Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 09.03.2011

Wirtschaftspolitik:
1. Wirtschaftspolitischer Super-Gau: Arbeitsagentur droht Milliarden-Defizit
2. Ratingagentur stuft Griechenland unter Ramschniveau – Athen empört
3. Rückgang des Ölpreises sorgt für Optimismus

Branchen und Unternehmen:

4. Daimler will Motorenbauer Tognum zurückkaufen
5. VW will Wogen im Carbon-Streit mit BMW glätten
6. Toyota will agiler werden – und schmeißt dafür Manager raus
7. Eon jammert auf höchstem Niveau
8. Telekom will sich von T-Mobile USA trennen
9. EADS kehrt mit 553 Mio. Euro in die Gewinnzone zurück
10. WikiLeaks: EADS leidet auf allen Ebenen an einer balkanisierten Firmenkultur
11. 100 spritsparende A320 Neo statt 10 Riesenvögel A380

 

Wirtschaftspolitik:

 

Wirtschaftspolitischer Super-Gau: Arbeitsagentur droht Milliarden-Defizit
Die Arbeitslosigkeit in Deutschland war im Verlauf des Jahres 2010 erfreulicherweise unter die 3 Mio. Marke und damit auf den niedrigsten Wert seit 1992 gesunken. Damit stieg die Zahl der Beitragszahler und die Zahl der Empfänger ist gesunken, was sich insgesamt positiv auf den Haushalt der Agentur auswirken müsste. Dennoch droht der Arbeitsagentur ein Milliarden- Defizit. Grund: Die Regierung will ihren Zuschuss kürzen. Für Beitragszahler würde dies erneut höhere Kosten bedeuten – Beitragszahler sind nur die Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nicht jedoch erwerbsloses Einkommen aus Vermögen, Zinsen, Erbe, Vermietung etc., auch sinkt aufgrund der Beitragsbemessungsgrenze ab 66.000 Euro pro Jahr der Beitragssatz für Besserverdienende (die breiteren Schultern werden auch hier, wie bei allen sozialen Sicherungssystemen, immer schmäler belastet, je mehr Einkommen sie auf sich vereinen, die höchsten Anteil müssen die mittleren Einkommen/Erwerbstätigen bis zur Beitragsbemessungsgrenze leisten = Mittelstandsbauch). Zu einem Absenken des wohlklingenden, aber äußerst ungerechten „Mittelstandsbauchs“ trägt das nur kontraproduktiv bei. In seltener Einhelligkeit kritisieren Gewerkschafter und Arbeitgeber nun dieses Kappen des stattlichen Zuschusses aus der Mehrwertsteuer, die immerhin alle Bürger bezahlen müssen. Schwarz-gelb plant dieses Geld (4 Mrd. Euro) umzuschichten, um künftig die Kosten der Grundsicherung für arme Rentner von den klammen Kommunen zu übernehmen, was ein wesentlicher Teil des Kompromisses mit der Opposition bei der Hartz-IV-Reform war. Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund über den „unverantwortlichen Raubbau an der Arbeitslosenversicherung“: Es sei in keiner Weise vertretbar, dass die Beitragszahler und die Arbeitslosen die Zeche „für einen jämmerlichen Hartz-IV-Kompromiss, den die Koalition bei den Kommunen erkauft hat” zahlen müssten. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: „Für die Beitragszahler zur Arbeitslosenversicherung haben die Hartz-IV-Beschlüsse milliardenschwere Belastungen zur Folge.“ Er warnte vor einer Erhöhung des Beitragssatzes, was zulasten von Wirtschaftswachstum und Beschäftigung gehen würde. Dagegen sei die Politik in der Pflicht, “durch Strukturreformen in der Arbeitslosenversicherung eine Gegenfinanzierung sicherzustellen”.

 

Ratingagentur stuft Griechenland unter Ramschniveau – Athen empört
Die Ratingagentur Moody’s hat die Kreditwürdigkeit Griechenlands nur vier Tage vor einem Euro-Sondergipfel zur Schuldenkrise gleich um drei Stufen auf B1 kräftig herabgestuft. Damit befindet sich dessen Bonität unterhalb des Ramschniveaus – damit folgt Moody’s zeitversetzt der Ratingagentur Fitch (Mitte Januar). Moody’s behalte sich zudem eine weitere Herabstufung vor und belässt den Ausblick auf „negativ“. Die Regierung in Athen zeigt sich über diesen Schritt empört. Dadurch werden die Zinsen für Griechenland (auf dem Kapitalmarkt, nicht für die an den Euro-Rettungsschirm) noch teurer, was es prinzipiell noch weiter erschweren würde, sich aus der Verschuldung zu befreien: Eine klassische self-fulfilling-prophecy – zum Nachteil der gut 11 Mio. Einwohner des Staates. Als Gründe nannte die Ratingagentur: „Die Sparmaßnahmen und Strukturreformen, die für eine Stabilisierung der Schulden notwendig sind, bleiben sehr ambitioniert und großen Umsetzungsrisiken ausgesetzt.“ Möglicherweise komme Griechenland auch nicht um eine Umschuldung herum, bei der die Gläubiger auf einem Teil ihrer Forderungen verzichten müssen (beispielsweise schonend durch eine Laufzeitverlängerung). Die Regierung in Athen reagierte empört, die Herabstufung sei vollkommen ungerechtfertigt. Darin würde sich keine objektive und ausgewogene Einschätzung der Umstände zeigen, weil die bereits erzielten Fortschritte bei der Haushaltskonsolidierung sowie weitere auf den Weg gebrachte Reformen ignoriert würden. Prinzipiell stehen die Ratingagenturen tief in der Kritik, da sie absolut unbrauchbare Einschätzungen im Vorfeld der Finanzkrise 2007/08 lieferten, die immensen Risiken der Subprime-Produkte als wesentliche Mitauslöser der späteren gigantischen Finanzkrise nicht erkannten und ihre genuine Aufgabe damit komplett verfehlten. EU-Währungskommissar Olli Rehn plädiert im Gegenzug dafür, Griechenland mehr statt weniger Luft zu gewähren: Die Kreditzinsen für Athen müssten gesenkt und die Laufzeiten von dreieinhalb auf sieben Jahre verlängert werden, um dem Land mehr Luft zu verschaffen.

