Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 19.04.2010

Wirtschaftspolitik:
Ratingagentur S&P droht USA Abstufung der Bonität an
Griechenland bereitet nun doch die Umschuldung vor
EU-Kommission zwingt die Ukraine sich zu entscheiden: EU oder Zentralasien
US-Amerikaner beten vor Tankstellen um billigeren Sprit

Branchen und Unternehmen:

Deutsche Bank droht 775 Mio. Strafe wegen Indiskretion gegen Leo Kirch
Solar Millennium auf Milliarden Zielgerade in den USA
BMW stoppt Exporte nach Argentinien – Einfuhrbeschränkungen werden verhandelt   
Deutsche Bahn kauft für 600 Mio. Euro kanadische Diesel-Loks

 

Wirtschaftspolitik:

 

Ratingagentur S&P droht USA Abstufung der Bonität an
Die Rating-Agentur Standard & Poor’s hat sich dem US-amerikanischem Staatsdefizit angenommen und Washington eine Warnung ausgesprochen. Der Ausblick auf die Bewertung der Bonität (derzeit Bestnote AAA) wurde von „stabil“ auf „negativ“ geändert. Zur Begründung heißt es, dass sich die Politiker in Washington nicht auf einen Kurs zur Reduzierung der weltgrößten Staatsschulden einigen können. „Wie diese reduziert werden sollen, ist uns nicht klar.“ Weiter heißt es: „Wir glauben, es gibt ein grundlegendes Risiko, dass die US-Politiker keine Einigung darüber erzielen werden, wie sie die mittel- und langfristigen finanziellen Herausforderungen bis 2013 angehen sollen.“ Die Wahrscheinlichkeit einer Abstufung binnen zwei Jahren liege bei mindestens 33 Prozent. Die Ratingagentur Moody’s kritisierte ebenfalls, dass die USA eine der wenigen großen Volkswirtschaften seien, die noch keinen Kurs zur Senkung des Defizits vorgelegt hätten. Washington kritisierte den Schritt und sprach von einer „politischen Entscheidung“ der Ratingagentur, die man zurückweise. Die Gesamtverschuldung der USA liegt über alle Sektoren hinweg bei knapp über 140 Billionen Dollar. Die Summe aller im Inland hergestellten Güter und Dienstleistungen, das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP), rangiert bei 14,8 Billionen Dollar, knapp ein Zehntel der Gesamtverschuldung. Die Staatsverschuldung hat jüngst 14,3 Billionen Dollar überschritten, was 96,6 Prozent des BIP entspricht. Das Defizit des laufenden Haushalts liegt mit aktuell 1,5 Billionen Dollar bei nahezu 10 Prozent des BIP.

 

Griechenland bereitet nun doch die Umschuldung vor
2009 betrug das griechische Haushaltsdefizit 15,4 Prozent, für 2010 waren 7,8 Prozent erwartet worden, 2011 soll es 7,0 Prozent betragen, um dann bereits 2014 auf nur noch 2,6 Prozent gedrückt zu werden. Griechenlands Staatsschulden lagen zum Jahreswechsel 2010/11 bei 340,278 Milliarden Euro, das entspricht 148,35 Prozent des BIP. Angesichts des hohen Schuldenstandes bereitet Athen nun offenbar doch Maßnahmen vor, um die Last des Defizitabbaus nicht nur den Steuerzahlern und Rentnern aufzubürden und mit den Sparmaßnahmen das Wirtschaftswachstum abzuwürgen, sondern nimmt sich auch der bislang heiligen Kühe an: Eine Beteiligung der privaten Investoren (Gläubiger der Staatsanleihen). Laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters hat nun offenbar auch die deutsche Bundesregierung einen Schwenk in ihrer Einschätzung vorgenommen. Demnach schätzen Teile der Regierung, dass Griechenland ohne eine Umschuldung nicht mehr über den Sommer kommen werde. Brisanter noch die Interna aus Athen: Laut Informationen der Welt äußerte ein ungenannter griechischer Minister, dass Griechenland bereits 2010 umschulden wollte, die Europartner sich damals jedoch noch etwas Zeit erbeten hatten, um die Maßnahmen lediglich vorbereiten zu können: „Doch die Kollegen der europäischen Regierungen sagten uns damals: ‚Es geht hier nicht nur um euch. Wir müssen erst einmal Zeit für die Stabilisierung der gesamten Eurozone gewinnen, und Ihr müsst beweisen, dass Ihr sparen und reformieren könnt, bevor wir über eine Umschuldung reden.‘ Das haben wir jetzt getan. Jetzt ist die Frage nicht mehr, ob wir umschulden, sondern nur noch, wann“. Athen soll bereits eine entsprechende Anfrage an die EU und den Internationalen Währungsfonds (IWF) gerichtet haben. In der Reaktion der Märkte stiegen die Risikozinsen für griechische Staatsanleihen weiter und erreichten für zehnjährige Staatsanleihen nicht mehr bezahlbare 14 Prozent. Allerdings ist Griechenland derzeit nicht auf die Liquidität der Märkte angewiesen, da die Euro-Partner über den Rettungsschirm eine günstigere Refinanzierung für den Zeitraum der Sanierung anbieten. Das Beispiel Argentinien zeigt zudem, dass wenn durch eine Umschuldung wieder stabile makroökonomische Kennzahlen erreicht werden, auch das Vertrauen der Märkte zurückkehrt. Der betreffende Staat wird zwar im Vorfeld als Paria behandelt, aber wenn die Aussichten wieder stabil sind, findet sich immer ein Investor, der die erneut stabilen Verhältnisse dann für seine Anlagen nutzen will. Die Umschuldung kann zudem sehr sanft erfolgen, indem die Laufzeit der Anleihen lediglich gestreckt wird, so dass die Zinsen fallen, aber die ursprüngliche Summe erhalten bleibt. Allerdings ist auch ein Haircut möglich, bei dem sämtliche Forderungen um einen gewissen Prozentsatz gekürzt werden. Die meisten Investoren haben so wie so schon bereits Teile ihrer Anleihen abgeschrieben.

