Energie & Umwelt

Interview mit Wolfgang Sterk vom Wuppertal Institut

Interview mit Wolfgang Sterk vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie:

 

(zum Audio-Podcast)

 

AGITANO:
Guten Tag Herr Sterk. Sie sind seit 2002 an dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen dabei auf marktbasierten Klimaschutzinstrumenten sowie dem zukünftigen internationalen Klimaregime. Im Vorfeld der Klimakonferenz von Kopenhagen Ende 2009 haben Sie die Erstellung eines umfassenden Vorschlags des Wuppertal Instituts für das zukünftige internationale Klimaabkommen geleitet.

Herr Sterk, auf dem Klimagipfel von Kopenhagen letzten Dezember sollten ursprünglich verbindliche Verpflichtungen für die Zeit nach dem 2012 auslaufenden Kyoto-Protokoll vereinbart werden. Dies ist ja bekanntlich nicht gelungen. Was waren die Hauptgründe für das Scheitern der Verhandlungen?

 

Wolfgang Sterk:
Der ganz fundamentale Hauptgrund ist, dass diese Verhandlungen überwiegend nach dem Mikado-Prinzip geführt werden: Nach dem Motto, wer sich zuerst bewegt verliert. Jeder zeigt zuerst auf den anderen und meint, ihr müsst zuerst etwas machen, dann sind auch wir bereit, etwas zu unternehmen. So ist das dann auch nicht überraschend, wenn kein besonders ambitioniertes, beziehungsweise gar kein Ergebnis dabei heraus kommt. Ein wesentlicher Faktor war aber natürlich auch, dass die USA überhaupt nicht spruchfähig waren, da ja die nationale Klimaschutzgesetzgebung in den USA zuvor gescheitert war. Die USA hatten also demnach nichts auf den Verhandlungstisch zu legen – und nach der Mikado-Logik waren dann auch alle anderen Staaten mehr oder weniger nicht bereit, etwas in die Verhandlungen einzubringen. So ist es dann letztendlich dazu gekommen, dass nur dieser unverbindliche „Copenhagen Accord“ zustande gekommen ist, der dann aber noch nicht einmal von allen Staaten akzeptiert wurde.

 

AGITANO:
Wie schätzen Sie die Chancen für ein Gelingen des Ende dieses Monats anstehenden Klimagipfels in Mexiko ein?

 

Wolfgang Sterk:
Es kommt darauf an, wie man „Gelingen“ definiert. In der Politik ist ja der Ehrgeiz deutlich zurück gefahren worden. Man hat jetzt schon gar nicht mehr das Ziel, zu einer umfassenden Vereinbarung zu kommen, statt dessen strebt man nur noch Teilerfolge in den einzelnen Verhandlungsbereichen an. Das sollte den Staaten allerdings auch gelingen. Ein wesentlicher Punkt sind die Ankündigungen des Copenhagen Accord. Dort waren alle Länder aufgefordert worden, in den Anhängen eigene Emissionsziele, beziehungsweise eigene Maßnahmen zu vermerken – die will man nun auf UN-Papier übertragen. Die in dem unverbindlichen Copenhagen Accord festgehaltenen Ziele sind allerdings noch viel zu wenig, um die globale Erwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten. Das ist ja schließlich immerhin vereinbart worden, was aber eben mit den bisherigen Zielen nicht konsistent ist. Dafür wäre es erforderlich, sich zu stärkeren Zielen zu verpflichten. Was darüber hinaus sicherlich auch noch gelingen wird, sind Fortschritte in technischen Detailfragen und Vereinbarungen in den Bereichen der internationalen Überprüfung der einzelnen Länder in Bezug auf die Einhaltung ihrer Verpflichtungen, die Schaffung eines neuen Fonds und die Unterstützung der ärmeren Länder an die Anpassung an die Klimafolgen, sowie auch Technologiekooperationen.

 

AGITANO:
Herr Sterk, eine grundsätzliche Frage: In der Klimadiskussion dreht sich auch viel um das Ausmaß des menschlichen Einflusses auf den Klimawandel. Welchen Anteil hat tatsächlich der Mensch und wie viel stammt von natürlichen Entwicklungen, wie beispielsweise Schwankungen der Sonnenaktivität oder ähnliches? Kann man da etwas Genaueres zu sagen?

