Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 15.12.2010

International:
1. Europäische Zentralbank erwägt Kapitalerhöhung:
2. OECD fordert Vorrang des Schuldenabbaus vor dem Wirtschaftswachstum:
3. Dollar soll laut Fed im geplanten Umfang die Welt fluten:
4. Starker Franken schwächt Schweizer Wachstum:
5. Irland stoppt Boni-Zahlungen der geretteten Allied Irish Bank:

National:
6. Kaufkraft der Deutschen wird 2011 um 499 Euro pro Kopf auf 1,6 Bio. steigen:
7. Bundesarbeitsgericht stärkt Position von Leiharbeitern:

Branchen und Unternehmen:
8. Chemieindustrie mit stärkstem Wachstum seit 1976:
9. Bis 2030 rund 26.000 neue Flugzeuge im Wert von 3,2 Bio. Dollar:
10. Siemens verkauft Tochter und konzentriert sich aufs Kerngeschäft:
11. Novartis macht 12,9-Mrd.-Dollar Übernahme Alcons perfekt:
12. Hapag-Lloyd entscheidet sich für Standort Hamburg:
13. Autozulieferer ZF Friedrichshafen von der Krise zum Rekord:
14. Nissan und Mitsubishi bilden Produktionskooperation:
15. Toyota ruft erneut 110.000 Fahrzeuge zurück:
16. Kooperation im Glasfaserbereich von Leoni und Euromicron:

 

International:

 

Europäische Zentralbank erwägt Kapitalerhöhung:
Die Europäische Zentralbank und auch andere europäische Notenbanken denken offenbar über eine Kapitalerhöhung nach. Der Notenbank-Chef Österreichs, Ewald Nowotny: „Die Risiken für die Notenbanken steigen“, daher sei eine höhere Kapitalausstattung der Zentralbanken nötig. Größere Kapitalpuffer bedeuten, für Notfälle besser gerüstet zu sein. Die Entscheidung wird daher überwiegend begrüßt. Im Gespräch ist eine Verdopplung des EZB-Kapitals von derzeit 5,8 Mrd. Euro.  Das Geld würde von den nationalen Notenbanken zugesteuert, voraussichtlich entsprechend ihren jetzigen Kapitalanteilen. Bislang hat die EZB im laufenden Jahr für 72 Mrd. Euro Staatsanleihen und für 60 Mrd. Euro Pfandbriefe gekauft. Die Entscheidung ist auch im Hinblick auf eine mögliche Aufstockung des Euro-Rettungsschirms wichtig. Diese gilt als wichtiges Signal der Stärke und Entschlossenheit, um mögliche Zweifel bereits im Keim zu ersticken.

 

OECD fordert Vorrang des Schuldenabbaus vor dem Wirtschaftswachstum:
Die Euro-Länder müssen nach Ansicht der OECD zuallererst ihre Schuldenberge abbauen, auch wenn dies vorübergehend das Wirtschaftswachstum dämpfen könnte. Dafür seien „detaillierte und glaubwürdige“ Haushaltsentwürfe über mehrere Jahre notwendig. Die OECD rechnet für die Euro-Zone mit einem weiteren Anstieg der Gesamtstaatsverschuldung von 84% in diesem Jahr auf 87% in 2011 und 89% in 2012. Gemäß des Euro-Stabilitätspakt ist indes nur eine Schuldenobergrenze von 60% des BIP erlaubt. Die OECD fordert zudem einen dauerhaften Krisenmechanismus, um den Euro zu stabilisieren, sowie eine Verschärfung des Euro-Stabilitätspaktes durch „quasi automatisch“ verhängte Sanktionen. Das Wirtschaftswachstum der Euro-Zone beziffert die Organisation für 2010 und 2011 auf 1,7%.

 

Dollar soll laut Fed im geplanten Umfang die Welt fluten:
Die US-Notenbank Fed bekräftigte erneut, an den vereinbarten Konjunkturhilfen im Volumen von 600 Mrd. Dollar bis Mitte 2011 in vollem Umfang festzuhalten. Somit werden pro Monat weiterhin rund 75 Mrd. Dollar gedruckt, um damit US-Staatsanleihen aufzukaufen. Das zusätzlich in den Markt gepumpte Geld soll die weiterhin schwächelnde US-Wirtschaft stützen. Obwohl sich die wirtschaftliche Erholung fortsetze (im dritten Quartal aufs Jahr hochgerechnet +2,5%), reiche das Tempo nicht aus, um die Arbeitslosigkeit im nötigen Umfang abzubauen. Dementsprechend wurde auch der Leitzins wie erwartet bei einer Spanne von null bis 0,25 Prozent belassen. Mit einer Zinsanhebung wird erst in 2012 gerechnet.

