Einsichten & Ansichten

Lachen hast Du mir gesagt … Über den Versuch in der Eiskübel-Ära nicht den Humor zu verlieren

Jeden Tag erreichen uns Negativ- und Horrornachrichten über die Medien, die teilweise mit einer gehörigen Portion Humor und Spass transportiert werden, und uns zum Schmunzeln, wenn nicht sogar zum Lachen anregen. Nur meist sind die Sachverhalte und Anlegenheiten so ernst, dass einem gar nicht zum Lachen zu Mute sein sollte oder ist. Dieses Thema hat Ulrich B Wagner im Rahmen seiner wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ aufgegriffen.

 

Aller Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt.
(Hermann Hesse)

Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.
(Joachim Ringelnatz)

Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.
(Immanuel Kant)

 

Was tun, fragt sich DIE ZEIT in großen Lettern auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe angesichts unserer derzeitigen Umzingelung von Terror, Kriegen und Völkermorden. Die Zeit und unsere Lebenswirklichkeit scheinen nicht nur, sie sind komplett aus den Fugen geraten. Es vergeht nicht ein Tag, ohne irgendeine Horrormeldung aus den weltweiten Krisengebieten, ob Ukraine, Lybien, Irak, Gaza, um nur einige zu nennen.

Mit Spaß, Humor und Lachen auf ernste Themen hinweisen

Zur gleichen Zeit verbreitet sich in den sozialen Netzwerken in rasanter Geschwindigkeit und ohne Unterlass eine Übersprungshandlung von eigentlich in der Regel ganz normal erscheinender, erwachsener Menschen, sich vor laufender Kamera einen Eimer kaltes Wasser, versetzt mit dem einen oder anderen Eiswürfel über den Kopf zu schütten und dies alles im Dienste eines guten Zwecks. Einverstanden, wir alle wurden hierdurch für die schreckliche Nervenkrankheit ALS sensibilisiert, und die hiervon Betroffenen werden mit Sicherheit auch für die Spenden dankbar sein.

So traurig wie es ist, wir können anscheinend nicht anders, als mit Spaß, Lachen und lustigen Aktionen auf diese Bedrohungen unserer Lebenswelt zu reagieren. Selbst im fernen Springfield ist der Zauber mittlerweile eingetroffen, wie ein derzeitig im Internet sehr häufig angeklicktes Video beweist, dass unsren geliebten Homer Simpson zeigt, der sich vor laufender Kamera im Vorgarten ein Glas Eiswasser über seine entblößte Bierwampe schüttet. „Ist das kalt, brrrrrrrrrr“, sagt der wehleidige Homer, bevor ihm plötzlich Pinguine, ein Eisbär, Eisbecher, Weihnachtsmänner und mehrere Tiere auf den Kopf fallen. Bart hat diese aus einem Hubschrauber heraus auf seinen Vater abwerfen lassen, was ich dem einen oder anderen Eiskübelschütter im Internet auch aus ganzem Herzen gönnen würde. Zuvor nominierte Homer jedoch unter anderem Donald Trump für die Ice Bucket Challenge, wie das Video zeigt, das der US-Sender Fox am Dienstag ins Internet stellte.

Ja, man kann sich einen kalten Eimer Wasser über die Rübe schütten und dabei allen Enstes über eine schwere Krankheit sprechen. Man kann. Nur was sagt dies über unseren Geisteszustand, über uns im allgemeinen aus. Liegt die Rettung wirklich einzig nur im Infantilismus und im Humor? Oder muss man dafür im Vorfeld die eine oder andere “lustige Zigarette” zu sich genommen haben, wie der grüne Fraktionschef Cez Özdemir, der bei seiner Aktion eine kleine grüne Hanfpflanze präsentierte und damit ein zartes und sanftes Statement zur Legalisierung dieser netten, lustigen Droge abgab. Okay, lassen wir es dabei, denn allein rein rechnerisch nähert sich der Tag, an dem die ganze Weltbevölkerung nominiert ist, wie ein SWR3-Team es ausgerechnet hat. Vorausgesetzt, niemand ist doppelt nominiert und jeder macht mit, würde es nach 21 Tagen heißen: Die Ice Bucket Challenge ist vorbei, weil jeder der mehr als sieben Milliarden Menschen erreicht wurde. Danke… Okay es war in manchen Fällen wirklich nett, aber es nervt mittlerweile.

Ist Humor und Lachen unsere Rettung?

Doch zurück zur Ausgangsfrage: Finden wir wirklich nur noch Rettung im Humor? Lachen ist gewiss gesund, es stärkt die Abwehrkräfte, verdrängt depressive Stimmungen, hellt den Geist auf und ist ansteckend. Doch was, wenn es uns eines Tages angesichts der weltweiten Bedrohungen im Halse stecken bleibt oder sind es am Ende des Tages doch nur gar reine Übersprungshandlungen, wie wir sie aus der Psychologie kennen? Übersprungshandlungen beschreiben hier eine Lösung für eine Situation, in der man sich nicht zwischen zwei sich widersprechenden Lösungen entscheiden kann. So fängt beispielsweise ein Huhn an zu picken, wenn es sich nicht zwischen Flucht und Angriff entscheiden kann, obwohl es gar nichts zu picken gibt.

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Zum Lachen: Die kanadische Nato-Delegation wies per Twitter-Tweet die Russen auf die geografischen Gegebenheiten hin (Bild: Twitter-Account von Canada at NATO / ‏@CanadaNATO)

Humor ist auch so eine Übersprungshandlung, auch wenn der Anlass auf den ersten Blick gar nicht lustig ist. So auch der Grenzkonflikt zwischen der Ukraine und Russland, der für ein lustiges Twitter-Duell unter diplomatischen Vertretern sorgte. Die erste Spaßrunde hatte bekannlich ja die bemerkenswerte, sensationelle Erklärung der Russen eingeläutet, als das russische Verteidigungsministerium die Präsenz russischer Fallschirmjäger in der Ostukraine damit erklärte, dass die nur so en passant und aus Versehen ukrainisches Gebiet betreten hätten. Sie hätten sich halt auf Patrouille an der Grenze schlichtweg verirrt. Daraufhin wies die kanadische Nato-Delegation per Tweet auf die geografischen Gegebenheiten hin. Sie zeigt eine Karte, auf der „Russland“ und die Ukraine als „Nicht-Russland“ ganz simpel zu unterscheiden sind – eine Art schmunzelnder Geografie-Nachhilfekurs.

In diesem Sinne wünsche ich uns Allen, dass uns das Lachen nicht eines Tages im Hals stecken bleibt.

Ihr
Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

 

Ulrich B Wagner
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Oliver Foitzik

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