Wirtschaft

Konjunkturforschung: Neue Methode misst Einfluss der Einkommensverteilung auf die Konjunktur

Konjunkturforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) haben ein neues Verfahren entwickelt, um die Sparquote in Deutschland zu schätzen. Sie nutzen dafür Daten über die Verteilung der Haushaltseinkommen und ziehen daraus Rückschlüsse auf die Sparquote und damit auch auf die Höhe des privaten Konsums. So können die Treffsicherheit und die Konsistenz von Konjunkturprognosen verbessert werden.

Wer gut verdient, spart einen höheren Anteil seines Einkommens als die Bezieher niedriger oder mittlerer Einkommen. „Die Verteilung der Haushaltseinkommen in Deutschland beeinflusst die Sparquote und damit auch den Konsum“, sagt Ferdinand Fichtner, Konjunkturchef des DIW Berlin. „Und der Konsum ist mit 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die entscheidende Nachfragekomponente und einer der wesentlichen Treiber der Konjunktur.“ Die Konjunkturforscher nutzen nun erstmals Mikrodaten des am DIW Berlin angesiedelten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), eine jährliche repräsentative Befragung von gut 10.000 Haushalten, um die Verteilung der Haushaltseinkommen zu analysieren und so die Sparquote und den Konsum besser prognostizieren zu können.

Die erstmalige Anwendung der Methode zeigt, dass die Sparquote in Deutschland auch wegen der zunehmenden Ungleichheit der Einkommensverteilung in den Vorkrisenjahren 2001 bis 2008 deutlich zugenommen hat. Während die Lohneinkommen vor der Krise stagnierten, schossen die Gewinneinkommen in die Höhe. Dies kam vor allem den wohlhabendsten Haushalten zugute, die einen großen Teil ihres Einkommens sparen, und trug so zu einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Sparquote in diesem Zeitraum um knapp zwei Prozentpunkte auf 11,7 Prozent bei. Die Konsumnachfrage verlief parallel dazu insgesamt schwächer, als dies bei über alle Einkommensgruppen gleichmäßig verteilten Zuwächsen der Einkommen der Fall gewesen wäre. „Wir schätzen, dass eine gleichmäßigere Entwicklung von Lohn- und Gewinneinkommen einen zusätzlichen Konsum in Höhe von bis zu zehn Milliarden Euro im Jahr freigesetzt hätte“, sagt Fichtner. „Das Wachstum in Deutschland wäre so auf ein breiteres Fundament gestellt worden.“

Ihre neue Methode haben die DIW-Konjunkturforscher auch für die Prognose eingesetzt: „In den nächsten zwei Jahren werden voraussichtlich kräftige Lohnsteigerungen den Empfängern mittlerer Einkommen zugutekommen. Das bremst den bisherigen Aufwärtstrend beim Sparverhalten“, sagt Simon Junker, Deutschlandexperte in der DIW-Konjunkturabteilung. „Die Sparquote wird wohl auf dem Wert von 2011 verharren, was gemeinsam mit den Lohnzuwächsen den privaten Verbrauch steigern wird.“

Deutsche Lohnentwicklung das Schlusslicht im Industrieländervergleich

Deutschland hat seit der Jahrtausendwende eine Niedriglohnpolitik gefahren, die dazu geführt hat, dass die Schere zwischen Geringverdienern und kleinen und mittleren Einkommen sowie den wohlhabendsten Schichten deutlich größer wurde. Während in den meisten anderen Industrieländern die Löhne in den vergangenen zehn Jahren stiegen, weisen lediglich Deutschland (-4,5%) und Japan (-1,8%) eine negative Reallohnentwicklung auf. Spitzenreiter sind Norwegen (+25,1%), Finnland (+22,0%) und Südkorea (+18,3%). Durch einen Reallohnverlust von 20% für Geringverdiener seit der Jahrtausendwende hat sich Deutschland immer mehr von seinem Erfolgsrezept, der sozialen Marktwirtschaft verabschiedet und in Richtung des ungebremsten angelsächsischen Kapitalismus entwickelt. Der Niedriglohnsektor ist hierzulande mittlerweile so stark ausgeprägt, dass insgesamt 5 Millionen Deutsche von einem Mindestlohn von gerade einmal 8,50 Euro profitieren würden.

Die soziale Kälte in Deutschland wurde bereits Mitte 2011 von der UN gegeißelt

Der Trend zu einer seit der Jahrtausendwende spürbaren steigenden Ungerechtigkeit in Deutschland wurde Mitte letzten Jahres auch von den Vereinten Nationen angeprangert. Der UN-Ausschusses für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (CESCR) hatte im Juli 2011 der Sozialpolitik in Deutschland ein miserables Zeugnis ausgestellt. Die Behörde zeigte sich über die Entwicklung und Missstände in Deutschland „tief besorgt“. Besonders die Ernährung von Kindern aus armen Familien sei verheerend: 25 Prozent aller Kinder müssen ohne Frühstück zur Schule gehen. Die Schule selbst biete nicht-privilegierten zudem kaum adäquate Aufstiegschancen, sondern würden die sozialen Missverhältnisse nur weiter manifestieren – ein Umstand, der in Deutschland wohl bekannt ist, aber nicht angemessen angegangen wird, owohl dies auch die beste Kriminalitäts-Prävention wäre. Auch würde die soziale Grundsicherung (Hartz IV) „keinen angemessenen Lebensstandard“ ermöglichen. Kritisiert wird auch der Umstand, dass Arbeitslose „jeden zumutbaren Job“ akzeptieren oder unbezahlte Arbeit für die Kommunen leisten müssen. „Unzureichend“ seien auch die Standards in deutschen Pflegeheimen und der Umgang Deutschlands mit seinen Asylbewerbern.

(mb)

 

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