 

Starker Franken schwächt Schweizer Wachstum:
Die Schweizer Wirtschaft wird 2010 insgesamt um 2,7% wachsen. Nach Prognosen der Wirtschaftsexperten des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) wird sich das Wachstum in 2011 allerdings aufgrund des starken Anstiegs des Franken (negativ für den Export) auf 1,5% verlangsamen. Für 2012 werden +1,9% erwartet. Die Arbeitslosigkeit werde von 3,9% in 2009 auf 3,8% in 2010 und 3,4% in 2011 sinken. Aufgrund der labilen weltwirtschaftlichen Situation, der ungelösten Schuldenproblematik vieler Industrieländer und der angespannten Lage auf den Finanzmärkten seien die Konjunkturaussichten für die nächsten Jahre allerdings mit erheblichen Risiken behaftet.

 

Irland stoppt Boni-Zahlungen der geretteten Allied Irish Bank:
Die irische Regierung hat der mit 3,5 Mrd. Euro staatlich geretteten Allied Irish Bank (AIB) die Zahlung von Manager-Boni in Höhe von 40 Mio. Euro untersagt, andernfalls drohe die Streichung von Staatsgeldern. Daraufhin gab die Bank an, auf die Boni zu verzichten. Irland will zudem künftig Bonuszahlungen für Bankmanager mit 90% besteuern.

 

National:

 

Kaufkraft der Deutschen wird 2011 um 499 Euro pro Kopf auf 1,6 Bio. steigen:
Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus Nürnberg prognostiziert 2011 einen Anstieg der Kaufkraft der deutschen Verbraucher um 499 Euro (2,6%) auf 19.684 Euro pro Kopf, insgesamt sind das 1,61 Bio. Euro. Der Hochtaunuskreis im Nordwesten Frankfurts liege dann mit einer Kaufkraft von 28.585 Euro weiterhin vor dem Landkreis Starnberg bei München mit 28.048 Euro und dem Landkreis München mit 27.031 Euro. In Ostdeutschland führe der brandenburgische Landkreis Potsdam-Mittelmark mit 19.584 Euro (bundesweit Platz 162 von 412 Landkreisen).

 

Bundesarbeitsgericht stärkt Position von Leiharbeitern:
Die höchste Instanz, das Bundesarbeitsgericht (BAG), hat am Dienstag entschieden, dass die Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personal-Service-Agenturen (CGZP) keine tariffähige Spitzenorganisation ist – aufgrund einer zu geringen Zahl an Mitgliedern fehle die erforderliche Tarifmächtigkeit. Damit hatte der gemeinsame Antrag der Gewerkschaft Ver.di und der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit erfolg. Im Ergebnis sollen „Gefälligkeitstarifverträge“ in der Leiharbeitsbranche unterbunden werden. Die Gewerkschaft war durch auffällig niedrige Tarife in die Schusslinie geraten. Diese waren teilweise so niedrig, dass Zuschüsse aus Sozialkassen fällig wurden, weshalb sich das Land Berlin der Klage letztendlich anschloss (CGZP-Tarif für ungelernte Leiharbeiter in der Metall- und Elektroindustrie: 6,40 Euro Stundenlohn). Die Folge: Die rund 280.000 betroffenen Mitarbeiter in rund 1.600 Unternehmen, die nun ohne Tarifvertrag dran stehen, werden künftig genauso entlohnt wie die Stammbelegschaften. Hintergrund: Seit 2004 gilt das Gebot des „equal pay“, wonach Leiharbeiter wie die Stammbelegschaft bezahlt werden müssen, wenn es keinen Tarifvertrag gibt.  Die Gewerkschaft Ver.di geht sogar davon aus, dass auch für die Vergangenheit nachgezahlt werden muss – dies wären allein an zu wenig bezahlten Sozialbeiträgen rund zwei Milliarden Euro Nachzahlung. DGB-Vorsitzende Michael Sommer: „Mit dem Urteil sind wir einen Schritt weiter auf dem langen Weg, Tarifdumping zu unterbinden.“ Mehrere Arbeitgeberverbände in der Zeitarbeit haben Tarifverträge mit dem DGB. Thomas Bäumer, Vizepräsident des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA) erklärte daher, seine Unternehmen seien von dem Urteil nicht betroffen. Die Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, Carola Bluhm: „Diese Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts ist zugleich eine Warnung an alle Organisationen, die versuchen, Lohn- und Beschäftigungsstandards zu unterlaufen und der Arbeitgeberseite durch Lohndumping Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.“

