Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 07.04.2011

Wirtschaftspolitik:
1. Schuldenschnitt für Griechenland wahrscheinlich
2. Portugal will unter den Rettungsschirm schlüpfen
3. Frühjahrsgutachten erhöht Wachstumsprognose auf 2,8%

Branchen und Unternehmen:
4. Opel wächst schneller als der Markt
5. Saab stellt Produktion vorübergehend ein
6. Airbus bringt gegen den Trend den neuen Sparflieger ein Jahr früher auf den Markt
7. Flughafen München soll privatisiert werden
8. 950 Mio. Euro schwerer Bofrost-Gründer klagt gegen Reichen-Ranking

 

Wirtschaftspolitik:

 

Schuldenschnitt für Griechenland wahrscheinlich
2009 beliefen sich die Schulden Griechenlands auf 273 Milliarden Euro und damit auf 115 Prozent des BIP. Das Defizit soll von 5,6 Prozent im Jahr 2011, 2,8 Prozent im Jahr 2012 und 2 Prozent im Jahr 2013 zurückgeführt werden. Da die Schulden des Landes trotz harter Sparmaßnahmen somit vorerst weiter steigen, wachsen die Zweifel, dass Griechenland 2012 an den Anleihemarkt zurückkehren und sich zu bezahlbaren Zinsen selbst finanzieren könnte. Da eine Verlängerung und Aufstockung des EU-Hilfspakets politisch jedoch als nicht vermittelbar gilt, erwägen laut Medienberichten nun mehrere Euro-Länder und auch der IWF den Schuldenschnitt für Athen – zumindest soll ein entsprechender Plan für den Notfall ausgearbeitet werden. Die Umschuldung könnte einen Schuldenschnitt, die Verlängerung der Laufzeiten der Anleihen oder niedrigere Zinszahlungen umfassen. Alle drei Alternativen laufen darauf hinaus, dass Inhaber griechischer Staatsanleihen auf einen Teil ihrer Rendite verzichten müssen. Carsten Schneider, Haushaltsexperte der SPD-Bundestagsfraktion: „Je länger die Bundesregierung wartet, um so teurer wird es für den Steuerzahler. (…) Angesichts der ökonomischen Rahmendaten wird Griechenland ohne eine Umschuldung mittelfristig nicht lebensfähig sein.“

 

Portugal will unter den Rettungsschirm schlüpfen

Am Dienstag hatten die großen Banken in Portugal die Regierung aufgefordert, im Kampf gegen die überbordende Zinslast EU-Hilfen des Rettungsschirms in Anspruch zu nehmen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Deutlich niedrigere Zinsen erlauben eine einfachere Refinanzierung und Sanierung der Finanzen (derzeitiger Zinssatz für zehnjährige portugiesische Anleihen: 8,6 Prozent, im Vergleich zu 3,4 Prozent für Deutschland). Durch die eingesparten Milliardensummen an Zinszahlungen ließe sich das Sparvorhaben somit deutlich einfacher umsetzen. Der Nachteil: Das Land verliert an wirtschaftspolitischer Unabhängigkeit, da es den EU-Gremien und dem IWF eine höhere Rechenschaft bei den Sparvorhaben schuldig wäre. Das wollte Lissabon bislang verhindern. Nun hat der nach seinem Rücktritt bis zu den Neuwahlen am 5. Juni nur noch geschäftsführende portugiesische Regierungschef José Sócrates am Mittwochabend als drittes Land nach Griechenland (110 Milliarden Euro) und Irland (85 Milliarden Euro) offiziell um Finanzhilfen der EU gebeten. Bis Juni benötigt das Land zehn Milliarden Euro, um bestehende Verbindlichkeiten abzulösen. Insgesamt wird der Finanzbedarf in den nächsten drei Jahren auf 70-80 Milliarden Euro geschätzt. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sicherte dem Land „schnellstmögliche“ Hilfe zu. Im Gegenzug wird ähnlich ein striktes Sparprogramm verlangt, ähnlich dem, das am 23. März von der Opposition abgelehnt worden war. Nach der Zurückweisung des Sparpaketes waren die Risikozinsen für Portugal auf eine nicht mehr akzeptable Größenordnung gestiegen. An den Märkten war der Schritt Portugals allgemein erwartet worden. Die Euro-Finanzminister werden am morgigen Freitag über die Lage Portugals beraten.

