Wirtschaft

Informationsdienst Wirtschaft und Unternehmen: 21.02.2011

Wirtschaftspolitik:
1. Rekordzuwachs bei öffentlichen Schulden 2010
2. G20 einigen sich in einem ersten Schritt auf System zur Früherkennung
3. Zusätzliche Gebühr zur Überwachung der Luftfracht geplant

Branchen und Unternehmen:

4. Streit um Bonuszahlungen der staatlich geretteten Commerzbank
5. Barclays empört Großbritannien mit Steuerflucht
6. VW und russische GAZ planen Joint Venture
7. Porsche will VW-Auslandwerke für Produktion nutzen
8. VW baut Porsche-Werk in Leipzig für 500 Mio. Euro aus
9. Daimlers EADS-Ausstieg möglicherweise durch Aktienrückkaufprogramm
10. Siemens will britischen Technologiekonzern übernehmen
11. Intel baut 5-Mrd.-Dollar-Chipfabrik in Arizona
12. K + S denkt über Wiedereröffnung zweier Bergwerke in Deutschland nach
13. Weltgrößter Spirituosenhersteller will größten Raki-Produzenten schlucken
14. Zweitgrößter Spirituosenhersteller ändert Strategie


Wirtschaftspolitik:

 

Rekordzuwachs bei öffentlichen Schulden 2010
Die Schulden des Bundes, der Länder, der Gemeinden und der Gemeindeverbände haben zusammengenommen zum 31. Dezember 2010 rund 1.998,8 Mrd. Euro betragen – das entspricht einer Schuldenlast von 24.450 Euro pro Kopf. Damit haben sich die öffentlichen Schulden binnen Jahresfrist um den Rekordwert von 304,4 Mrd. Euro erhöht. Zu dem Löwenanteil von 232,2 Mrd. Schulden hat uns dabei allein das Desaster bei den beiden Banken Hypo Real Estate und WestLB verdammt (Stützungsmaßnahmen und Ausgliederung von Risikopapieren in eine Bad Bank). Insgesamt entfielen auf den Bund 1.284,1 Mrd. Euro (+21,9%), auf die Länder 595,3 Mrd. Euro (+13%, lediglich Sachsen und mecklenburg-Vorpommern verringerten ihren Schuldenstand) und auf die Gemeinden und Gemeindeverbände 119,4 Mrd. Euro (+4,9%).   

 

G20 einigen sich in einem ersten Schritt auf System zur Früherkennung
Die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer haben sich in Paris auf Indikatoren für die Messung von Wirtschaftsungleichgewichten geeinigt. Damit sollen künftig gefährliche Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft „frühzeitig und präzise“ erkannt werden. Die fünf Indikatoren umfassen: die realen Wechselkurse, die öffentlichen Schulden, die privaten Schulden, Währungsreserven sowie die Leistungsbilanzen der Länder – dabei werden in der Leistungsbilanz die Zinsen von Währungsreserven nicht mit eingerechnet. Darauf hatte besonders China bestanden, das über die weltweit größten Währungsreserven verfügt. Die Früherkennung ist ein erstes hart umkämpftes Etappenziel, nun müssen konkrete Strategien zur Bekämpfung und Vermeidung der Fehlentwicklungen folgen. Damit dürften nun internationale Vorgaben bevorstehen, die die extremen Ungleichgewichte abzubauen helfen. Neben Defiziten von Staaten betrifft das auch die extremen Überschüsse (diese können in einem Nullsummenspiel nur existieren wenn andere Defizite erwirtschaften). Daher werden China und Deutschland, Export-Welt- und -Vizemeister, künftig wohl Vorgaben erhalten, ihre Exportüberschüsse abzubauen und den eigenen Binnenmarkt (Kaufkraft) zu stärken. Weitere diskutierte Themen, allerdings ohne konkreten Beschluss, waren: explodierende Rohstoff- und Lebensmittelpreise, Finanzierung des Klimaschutzes und eine globale Finanztransaktionssteuer. Letztere ist ein zentrales Anliegen der französischen Regierung, die daran von Berlin und nun auch Wien unterstützt wird. Finanzminister Schäuble hält es daher für sinnvoll, diese zunächst auf EU-Ebene einzuführen. Beim nächsten G20-Treffen im April soll dann als nächstes Etappenziel die schwierige politische Bewertung der einzelnen Maßstäbe erfolgen. Bis Oktober soll dann der Internationale Währungsfonds anhand dieser Vorgaben konkrete Analysen für die einzelnen Länder vorlegen.