 

Branchen und Unternehmen:

 

Chemieindustrie mit stärkstem Wachstum seit 1976:
Die deutsche Chemieindustrie, der mit 414.000 Arbeitsplätzen viertgrößte Industriezweig des Landes, wächst mit insgesamt 11% (Produktion) in 2010 so stark wie seit 34 Jahren nicht mehr. Die stark konjunkturabhängige Industrie hatte indes auch in dem Krisenjahr 2009 stark gelitten. Daher fehlen zu einer Rückkehr zum Vorkrisenniveau 2007 noch 2%. Stark profitieren konnte die Branche unter anderem von den anziehenden Preisen, die rund 3% über dem Vorjahresniveau lagen. Auch die Lagerbestände wurden stark reduziert. Der Umsatz stieg insgesamt um 17% auf 170,6 Mrd. Euro. Für nächstes Jahr wird eine Rückkehr zur Normalität erwartet (Produktion +2,5%).

 

Bis 2030 rund 26.000 neue Flugzeuge im Wert von 3,2 Bio. Dollar:
Die Flugzeugindustrie setzt auf umweltfreundliche Flugzeuge. Airbus sieht bis 2030 einen Absatzmarkt von weltweit fast 26.000 neuen Passagier- und Frachtmaschinen im Wert von 3,2 Billionen US-Dollar (+4,8% pro Jahr). Konkurrent Boing ist sogar noch optimistischer und sieht einen Weltbedarf von 30.900 neuen Flugzeugen im Wert von 3,6 Billionen US-Dollar (+5,3% pro Jahr). Neben dem wachsenden Bedarf in Schwellenländern sei auch der Trend zu neuen und sparsameren Modellen Wachstumstreiber. Die weltweite Flotte an Passagierfliegern dürfte sich laut der 20-Jahre Prognose von Airbus um 14.000 auf dann 29.000 Flugzeuge mehr als verdoppeln. Unklarheit herrscht indes über das Wachstum der Flugzeugbauerkonkurrenz aus Brasilien, China und Russland.

 

Siemens verkauft Tochter und konzentriert sich aufs Kerngeschäft:
Siemens verkauft das seit Jahren schwächelnde IT-Dienstleistungs- und Outsourcinggeschäft der Problemtochter SIS an die französische Atos Origin (allein 463 Mio. Euro Verlust im dritten Quartal). Lediglich das IT-Projekt Herkules verbleibt bei Siemens (unter Beteiligung IBMs und der Bundeswehr). Der Börsenwert beträgt 850 Mio. Euro, die Franzosen zahlen 190 Mio. Euro, allerdings muss Siemens 250 Mio. Euro für Abfindungen und Renten für die 1.50 Mitarbeiter bereitstellen. Siemens-Chef Löscher will den Konzern weiter auf die drei Kernsparten Energie, Industrie und Medizintechnik konzentrieren. Die französische Atos selbst steigt mit dem Zukauf zur europäischen Nummer zwei nach IBM auf. SIS gilt als zu klein, um im umkämpften Markt zu bestehen. Der Chef von Atos Origin, der frühere französische Finanzminister Thierry Breton, sieht den Beginn "einer sehr soliden und viel versprechenden industriellen Allianz". Damit werde eine kritische Größe auf dem nordeuropäischen Markt erreicht.

 

Novartis macht 12,9-Mrd.-Dollar Übernahme Alcons perfekt:
Der Pharmakonzern Novartis hat sich mit den Minderheitsaktionären des US-Augenmittel-Herstellers Alcon einigen können. Damit steht der Vollübernahme im Wert von 12,9 Mrd. Dollar nichts mehr im Weg. Zuvor hatte Novartis sich in zwei Schritten Nestlés 77-prozentige Alcon-Beteiligung für insgesamt 38,7 Mrd. Dollar einverleibt. Nun hat der Pharmakonzern angekündigt, sein Aktienrückkaufprogramm wieder aufnehmen, um den Verwässerungseffekt für die Novartis-Aktionäre zu minimieren.

