Marc Brümmer von der AGITANO-Redaktion.)

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