Einsichten & Ansichten

Intensités – Versuch über die Kakophonie an Kairos Sohlen

Jörg Simon, Intensität, Wahrnehmung, Rhythmus, Kreislauf, Erinnerung, Prägung, Erfahrung

Was kehrt wieder und an welchem Punkt befinden wir uns in unseren Abläufen, Kreisläufen oder Hamsterradläufen? In seinem heutigen Wort zum Freitag in „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET“ geht unser Kolumnist Ulrich B Wagner auf diese Reise in die Welt jener Gedanken, die Wiederkehr und Wiederkunft, Rhythmus und insbesondere Intensität hervorrufen. Die unterschwellig zentrale Rolle spielt dabei die Zeit – kairos – und das, was wir auf welche Weise zu spüren bekommen.

You need coolin‘, baby, I’m not foolin‘,
I’m gonna send you back to schoolin‘,
Way down inside honey, you need it,
I’m gonna give you my love,
I’m gonna give you my love.
Wanna Whole Lotta Love

Led Zeppelin, Songtext: “Whole Lotta Love”

… eine Fortsetzung

Vieles, alles vielleicht erscheint am Ende des Tages, in den vermeintlichen Mitternächten der Seele als bloße Wiederholung des ewig Selbigen.

Repetition? Artefakt? Gefrorenes?
Stilmittel inszenierten Lebens, Aufführung, Wiederfolge und Wiederklang der letzten Schlagfolge der einen großen Uhr, vielleicht?

Was macht es aus?

Das echte Handwerk?
Mechanik? Was anfassbar? Was greifbar, spürbar?  Was macht es echt, authentisch – oder bleibt es doch am Abend vielleicht, auf dem Heimweg, im Bett allein dann doch nur bloßes Nachgestammel, nackte Künstlichkeit, die im Rausch des Anderen, des Vielen, des Unentscheidbaren, des Lärms des Nebensächlichen, sich einreiht, vermischt zu einem zähen Brei Erbrochenem der selbstverschuldeten Langeweile?

So watet oder wartet man tagein, tagaus in der Kotze, nicht nur der eigenen, wenn es das nur wäre. Nein!

Emesis, Vomitus, Regurgitation?

Regurgitieren Sie schon oder kotzen Sie noch, ist hier wohl dann doch die wahre Frage?

Okay, okay, das Eine ist dann doch nicht ganz das Andere; oder doch?

Wenn wir etwas loslassen wollen…

Denn auch hier gilt wohl: Kotzen allein hat noch keinem am Ende des Tages wirklich geholfen. Regurgitieren allein nicht, denn ein schlichtes, unbewusstes, ungewolltes Regurgitieren führt am Ende des Tages (oder wann auch immer) nicht unbedingt zum Austritt der regurgitierten Flüssigkeit aus dem Mund, sondern beim Einatmen auch zur Aspiration des Erbrochenen.

Wie mit allem halt. Wie im wahren Leben mit (Un)Sicherheit sogar, denn Loslassen sollte man dann wohl doch noch können.

Doch wer kann das noch in der Getriebenheit?

Von was wir Lieder singen können

John Bonham, der zu früh Gegangene, könnte uns ein Lied davon trommeln, wenn er könnte. Vielleicht tut er es ja auch und erwartet uns (mich) ja schon in der Hölle: Um uns das ewige Leben endlich zu echtem Leben durchzutrommeln, und nicht zur Wiederholung nur des irdischen, des Selbstmitleids, der Angst?

Wer weiß?

Who cares?

Und macht es überhaupt (noch) den Unterschied?
Das Eine von dem Anderen, das Echte von dem Falschen abzutrennen, zu separieren, an den Platz zu stellen, einzureihen, einzunorden, kalte Abfolgen des Zeitlichen, des Vorher/Nachher, Verdampfung?

Nein, nicht das, keine bloße theoretische Unterscheidung nur!

Vibrations

Schlagwerk, Fühlen, Beben, Klang und Wiederklang des Zeitlichen, Mechanik.

Gleich einer Räderuhr sind sie der U(h)rschlag.

Move it!

Der Schlag, der nur durch Gehen, das Gehwerk nur, fast automatisch ganz diskret, an ganz diskreten Punkten der Zeit, bei den meisten in der Regel maximal alle Viertelstunde (die Uhrmacher wussten auch warum).

Die Abfolge, der Rhythmus, nicht die Getriebenheit.

Wer weiß?