 

Zusätzliche Gebühr zur Überwachung der Luftfracht geplant
Das Bundesinnenministerium plant eine neue Gebühr für verbesserte Sicherheitsprüfungen von Luftfracht. Damit sollen die Kontrollen bei der Frachtabfertigung verstärkt werden. Die Kosten dafür sollen in Form der Gebühren hereingeholt werden. Konkret sollen die Kontrollen der Bundespolizei auf deutschen Flughäfen verstärkt und auf bestimmten ausländischen Flughäfen die Einhaltung von Sicherheitsstandards überprüft werden. Auch soll eine bessere Kontrolltechnik für deutsche Flughäfen angeschafft werden.

 

Branchen und Unternehmen:

 

Streit um Bonuszahlungen der staatlich geretteten Commerzbank
Die Commerzbank wurde während der Finanzkrise mit Geldern der Steuerzahler in Höhe von 18,2 Mrd. Euro gerettet. Bislang wurde weder ein Cent Zinsen noch ein Cent dieser Stützung an den Bund zurückgezahlt. Allerdings sollen nun Bonuszahlungen an die eigenen Reihen in dreistelliger Millionenhöhe erfolgen – angeblich mit der Bundesregierung so abgesprochen. Der Skandal versetzt nicht nur die Opposition in Rage. Weil die Bank nur mit 18 Mrd. Euro Steuergeldern gerettet werden konnte, gelte auch das Argument nicht, dass anderswo in der Branche besser gezahlt werde.

 

Barclays empört Großbritannien mit "Steuerflucht"
Die britische Großbank Barclays war im Januar international in die Schlagzeilen geraten, als der zum neuen Chef aufgestiegene Investmentbanker Bob Diamond verkündete, die Zeit der „Zurückhaltung“ sei vorbei und sich trotz eines noch immer maroden Finanzsystems wieder für pralle Bonuszahlungen aussprach („Es gab für uns die Phase des Bedauerns und der Entschuldigungen. Damit muss nun Schluss sein!“). Nun empört ein weiteres skandalöses Detail das angeschlagene Vereinigte Königreich. Barclays hat 2009 bei einem Gewinn von 11,6 Mrd. Pfund gerade einmal 113 Mio. Pfund an Unternehmenssteuern an das britische Finanzamt abgeführt. Der normale Steuersatz liegt hier bei 28%. Da jedoch 30 Barclays-Töchter in Steuerparadiesen angesiedelt sind (die wichtigsten Steuerparadiese weltweit liegen in den USA, der US-Bundesstaat Delaware, und auf britischem Territorium), musste die Bank nur zehn Prozent ihrer Gewinne aus dem Jahr 2009 in Großbritannien versteuern. Allerdings sei es Branchenkennern nach sehr zu bezweifeln, dass nur jedes zehnte Pfund in Großbritannien verdient worden sei.

 

VW und russische GAZ planen Joint Venture
Volkswagen und der russische Autobauer GAZ planen die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens. Das Joint Venture soll jährlich etwa 300.000 Fahrzeugen der Marken VW und der tschechischen Konzerntochter Skoda bauen. Die Verhandlungen dauern bereits seit einigen Monaten an. VW will seine Kapazitäten in Russland aufstocken, um die steigende Nachfrage besser bedienen zu können. Die Russen erhoffen sich einen Know-how- und Technologie-Transfer. GAZ ist Russlands größter Hersteller von Transportern und Bussen, konnte sich im Pkw-Segment allerdings bislang noch nicht behaupten. Bereits im Dezember hatte GAZ einen Vertrag über die Auftragsfertigung von jährlich rund 25.000 Transportern mit Daimler geschlossen.

 

Porsche will VW-Auslandwerke für Produktion nutzen
Der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche will offenbar die VW-Werke im Ausland für die Produktion nutzen und so die Auslandsexpansion vorantreiben. Im Fokus stünden Werke in China und den USA. Porsche-Chef Matthias Müller: „Der VW-Konzern beabsichtigt, langfristig zehn bis elf Millionen Autos im Jahr zu verkaufen. Die Produktions-Kapazitäten liegen heute bei sieben bis acht Millionen. Um den Kapazitätsbedarf im VW-Konzern zu decken, müssen sicherlich fünf, sechs neue Werke weltweit errichtet werden. Da sollten wir natürlich rechtzeitig auch unseren Bedarf signalisieren, sonst sind wir nicht dabei.“

 

VW baut Porsche-Werk in Leipzig für 500 Mio. Euro aus
Weil die Fabriken des VW-Konzerns voll ausgelastet sind, sollen nun 500 Mio. Euro in den Standort Leipzig investiert werden. Bisher werden in Leipzig die Porsche-Modelle Cayenne und Panamera montiert, Motoren, Fahrwerk und Karosserie jedoch in anderen Werken produziert. Nun soll das Werk zu einem vollstufigen Autowerk ausgebaut werden. Ab 2013 soll dann der neue Geländewagen Cajun dort gefertigt werden, der unter anderem wichtige Bauteile des Audi Q5 nutzen wird. Porsche-Chef Matthias Müller peilt eine Verdopplung des Absatzes von 97.000 Neuwagen in 2010 auf 200.000 verkaufte Einheiten in 2018 an.

