Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 17.05.2011

Wirtschaftspolitik und Internationales:
1. Portugal bekommt 78 Mrd., Griechenland vielleicht eine „sanfte Restrukturierung“
2. Aus der Goldblase entweicht die Luft – Großspekulanten machen Kasse
3. Inflation steigt im Euroraum um 0,1% auf 2,8%

Branchen und Unternehmen:
4. RWE plant AKW-Neubau in den Niederlanden
5. Puma setzt auf Nachhaltigkeit und legt erstmals seine Umweltschäden offen
6. Chemiebranche beginnt 2011 mit Rekordquartal und Umsatzplus von 15,4%
7. Daimler und Rolls-Royce erhöhen Angebot für Tognum
8. SAP bekommt 345 Millionen Dollar Strafe aufgebrummt
9. Commerzbank will 300 Filialen schließen

 

Wirtschaftspolitik und Internationales:

 

Portugal bekommt 78 Mrd., Griechenland vielleicht eine „sanfte Restrukturierung“
Die EU-Finanzminister haben das Hilfspaket für Portugal über 78 Milliarden Euro abgesegnet. Nach der bereits erfolgten Zustimmung der Euro-Finanzminister, als der Mitglieder der gemeinsamen Währung, galt das allerdings nur als Formalie. Bei dem Treffen wurde auch über Griechenland gesprochen. Anlässlich der Prognosen, dass Griechenland die im Rahmen des Stützungspaketes vereinbarten Defizitziele für die Jahre 2011 und 2012 deutlich überschreiten dürfte, wurde auch eine „sanfte Restrukturierung“ nicht ausgeschlossen. Laut der EU-Kommission wird das griechische Defizit in diesem Jahr 9,5 und 2012 dann 9,3 Prozent des BIP erreichen, vorgesehen waren 7,6 bzw. 6,5 Prozent. Damit würde die Verschuldung bis 2012 auf 166 Prozent des BIP steigen. Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker hat nun erstmals für den äußersten Fall eine „sanfte Restrukturierung“ griechischer Staatsanleihen in Betracht gezogen, also eine Verlängerung der Laufzeit für die Staatsanleihen, damit das Land mehr Zeit zur Haushaltssanierung bekommt.

 

Aus der Goldblase entweicht die Luft – Großspekulanten machen Kasse

George Soros, als US-Star-Investor bekannt, hatte bereits Anfang Februar 2010 – also zu Beginn der Euro-Krise – auf dem World Economiv Forum in Davos die rasante Gold-Rally scheinbar beiläufig als die „ultimative Blase“ bezeichnet. Pikanterweise hatte Soros allerdings damals laut Medieninformationen noch kaum in Gold investiert – mit der Äußerung könnte er also die Marktkorrektur bei einem Stand von 1.075 Dollar bewusst angeregt haben, um dann in größerem Stil einzusteigen. Schließlich dürfte Soros geahnt haben, dass es im Gold wohl zu einer gigantischen Blase kommen dürfte, wenn aufgrund der Turbolenzen um Staatsanleihen im Zuge der Euro-Krise aus einem der größten Anlagemärkten Billionen an Geldern in den engen Goldmarkt drängen.

In der Tat gab es am 8. Februar 2010 ein Treffen von Vertretern der bekanntesten Hedgefonds in einer New Yorker Privatwohnung. Das Thema: Die Spekulation gegen den Euro und die Schürung der Eurokrise als eine konzertierte Aktion von (US-)Hedge Funds. Das Ziel: Gewinne. Hier zeigt sich am deutlichsten der Unterschied zwischen Spekulationen und Investitionen – die Bekämpfung der Spekulation speziell in Rohstoffe steht als einer der wichtigsten Punkte auch auf der Agenda der G-20 Präsidentschaft Nicolas Sarkozys. Laut Informationen der "Neuen Züricher Zeitung" soll damals die New Yorker Broker-Firma Monness, Crespi, Hardt zu dem hochrangig besetzten Abendessen geladen haben, bei dem Vertreter der Hedge-Funds von Multimilliardär Steven A. Cohen (SAC Capital Advisors) von Greenlight Capital, Soros Fund Management und dem Paulson Hedge-Fund vor Ort gewesen sein sollen. 