Der Klang, den wir noch hören

Und das sie sich (die Uhrmacher, Künstler, Lebenskünstler auch) in ihrer Tüftelei des Palimpsest des echten Lebens fest im Griff wohl so gedacht; und das bei Schlagwerken mit Repetition auch noch, nur so, für alle Jene, die dies vielleicht bisher nicht hören wollten, als letzten ausgeführten Schlag auf Anforderung dann noch einmal wiederholt. Bei einigen, Aufwendigsten vielleicht klingen zusätzlich auch mit im Klang, im Einklang bloß des Abgelaufenen, die inzwischen schon vergangenen Minuten an.

Uhren halt. Was sonst?

Keine nervöse Erregung, keine Elektrizität und doch vielleicht?

Fortschreiben, nicht wiederholen, macht hier den feinen Unterschied.

Fortschritt bedeutet Fortschreiten, Fortschreiben, Weitergehen und nicht nervös, vor Angst gelähmt auf der Stelle treten.

Was macht sie also aus, die Intensität?

Was ist heute (noch) Intensität?

Ist sie wirklich fast wie nebenbei, im Rausch der Angst, nur der großen Langweile geschuldet, von uns zum großen Ideal erkoren worden?

Organisiert sie wirklich unser Leben, wie der junge französische Philosoph Tristan Garcia in seinem vor kurzem bei Suhrkamp erschienen EssayDas intensive Leben – eine moderne Obsessionbehauptet.

Doch welche Intensitäten holen uns auch wirklich raus aus dem Hamsterrad des Montonen: der Sex, die Drogen, sportliches Treiben, Freude, Glücksspiel, das kreative Schaffen, der Schmerz, ob psychisch, physisch – oder beides nur?

Ist es Bequemlichkeit, die Trägheit des Geistes, des Leibes vielleicht, das flache Atmen, die Sehnsucht nach dem ruhigen Leben bloß, die sich zum großen Vitalitätsverlust aufstaut, die Farbigkeit des Seins bedroht?

Oder wie es Garcia in der Einleitung zum intensiven Leben formuliert:

Einst war eine solche Abstumpfung die Zwangsvorstellung des untätigen und übersättigten Herrschers, der faulen Schatten Könige, die verzweifelt nach einer Zerstreuung suchten, wie dies für Nero, Caligula oder die Eroberer galt, die bei dem einschlummerten, was man die „Wonnen von Capua“ genannt hat: Das Paradox, das den Überlegenen bedrohte, bestand darin, dass er, wenn er triumphierte, all seine befriedigte und all seine Wünsche befriedigte und all seine Ziele erreichte, nun spürte, dass in ihm die existenzielle Spannung und Nervenstärke nachließen, und dann verlor er diese unbestimmbare Empfindung, die es einem Lebenden ermöglicht, die Intensität seiner eigenen Existenz günstig zu bewerten (Garcia, „Das intensive Leben“ S.9).

John Bonham hatte diesen Kampf (für sich) 1980 verloren, was dann ja auch zum Ende von Led Zeppelin führte.

Ein Erscheinen, Donnern in der Mitternacht, zu früh vielleicht.

Egal?!?

Schweifen wir ab – oder nicht

Was ist sie nun, Vergangenheit oder Fort- und Umschreibung des Einen nur?

Die Liebe? Whole lotta love …….

John Bonham grinst sich mit Sicherheit vor Schalk und Lebensgier mit seinen friends und Bandkollegen beim Sehen, Fühlen, Hören, Schmecken des Herkünftigen im Wiederklang des Hier und Jetzt, des Heutigen, die Lippen wund, wenn ihn fast fünfzig Jahre später Lenny Kravitz Fortschreibung des bereits 1969 erschienenen Led Zeppelin-Klassikers „Whole lotta love“ neu erfüllt.

Vielleicht?


(Quelle: YouTube)

Liebe und lebe so viel du kannst! Nur das?
Nur wirklich das oder haben wir also den alten Freund und Halunken, den kairos, am Ende doch noch fast vergessen?

Das Hier und Jetzt!
Den wahren Augenblick!
Das Echte, das nur im Augenblick, nur kurz zur Intensität erwacht?
In diesem Leben mit Sicherheit gewiss?

Der Rest ist nur noch reine Kakophonie, nicht Symphonie, nicht Rhythmus, dem verzweifelten Lecken der Sohlen des KAIROS geschuldet, der sich nicht fangen und nicht halt lässt.

Vielleicht sollten wir ja wirklich einfach nur nochmal zur Schule gehen.

Wer weiß?

 

Ihr

Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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