Das Sparpaket:
Portugal will die Neuverschuldung nach einem Negativ-Rekord von rund 9,4 Prozent des BIP im Jahr 2009 und dem für 2010 angepeilten Wert von 7,3 Prozent (real 8,2 Prozent) im laufenden Jahr 2011 auf 4,6 Prozent drücken. 2012 soll das Defizit dann auf 3,0 und 2013 auf 2,0 Prozent gesenkt werden. EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn billigte das Sparpaket: „Die Maßnahmen dürften ausreichen, die angestrebten Ziele bei der Reduzierung des Defizits zu erreichen.“

Die Kosten für Medikamente im Gesundheitssystem sollen gesenkt, die öffentliche Verwaltung effizienter werden und die Gemeinden weniger Transferzahlungen erhalten (Einsparung: 1,6 Prozent des BIP). Steuererleichterungen werden gestrichen und die Steuern auf Renten ebenso erhöht wie spezifische Konsumsteuern, auch werden mehr Kontrollen zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung eingeführt (Einnahmeplus: 0,9 Prozent des BIP). Die Lohnzahlungen im öffentlichen Dienst wurden im Schnitt bereits um fünf Prozent gekürzt, ab 2012 sollen dann alle Rentenzahlungen eingefroren und Renten über 1.500 Euro sogar in ähnlichem Umfang wie die Beamtengehälter gekürzt werden. Die staatlichen Investitionen waren bereits 2010 um 6,0 Milliarden und die Entwicklungshilfe um 0,6 Milliarden Euro gekürzt worden. Auch der „Baby-Scheck“ für Neugeborene wurde abgeschafft und die Einkommenssteuern um 1,0 bis 1,5 Prozentpunkte angehoben. Unternehmen mit Gewinnen von mehr als zwei Millionen Euro zahlen eine zusätzliche „Krisensteuer“ von 2,5 Prozent, die Mehrwertsteuer stieg von 20 auf 21 Prozent.

 

Frühjahrsgutachten erhöht Wachstumsprognose auf 2,8%

Die führenden Forschungsinstitute haben in dem jährlichen Frühjahrsgutachten ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland von 2,0 Prozent auf 2,8 Prozent deutlich angehoben. Damit wird voraussichtlich Ende des laufenden Jahres wieder das Vorkrisenniveau von 2008 erreicht. Auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt werde sich angesichts des kräftigen Aufschwungs weiter verbessern und die Zahl der Arbeitslosen auf knapp 2,89 Millionen im laufenden Jahresdurchschnitt und auf 2,71 Millionen in 2012 sinken. Das entspricht einem Rückgang der Arbeitslosenquote von 7,7 Prozent in 2010 auf dann 6,5 Prozent im kommenden Jahr 2012. Der Aufschwung werde sich dann 2012 allerdings wieder etwas abschwächen und normalisieren. Die Aufträge in der Industrie waren im Februar viermal so stark gestiegen wie erwartet und lagen 2,4 Prozent über dem Niveau des Januars. Im Vorjahresvergleich ergibt sich sogar ein Plus von über 20 Prozent. Das starke Wirtschaftswachstum hat auch positive Auswirkungen auf den Haushalt. Demnach könnte die Neuverschuldung erheblich niedriger ausfallen als bislang geplant. Laut dem Frühjahrsgutachten ist ein Rückgang des staatlichen Defizits von 3,3 Prozent in 2010 auf 1,7 Prozent im laufenden Jahr möglich.

 

Branchen und Unternehmen:

 

Opel wächst schneller als der Markt
Der Rüsselsheimer Autobauer Opel will dieses Jahr wieder zurück in die schwarzen Zahlen kommen. Im Geschäftsjahr 2010 war noch ein Verlust von 1,4 Milliarden Euro aufgelaufen, nach einem Minus von 427 Millionen Euro in 2009 und einem Fehlbetrag von 1,1 Milliarden in 2008. Mit einem harten Sanierungskurs und einem Absenken der Kapazitäten um 20 Prozent sollen die Kosten in den Griff bekommen werden. Für Freude dürften da die neuesten Quartalszahlen gesorgt haben: Mit einem Zulassungsplus von 17,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal ist Opel stärker gewachsen als der Gesamtmarkt, der um 13,9 Prozent zulegte. Der Marktanteil in Deutschland stieg damit mit knapp 60.000 zugelassenen Fahrzeugen von 7,9 auf 8,2 Prozent. Zugpferde seien vor allem der aufgefrischte Corsa, der Astra und der neue Meriva. Auch das Europageschäft hellte sich um 8,4 Prozent auf. Mit rund 300.000 abgesetzten Fahrzeugen hat Opel europaweit einen Marktanteil von 6,9 Prozent gegenüber 6,7 Prozent im Vorjahreszeitraum. Zugleich haben sich auch die Auftragseingänge positiv entwickelt.

