Panorama

Interview mit Alfons Sittinger, …

… Bürgermeister und Geschäftsführer der XperRegio GmbH in Arnstorf

 

Die deutschen Mittelständler müssen wegen des Fachkräftemangels jährliche Umsatzeinbußen von rund 30 Milliarden Euro verkraften. Besonders betroffen sind Nordrhein-Westfalen und Bayern. Dies geht aus einer am Montag veröffentlichten Hochrechnung der Beratungsgesellschaft Ernst & Young hervor. Drei Viertel der Unternehmer (73 Prozent) fällt es demnach "eher" oder "sehr schwer", ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden.

 

MINT Zukunft schaffen: Warum fällt es schwer, ausreichend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden?

Alfons Sittinger: Der Fachkräftemangel ist auch in ländlichen Regionen angekommen.
Es vollzieht sich sozusagen ein Bayerischer Wandel, denn viele kleine und mittelständische Unternehmen beklagen auch in Niederbayern das Fehlen qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Unternehmen mit knapp 200 Beschäftigten aus Arnstorf berichtete, dass Aufträge in Millionenhöhe im letzten Jahr nicht angenommen werden konnten, weil entsprechendes Personal fehlte. Ähnliche Erfahrungen teilten mir auch andere Firmeninhaber mit. Es fällt unter anderem schwer, die bereits ausgebildeten Studenten für die Region zurückzugewinnen.

 

MINT Zukunft schaffen: Ist es also ein Standortproblem?

Alfons Sittinger: In jedem Fall ist die Konkurrenz in den Ballungszentren sehr hoch. Zwischen Isar und Inn dagegen gibt es zahlreiche innovative Unternehmen mit überregionalen Geschäftsbeziehungen, die nicht vielen bekannt sind. Dementsprechend schwierig gestaltet es sich für diese Unternehmen, motivierte und fähige Fachkräfte zu gewinnen. Nicht selten behindert dies ihre weitere dynamische Entwicklung. Es liegt grundsätzlich nicht an der Entfernung, wir müssen vor allem den Kontakt mit den Studenten stets aufrecht erhalten. Es geht darum, selbst für qualifizierten Nachwuchs zu sorgen.

 

MINT Zukunft schaffen: Wie sieht es mit der Internationalität aus?

Alfons Sittinger: Internationalität spielt eine wichtige Rolle. Wenn etwa in Dubai bei der Montage spezielle Bauteile fehlen, werden sich die Monteure in Deutschland darum kümmern. Die Unternehmen pflegen internationale Geschäftsbeziehungen mit weltweiten Kontakten und betreiben Niederlassungen auf der ganzen Welt.

 

MINT Zukunft schaffen: Beschreiben Sie den typischen MINT-Arbeitsplatz.

Alfons Sittinger: Einen typischen MINT-Arbeitsplatz gibt es nicht. Im Gegenteil, die Berufe und ihre Ausprägungen sind äußerst vielfältig. Es gibt den Fahrradmonteur, den Designer im BMW-Büro, den Informatiker und den Mechatroniker. Die Berufe sind breit gefächert und reichen vom kleinen Handwerker bis zum großen Konzern. "MINT" sagt dem Bürger zunächst nichts. Es sind nicht die typischen Büro- oder Verwaltungsberufe. Sie haben grundsätzlich eine technische Orientierung und können überall stattfinden, quer durch alle Bereiche.

Ihre aktuelle Geschäftslage nennen 92 Prozent der Chefs "gut" oder "eher gut" – ein solcher Wert wurde nicht einmal im Boom-Jahr 2007 gemessen. Zudem erwartet mehr als die Hälfte der Mittelständler eine weitere Verbesserung ihrer Geschäftslage, dies sind deutlich mehr als vor einem halben Jahr.

 

MINT Zukunft schaffen: Wie sieht eine Verbesserung der Geschäftslage konkret aus? Handelt es sich dabei um eine Erweiterung von "Stückzahlen", von Aufträgen aus anderen Absatzmärkten?

Alfons Sittinger: Es geht konkret um die Auftragslage, es werden also mehr Aufträge akquiriert und größere Stückzahlen in Auftrag gegeben. Insbesondere im Baugewerbe ist die verbesserte Auftragslage spürbar, was stark mit dem Konjunkturprogramm zusammenhängt. Das Programm wirkt sich sehr fördernd aus.