 

EU-Kommission zwingt die Ukraine sich zu entscheiden: EU oder Zentralasien
Die Ukraine ist in einen nach Europa orientierten westlichen Landesteil und einen traditionell eher nach Russland orientierten östlichen Landesteil gespalten (Schaukelpolitik zwischen der EU und Russland). Das osteuropäische Land ist das wichtigste Gastransitland für die Europäische Union und daher von strategischer Bedeutung im Sinne der Energiesicherheit. Rund 80% des russischen Gases für die europäische Gemeinschaft fließen derzeit (noch) durch das Leitungssystem der Ukraine. Russland versucht sich jedoch genauso von der dem Transitland Ukraine zu diversifizieren (Nord Stream, South Stream, Blue Stream), wie die EU von dem Erzeuger Russland (Nabucco). Zudem lagern auf dem Territorium des osteuropäischen Landes fossile Rohstoffe in Billionen Höhe. Die Ukraine tanzt jedoch derzeit auf zwei Hochzeiten. Anfang April wurde bekannt, dass Kiew noch im laufenden Jahr das Assoziierungsabkommen für eine künftige EU-Mitgliedschaft mit der Europäischen Union festlegen will. Das Assoziierungsabkommen beinhaltet auch ein Abkommen über die Bildung einer Freihandelszone, die noch in 2011 in Kraft treten könnte. Allerdings flirtet Präsident Janukowitsch auch mit der Zollunion Russland-Weißrussland-Kasachstan im postsowjetischen Raum. Dies würde, so heißt es aus Kiew, eine Annäherung des europäischen und des euroasiatischen Wirtschaftsraumes ermöglichen. Ein Beitritt zur Zollunion würde zudem die Schaffung einer Freihandelszone mit der Europäischen Union keinesfalls behindern. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso hat dem nun jedoch eine Absage erteilt. Er hält eine solche Doppelmitgliedschaft für nicht möglich. Die Ukraine müsse sich für eine Richtung entscheiden.

 

US-Amerikaner beten vor Tankstellen um billigeren Sprit
In den USA treffen sich Mitglieder der evangelikalen Gemeinde „Beacon of Light“ in Dublin, im Bundesstaat Georgia, um gemeinsam vor Tankstellen um günstigere Spritpreise zu beten. So sollen höhere Mächte als die Politik dem Preisauftrieb Einhalt gebieten, der allein in den letzten zwölf Monaten beim Sprit Mehrausgaben für die US-Autofahrer von rund 121 Milliarden Dollar verursacht hat. An den Altären der Zapfsäulen wird daher der Satz „Gott erlöse uns von den hohen Benzinpreisen!“ angestimmt – angesichts der hohen Verbrauchswerte US-amerikanischer Autos sicherlich eine nachvollziehbare Verzweiflung. Ob die Bewegung „Prayer at the Pump“ (Beten an der Zapfsäule) damit allerdings Erfolg hat bleibt abzuwarten, denn die Bewegung war schon einmal, bei der letzten Rohstoffrally 2008 aktiv. Damals beteten sie den Zusatz: „Diese Preise werden fallen, so wie die Mauern von Jericho.“

 

Branchen und Unternehmen:

 