 

Wolfgang Sterk:
Also diese großen Diskussionen finden um ehrlich zu sein eigentlich schön längst nicht mehr in der eigentlichen Klimawissenschaft statt. Das kommt leider in der Öffentlichkeit immer wieder hoch – oft auch von interessierten Stellen lanciert – wie vor Kopenhagen der so genannte Climategate Skandal, wo ja sogar Emails von Wissenschaftlern gehackt wurden, um nachzuweisen, dass diese angeblich ihre Daten manipuliert hätten. Das ist ja damals groß durch die Medien gegangen. Inzwischen hat es mehrere unabhängige Untersuchungen gegeben, die diese Wissenschaftler von allen Vorwürfen freigesprochen haben. Nur seltsamer Weise ist über diese Ergebnisse bei weitem nicht so breit in den Medien berichtet worden, wie damals über den ursprünglichen Datendiebstahl. Insofern ist die Debatte in den Klimawissenschaften eigentlich beendet. Es ist ganz klar, dass der menschliche Faktor entscheidend ist und dass die Steigerung der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre die einzige Erklärung für die Klimaveränderung ist, die wir ja schon beobachten. Und speziell wie die Sonnenzyklen funktionieren ist ja schon seit 100 Jahren bekannt. Es gibt einen 11-jährigen Zyklus, in dem die Sonnenaktivität stärker und schwächer wird. Der Effekt zwischen Maximum und Minimum macht allerdings nur rund 0,1 Grad Celsius aus – also deutlich weniger, als das, was wir jetzt schon an Erwärmung gemessen haben. Im Übrigen sind wir derzeit auch in einem besonders langen Sonneminimum und trotzdem stellen wir die Erwärmung fest.

 

AGITANO:
Stichwort Emissionen: Von großer Bedeutung ist ja auch die Rodung der tropischen Regenwälder. Dies ist allein für rund 20% des vom Menschen verursachten CO2-Austosses verantwortlich. Wie realistisch sehen Sie die Möglichkeit, dass der Klimagipfel hier zu einer tragfähigen Lösung kommt? Und wie müsste diese aussehen?

 

Wolfgang Sterk:
Das ist in der Tat eines der Teiltehmen, wo man optimistisch sein kann, dass es in Cancun zu einer Einigung kommen wird. Effektiv war man in diesem Teilbereich in Kopenhagen schon nahe an einer Einigung – ist allerdings nicht weiter nach vorne gekommen, weil man sich in den großen Themen nicht einigen konnte. Die Vereinbarung müsste nun enthalten, dass die Entwaldung bis 2020 halbiert werden muss und dass die Industrieländer dies auch entsprechend finanziell unterstützen müssen, um den südlichen Ländern zu ermöglichen entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Wichtig ist allerdings auch, dass von diesen Wäldern hunderte Millionen Menschen leben, indigene Bevölkerungen und auch andere lokale Gemeinschaften. Eine Einigung muss die Rechte dieser Menschen mit berücksichtigen. Die Maßnahmen dürfen nicht über deren Köpfe hinweg vereinbart werden, nach dem Motto, der Wald wird eingezäunt und alle die darin leben werden rausgeworfen. Denn nur in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung lässt sich der Wald effektiv schützen.

 

AGITANO:
Wie realistisch sehen Sie es, dass die Menschheit noch mit einem „2 Grad wärmeren“ blauen Auge davon kommt?

 

Wolfgang Sterk:
Naturwissenschaftlich ist dies auf jeden Fall noch machbar. Wir können das Steuer schon noch herumreißen, so viel CO2 ist noch nicht in der Atmosphäre. Aber klar ist auch, dass der Bremsweg mittlerweile schon recht kurz ist und auch immer kürzer werden wird, je länger wir mit Maßnahmen zögern. In so fern sind die nächsten 5-10 Jahre wirklich entscheidend. Zumal in den nächsten Jahren global massive Investitionen in die Energieerzeugung anstehen. Fast die Hälfte der Kapazitäten, die nach Projektionen in 2020 benötigt werden, ist noch gar nicht gebaut. Klar ist, dass wenn man bei diesem Zubau stark auf emissionsintensive Technologien setzt, dann haben wir uns in der Tat irgendwann den Pfad verbaut.