Der Angriff auf den Euro führte dann auch tatsächlich zu einem Abfluss von Billionen Euro (v.a. auch der großen Versicherer) aus den Anleihenmärkten der Staatsschulden hinaus in den bei Turbolenzen beliebten sicheren Hafen Gold. Der Vorsitzende der Euro-Gruppe und luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker dann auch im Mai 2010: "Es geht hier um eine weltweit organisierte Attacke gegen den Euro. Der Euro-Raum muss geschlossen darauf reagieren"; sowie: "Wir sind der Auffassung (…) dass die gesamte Euro-Zone hier bedroht wird."

Der jetzt erfolgte großvolumige Ausstieg der "Star-Investoren" aus dem Gold – der bisherige Höchststand war Anfang Mai 2011 mit rund 1.550 Dollar erreicht worden – könnte im Umkehrschluss daher auch auf die Einschätzung einer Konsolidierung des Staatsanleihemarktes hinweisen. Im ersten Quartal hat sich George Soros nun laut Berichten der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC von fast seinen gesamten Gold-Beständen in Höhe von rund 800 Millionen Dollar getrennt. Institutionelle Investoren müssen in den USA ihre Transaktionen quartalsweise der SEC berichten. Dadurch eröffnen sich gute Einblicke in die Spekulationen dieser Anleger. Auch weitere US-Großinvestoren trennten sich von Beständen in Millionenhöhe – der Zeitung „Die Welt“ zufolge waren diese massiven Verkäufe der Großspekulanten einer von mehreren Auslösern für den jüngsten Preisrutsch. Der Großanleger in Gold John Paulson hielt dagegen an seinen Anteilen an SPDR Gold Shares im Wert von 4,4 Milliarden Dollar weiter fest.

 

Inflation steigt im Euroraum um 0,1% auf 2,8%
Die jährliche Inflationsrate ist im Euroraum im April im Vergleich zum Vormonat März um 0,1 Prozent auf 2,8 Prozent gestiegen. Europaweit kletterte die Teuerungsrate von 3,1 auf 3,2 Prozent. Haupttreiber der Preise waren erneut die Rohstoffe, allen voran Sprit, Heizöl und Strom (allein Shell hatte 2010 seinen Nettogewinn um 61 Prozent auf 20,13 Milliarden Dollar gesteigert – allein in den ersten drei Monaten 2011 steigerte es seinen Nettogewinn erneut um 60 Prozent auf 8,8 Milliarden Dollar. Die Preise für Telekommunikation, Gemüse und Mieten gaben dagegen im April im Jahresvergleich leicht nach. Die Inflationsspanne reichte innerhalb des Euroraums von 1,5 Prozent in Irland, über Tschechien und Schweden mit 1,6 beziehungsweise 1,8 Prozent, 2,7 Prozent in Deutschland, 3,5 Prozent in Spanien, 3,7 Prozent in Griechenland, 4,0 Prozent in Portugal bis zu jeweils 4,4 Prozent in Litauen und Ungarn und 5,4 Prozent in dem Neumitglied Estland. Die höchste Inflation unter den europäischen Nicht-Euroländern verzeichnete Rumänien mit 8,4 Prozent. Damit erreichte die Inflation den höchsten Stand seit 30 Monaten. Damals waren die nervösen Finanzmärkte im Vorfeld der unmittelbaren Finanzkrise massiv in Rohstoffe geflüchtet. Durch die dadurch ausgelöste Rohstoffspekulation hatte unter anderem das Erdöl seinen bisherigen Rekordpreis erreicht. Während die Spekulanten Kasse machten, mussten die reale Volkswirtschaft und die Konsumenten die höheren Preise finanzieren – es fand also eine Umverteilung der Löhne und der Unternehmensgewinne zu den Rohstoffspekulanten statt (Spekulation ist keine Investition). Allerdings verfügt die Europäische Zentralbank über keine geeigneten Mechanismen, der Rohstoffspekulation Schranken aufzuerlegen – und die Politik kommt in diesem Politikfeld über reine Worte bislang kaum hinaus. Daher wird erwartet, dass die EZB auf die rohstoffspekulationsgetriebene Inflation erneut mit einer Leitzinserhöhung antworten wird. Im April hatte die EZB den Leitzins bereits um 0,25 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent angehoben – dies würde jedoch vor allem die Schuldenstaaten der Eurozone belasten, deren Zinslast dadurch noch weiter ansteigen, sowie alle privaten Kreditnehmer, und zudem auch kreditgestützte Investitionen verteuern , wodurch die Investitionsneigung auf das Sparen verlagert wird, was der Wirtschaft weitere Impulse rauben würde. Das Problem der Rohstoffspekulation als Hauptinflationstreiber bliebe dadurch hingegen weitgehend ungelöst.