 

Daimlers EADS-Ausstieg möglicherweise durch Aktienrückkaufprogramm
Daimler möchte sich schon seit längerem von seinen EADS-Anteilen trennen. Da der europäische Luft- und Raumfahrt sowie Rüstungskonzern von strategischer Relevanz ist, ist es allerdings Daimler nicht gestattet, seine Anteile einfach so abzustoßen. Nun zeichnet sich eine Lösung ab. Ein Aktienrückkaufprogramm durch EADS könnte einen Teilausstieg Daimlers ermöglichen. Demnach würde EADS einen Daimler-Anteil über 7,5% übernehmen und – um das deutsch-französische Aktionärsgleichgewicht zu halten – auch 7,5% von den beiden französischen Anteilseignern Lagardère und dem französischen Staat übernehmen. Die 15% würden für EADS zusammen rund 5 Mrd. Euro bedeuten. Daimler und der französische Staat halten derzeit jeweils 15%, die französische Lagardère-Gruppe und ein deutsches Bankenkonsortium jeweils 7,5%. „Der Spiegel“ berichtet, die Bundesregierung wolle Daimler mit Zugeständnissen bei einem staatlichen Förderprogramm für Elektroautos dazu bewegen, seine EADS-Anteile zu halten.

 

Siemens will britischen Technologiekonzern übernehmen
Um den britischen Technologiekonzern Invensys ranken sich zahlreiche Übernahmegerüchte. Demnach sind an dem auf 3,2 Mrd. Euro taxierten Unternehmen Siemens, Honeywell, Emerson Electric, ABB, Alstom sowie zwei chinesische Firmen interessiert. Allerings gebe es bislang noch keine konkreten Gebote.

 

Intel baut 5-Mrd.-Dollar-Chipfabrik in Arizona
Das IT-Unternehmen Intel plant seine US-Produktion massiv auszubauen. Rund 5 Mrd. Dollar werden in ein neues Chipwerk in Arizona investiert. Das neue Werk „Fab 42“ soll die modernste Halbleiter-Massenherstellungs-Fabrik der Welt werden. Weitere 6-8 Mrd. Dollar werden zur Modernisierung weiterer US-Werke investiert. Alleine für 2011 hat Intel rund 9 Mrd. Dollar für Investitionen reserviert. Bereits heute stammten drei von vier Prozessoren aus Fabriken in den USA. Intel hatte 2010 einen Rekordgewinn von 11,7 Mrd. Dollar erwirtschaftet.

 

K + S denkt über Wiedereröffnung zweier Bergwerke in Deutschland nach
Der Streusalz- und Düngerhersteller K+S will seine Kaliproduktion in Deutschland ausbauen und hat eine Machbarkeitsstudie für die Wiedereröffnung der vor Jahrzehnten geschlossenen Kali-Bergwerke Siegfried Giesen in Niedersachen und das Bergwerk Roßleben in Thüringen in Auftrag gegeben.

 

Weltgrößter Spirituosenhersteller will größten Raki-Produzenten schlucken
Die britische Diageo, Marktführer im weltweiten Spirituosengeschäft (Guinness, Smirnoff, Johnnie Walker), plant die Übernahme des führenden türkischen Raki-Produzenten Mey Icki. Der Kaufpreis wird auf 2,5 Mrd. Dollar taxiert. Damit könnte sich Diageo zugleich ein großes Vertriebsnetz im Wachstumsmarkt Türkei sichern, mit guten Geschäftsverbindungen in die Golfregion und nach Zentralasien. Mey Icki, das seinen Gewinn zu einem Drittel in den schnell wachsenden Schwellenländern erwirtschaftet, war erst 2006 privatisiert und von dem US-Finanzinvestor TPG Capital für 800 Mio. Dollar übernommen worden.

 

Zweitgrößter Spirituosenhersteller ändert Strategie
Der zweitgrößte Spirituosenkonzern der Welt, das französische Pernod Ricard (Chivas Regal, Havanna Club, Absolut-Wodka, Jim-Beam, Ramazotti), will seine Geschäftspolitik radikal ändern. Das Ende der großen Übernahmewelle in der Branche sei nun mehr erreicht. Finanzchef Gilles Bogaert: „Ab einem bestimmten Punkt wird es billiger, eine neue Marke aufzubauen, als eine etablierte zu kaufen.“ Waren in der Vergangenheit Akquisitionen der Hauptwachstumstreiber, soll künftig stärker auf organisches Wachstum und Innovationen gesetzt werden.

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