 

AGITANO:
Herr Sterk, einer Ihrer Arbeitsschwerpunkte liegt auf marktbasierten Klimaschutzinstrumenten. Welchen dieser Klimaschutzinstrumenten rechnen Sie dabei die höchste Priorität zu?

 

Wolfgang Sterk:
Es gibt leider nicht die magische Lösung – und auch die marktbasierten Klimaschutzinstrumente sind nicht DIE Lösung. Es sind alle Sektoren der Volkswirtschaft wichtig, weil ja alle emittieren und alle haben ihre spezifischen Besonderheiten, die man mit spezifischen Instrumenten angehen muss. Wichtig ist es dabei, vom Ende her zu denken: Wenn man das Ziel hat – wozu sich die EU auch verpflichtet hat und was auch in dem Copenhagen Accord steht – dass die Industrieländer ihre Emissionen bis 2050 um 80-95% reduzieren sollen, und man gleichzeitig sieht, dass dieses Ziel in der Landwirtschaft schwierig werden dürfte genauso wie für prozessbedingte Emissionen in der Industrie, dann heißt das, dass dafür zum Ausgleich andere Sektoren wie Gebäude und Verkehr wirklich nahe Null gebracht werden müssen. Das heißt allerdings auch, aufpassen bei langlebigen Infrastrukturen, wie beispielsweise Kohlekraftwerken. Es gibt in so fern nicht DAS Wundermittel sondern ein ganzes Bündel von nötigen Maßnahmen – und auch die marktbasierten Klimaschutzinstrumente werden es nicht im Alleingang lösen, wie das ja von manchen vertreten wird. So sind beispielsweise auch weiterhin Kohlekraftwerke in Planung, obwohl wir ein Emissionshandelssystem haben.

 

AGITANO:
Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Sonderstellung der energieintensiven Unternehmen in Deutschland bei dem Emissionshandel?

 

Wolfgang Sterk:
Es werden ja mehr oder weniger alle Industrien über einen Kamm geschoren, mit dem Argument, dass sie alle dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt wären. Es wird allerdings zunehmend deutlich, dass man das sehr differenziert diskutieren muss. Es gibt Branchen, in denen das eben nicht in dem Maße der Fall ist und diese Unternehmen sind sehr wohl in der Lage, die entstehenden Kosten weiterzureichen – also in ihre Produkte einzupreisen – und damit sind auch keine signifikanten Wettbewerbsnachteile verbunden. Im Gegenteil, sie nehmen sogar noch Mitnahmegewinne mit, da sie ja die Zertifikate kostenlos bekommen, aber die Kosten für die Zertifikate einpreisen. Letztendlich sind das Renten, Gewinne, ohne dass man dafür gearbeitet hätte. Entsprechend unglücklich bin ich über die Regelung, die da für energieintensive Unternehmen getroffen worden ist.

 

AGITANO:
Welche Bedeutung haben die Erneuerbaren Energien? Wäre eine stärkere Förderung, wie bis vor kurzem, im Vergleich zu den enormen Kosten des Klimawandels nicht sogar kostengünstiger?

 

Wolfgang Sterk:
Man sollte sicherlich aufpassen, dass man nicht überfördert. Wenn die Preise für die Technologien und Anlagen nach unten gehen, dann sollte man entsprechend auch die Förderungen nach unten bringen. Klar ist aber auch, wenn man jetzt noch Kohlekraftwerke hinzubaut, dann emittieren die 30 bis 40 Jahre lang CO2. Insofern wäre es klimapolitisch geboten, möglichst ausschließlich auf Erneuerbare Energien zu setzen – beziehungsweise erst einmal Strom zu sparen. Dort gibt es massive Einsparpotentiale, sowohl in der Wirtschaft als auch im privaten Bereich, wodurch dann auch weniger Kapazitäten benötigt werden würden. Und was dann noch an Versorgungskapazitäten benötigt wird, sollte in der Tat zunehmend bis vollständig über Erneuerbare Energien erfolgen.

