Wirtschaft

In Großbritannien beginnt das früheste Weihnachtsgeschäft – volkswirtschaftlicher Überblick

In London haben mehrere Geschäfte bereits Weihnachten eingeläutet und ihre „Winter-Wonderlands“ eröffnet. Der Grund für den frühen sommerlichen Start in das Weihnachtsgeschäft: Dringend erforderliche Umsatzsteigerung. Es ist die früheste Eröffnung des Weihnachts-Shoppings aller Zeiten – mit begleitender Einkaufsmusik wie Dean Martins „Let it snow!“ bei 25 Grad Celsius Außentemperatur.

Die britische Volkswirtschaft leidet immer noch stark unter der Wirtschaft- und Finanzkrise. Der traditionell starke Finanzplatz London (eine der größten Steuersümpfe, respektive Steuerparadiese weltweit) hat stark unter der Bankenkrise gelitten, der Staat musste mit Milliarden beispringen. Inklusive der British Overseas Territories, die in letzter Instanz dem britischen Staatsoberhaupt, der Queen, unterstehen, haben insgesamt fast 80% aller Hedgefonds ihr rechtliches Domizil in Gebieten, die der Souveränität Großbritanniens oder der USA  unterliegen (der US-Bundesstaat Delaware ist die Nummer eins der Steuersümpfe). Die extreme Abhängigkeit von den großen Finanzinstituten hat die britische Volkswirtschaft insofern in eine Abwärtsspirale getrieben. In der Länderanalyse des Auswärtigen Amtes heißt es: „London ist der wichtigste Finanzplatz in Europa und neben New York der wichtigste weltweit. Alle größeren Banken, Versicherungen, Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfungsfirmen sowie internationale Rechtsanwaltskanzleien sind vertreten. (…) Die Finanzkrise hat sich nachhaltig negativ auf die Entwicklung von Wirtschaft und öffentlichen Haushalten in Großbritannien ausgewirkt. 2009 stürzte die Wirtschaftsleistung um 4,9 Prozent ab. Im Jahr 2010 wurde ein moderates Wachstum von ca. 1,3 Prozent erreicht, für das laufende Jahr werden ca. 1,7 Prozent prognostiziert. Das Haushaltsdefizit wird im Haushaltsjahr für 2011/12 voraussichtlich immer noch bei ca. 8 Prozent des BIP liegen, nachdem zwei Jahre zuvor ein Rekordminus von ca. 11 Prozent zu verzeichnen war. Die Staatsverschuldung wird trotz eines massiven Sparprogramms bis zum Haushaltsjahr 2013/14 voraussichtlich auf ca. 87 Prozent des BIP steigen, nachdem sie 2007/08 noch bei ca. 43 Prozent gelegen hatte. Der Leitzinssatz der Bank of England steht seit März 2009 auf dem historischen Tiefstand von 0,5 Prozent. Mit einem Ankaufprogramm im Volumen von 200 Milliarden Pfund, vor allem für britische Staatsanleihen („Quantitative Easing“), soll ferner das langfristige Zinsniveau tendenziell gedrückt, die Vermögenspreise erhöht und die Wirtschaftsaktivität stimuliert werden. (…) Die Inflationsrate lag im Februar 2011 bei 4,4 Prozent, bei einem Inflationsziel der Zentralbank von 2 Prozent.“

Die innige Beziehung des Landes stößt aber bei der britischen Finanzindustrie allerdings auf wenig Gegenliebe: Die britische Großbank Barclays war im Januar 2011 international in die Schlagzeilen geraten, als der zum neuen Chef aufgestiegene Investmentbanker Bob Diamond verkündet hatte, die Zeit der „Zurückhaltung“ sei vorbei und sich trotz eines noch immer maroden Finanzsystems wieder für pralle Bonuszahlungen aussprach („Es gab für uns die Phase des Bedauerns und der Entschuldigungen. Damit muss nun Schluss sein!“). Ende Februar empörte ein weiteres skandalöses Detail das angeschlagene Vereinigte Königreich. Barclays hatte 2009 bei einem Gewinn von 11,6 Mrd. Pfund gerade einmal 113 Mio. Pfund an Unternehmenssteuern an das britische Finanzamt abgeführt. Der normale Steuersatz liegt hier bei 28%. Da jedoch 30 Barclays-Töchter in Steuerparadiesen angesiedelt sind (siehe oben), musste die Bank nur 10% ihrer Gewinne aus dem Jahr 2009 in Großbritannien versteuern. Allerdings sei es Branchenkennern nach sehr zu bezweifeln, dass nur jedes zehnte Pfund in Großbritannien verdient worden sei.

 

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