 

Branchen und Unternehmen:

 

RWE plant AKW-Neubau in den Niederlanden
Der deutsche Stromriese RWE plant den Bau eines neuen AKWs in den Niederlanden. Mit dem niederländischen Energieversorger Delta ist RWE nun in einer Absichtserklärung über den Einstieg bei dem Altmeiler Borssele übereingekommen (Netzanschluss 1973), dessen Laufzeit bis 2034 verlängert werden soll. Der 30-prozentige Einstieg an dem AKW kostet RWE rund 600 Millionen Euro. Der Standort liegt rund 180 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Das AKW Borssele ist derzeit der einzige niederländische Atomreaktor und trägt mit 482 MW Leistung rund 3,7 Prozent zur Stromerzeugung des Landes bei. Nach derzeitigen Plänen soll an dem Standort bereits nächstes Jahr mit dem Bau eines neuen Reaktors mit 1.000-1.600 MW begonnen werden, an dem RWE dann ebenfalls beteiligt wäre. Die Baukosten werden auf bis zu fünf Milliarden Euro projektiert.

 

Puma setzt auf Nachhaltigkeit und legt erstmals seine Umweltschäden offen
Der Sportartikelhersteller Puma hat als eines der weltweit ersten Großunternehmen seine Umwelt-Rechnung offen gelegt. Demnach belaufen sich die Schäden an Natur und Umwelt durch sein Wirtschaften, beispielsweise durch Treibhausgasausstoß und den Wasserverbrauch, auf 94,4 Millionen Euro. Puma wertet dies als ersten Schritt zu einer umfassenden ökologischen Gewinn- und Verlustrechnung – inklusive der gesamten Zulieferkette. Dies soll helfen, Ansätze für ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln und weitere Konzerne zum Mitmachen animieren. In den USA ist der Chemiekonzern Dow Chemical der Vorreiter. Nun warten anscheinend Firmen wie Daimler, Siemens oder Coca-Cola auf die öffentliche Reaktion auf die Umwelt-Rechnung. Sollte das Nachhaltigkeitsprogramm und eventuelle Verbesserungen einen großen Imagegewinn und einen wachsenden Zuspruch durch die zunehmend sensibilisierten und kritischen Konsumenten einbringen, dürfte die Veröffentlichung eines Umwelt-Schadenwertes Schule machen.

 

Chemiebranche beginnt 2011 mit Rekordquartal und Umsatzplus von 15,4%
Die Chemiebranche ist mit 421.000 Beschäftigten der viertgrößte Industriezweig in Deutschland. Zum Jahresauftakt fuhr die Branche im ersten Quartal ein Rekordergebnis ein. Dabei wurden in allen drei entscheidenden Säulen historische Rekordwerte erzielt: Beim Umsatz, der Produktion und den Preisen. Im Vorjahresvergleich steigerte sich der Umsatz um 15,4 Prozent auf 45,2 Milliarden Euro. Die Anlagenauslastung lag in den ersten drei Monaten bei 86,9 Prozent. Noch zu Beginn des Jahres war mit einem nachlassenden Wachstumsschub gerechnet worden, daher hat der Verband der Chemischen Industrie (VCI), der nach eigenen Angaben mehr als 90 Prozent der deutschen Chemiebranche vertritt, die Wachstumsprognose nun von vier auf neun Prozent nach oben korrigiert. Die Produktion soll um fünf Prozent ausgeweitet werden. Der Jahresumsatz 2010 belief sich auf 170 Milliarden Euro. Erstmals seit der Wiedervereinigung seien in der Branche auch wieder mit 6.200 neuen Arbeitsplätzen im ersten Quartal in spürbarem Umfang Arbeitsplätze geschaffen worden.