 

Rückgang des Ölpreises sorgt für Optimismus
Die OPEC-Förderländer verhandeln derzeit über eine Ausweitung ihrer Förderung, um einen die Konjunktur der Weltwirtschaft gefährdenden Anstieg des Ölpreises zu verhindern. Allerdings zeigten sich viele OPEC-Staaten davon überzeugt, dass der von den Unruhen in Libyen ausgelöste Preisanstieg lediglich psychologisch bedingt und spekulationsgetrieben sei, da grundsätzlich bereits genügend Öl gefördert werde. Der Preis für das Nordseeöl der Sorte Brent fiel um fast 2% auf 112,82 Dollar je Barrel. Die Börsen reagierten daraufhin erleichtert und schwenkten ins Plus.

 

Branchen und Unternehmen:

 

Daimler will Motorenbauer Tognum zurückkaufen
Tognum ist börsennotierter Anbieter von Dieselmotoren, sowie kompletten Antriebs- und Energiesystemen (Gasturbinen) rund um das Kernunternehmen MTU Friedrichshafen und gilt als Technologieführer. Unter der Ägide von Jürgen Schrempp hatte Daimler Ende 2003 den Motorenbauer für 1,5 Mrd. Euro an den schwedischen Finanzinvestor EQT verkauft. Dieser machte bei dem späteren Börsengang dann einen riesigen Gewinn – alles in allem ein Plus von 2,4 Mrd. Euro, bei gerade einmal 220 Mio. Euro Eigenkapital. 2008 sah Daimler seinen Fehler teilweise ein und kaufte bereits 22% der Aktien zurück. Nun soll Tognum gemeinsam mit der britischen Rolls-Royce in einem fifty-fifty Joint Venture zu 100% übernommen werden. Das öffentliche Übernahmeangebot beläuft sich auf insgesamt 3,2 Mrd. Euro. Rolls-Royce dürfte die industrielle Führung übernehmen und Daimler seinen Einfluss behalten.

 

VW will Wogen im Carbon-Streit mit BMW glätten
2009 hatten BMW und der deutsche Karbonhersteller SGL-Carbon ein Joint Venture geschlossen, um die automobile Großserienproduktion des wichtigen, ebenso leichten wie stabilen, Faserverbundwerkstoffs voranzutreiben. Über die Beteiligungsfirma von BMW-Großaktionärin Susanne Klatten, Skion, übt BMW einen Einfluss von 22% auf das Unternehmen aus. Überraschend war nun kürzlich VW mit 8,18% als zweitgrößter Aktionär bei SGL eingestiegen. BMW-Chef Norbert Reithofer äußerte sich daraufhin distanziert, dass VW die Münchner nicht vorab informiert habe. Nun will VW offenbar die Wogen glätten und gab den Verzicht auf einen Aufsichtsratssitz bekannt. Allerdings verfügt VW auch so über gute Kontakte in den Aufsichtsrat.

 

Toyota will agiler werden – und schmeißt dafür Manager raus
Toyota will die internen Entscheidungsprozesse beschleunigen und zudem rascher auf Kundenmeinungen reagieren. Als erster Schritt wird dafür das als zu groß empfundene Management drastisch verkleinert. Die Zahl der Direktoren werde von 27 auf elf reduziert. Zudem sollen die einzelnen Weltregionen künftig noch eigenständiger werden, wofür eigene regionale Beraterkommitees in Amerika, Europa und Asien eingerichtet werden.

