Bauen & Wohnen

Innovation: Seegras als optimaler Dämmstoff für Gebäudesanierung

Angeschwemmtes Seegras fällt an den Küsten massenhaft an und wurde bisher nutzlos deponiert. Seegras ist jedoch schwer entflammbar, schimmelresistent und lässt sich ohne chemische Zusätze als idealen Dämmwerkstoff für die energetische Gebäudesanierung nutzen. Aufgrund seiner hohen Wärmespeicherkapazität hält er Gebäude zudem an heißen Tagen kühl und schützt vor Hitze. Einem deutschen Forschungskonsortium ist es nun gelungen, den schadstofffreien Rohstoff zu Dämmwolle zu verarbeiten.

Laut der Deutschen Energie-Agentur (dena) entfallen rund 38% des Endenergieverbrauchs in Deutschland und ein Drittel der CO2-Emissionen auf den Gebäudebereich (41% verbrauchen Ein- und Zweifamilienhäuser, 24% Mehrfamilienhäuser und 35% Nichtwohngebäude). Der Löwenanteil von 80% des Gebäudeenergieverbrauchs entfällt dabei allein auf Wärme und Warmwasser. Dabei gehen durchschnittlich 15-20% der Wärme durchs Dach verloren und 20-25% durch die Wände.

Dementsprechend heißt es auch in dem Energiekonzept der Bundesregierung, dass die Gebäudeeffizienz „die wichtigste Maßnahme [ist], um den Verbrauch an fossilen Energieträgern nachhaltig zu mindern und die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren“. Laut dem Fraunhofer ISE sind hierbei Einsparungen von 70 bis 80% durch solares und energieeffizientes Bauen möglich. (mb)

Im Folgenden die ausführlichen Informationen zu  Seegras als Dämmwolle:

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Bild: Seegraskugeln lassen sich ohne chemische Zusätze als Dämmwerkstoff nutzen / Fraunhofer ICT

Angeschwemmtes Seegras ist für viele Küstenbewohner eine Plage. Doch der Rohstoff eignet sich sehr gut zum Dämmen von Gebäuden. Gemeinsam mit Industriepartnern ist es Forschern gelungen, die schadstofffreien Fasern zu Dämmwolle zu verarbeiten.

Im Herbst, Winter und Frühling prägen sie das Bild der Mittelmeerstrände – Seegraskugeln der Pflanze Posidonia oceanica, die auch als Neptunbälle bekannt sind. Das Naturmaterial gilt als Abfallprodukt und wird in der Regel auf Deponien entsorgt. Dabei ist der in großen Mengen vorkommende nachwachsende Rohstoff viel zu wertvoll, um auf der Müllkippe zu landen.

Er zeichnet sich durch eine Reihe von Eigenschaften aus, die ihn für das Baugewerbe interessant machen: Seegrasfasern sind schwer entflammbar, schimmelresistent und lassen sich ohne chemische Zusätze als Dämmwerkstoff nutzen – etwa zur Zwischensparrendämmung in Steildächern, zum Isolieren von Innenwänden oder um Wärmeverluste an der Gebäudehülle zu verringern. Die Fasern nehmen Wasserdampf auf, puffern ihn und geben ihn wieder ab, ohne dass die Wärmedämmfähigkeit beeinträchtigt wird. Da Neptunbälle lediglich einen Salzgehalt von 0,5 bis 2 Prozent haben, verrottet der Dämmstoff nicht.

Doch wie lässt sich das Seegras zu Baumaterial verarbeiten? Eine schwierige Aufgabe, schließlich müssen die Neptunbälle vom anhaftenden Sand befreit werden. Hinzu kommt, dass sich die einzelnen Fasern leicht verhaken und sich sowohl beim Aufbereitungs- als auch beim späteren Einblasprozess schnell neue Agglomerate bilden. Geeignete Verfahren, um aus den Neptunbällen Dämmwolle zu produzieren, hat das Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT in Pfinztal in Kooperation mit den Industriepartnern NeptuTherm e.K., X-Floc Dämmtechnik-Maschinen GmbH, Fiber Engineering GmbH und RMC GmbH entwickelt.

Ziel der Projektpartner war es, ein stopf- und einblasfähiges Material herzustellen. »Um möglichst lange, sandfreie Fasern zu erhalten, erwies sich das Abrütteln des Sandes als beste Lösung«, sagt Dr. Gudrun Gräbe, Wissenschaftlerin am ICT. Durch einen schonenden Aufschluss der Agglomerate konnten die Ingenieurin und ihr Team die Fasergewinnung optimieren. Nach dem Abrütteln des Sandes gleiten die Neptunbälle über ein Laufband in die Schneidmühlen und fallen dann unbeschädigt als 1,5 bis 2 Zentimeter lange Fasern in Plastiksäcke.

Fortsetzung auf Seite 2

Marc Brümmer

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