 

Daimler und Rolls-Royce erhöhen Angebot für Tognum
Der Friedrichshafener Dieselmotorenhersteller Tognum ist den Partnern Daimler und Rolls-Royce mehr wert als bislang kommuniziert. Sie erhöhten ihre Offerte um insgesamt 260 Millionen Euro auf 3,4 Milliarden Euro (von 24 Euro auf 26 Euro je Aktie). Der Tognum-Vorstand gab daraufhin grünes Licht für die Übernahme. Nun liegt es an den Anteilseignern, bis zum 1. Juni die neue Offerte anzunehmen. Die beiden Kaufinteressenten bekräftigten dabei erneut, alle Standorte und Arbeitsplätze erhalten zu wollen. Allein Tognum-Vorstandschef Heuer wird für seine drei Millionen Papiere 79 Millionen Euro erhalten. Daimler hält bereits wieder 28,4 Prozent an seiner ehemaligen Tochter. Tognum ist ein börsennotierter Anbieter von Dieselmotoren, sowie kompletten Antriebs- und Energiesystemen (Gasturbinen) rund um das Kernunternehmen MTU Friedrichshafen und gilt als Technologieführer. Unter der Ägide des umstrittenen (häufig als Manageristen bezeichneten) Jürgen Schrempp hatte Daimler Ende 2003 den Motorenbauer für 1,5 Milliarden Euro an den schwedischen Finanzinvestor EQT verkauft. Dieser machte bei dem späteren Börsengang dann einen riesigen Gewinn – alles in allem ein Plus von 2,4 Milliarden Euro, bei gerade einmal 220 Millionen Euro Eigenkapital. 2008 sah Daimler seinen Fehler teilweise ein und kaufte bereits 22% der Aktien zurück. Nun soll Tognum gemeinsam mit der britischen Rolls-Royce in einem fifty-fifty Joint Venture zu 100% übernommen werden.

 

SAP bekommt 345 Millionen Dollar Strafe aufgebrummt
Europas größter Softwarehersteller SAP muss wegen Patentverletzung 345 Millionen Dollar an seinen US-amerikanischen Konkurrenten Versata Software zahlen – 260 Millionen Dollar an entgangenen Gewinnen und 85 Millionen Dollar an Lizenzgebühren. Das Verfahren läuft seit 2007 und geht im Detail um eine Technik zur Preisermittlung. SAP will nun die Chancen einer Berufung prüfen. Im November 2010 war SAP bereits wegen Urheberrechtsverletzungen gegenüber Oracle zu 1,3 Milliarden Dollar Strafe verurteilt worden. SAP will allerdings nur bis zu 408,7 Millionen Dollar zahlen, ansonsten werde eine Berufung angestrebt.

 

Commerzbank will 300 Filialen schließen
Die Commerzbank, Deutschlands zweitgrößte Bank, will aus Kostengründen über 300 Zweigstellen schließen. Durch die Fusion der Commerzbank mit der Dresdner Bank Mitte 2008 hatte sich die Anzahl der Zweigstellen von rund 800 auf 1.540 erhöht. Durch die Reduzierung auf 1.200 sollen einerseits Kosten eingespart werden, andererseits hätte die Bank dann immer noch eines der dichtesten Filialnetze in Deutschland. Häufiger sind vor allem die Sparkassen und genossenschaftlichen Banken vertreten, deren weiterer großer Vorteil es ist, nicht primär gewinnorientiert ausgerichtet, sondern der Gemeinnützigkeit verpflichtet zu sein. Das heißt, alle Gewinne fließen den jeweiligen Trägern, also den kommunalen Gebietskörperschaften und damit der Gesellschaft zu. Dagegen peilt im deutlichen Gegensatz beispielsweise die Deutsche Bank eine Umsatzrendite von 20 Prozent und einen Gewinn von über 10 Milliarden Euro an, der dann primär den Anteilseignern sowie per Boni (größtenteils den leitenden) Mitarbeitern zugute kommt. Die Commerzbank selbst hat im ersten Quartal 2011 wieder einen operativen Gewinn von rund 1,2 Milliarden Euro erzielt. Die harte Kernkapitalquote erreichte 11,0 Prozent. Priorität hat nun die Rückerstattung der im Zuge der Finanzkrise zugeflossenen staatlichen Gelder in Höhe von insgesamt 18,2 Milliarden Euro, davon 16,2 Milliarden Euro als stille Einlage. Bis Juni sollen insgesamt 14,3 Milliarden zurückgezahlt werden. Das Aktienpaket des Bundes in Höhe von 25 Prozent plus einer Aktie bleibe allerdings vorerst erhalten.

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