 

Eon jammert auf höchstem Niveau
Deutschlands größter Energiekonzern Eon sieht sich einem zögerlich steigendem Wettbewerb ausgesetzt – und beklagt sich über den allerdings erst langsam beginnenden Verlust der Oligopolstellung und damit aufgrund steigenden Margendrucks über zurückgehende Gewinne. Auch die Beteiligung der Gesellschaft (Staat) an den Milliardengewinnen aus der Laufzeitverlängerung leuchtet den Konzernlenkern in Düsseldorf nicht ein. So musste ein „herber Gewinneinbruch“ verbucht werden: Der Umsatz legte zwar um 16% auf 92,86 Mrd. Euro zu, allerdings wurde das Ergebnis um Milliardenabschreibungen auf das Geschäft in Südeuropa gedrückt. Der bereinigte Konzernüberschuss fiel somit um satte vier Prozent auf lediglich 4,9 Mrd. Euro. Analysten hatten dagegen gut 5 Mrd. Euro erwartet. „Für das laufende Jahr sieht es noch düsterer aus“: Es wird ein bereinigtes Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) von 11,2 bis 11,9 Mrd. Euro und ein Konzernüberschuss von 3,3 bis 4,0 Mrd. Euro erwartet. Das Tal der Tränen dürfte aber 2013 wieder durchschritten sein: Dann erwartet der Konzern wieder – aufgrund von Beteiligungsverkäufen (15 Mrd. Euro) Einsparungen (1,5 Mrd. Euro) und Schuldenabbau – ein bereinigtes Ebitda von mindestens 13 Mrd. Euro.

 

Telekom will sich von T-Mobile USA trennen
Die Deutsche Telekom will ihre US-amerikanischen Mobilfunktochter T-Mobile USA an den US-Konkurrenten Sprint Nextel verkaufen. Sprint und die Telekom sind Nummer drei (50 Mio. Kunden) und vier (35 Mio. Kunden) auf dem US-Markt. Laut Telekom-Finanzchef Timotheus Höttges seien prinzipiell „in den USA alle Optionen offen – ein Verkauf des gesamten Geschäfts oder von Teilen davon.“ Dies bedeutet auch, einen möglichen Partner zu finden, Anteile zu verkaufen oder ein Netzwerk-Abkommen abzuschließen. Laut Informationen des Medienunternehmens Bloomberg wurden die Verhandlungen bereits mehrfach unterbrochen und wieder fortgesetzt. Es gebe Uneinigkeiten bei der Bewertung von T-Mobile USA. Bloomberg schätzt den Wert auf 15-20 Mrd. Dollar.

 

EADS kehrt mit 553 Mio. Euro in die Gewinnzone zurück
Der europäische Rüstungs- sowie Luft- und Raumfahrtkonzern EADS ist mit einem Gewinn von 553 Mio. Euro in die Gewinnzone zurückgekehrt. 2009 fiel noch ein Verlust von 763 Mio. Euro an. Umsatztreiber war vor allem die zivile Luftfahrt (510 ausgelieferte Flugzeuge). Der Konzernumsatz stieg insgesamt um 7% auf den Rekordwert von 45,8 Mrd. Euro. Das Militärgeschäft bleibt jedoch weiterhin der wichtigste Gewinnbringer (457 Mio. Euro operativer Gewinn). Eine Herausforderung bleibt der Militärtransporter A400M, dessen Probleme und Verzögerungen 2009 einer der Hauptgründe für die hohen Verluste war, allerdings seien die Risiken beträchtlich reduziert worden.

 

WikiLeaks: EADS leidet auf allen Ebenen an einer balkanisierten Firmenkultur
Auf der Enthüllungsplattform WikiLeaks neu enthüllte Botschaftsdepeschen zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild von dem europäischen Rüstungs- sowie Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. EADS-Manager – vor allem Deutsche über Franzosen – haben demnach bei US-Diplomaten lauthals gelästert: Die Briten seien „schizophren“, „gut, dass wir die los sind“ der französische Chef ein „überambitionierter Irrer“ und der Vorstand spiele „Reise nach Jerusalem“. Dazu wird der US-Konsul im französischen Toulouse zitiert: Der Flugzeugkonzern Airbus leide „auf allen Ebenen an einer insularen, balkanisierten Firmenkultur“. Der interne Streit um die Vorherrschaft bei EADS ist ein offenes Geheimnis, dass allerdings so offenherzig gegenüber US-Diplomaten und somit in Richtung des Hauptrivalen Boing darüber geredet wurde verwundert indes. EADS kommentierte die Veröffentlichungen: „Wenn WikiLeaks nicht mehr zu bieten hat als fünf Jahre alte Depeschen, sind wir nicht besonders besorgt.“

 

100 spritsparende A320 Neo statt 10 Riesenvögel A380
Erstmals wurde eine Bestellung für das Riesenflugzeug A380 storniert. Die US-amerikanische Leasinggesellschaft ILFC aus Los Angeles will statt ursprünglich georderten zehn A380 nun lieber 100 neue und spritsparende A320. Zur Begründung wurde eine Anpassung des Maschinenparks an die Kundenbedürfnisse genannt. Laut dem Airbus-Verkaufsvorstand John Leahy sei die Nachfrage nach dem Großraumflugzeug jedoch nach wie vor ungebrochen. Auf das Jahr hochgerechnet will die EADS-Tochter Airbus die Auslieferung von 510 Flugzeugen auf 530 erhöhen.

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