Panorama

Im Gespräch mit Dr. Thomas Kathöfer

Was erhoffen Sie sich persönlich von Ihrer Arbeit als MINT-Botschafter?

Naturwissenschaftlich-technisches Know how gehört zu den wichtigsten Ressourcen unseres Landes. Volkswirtschaftlich gesehen ist es also ein sehr ernst zu nehmendes Problem, wenn sich junge Menschen nicht in ausreichender Zahl für die entsprechenden Studienfächer interessieren. Als Ingenieur bedaure ich es aber auch ganz persönlich, dass in Deutschland der Enthusiasmus für diese spannenden Themenfelder wenig entwickelt ist. Ich möchte gern ein wenig dazu beitragen, die Faszination von Naturwissenschaften und Technik zu vermitteln und Motivation und Begeisterung für MINT-Studiengänge bzw. MINT-Berufe zu wecken.

 

Welche Bedeutung haben MINT-Studiengänge in der deutschen Hochschullandschaft?

Die MINT-Studiengänge sind eine der Stärken des deutschen Hochschulsystems. Mehr als ein Drittel der Studierenden studiert ein MINT-Fach, etwa 40 Prozent von ihnen an Fachhochschulen und 60 Prozent an Universitäten. Traditionell sind die Studiengänge sowohl forschungs- als auch anwendungsbezogen. Der Ruf ihrer Absolventinnen und Absolventen ist ausgezeichnet und die Fächer sind attraktiv. Beispielsweise die Mathematik: Studierende lernen analytisches Denkvermögen und sind damit eben nicht nur als Lehrer an Schulen, sondern auch bei Banken und Versicherungen, in der Software-Branche und bei Unternehmensberatungen gefragt. Umso wichtiger ist es, die Stärken weiterzuentwickeln und die Defizite wie die hohen Abbrecherquoten in den MINT-Studiengängen zu beseitigen.

 

Wie schafft man es, mehr junge Menschen für MINT-Berufe zu begeistern?

Schon in frühester Kindheit müssen junge Menschen spielerisch begeistert werden, technische Vorgänge verstehen zu wollen. Der Schlüssel liegt aber darin, die 14- bis 16jährigen Schülerinnen und Schüler zu halten. Die technischen und naturwissenschaftlichen Fächer sind eigentlich wunderbar geeignet, diesen Heranwachsenden die so wichtige Selbstwirksamkeitserfahrung zu vermitteln und damit Begeisterung und Verantwortungsbereitschaft zu fördern. Lehrerinnen und Lehrer müssen dazu in der Lage sein, ihren Schülerinnen und Schülern gerade die Inhalte mit Enthusiasmus und didaktischem Können zu vermitteln.

 

Im Zusammenhang mit MINT gibt es immer noch Trugschlüsse in den Köpfen der Menschen: MINT-Köpfe sind keine „Dichter und Denker“. MINT-Themen sind fern von den Menschen und Furcht einflößend. MINT-Tätigkeiten sind zweitklassig und perspektivlos. MINT-Berufe sind nichts für Frauen. MINT-Aufgaben sind nichts für kreative Köpfe. Wie können wir ein Umdenken erreichen?

Persönlichkeiten, die diese Wertungen als Vorurteile entlarven, können hier viel bewirken. Wir haben wunderbare Naturwissenschaftlerinnen und –wissenschaftler, die interdisziplinär denken und arbeiten, die ihre Forschung ausgezeichnet vermitteln. Sie gehören verstärkt in die Öffentlichkeit, in die Medien. Wir müssen erreichen, dass MINT-Kenntnisse in Deutschland mehr wertgeschätzt, dass Technik mehr als Problemlöser denn als Problemverursacher wahrgenommen wird. Glaubwürdige Fachvertreter, die sich auch einem kritischen Diskurs stellen, transportieren dieses Bild am wirkungsvollsten. Das gilt auch für die Überwindung der Zurückhaltung von Frauen gegenüber MINT-Fächern. Je mehr Professorinnen wir gewinnen, umso eher ermutigen wir junge Frauen zu diesem Karriereweg  Dass wir hier auf dem Weg sind, illustriert die TU Berlin, von der ich komme. Hier sind 35,2 Prozent der Studierenden Frauen, immerhin 18,8 Prozent der Professoren. Damit ist die TU Berlin unter den technischen Universitäten bundesweit führend. Es muss gelingen, Frauen in noch größerer Zahl für eine berufliche Zukunft in den MINT-Bereichen zu begeistern. Nur so kann dem MINT-Fachkräftemangel erfolgreich begegnet werden. Wir müssen noch viele althergebrachte Klischees und Geschlechterrollen überwinden. Die Initiative „MINT Zukunft schaffen“ hilft uns hier ganz klar.

 

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Zur Person:

 

Dr. Thomas Kathöfer, Jahrgang 1957, studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Berlin. Promotion auf dem Gebiet der Kältetechnik 1990. Von 1984 bis 1996 arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, seit 1990 als Oberingenieur im Fachgebiet Maschinenlehre am Institut für Energietechnik der Technischen Universität Berlin. Von 1987 bis 1996 leitete er zudem das Maschinenlabor für thermische und hydraulische Kraft- und Arbeitsmaschinen und nahm seit dieser Zeit zahlreiche Lehrtätigkeiten im In- und Ausland sowie Gutachtertätigkeiten für Industrie und Gewerbe wahr. 1996/1997 war er Mitglied des Vorstands der UNICAT AG. 1997 wechselte er erneut an die Technische Universität Berlin, zunächst als Leiter der Fakultätsverwaltung der Fakultät für Prozesswissenschaften, 2001/2002 als strategischer Controller für Struktur- und Entwicklungsplanung im Stab des Präsidenten sowie seit 2002 als Leiter des Präsidialamtes. 2006/2007 war er zudem Gründungsgeschäftsführer der European Center for Information and Communication GmbH (EICT GmbH), einer gemeinsamen Gründung der DaimlerChrysler AG, der Deutschen Telekom AG, der Siemens AG, der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V. sowie der Technischen Universität Berlin. Seit Juli 2009 ist Kathöfer Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz.

 

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