Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 16.02.2011

Wirtschaftspolitik:
1. Japan und Indien schaffen Zölle ab – Zollunion auf Zeit:
2. Roland Berger weit optimistischer beim deutschen Wirtschaftswachstum – 3 mal 3:
3. Deutsche Kommunen mit größtem Defizit der Geschichte teilweise handlungsunfähig:
4. Merkelberater Weidmann wird neuer Bundesbankchef:
5. CDU will Maklergebühren bei PKV deckeln – FDP skeptisch:
6. Rating-Agentur Standard & Poor’s sieht auch Russland vor dem Aussterben:

Branchen und Unternehmen:

7. Verbraucherschützer mahnen Banken wegen zu hohen Dispokreditzinsen ab:
8. Deutsche Börse und „Europaabteilung“ der Wall Street wollen fusionieren:
9. Russische Bahn holt sich ex-DB-Chef Mehdorn in den Aufsichtsrat:
10. Toyota will 7.000-Euro-Billigauto in Indonesien bauen:
11. Daimler holt sich mit Ex-Verfassungsrichterin erste Frau in den Vorstand:
12. Sanofi-Aventis übernimmt für rund 20 Mrd. Dollar US-Biotechfirma Genzyme:
13. Schweizer Chemiekonzern Clariant übernimmt Münchener Süd-Chemie:
14. Chevron in Ecuador zu 8 Mrd. Dollar Schadenersatz verurteilt:

 

Wirtschaftspolitik:

 

Japan und Indien schaffen Zölle ab – Zollunion auf Zeit:
Japan und Indien wollen für die nächsten zehn Jahre die gegenseitigen Zollabgaben abschaffen. 90% der japanischen Exporte (darunter Autobestandteile und Ausrüstung) und 97% der indischen (darunter vor allem landwirtschaftliche- und Fischprodukte) sollen zollfrei eingeführt werden können. Durch die Integration der beiden Wirtschaften sollen beide Länder profitieren, das technologisch an der Weltspitze mitmischende Japan und das prosperierende Indien mit seinem riesigen Markt von über 1 Mrd. Menschen. Bislang macht Indien am japanischen Außenhandel noch nicht einmal 1% aus.

 

Roland Berger weit optimistischer beim deutschen Wirtschaftswachstum – 3 mal 3:
Laut dem Beratungsunternehmen Roland Berger Strategy Consultants wird die deutsche Wirtschaft in den drei Jahren 2010, 2011 und 2012 jeweils um mindestens 3% wachsen (2010: 3,6%). Damit ist das Unternehmen optimistischer als die meisten Wirtschaftsforschungsinstitute und auch das Wirtschaftsministerium, die für 2011 und 2012 jeweils eine 2 vor dem Komma sehen. Dabei beruhe laut den Experten von Roland Berger die Nachhaltigkeit der deutschen Erholung auf spezifischen Stärken der europäischen Wirtschaft: eine industriell geprägte Struktur, ein im Vergleich zu dem angelsächsischem Raum langfristigeres und nachhaltigeres Denken der Unternehmer und Manager und der Umgang mit Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Sie denken in Produkten und Technologien und nicht primär an die Interessen des Kapitalmarktes – im Gegensatz zu dem Streben nach kurzfristigen Profiten und schnellem Reichtum der Amerikaner.

 

Deutsche Kommunen mit größtem Defizit der Geschichte teilweise handlungsunfähig:
Mit einem Defizit von 9,8 Mrd. Euro haben die deutschen Kommunen einen negatives Rekorddefizit eingefahren und sogar den Wert von 2003 übertroffen (8,4 Mrd. Euro). Hauptgrund sei das Ansteigen der Sozialleistungen, die immer mehr vom Staat und von den Ländern auf die Kommunen abgewälzt werden. Einige besonders notleidende Städte müssten gar vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrt werden, so die Präsidentin des Städtetages Roth. Für 2011 wird ein Defizit von 9,6 Mrd. Euro erwartet. Die Kommunen mussten 2010 rund 42,2 Mrd. Euro für soziale Leistungen ausgeben. Dabei stiegen allein in den vergangenen 5 Jahren die Sozialausgaben um ein Fünftel (7 Mrd. Euro) an. Problematisch ist auch, dass für Universitäten und Gymnasien zwar die Länder zuständig sind, für Kindergärten jedoch die Kommunen. Denen fehlt erstens das Geld, um genügend Plätze anzubieten, damit (allein erziehende) Mütter wieder in den Arbeitsmarkt kommen, um den Fachkräftemangel zu beheben. Zweitens prallen auch die Forderungen nach besserer Ausbildung der Erzieher im Sinne einer modernen frühkindlichen Bildung seitens des Bundes und des Landes in diesem Kompetenzgerangel durch: Wer zahlt bestimmt und die Kommunen können sich die Mehrausgaben meist einfach nicht leisten, während Bund und Länder zwar Mehraufwendungen fordern, aber die Aufgaben selber nicht übernehmen wollen – man kämpft ja selber für einen eigenen ausgeglichenen Haushalt.