 

Hapag-Lloyd entscheidet sich für Standort Hamburg:
Die größte deutsche Reederei Hapag-Lloyd kauft den Firmensitz in Hamburg von dem größten Anteilseigner TUI zurück (für 150 Mio. Euro) und scheint sich damit dauerhaft für den Standort Hamburg zu entscheiden. Nach deutlichen Verlusten in dem Krisenjahr 2009 hat die Reederei in den ersten neun Monaten 2010 einen operativen Gewinn von 506 Mio. Euro verbucht. Um das Unternehmen zu stützen und vor einer Übernahme zu schützen war das Hamburger Konsortium Albert Ballin um die Stadt Hamburg, Versicherungen, Banken und einem Logistikunternehmer eingestiegen und hatte Kapital zugeschossen. Diese Finanzschulden über rund 600 Millionen Euro wurden nun zurückgezahlt. Zudem wurden bei der koreanischen Werft Hyundai Heavy Industries vier Großschiffe mit einer Kapazität von je 13.200 TEU bestellt. Damit laufen bis Ende 2013 insgesamt zehn modernste (kosteneffiziente) Schiffe zu. Der größte Anteilseigner TUI bereitet indes einen Börsengang der Reederei vor, da es sich von den Anteilen trennen will um die Mittel für den Schuldenabbau zu nutzen (2,3 Mrd. Euro).

 

Autozulieferer ZF Friedrichshafen von der Krise zum Rekord:
Der drittgrößte deutsche Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen (Getriebe- und Achsenspezialist / weltweit Platz neun) hat unerwartet schnell die tiefe Krise 2009 überwunden und steht vor Rekordumsätzen. Mit einem Umsatz von 12,9 Mrd. Euro in 2010 wird sogar der Vorkrisenwert aus dem Jahr 2008 übertroffen. Dabei profitiere das Unternehmen von dem Geschäftsaufschwung in allen Regionen der Welt, besonders jedoch von den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China, aber auch von den USA, da Chrysler als neuer Großkunde gewonnen wurde. Auch 2011 will ZF mit knapp 1 Mrd. Euro wieder kräftig investieren: Ein neues Verwaltungsgebäude in Passau, Ausbau des Getriebewerks in Saarbrücken, Werke für Windkraft- und für Pkw-Getriebe in den USA. Die F&E-Aufwendungen liegen bei 750 Mio. Euro. Allerdings entstehen aufgrund des unerwartet starken Aufschwungs Engpässe und Rohstoffknappheit etwa bei Aluminium, Stahl und Wälzlagern. Auch einige Lieferanten könnten mangels ausreichender Finanzierung die hohe Nachfrage kaum bedienen. ZF springe daher in die Bresche und unterstütze Not leidende Lieferanten mit längeren Zahlungszielen, Vorfinanzierungen und notfalls auch mit der Übernahme, um die Belieferung seiner eigenen Kunden sicherzustellen.

 

Nissan und Mitsubishi bilden Produktionskooperation:
Die japanischen Autobauer Nissan (zu 43% bei Renault) und Mitsubishi haben eine Produktionskooperation vereinbart. Damit sollen Ressourcen gebündelt werden. Weitere Kooperationen würden ausgelotet, beispielsweise ein Gemeinschaftsunternehmen zur Entwicklung und Produktion von Kleinwagen.

 

Toyota ruft erneut 110.000 Fahrzeuge zurück:
Die Pannenserie bei dem weltgrößten Autobauer Toyota setzt sich fort. Diesmal sind rund 110.000 Stück des neuen Minivan-Modells Sienna in Nordamerika betroffen (Handbremse). Bereits vor einem Jahr mussten aufgrund von Problemen mit Gaspedalen und Bremsen millionenfache Rückrufe erfolgen.

 

Kooperation im Glasfaserbereich von Leoni und Euromicron:
Der Nürnberger Kabelspezialist Leoni und sein auf Netzwerk- und Lichtwellenleitertechnologie spezialisierter Partner Euromicron wollen stärker zusammenarbeiten. Dazu übernimmt Euromicron mit Sitz in Frankfurt a.M. zwei Tochtergesellschaften von Leoni. Die Nürnberger werden weiterhin Glasfaserkabel liefern, die organisatorische Abwicklung des Geschäfts wird nun jedoch vor allem Euromicron übernehmen. Man wolle die gemeinsamen Kompetenzen verbinden und dadurch eine stärkere Marktposition erreichen.  Leoni will sich damit vor allem auch von der Automobilindustrie unabhängiger machen, auf die entsprechenden Zulieferungen von Kabel und Systemen entfallen derzeit rund 70% des Umsatzes.

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