Deutsche Bank droht 775 Mio. Strafe wegen Indiskretion gegen Leo Kirch
Das Oberlandesgericht München hat laut der ZEIT der Deutschen Bank empfohlen, 775 Millionen Euro an Leo Kirch und seine früheren Unternehmen zu zahlen, um die Rechtsstreitigkeiten außergerichtlich beizulegen. Es gebe laut der Richter eine Reihe von Indizien, die eine "vorsätzliche sittenwidrige Schädigung" Kirchs belegen würden. Hintergrund des Rechtsstreits war eine Indiskretion des damaligen Deutsche Bank Chefs Rolf Breuer mit gravierenden Konsequenzen. Dieser hatte Anfang 2002 öffentlich im TV aufgrund von Interna die Kreditwürdigkeit von Kirchs hoch verschuldeten Medienunternehmen angezweifelt: „Was man alles lesen und hören kann ist, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder Eigenmittel zur Verfügung zu stellen.“ Diese Indiskretion gegenüber dem eigenen Bankkunden habe dann laut Kirch erst die Refinanzierungsschwierigkeiten seines Medienimperiums ausgelöst und damit letztendlich den Zusammenbruch herbeigeführt. Daher die Klage auf Schadenersatz. Die Richter begründeten ihre Empfehlung damit, dass eine Haftung wegen dieses Delikts (vorsätzliche sittenwidrige Schädigung) „ernsthaft in Betracht“ komme. Die Deutsche Bank weist nach wie vor jegliche Verfehlung von sich: „Es handelte sich um eine vorläufige Einschätzung des Gerichts, die aus unserer Sicht so schon nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme vom 25. März 2011 nicht mehr aufrecht zu halten war. Herr Dr. Breuer wollte mit der Interviewäußerung Herrn Dr. Kirch nicht schädigen.“

Solar Millennium auf Milliarden Zielgerade in den USA

Das Erlanger Unternehmen Solar Millennium hat sich auf den Bau solarthermischer Kraftwerke konzentriert. Das Prinzip ist recht einfach: Mittels Spiegeln wird die solare Einstrahlung auf einen Turm gebündelt und dadurch ein Medium (spezielle Salze) auf mehrere hundert Grad Celsius erhitzt (damit ist eine Wärmeabgabe auch während der Nachtzeit möglich). Die hohen Temperaturen werden dann zum Antrieb konventioneller Turbinen genutzt, ähnlich wie bei konventionellen Gas- oder auch Atomkraftwerken. In dem sonnenreichen Kalifornien ist bereits seit längerem die weltweit größte dieser Anlagen geplant. Auf einer Fläche von 24 Quadratkilometern sollen vier Kraftwerke mit jeweils 242 (MW) entstehen – was beinahe der Leistung eines modernen Atomkraftwerks entspricht und 300.000 Haushalte versorgen kann. Nun hat die US-Regierung dem Projekt mit einer Kreditgarantie über 2,1 Milliarden Dollar grünes Licht gegeben. Die Aktie von Solar Millennium reagierte mit einem Kurssprung von über zehn Prozent. Die Investitionssumme beläuft sich insgesamt auf 2,8 Milliarden Dollar. Der Preis eines modernen Atomkraftwerkes (EPR) erreicht gerne 5-6 Milliarden Euro – Endlagerung und Rückbau nicht mit eingerechnet.

 

BMW stoppt Exporte nach Argentinien – Einfuhrbeschränkungen werden verhandelt   
Anfang April machte die Schlagzeile „Argentinien besteht auf Tauschzwang von Porsche gegen Rotwein“ die Runde. Grund war der unkonventionelle Ansatz des südamerikanischen Landes, seine Handelsbilanz auszugleichen. Damit die Importe nicht überhand nehmen, müssen Import-Unternehmen nun verbindlich zusagen, Waren im gleichen Wert auch wieder auszuführen – pro Sportwagen also etliche hundert Flaschen Rotwein. VW kann allerdings diese Regelung umgehen, da es in Argentinien bereits den neuen Amarok-Pickup sowie Getriebe produziert. Auch Daimler produziert in Argentinien bereits den Sprinter. BMW geht es jedoch wie Porsche. Es wurde daher zunächst spekuliert, ob es aufgrund der Regelung nicht künftig deutlich mehr argentinische Spezialitäten auf dem Weltmarkt geben werde. Nun hat der Münchner Autobauer allerdings den Export von Autos nach Argentinien vorerst gestoppt. Zunächst soll mit der argentinischen Regierung über die Einfuhrbeschränkungen verhandelt werden, um eine Lösung zu finden. Bislang sind rund 250 BMWs wegen der Importbeschränkungen nicht durch den Zoll gekommen. Sie wurden in andere Länder Südamerikas verschifft. Weitere 700 Autos, die bereits bestellt und teilweise schon bezahlt wurden, verbleiben derzeit im Hafen.

 

Deutsche Bahn kauft für 600 Mio. Euro kanadische Diesel-Loks
Der weltgrößte Schienentechnikhersteller Bombardier mit Sitz in Kanada darf sich über einen 600 Millionen Euro Auftrag der Deutschen Bahn freuen. Bis 2020 werden 200 Triebwagen zur Erneuerung der DB-Diesellok-Flotte geliefert. Die Loks mit einer Spitzengeschwindigkeit von 160 km/h sollen sollen im Regional- und Güterverkehr eingesetzt werden. Von dem Auftrag profitieren mehrere in Deutschland angesiedelte Bombardier-Werke (Endmontage in Kassel, Fertigung der Drehgestelle in Siegen, der Antriebs- und Steuerungssysteme in Mannheim und Hennigsdorf). Die DB hat bereits 680 ähnliche Loks in ihrem Bestand.

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