 

Merkelberater Weidmann wird neuer Bundesbankchef:
Der Volkswirt Jens Weidmann (42) soll der Nachfolger von Axel Weber als Bundesbank-Chef werden. Weidmann galt als wichtigster Wirtschaftsberater der Kanzlerin. Weidmann gilt als sachlich und bescheiden, sowie bislang eher als öffentlichkeitsscheu. Allerdings gibt es auch kritische Misstöne, dass ein Mitarbeiter aus dem engsten Kreis der Kanzlerin übergangslos an die Spitze der von der Regierung unabhängigen Bundesbank wechselt. Dies könnte Interessenkonflikte hervorrufen. Bereits von 2003 bis 2006, als er Berater von Angela Merkel wurde, war er bei der Bundesbank Abteilungsleiter für Geldpolitik und monetäre Analysen.

 

CDU will Maklergebühren bei PKV deckeln – FDP skeptisch:
Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn, hat angekündigt, gegen die teilweise bis zu 18 Monatsprämien hohe Provisionen bei den Privaten Krankenversicherungen vorgehen zu wollen: „Da werden Kunden von manchen Maklern abgezockt (…) Wir wollen den Schmu in der Branche unterbinden.“ Demnach sollen die Zahlungen an Vermittler auf zwölf Monatsbeiträge begrenzt werden. Die extrem hohen Provisionen gingen zulasten der Beratungsqualität und somit zulasten der Kunden. „Im Interesse der Kunden, die schließlich die Provisionen über die Versicherungsprämie finanzieren, sollte schnellstmöglich gehandelt werden“, so die CDU-Abgeordnete Karin Maag. Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Ulrike Flach, reagierte dem FDP-Klientel entsprechend erwartungsgemäß zurückhaltend: „Wenn Herr Spahn derartige Aktionen plant, sollten wir darüber zuerst in der Koalition sprechen.“

 

Rating-Agentur Standard & Poor’s sieht auch Russland vor dem Aussterben:
Die Rating-Agentur Standard & Poor’s hat nun auch Russland ein ernstzunehmendes demographisches Problem bescheinigt. Die Bevölkerung wird bis 2050 von 140 auf 116 Millionen zurückgehen. Gleichzeitig wird der Anteil der Erwerbstätigen von 72 auf 60% sinken. Die Fruchtbarkeitsrate in Russland liegt derzeit bei 1,5 im Vergleich zum Durchschnitt der OECD von 1,8 (Deutschland 1,4). Die Sterblichkeitsrate in Russland ist allerdings weit höher: Die Mortalität liegt bei 14,6 Fällen pro 1.000 Einwohner gegenüber 8,1 im OECD-Durchschnitt. Dadurch könnten laut S&P die mit dem demographischen Faktor verbundenen Ausgaben um 12,5 auf 25,5% des BIP steigen.

 

Branchen und Unternehmen:

 

Verbraucherschützer mahnen Banken wegen zu hohen Dispokreditzinsen ab:
Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) hat zehn Banken wegen zu hoher Dispozinsen abgemahnt. Auch eine Erhebung der Stiftung Warentest zur Höhe der Dispozinsen belege, dass die Kunden abgezockt würden, heißt es seitens der Verbraucherschützer. Der durchschnittliche Überziehungszins betrage noch immer 11%, in der Spitze sogar 15%, obwohl sich die Zinsen auf einem historischen Tiefststand befinden. Die Banken könnten ihre Zinsen „nach Gutsherren-Art“ bestimmen, ohne dass die Verbraucher nachvollziehen könnten, wie und wann sich die Zinsen veränderten. Am günstigsten sind derzeit die PSD Banken, die Deutsche Skatbank und die DAB Bank mit einer sechs vor dem Komma.

 

Deutsche Börse und „Europaabteilung“ der Wall Street wollen fusionieren:
Wie die New York Stock Exchange (NYSE), auch Wall Street genannt, am Dienstag bekannt gab, seien die Fusionsverhandlungen der Tochter Euronext mit der Deutschen Börse erfolgreich abgeschlossen worden. Die Deutsche Börse AG wird dabei die Rolle des Seniorpartners übernehmen, die NYSE Euronext mit 40% den Juniorpartner. Die NYSE Euronext ist aus den zusammengeschlossenen Börsen in Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon hervorgegangen und war 2007 von der NYSE gekauft worden. Durch die Fusion entsteht der weltweit größte Handelsplatz für Aktien und Derivate mit einem gemeinsamen Kapitalwert von fast 26 Mrd. Dollar und mit Handelsplätzen in Frankfurt, New York, Paris, Amsterdam und London – und dem juristischen Sitz in den Niederlanden. Die deutsche Seite bekommt auch 10 der 17 Posten im Verwaltungsrat, die Amerikaner stellen mit Duncan Niederauer den CEO. Ein Veto können noch einlegen: Die EU-Kartellwächter, das hessische Wirtschaftsministerium, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) sowie die französische Finanzmarktaufsicht AMF. Die Deutsche Börse war bislang bei Zusammenschlüssen wenig erfolgreich: 2000 scheiterte man mit London, 2004 mit der Schweiz und erneut mit London, sowie 2006 und 2008 mit der Euronext.