 

AGITANO:
Welche Verhaltensweisen des Einzelnen haben die größten Auswirkungen, sowohl positiv als auch kontraproduktiv? Worauf sollte der Einzelne besonders achten?

 

Wolfgang Sterk:
Auch da zieht es sich durch alle Lebensbereiche. Alles was man macht, ist mit Emissionen verbunden – daher ist ja auch die Lösung des Problems so schwierig. Aber dadurch kann man als Einzelner auch einiges zur Lösung des Problems beitragen. In den Haushalten sollten die großen Energiefresser wie Waschmaschinen, Fernseher und andere Elektrogeräte durch energieeffizientere Geräte ausgetauscht werden. Die sind zwar in der Anschaffung erst einmal teurer, aber über die Nutzungsdauer rechnet sich das, da man ja entsprechend weniger Stromkosten hat. Auch bei Stand-By Betrieben von Fernsehern oder Computern, die nicht genutzt werden, lässt sich einiges an Strom sparen. Einen sehr großen Anteil hat auch der Wärmeverbrauch: Durch effiziente Gebäudedämmung und effiziente Heizungen lässt sich eine große Menge Energie sparen. Das sind sozusagen die netten Bereiche, die den Leuten selber auch etwas bringen. Es gibt allerdings auch die Bereiche, die eher unbequem sind. Beispielsweise ein Hin und Rückflug in die USA verursacht 4 Tonnen CO2. Pro Kopf emittieren wir in Deutschland zurzeit 10 Tonnen, wir müssen aber langfristig auf 1 bis 2 Tonnen pro Kopf gelangen. Das Fliegen ist also ein enormer Brocken. Gleiches gilt für den Fleischkonsum. Bei der Tierhaltung fallen große Mengen Treibhausgase an, besonders Methan. So wurde auch bei der Essensausgabe auf der Klimakonferenz in Kopenhagen darauf hingewiesen, dass vegetarisches Essen 70% CO2 einspart.

 

AGITANO:
Sie treffen den Bundesumweltminister zu einem vertraulichen Gespräch – was würden Sie ihm als vordringlichste Aufgabe empfehlen?

 

Wolfgang Sterk:
Ein Punkt, den ich ihm empfehlen würde, wäre, nicht mehr ständig danach zu kucken, was die USA machen und dass man sie unbedingt mit in dem Boot haben will. Das war einer das ganz wesentlichen Faktoren, warum es in Kopenhagen zu diesem enttäuschenden Ergebnis gekommen ist, da insbesondere sie die EU die USA fast um jeden Preis im Boot haben wollte, es aber schon damals klar war, dass die USA überhaupt gar nicht spruchfähig waren. Und selbst wenn das Klimagesetz damals in den USA schon verabschiedet gewesen wäre, hätten sich die USA trotzdem niemals auf einen Vertrag eingelassen, der auch nur annähernd dem Kyoto-Protokoll vergleichbar wäre. Nach dem kürzlichen Scheitern der Gesetzgebung wird es wohl noch einige Jahre dauern bis dort wieder irgendetwas möglich ist. Daher sollte man sich davon lösen, unbedingt die USA mit im Boot haben zu wollen und sein eigenes Denken davon abhängig zu machen. Man sollte stattdessen Allianzen mit den Staaten schließen – auch Entwicklungsländern – die das Problem wirklich angehen wollen, anstatt sich ständig ausbremsen zu lassen. Dadurch würden diese Bremer dann auch besser unter Druck gesetzt. Wenn die EU und einige der großen Schwellenländer sich zusammenschließen würden um wirklich Ernst zu machen, dann würden meiner Meinung nach auch die anderen Länder sehr schnell Angst bekommen, ob sie dann nicht wirtschaftliche Probleme dadurch bekommen, dass sie eben nicht mitmachen. Weil dann nämlich in diesen Vorreiterländern die Leitmärkte und Leittechnologien entwickelt werden würden.

 

AGITANO:
Herr Sterk, vielen Dank für das Gespräch!

 

Wolfgang Sterk:
Sehr gerne.
 

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