 

Saab stellt Produktion vorübergehend ein
Die finanzielle Situation des angeschlagenen schwedischen Autoherstellers Saab spitzt sich offenbar weiter zu. Weil Zulieferer wegen unbezahlter Rechnungen ihre Waren zurückhalten musste nun die Produktion vorläufig eingestellt werden. Das Saab-Management gibt sich jedoch zuversichtlich, die Probleme mit einzelnen Zulieferern schnell klären zu können: „Wir werden in Kürze eine permanente Lösung präsentieren, damit die Produktion wieder störungsfrei laufen kann.“ Den Medien wird ein „Aufbauschen“ der Probleme vorgeworfen. Saab hatte 2010 einen Verlust von 218 Millionen Euro erlitten.

 

Airbus bringt gegen den Trend den neuen Sparflieger ein Jahr früher auf den Markt
Beim Flugzeugbau sind zeitliche Verzögerungen die Regel. Entgegen dem Trend will Airbus seine neue sparsame Modellfamilie A320Neo bis zu einem Jahr früher auf den Markt bringen, also bereits im Laufe des Jahres 2015. Analysten sehen in dem Schritt den Versuch, Boeing und den stärker werdenden kanadischen Herausforderer Bombardier zu schwächen.

 

Flughafen München soll privatisiert werden
Letzte Woche wurde der Flughafen München zum sechsten Mal zum besten Airport in Europa gewählt  – seit 2005 musste man sich nur 2009 Zürich geschlagen geben. Weltweit belegt München nach drei asiatischen Flughäfen (Hongkong, Singapur und Seoul) den vierten Rang. Dabei wurden insgesamt 40 Kategorien bewertet, ausschlaggebend war die Kombination aus Bequemlichkeit, Terminal-Komfort und bayerischer Gastfreundlichkeit. Gesellschafter des Flughafens sind der Freistaat Bayern (51 Prozent), der Bund (26 Prozent) und die Stadt München (23 Prozent). Nun bereitet sich der Airport laut Flughafenchef Kerkloh darauf vor, mittelfristig privatisiert zu werden. „Wir bereiten uns darauf vor, kapitalmarktfähig zu sein.“ Für einen weiteren Wachstumsschub sollen eine dritte Startbahn und ein zusätzliches Terminalgebäude sorgen. Das Passagiervolumen soll in dem laufenden Jahr um fünf Prozent auf 36,5 Millionen Passagiere steigen. Unter Einbeziehung der Beteiligungsunternehmen wurden konzernweit im Jahr 2010 rund 1,1 Milliarden Euro umgesetzt. Der Netto-Gewinn betrug 125 Millionen Euro.


950 Mio. Euro schwerer Bofrost-Gründer klagt gegen Reichen-Ranking
Der Bofrost-Gründer Josef Boquoi will mit einem geschätzten Vermögen von 950 Millionen Euro partout nicht auf der Liste der 100 reichsten Deutschen erscheinen – er würde laut dem Manager-Magazin Platz 92 einnehmen. Boquoi sieht sein Recht auf Privatsphäre verletzt und fürchtet offenbar Neider, daher ist er vor das Landgericht München gezogen. „Im Grunde ist das eine Neidliste – Tüchtigkeit wird bestraft, typisch deutsch!“, so der Anwalt von Boquoi. Der vorsitzende Richter Thomas Steiner erwies ihm jedoch eine wohlbegründete Abfuhr, dass ein Vermögen ab einer bestimmten Größe „von der Privat- in die Sozialsphäre“ übergeht: Die Gesellschaft müsse „darüber diskutieren, wo sind die großen Vermögen? Wie wurden sie geschaffen?“ Wenn Herr Boquoi gegenüber Angestellten, Kunden und auch der Gesellschaft ein reines Gewissen hat, dann müsste er auch nichts befürchten, außer Bewunderung. Offenbar ist er sich in diesem Punkt aber nicht ganz sicher. Wann das Urteil fällt ist bislang unklar.

 

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