 

Russische Bahn holt sich ex-DB-Chef Mehdorn in den Aufsichtsrat:
Laut dem Wirtschaftsblatt „Wedomosti“ will die Russische Eisenbahn AG (RZD) zwei Ausländer in den Aufsichtsrat holen. Einer davon soll der frühere Chef der Deutschen Bahn sein, Hartmut Mehdorn. Mehdorn war zuletzt in Deutschland ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, da unter seiner Ägide die strategischen Fehler passierten, dass die deutschen Züge bei zu großer Hitze im Sommer und zuletzt bei zu großer Kälte im Winter ausfallen (immerhin funktionieren sie bei konstant 14 C° ausgezeichnet). Mehdorn wurde auch vorgeworfen, die DB zu sehr auf den sehr umstrittenen Börsengang getrimmt zu haben, wodurch essentielle Investitionen vernachlässigt wurden (Bahn-Börsengänge waren meist ein Milliarden-Fiasko und mussten wie in Großbritannien und in Neuseeland unter hohen Verlusten wieder verstaatlicht werden). Der zweite Ausländer soll den Berichten nach der frühere Weltbank-Manager Greaem Wheeler sein. Daher wird davon ausgegangen, die beiden neuen Aufseher sollen einen Börsengang des russischen Bahnkonzerns vorbereiten.

 

Toyota will 7.000-Euro-Billigauto in Indonesien bauen:
Der Branchenprimus Toyota will unbestätigten Medienberichten zufolge ein Billigauto für den asiatischen Markt bauen. Zusammen mit der Tochter Daihatsu sollen ab 2013 in Indonesien zunächst 50.000 Stück der 7.000-8.000 Euro teuren Autos gefertigt werden.

 

Daimler holt sich mit Ex-Verfassungsrichterin erste Frau in den Vorstand:
Die ehemalige Bundesverfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt (60) übernimmt am Donnerstag das neue Vorstandsressort Recht und Integrität und wird damit nach 125 Jahren die erste Frau im Vorstand des Stuttgarter Autobauers Daimler.

 

Sanofi-Aventis übernimmt für rund 20 Mrd. Dollar US-Biotechfirma Genzyme:
Der französische Pharmariese Sanofi-Aventis tätigt die größte Übernahme seit sechs Jahren, als Sanofi seinen ebenfalls französischen Konkurrenten Aventis übernommen hatte. Für rund 20 Mrd. Dollar wird nun die US-Biotechfirma Genzyme gekauft, die sich auf Präparate zur Behandlung wenig verbreiteter Krankheiten spezialisiert, wobei allerdings höhere Margen zu erzielen sind.

 

Schweizer Chemiekonzern Clariant übernimmt Münchener Süd-Chemie:
Der Schweizer Chemiekonzern Clariant übernimmt für rund 2 Mrd. Euro den 1857 gegründeten Münchner Spezialchemieanbieter Süd-Chemie. Sowohl der Finanzinvestor One Equity Partners (OEP) als auch die Familienaktionäre würden ihre Aktien abgeben, letztere werden jedoch im Gegenzug bei den Schweizern einsteigen.

 

Chevron in Ecuador zu 8 Mrd. Dollar Schadenersatz verurteilt:
Dem US-Ölkonzern Texaco, der 2001 von seinem US-Konkurrenten Chevron übernommen wurde, werden gravierende Umweltzerstörungen im Amazonasgebiet Ecuadors der 1970er und 1980er Jahre vorgeworfen. Die klagenden Anwohner berichten von weiten Vergiftungen des Regenwaldes aufgrund fehlerhafter Förderpraktiken des Konzerns und hatten ursprünglich 27 Mrd. Dollar gefordert. Ein Gericht in Ecuador hat Chevron nun wegen dieser Umweltvergehen zu 8 Mrd. Dollar Schadenersatz verurteilt. Chevron sieht das Urteil des ecuadorianischen Gerichts als nicht rechtmäßig und nicht vollstreckbar an und will in Berufung gehen. Sollte sich der Konzern in Zeitungsanzeigen in Ecuador und den USA nicht binnen 15 Tagen entschuldigen, drohte der Richter sogar damit, die Strafe zu verdoppeln. Auch Chevron-Konkurrenten befürchten, dass dies zu einem Präzedenzfall werden könnte. Extreme Umweltverschmutzungen und Vergiftungen gehen allerdings nicht nur mit der Ölförderung einher (siehe Nigeria), sondern treten häufig auch im Umfeld der Minen der großen Bergbaukonzerne auf.

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