Auf den Arbeitsmarkt dürfte sich das positiv auswirken: Mehr als jedes vierte Unternehmen will zusätzliche Mitarbeiter einstellen, zwei von drei Unternehmern rechnen aber mit wachsenden Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Top-Personal. Einen Stellenabbau plant lediglich jeder 17. Mittelständler.

Die größten Sorgen machen sich die Chefs über steigende Rohstoffpreise (66 Prozent), steigende Energiepreise (64), die Staatsverschuldung (55) und die Konjunktur (52).

Für das Mittelstandsbarometer befragte Ernst & Young 3000 Firmen mit 30 bis 2000 Mitarbeitern. Rund 80 Prozent der Firmen haben ihren Sitz in Westdeutschland, die Hälfte liegt mit ihrem Jahresumsatz zwischen 30 und 100 Millionen Euro. Zum Dienstleistungssektor gehören 45 Prozent der Unternehmen, 13 Prozent zur Industrie. Die Ergebnisse der Befragung sind repräsentativ.

 

MINT Zukunft schaffen: Sie engagieren sich für MINT und haben "MINT Zukunft schaffen" als Partner gewählt. Was wollen Sie tun?

Alfons Sittinger: Fachkräfte fallen nicht vom Himmel. Wir wollen deshalb frühzeitig in allen Bereichen der Gesellschaft – in Familien, Kindergärten, Schulen und Vereinen – dafür sorgen, dass Kinder auch aus bildungsferneren Schichten die Chance haben, ihre Talente zu entdecken und zu entwickeln.

 

MINT Zukunft schaffen: Was sind Ihre wesentlichen Handlungsschwerpunkte?

Alfons Sittinger: Wir engagieren uns zum Beispiel an den MINT-Tagen und richten uns gezielt an die Schulen. Hier kommen Unternehmen, Schulen und Institutionen zusammen, um zu diskutieren und das Bewusstsein für die MINT-Disziplinen zu stärken. Das wird in der Öffentlichkeit gut angenommen. Wir haben auch vor Kurzem wieder unseren Stammtisch organisiert und MINT-Unternehmen zum Austausch eingeladen. Dazu wollen wir im Verbund mit dem "Haus der kleinen Forscher" Kinder für MINT sensibilisieren und mit unserer Initiative "Xper-i-Mint" eine Vielzahl von vernetzten Aktivitäten und Veranstaltungen in der Region Niederbayern anstoßen. Diese begeistern frühzeitig für die technischen und naturwissenschaftlichen Berufe.

 

MINT Zukunft schaffen: Wie wollen Sie dies umsetzen?

Alfons Sittinger: Wir wollen das Bewusstsein für MINT schon in den Kindergärten wecken, die Kinder experimentieren lassen und neugierig machen. Mit Wasser, Insekten oder einer kleinen Werkbank lässt sich bereits Forscherdrang entwickeln. Genauso muss dieses Bewusstsein aber auch bei den Erzieherinnen und Erziehern geweckt werden. Im Schulzentrum werden dazu verstärkt Bildungsinhalte in Richtung MINT-Fächer vermittelt und die technische Ausstattung zur Verfügung gestellt. Schülerinnen und Schüler können über 200 Computer und Notebooks nutzen und es gibt bereits Laptop-Klassen, in denen jede Schülerin und jeder Schüler einen eigenen Laptop hat. Jedes Klassenzimmer verfügt über einen Beamer und es werden Nachmittagskurse mit Schwerpunkt "Informationstechnologie" und "Robotic" angeboten. Auf diese Weise können wir gemeinsam MINT entwickeln. Die Unternehmen geben uns sehr positive Rückmeldungen. Einige erkennen schon einen Standortvorteil durch die bestmöglich auf das Berufsleben vorbereiteten Absolventen.

 

MINT Zukunft schaffen: Was kann "MINT Zukunft schaffen" beitragen?

Alfons Sittinger: "MINT Zukunft schaffen" hat eine Plattform geschaffen, mit der Best-Practice-Beispiele öffentlich präsentiert werden können. Das bedeutet große Unterstützung bei der Pflege des öffentlichen Bewusstseins für MINT. Auch insbesondere der vergangene MINT-Tag hat dieses Engagement unterstrichen. Dank Vorträgen, Diskussionen und Interviews wird MINT einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein so starker Partner tut unserer Gemeinde sehr gut.

 

 

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